{"id":60,"date":"2013-09-22T17:08:42","date_gmt":"2013-09-22T15:08:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/?p=60"},"modified":"2013-10-01T11:34:36","modified_gmt":"2013-10-01T09:34:36","slug":"ein-stadtrundgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/2013\/09\/22\/ein-stadtrundgang\/","title":{"rendered":"Ein Stadtrundgang"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sarajevo im Portrait<\/strong> &#8211; Zusammengefasst aus der ersten Woche Observation<\/p>\n<p>Das ist alles verdammt viel geworden, Abs\u00e4tze \u00fcberspringen geht bestimmt auch&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war kalt heute Nacht. Es ist Mitte September und der Himmel ist strahlend blau, die Luft sehr kalt, die Sonne jedoch schon recht warm. Bergklima. Wir warten auf die Tram Richtung Innenstadt. Sarajevo hat sieben verschiedene Linien, massenhaft Busse. Fahrpl\u00e4ne gibt es nur auf dem Touri-Info Stadtplan,\u00a0 Abfahrtszeiten gibt es scheinbar, nur f\u00fcr uns noch nicht zug\u00e4nglich. Die Haltestellen haben Namen, sind jedoch nicht beschriftet.<\/p>\n<p>Die Tram ruckelt von uns aus Richtung Stadt. Aus unserer Plattenbausiedlung heraus, f\u00fchrt die Strecke bald am Fluss Miljacka entlang, ein in Bosnien eher unbedeutsamer Fuss. Die Sonne spiegelt sich im Wasser, sodass man die eigentliche Br\u00e4une nicht sieht. Die Miljacka ist entlang der Stadt kanalisiert. Au\u00dferdem wurde der Strom durch ein terrassenartiges Anlegen des Flussbettes gehemmt, die Flie\u00dfgeschwindigkeit reduziert. An jedem dieser Stufen befindet sich ein Strudel, durch das herabfallende Wasser. Hier kann man bunte Plastikteile und -flaschen beobachten, die durch den Strudel gegen die Stufe der jeweils h\u00f6heren Terrasse gedr\u00fcckt werden&#8230;<\/p>\n<p>Insgesamt ist die maximal 50 Zentimeter tiefe und im Durchschnitt etwa 5 bis 10 Meter breite Miljacka von B\u00e4umen ges\u00e4umt und besitzt zumeist eine Promenade, Richtung Stadtkern sogar B\u00e4nke, die sich sp\u00e4ter mit Caf\u00e9s abwechseln. Egal wie dreckig oder sauber &#8211; ein Fluss ist und bleibt irgendwie Naturressource und Lebensquelle einer Stadt und sollte deshalb auf keinen Fall fehlen.<\/p>\n<p>Die Architektur \u00e4ndert sich bis hin zur Altstadt \u00fcberraschenderweise wenig. Im Tal entlang der Miljacka stehen Platten wie die unsere, neuere moderne Glaspal\u00e4ste welche unerwartet viele Kaufh\u00e4user beherbergen. Man kann verschiedene Fakult\u00e4ten aus den Fenstern sehen, sofern der seltene Fall auftritt, einen freien Sitzplatz gefunden bekommen zu haben. Man passiert das Parlamentsgeb\u00e4ude (Glas-Beton-Kombination der 80er) das alte Museum (Habsburger Stil) sowie das Neue. Auf der S\u00fcdseite des Flusses erahnt man die Skenderija, die Olympische Halle von 1984, welche man unter den ganzen Werbeplakaten kaum noch sieht.<\/p>\n<p><strong>Einschussl\u00f6cher<\/strong> nimmt man schon kaum noch wahr. Gro\u00dfe, kleine, Durchsch\u00fcsse oder nur abgeplatzter Putz. Selbst wieder verputzte Sch\u00e4den sind noch zu erkennen. Ruinen nehmen stadteinw\u00e4rts potentiell ab.<\/p>\n<p>Trotz dieser gro\u00df- und smogstadt\u00e4hnlichen Atmosph\u00e4re ist die Luft erstaunlich frisch. Man reicht jedes Auto. In Hamburg ist die Luft so dreckig, dass man kein einziges Auto individuell &#8220;erriecht&#8220;. Sarajevo hat abgesehen vom Altstadtkern erstaunlich viel Gr\u00fcn. Finde ich. Der Erholungscharakter wird au\u00dferdem durch die allgegenw\u00e4rtigen Bergketten gest\u00e4rkt. Vom mittigen Miljacka-Tal ziehen sich die Berge hoch, die naheliegenden Skiberge erreichen eine H\u00f6he von circa 1600 Metern (Sarajevo selbst liegt auf 500 Metern), das n\u00e4chste Massiv 30 Kilometer s\u00fcdlich der Stadt ragt \u00fcber 2000 Meter in den Himmel. Vom Tal hinauf ziehen sich teils schmucke, teils \u00e4rmliche Einfamilienh\u00e4user entlang enger Gassen und dicht gepackt die H\u00e4nge hinauf. Was man von fast \u00fcberall sieht, sind bewaldete Bergkuppen, schlie\u00dflich zieht sich die Babauung einer 500.000 Einwohner Stadt nicht bis in die Gipfel.