{"id":352,"date":"2014-02-07T20:28:56","date_gmt":"2014-02-07T19:28:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/?p=352"},"modified":"2014-02-07T20:28:56","modified_gmt":"2014-02-07T19:28:56","slug":"europa-guck-hin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/2014\/02\/07\/europa-guck-hin\/","title":{"rendered":"EUROPA, GUCK HIN!"},"content":{"rendered":"<p>Keine Panik, uns geht es gut. Da brennt aber trotzdem was. Da raucht auch trotzdem was. In Tuzla, in Biha\u0107, in Zenica, in Sarajevo&#8230; Die kantonalen Regierungsgeb\u00e4ude stehen in Flammen. Gerade lese ich, dass die ersten Minister zur\u00fccktreten. Und dabei fing heute morgen alles so strahlend an.<\/p>\n<p><strong>Gestern noch<\/strong> gehe ich \u00fcber genau den Platz, wo heute Tausende Menschen br\u00fcllen und Molotows werfen. Mit Sch\u00fclern bin ich da langgelaufen. Zur schulischen Ausstellung im Nationalmuseum; zum 30-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Olympiade, hier in Sarajevo. Ein Grund zum Feiern. Sich an die tolle Zeit zu erinnern. Das muss so gewesen sein, wie das deutsche Fu\u00dfballfieber 2006. Weil die Stadt kein Geld hat, bereitet das Gymnasium Obala die Ausstellung vor. In einem gef\u00fchlt zehn Grad kalten Raum. Neben Sch\u00fclerh\u00e4nden r\u00fccken auch die meinen Exponate in staubigen K\u00e4sten zurecht, alles von der Schule gesammelt, von Sch\u00fclern und deren Eltern ausgeliehen. Morgen um 12:30 h ist die Er\u00f6ffnung.<\/p>\n<p><strong>Gestern Abend<\/strong> lese ich von Tuzla in den Nachrichten: 60 Verletzte, Unternehmen sind pleite, noch mehr Arbeitslose. Da gings wohl hoch her. Relativ beruhigt haue ich mich aufs Ohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Heute Morgen<\/strong> strahlt die Welt. Ohne Jacke laufe ich zur Schule, genau an der kantonalen Regierung vorbei. Die Stadtg\u00e4rtner scheinen optimistisch, erste Primeln werden gepflanzt, aus einer mir misteri\u00f6s erscheinenden finanziellen Quelle. Auf dem Platz nichts los. Auf dem Mini-Gr\u00fcnfleck vor der Schule sitzen Sch\u00fcler in der Sonne. Ein jeder glaubt an den Fr\u00fchling, Wenn schon kein Schnee zum Skifahren liegt.<\/p>\n<p><strong>In der Doppelstunde<\/strong> geht es um Olympia in Sotschi. Leitideen des IOC und Reibungspunkte mit deren Prinzipien werden in Form von Artikeln bearbeitet und anschlie\u00dfend diskutiert. Erfolgreich. Genau, wie ich alles geplant hatte.<\/p>\n<p><strong>Freistunde.<\/strong> Ich will das Projekt Monats-Tramkarte endlich mal abschlie\u00dfen. Trotz des sch\u00f6nen Wetters sind alle Sch\u00fcler drinnen auf den Fluren. Gesabbel, Gekreische, Geschnatter &#8211; alles ganz normal, denke ich. Begleitet vom \u00fcblichen Ger\u00e4uschpegel quetscht sich ein Freiwilliger aus dem Massendunkel der Halle in die helle Februarsonne. Vorbei am t\u00fcrblockierenden Pf\u00f6rtner und drei Lehrern durch den Gr\u00fcnstreifen bis zum Schultor auf die Stra\u00dfe. Keine Autos. &#8222;Please be careful!&#8220;, sagt mir die dort postierte Lehrerin. Polizeipr\u00e4senz. Leute laufen ganz normal die Uferpromenade entlang. Nur nicht so viele wie sonst. Ich schaue Richtung Regierungsgeb\u00e4ude. Nichts h\u00f6rt man, nichts sieht man. Die Regierung versteckt sich in einem nach hinten, aus der Stra\u00dfenflucht heraus, versetzten Geb\u00e4ude. Davor der Platz, auch nicht sichtbar.<\/p>\n<p>Im noch nicht genug gelobten Sonnenschein laufe ich zur Verkehrsbund-H\u00fctte in der Stadt; alles l\u00e4uft viel besser als jemals erhofft. Nach zehn Minuten habe ich meine Karte. Bosnische Pr\u00e4miere &#8211; f\u00fcr mich zumindest. Auf dem R\u00fcckweg laufe ich am Nationalmuseum vorbei, eine Kamera wird aufgestellt, Dreharbeiten f\u00fcr die olympische 30-Jahr-Feier. Der Ganze Platz ist geschm\u00fcckt und geziert mit Flaggen dieser Welt.\u00a0Ich treffe eine Bekannte. Nach kurzen Smalltalk ruft ihre Mutter an. Eine Journalistin. &#8222;That was my mom who just called. She said that they&#8217;re throwing Molotows onto the kantonal government building and told me to get my butt home. I should propably call my dad. And you should better not go that direction.