<\/p>\n<p>Wir steigen nahe der Altstadt aus. Obwohl wir mitten in der Stadt wohnen (Geographisch) dauert es mit der Tram doch seine 15 bis 20 Minuten bis zur Ba\u0161\u010dar\u0161ija (viel Spa\u00df beim aussprechen). Diese liegt n\u00e4mlich am \u00f6stlichen Ende der Stadt. Die muffige Parfumluft der doch schon recht extrem aufgetakelten Bosnierinnen hinter sich lassend, wird man nicht selten vom Chor der Muazzins begr\u00fc\u00dft. Wie wir gerade gestern gelernt haben, ist der f\u00fcnf Mal am Tag zu h\u00f6rende Gesang eigentlich kein Gesang, sondern ein Aufruf zum Gebet. Frauen haben in der Moschee separate Gebetszonen hinter den M\u00e4nnern nur, damit sich die Kerle aufs Gebet konzentrieren, nicht wegen der gesellschaftlichen Stellung. Als wir gestern die Kaisermoschee besuchten kamen wir gerade p\u00fcnktlich zur moslimischen Hochzeit. Kurz danach f\u00fchrte uns der hiesige Muazzin in seinem Gebetshaus herum. Sehr lieblich und herzlich versucht er, uns vom Koran zu \u00fcberzeugen, erz\u00e4hlt Geschichten und lacht unglaublich viel. Der Islam sei ein friedlicher Glaube, die f\u00fcnf Gebete sind, um den inneren Frieden zu finden und sich von kleinen S\u00fcnden reinzuwaschen. Damit man sp\u00e4ter ins Paradies kommt. Es gibt nur einen Gott, und das ist Allah.<\/p>\n<p>Juliane wickelt sich ihren Schal vom Kopf und wir machen uns auf zur Ba\u0161\u010dar\u0161ija. Heraus aus den Habsburger Bauten und den halb vergammelten Platten findet man sich in einem Gassenlabyrinth wieder. Die vielen Minarette sind zur Wiedererkennung nicht f\u00f6rderlich, insofern erf\u00fcllen die Berggipfel ihren Orientierungssoll. Es riecht nach N\u00fcssen, gegrillten \u010cevap\u010di\u0107i und Burek sowie dem supergenialen bosnischen Kaffee. Alles ist voll mit kleinen L\u00e4den, die die Gassen s\u00e4umen. Ein altes Handwerksviertel.<\/p>\n<p>Genauso schnell wie man drin ist, findet man den Ausgang aus dem Herzen Sarajevos. L\u00e4uft man Richtung Osten kommt man am Rathaus vorbei, ein unglaublich beeindruckender osmanischer Bau, welcher momentan renoviert wird. N\u00f6rdlich liegt der sogenannte Taubenbrunnen, bekanntes Fotomotiv. Weiter Stadteinw\u00e4rts kommt man zu einer recht westlichen Shoppingmeile, wo sich Klamottengesch\u00e4fte jedoch gl\u00fccklicherweise mit Moscheen, Shishabars und Kaffeestuben abl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Ich schreibe hier viel von Moscheen. In Sarajevo gibt es eine Synagoge, katholische sowie serbisch-orthodoxe Kirchen. Dennoch besteht die Bev\u00f6lkerung wohl zu 80 Prozent aus Bosniaken (bosnische Muslime) und das merkt man auch. Kopft\u00fccher sind recht pr\u00e4sent, selbst auf Fahrr\u00e4dern kamen uns schon einige entgegen. Heute habe ich zum ersten Mal Glockenleuten geh\u00f6rt, es ist Sonntag.<\/p>\n<p>Mit der D\u00e4mmerung (hier schon um 19:30h) begeben wir uns in eine \u010cevapdjinica, essen gehen ohne Fleisch ist hier undenkbar. Egal was man bestellt, man braucht keine Angst haben nicht satt zu werden. Selbst wenn der bestellte Teller nur 4 KM (2 Euro) kostet. Generell scheint man mit 5 Euro inklusive Trinkjoghurt in Sarajevo gut durchzukommen.<\/p>\n<p>In den Shishabars trifft sich Samstagabends das typische Client\u00e9e. Studenten und Sch\u00fcler mit den gleichen Smartphones wie wir. Aufgemotzt wir f\u00fcr die dickste Party l\u00e4uft man hier abends rum, sodass nocheinmal mehr auff\u00e4llt, dass wir nicht bosnisch sind. Der Blondheit wegen wird man schon angeguckt.<\/p>\n<p>Wir nehmen die Tram zur\u00fcck nach Hause. Das Abstempelsystem funktioniert wie in Kassel, Ticket beim Fahrer kaufen und in der Tram selbst abstempeln. Einfache Fahrt: 1,80 KM. Zehnerkarte: 12, 80 KM. Eine Monatskarte gibts per Antrag und massenhaft Schreibarbeit f\u00fcr 52 KM.<\/p>\n<p>Der Fahrstuhl fliegt 27 Sekunden in den 12 Stock zu unserer Heimatoase. Den rauchenden Nachbarn im Treppenhaus w\u00fcnscht man eine gute Nacht mit den paar Brocken bosnisch die man schon kann. Lichtermeer unterhalb unserer 2-Zimmer-Wohnung. Nachts macht man alle Fenster zu, sonst ist es zu laut zum Schlafen. Ein letzter Zug pfeift Tiere und Menschen von den Gleisen, Stra\u00dfenhunde heulen. Von oben betrachtet gleicht das ganze nurnoch Miniaturwunderland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sarajevo im Portrait &#8211; Zusammengefasst aus der ersten Woche Observation Das ist alles verdammt viel geworden, Abs\u00e4tze \u00fcberspringen geht bestimmt auch&#8230; &nbsp; Es war kalt heute Nacht. Es ist Mitte September und der Himmel ist strahlend blau, die Luft sehr kalt, die Sonne jedoch schon recht warm. Bergklima. Wir warten auf die Tram Richtung Innenstadt. 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