&#8220;<\/p>\n<p>Tu ich aber. Muss ich auch.Zur\u00fcck zur Schule oder nach Hause &#8211; ist sowieso die gleiche Richtung. 500 Meter weiter immer weniger Leute. Menschenmassen h\u00f6rt man gr\u00f6hlen, vom unsichtbaren Platz.<\/p>\n<p><strong>Im Lehrerzimmer<\/strong> nur aufgebrachtes Kollegium. die Sonne ist nicht die einzige, die durch die Fenster knallt. Lehrer wie Sch\u00fcler stehen und blinzeln durch die Sonnenstrahlen in die&#8230; Ja, da ist sie &#8211; die Menge.<\/p>\n<p>&#8222;Boah, ich hasse dieses Land!&#8220;, &#8222;Ich auch, ich will zur\u00fcck nach Deutschland! Ich h\u00e4tte da bleiben k\u00f6nnen, aber ich wollte nicht. Ich wollte zur\u00fcck nach Bosnien&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und das ganze da drau\u00dfen macht es ja nicht besser. Da kommen nur die Holigans zum Randalieren, das bringt \u00fcberhauptnichts. Totale Schei\u00dfe ist das!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Im Unterricht<\/strong> funktioniert nichts. Wir brechen mit dem H\u00f6rtext ab, h\u00f6rt sowieso keiner zu. Lehrerorgan rastet aus, alle stehen an den Fenstern. Es ist schwer, die Kids unter Kontrolle zu halten. Einige werden von den Eltern angerufen. Andere gucken in die Ecken, dritte sind total aufgedreht und vierte schnattern wie eh und je. Wir zwei Lehrende klicken uns durch den lahmen Computer bis <a href=\"http:\/\/www.klix.ba\/vijesti\/bih\/uzivo-protesti-u-sarajevu\/140207060\">klix.ba<\/a> durch.<\/p>\n<p>&#8222;So sieht&#8217;s da drau\u00dfen aus. So eine Schei\u00dfe, wirklich. Die evakuieren jetzt die Minister, ist ja klar&#8230;&#8220;. Brennende Autos im Computer neben Gebr\u00fclle von drau\u00dfen. Eine Durchsage der Rektorin. Zur eigenen Sicherheit sollen alle im Geb\u00e4ude bleiben, der Nebeneingang anstatt dem Haupteingang benutzt werden. Wenn die Situation nicht besser wird, m\u00fcssen die Sch\u00fcler wohl von ihren Eltern abgeholt werden. Es klingelt zur Pause.<\/p>\n<p><strong>Auf dem Flur<\/strong> treffe ich Jasmina aus dem Sekretariat. Stolz zeige in ihr meine Tramkarte, dessen Besitz ih ihr zu verdanken habe. High Five.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was ich tun soll. Wie geplant auf einen Kaffee in die Altstadt und dann zum Training oder lieber gleich nach Hause? Ich soll den Hinterausgang nehmen und eine SMS schicken wenn ich zu Hause bin.<\/p>\n<p>Vor dem Ausgang qualmt es unglaublich. Erste Flammen. Einen Anruf vom ZfA-Berater bekomme ich, als ich gerade an der Filmfreude vorm Nationaltheater vorbeikomme. Wir sollen uns bei der Botschaft melden, damit die unsere Daten haben, die sie nat\u00fcrlich schon l\u00e4ngst haben. Sch\u00f6n bunt wehen die, die Flaggen. Bunt hei\u00dft auf bosnisch \u00fcbrigens Aufstand. Es knallt. Sirenen \u00fcberall.<\/p>\n<p>Nach dem Kaffee gehe ich zum Training. Beziehungweise wollte ich gehen. Die Stra\u00dfen sind leer. Polizei, einige Passanten. Sirenen. Selbst der Platz vor dem Nationaltheater ist leer. Wie ausgefegt, nach all der Feierei. D\u00e4mmerung. Die Flaggen leuchten in der Abendsonne. Es riecht nach Rauch. Schwaden sieht man \u00fcber den D\u00e4chern. Zur Halle traue ich mich jetzt wirklich nichtmehr.<\/p>\n<p>Von der anderen Flussseite sieht man die Bescherung. Das ganze Regierungs-Ding steht in Flammen. Autos liegen abgebrannt im Wasser. Blaulicht \u00fcberall. Gewusel und rennende Menschen neben Schaulustigen.<\/p>\n<p>Heute brennt wohl weit mehr als nur die olympische Flagge.<\/p>\n<p>_________________________________________________________________________________________<\/p>\n<p>Dennnoch: Bitte kein Grund zur Sorge, die Botschaft k\u00fcmmert sich pr\u00e4chtig. Es sind bisher nur D\u00e4monstrationen, nichts weiter. Uns geht es gut. W\u00e4re meine Schule nicht so dicht dran, h\u00e4tte ich von dem ganzen deutlich weniger mitbekommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Panik, uns geht es gut. Da brennt aber trotzdem was. Da raucht auch trotzdem was. In Tuzla, in Biha\u0107, in Zenica, in Sarajevo&#8230; Die kantonalen Regierungsgeb\u00e4ude stehen in Flammen. Gerade lese ich, dass die ersten Minister zur\u00fccktreten. Und dabei fing heute morgen alles so strahlend an. 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