{"id":114,"date":"2013-10-08T17:59:12","date_gmt":"2013-10-08T15:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/?p=114"},"modified":"2013-10-08T18:06:12","modified_gmt":"2013-10-08T16:06:12","slug":"popis-die-volkszaehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/2013\/10\/08\/popis-die-volkszaehlung\/","title":{"rendered":"POPIS &#8211; Die Volksz\u00e4hlung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Volksz\u00e4hlung in Bosnien. Die erste seit 1991. Erster bis f\u00fcnfzehnter Oktober. Seit zwei Tagen rennen Beauftragte mitsamt zwei Kilo Papier an Informationen und Auswertungsb\u00f6gen durch die Stadt und Fragen ab. Systematisch. Unser Haus von unten nach oben.<\/p>\n<p>Es klingelt um sechs Uhr nachmittags. Gestern. Gl\u00fccklich, dass uns \u00fcberhaupt jemand erwischt. Der gute Mann lacht fr\u00f6hlich und dr\u00fcckt sich sein Bosnisch in Wellen fliegend aus. Wir geben unser bestes aus Brocken Kuchen zu backen. Beziehungsweise ihm einen Kuchen zu backen, was WIR hier tun. Und dass wir keine Bosnier sind, keine f\u00fcnf Kinder im Hinterzimmer haben die er bitte mitz\u00e4hlen soll. Ein Sch\u00fcler meinte neulich, dass die selbst dokumentieren m\u00fcssen wenn jemand angeblich vom Mars komme.<\/p>\n<p>Der Z\u00e4hler holt Stift und Papier samt dickem Ankreuzbogen und \u00dcbersetzungspapieren aus seiner Tasche. Mechanisch d\u00fcrfen wir auf &#8222;Njema\u010dki&#8220; (Deutsch) zeigen. Es wird gebl\u00e4ttert, vor zur\u00fcck und wieder vor, wir zeigen hier und da&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Ambasada?&#8220; ist das letzte. Jaja, die Botschaft wei\u00df, dass wir hier sind!<\/p>\n<p>Schulterklopfen, als h\u00e4tten wir seinem Sohn \u00fcber die Stra\u00dfe geholfen. H\u00e4ndesch\u00fctteln wie nach Abschluss des Dayton-Vertrags und wieder sind wir alleine. Gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute gehe ich auf dem Nachhauseweg nach zwei Stunden am Gymnasium Obala und Gem\u00fcsemarkt Gro\u00dfeinkauf an unserer \u00f6rtlichen Kopirnica vorbei, wo ich noch eine Mark Schulden f\u00fcr Kopien hatte. Das M\u00e4del, die f\u00fcr ihren Vater den Laden schmei\u00dft, bevor die Uni anf\u00e4ngt, begr\u00fc\u00dft mich freundlich, wir reden \u00fcber das kommende Wochenende, das Wetter, meine Schulden und \u0106evapi.<\/p>\n<p>Ob die bei uns denn schon gez\u00e4hlt h\u00e4tten. Ja, sag ich. Es folgt eine Beschreibung der obigen Geschehnisse.<\/p>\n<p>Dann legt sie los. Locker, aber laut &#8211; die bosnische Art.<\/p>\n<p>Bei ihr seien die Z\u00e4hler auch schon gewesen. Sie h\u00e4tten Dinge gefragt, wie: Wie viele Leute wohnen in der Wohnung? Wie viele Quadratmeter? Wie gro\u00df ist die K\u00fcche? Sind Sie bosnisch? Sind Sie muslimisch, orthodox, katholisch? Woher kommen Ihre Eltern? Fragen. Viele Fragen. Und im Endeffekt sei die Angabe der Zahlen sowieso wieder falsch. Die da oben t\u00e4ten doch mit den Zahlen worauf sie gerade Lust h\u00e4tten. Bosnien zahle 47 Millionen Bosnische Mark (in Euro die H\u00e4lfte), Europa steuere noch einmal 70 Millionen dazu. F\u00fcr Ungewissheit, ib die Zahlen auch wirklich stimmen.<\/p>\n<p>Seit 18 Jahren sei nicht mehr gez\u00e4hlt worden. 91 war die letzte Z\u00e4hlung. Wieviele Bosniaken, Kroaten und Serben es gab, war bekannt. Dann habe der Krieg angefangen. Leute haben Angst, was durch die Z\u00e4hlung alles passiert.<\/p>\n<p>Sie sei zwei Monate alt gewesen, als der Krieg anfing. Alles was sie erinnert: Sie wollte Bananen und es gab keine Bananen. Sarajevo wurde vier Jahre von Serbien belagert. Vier Jahre kam niemand herein oder heraus. Vier Jahre Luftbr\u00fcckenversorgung. Wie Berlin. Nur eben vier Jahre.<\/p>\n<p>Ihre kleine Schwester wurde w\u00e4hrend des Krieges geboren, ihre gro\u00dfe erinnere sich an alles. Der Schwester wurde ins Bein geschossen. Sie habe zugesehen wie der Nachbar starb. Durchschossen. Weil er sich vor sie geschmissen hat.<\/p>\n<p>In der Stadt st\u00fcnden j\u00e4hrlich einmal rote St\u00fchle in einer Reihe die Fu\u00dfg\u00e4ngermeile in die Innenstadt hinein. F\u00fcr all die Erschossenen des Bosnien-Kriegs. Des mit letzten Krieges innerhalb Europas. Des Krieges, von dem ich niemals ein Sterbensw\u00f6rtchen w\u00e4hrend meiner gesamten Schulzeit geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Ein neuer Kopierfreudiger kommt durch die T\u00fcr. Ich stehe nur da und wei\u00df absolut und hundertprozentig \u00fcberhaupt nicht mehr, was ich von der Z\u00e4hlung halten soll. Mal sehen, was die Zahlen am Ende sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich verabschiede mich, sie l\u00e4d mich auf einen Kaffee ein. Hier trifft man sich immer, um Kaffee zu trinken.<\/p>\n<p>Zuhause angekommen, l\u00e4chelt mich das Popis-Plakat in bunten Farben an. Die Ecken sind abgerissen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/files\/2013\/10\/1010572.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"_1010572\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/files\/2013\/10\/1010572-300x400.jpg\" width=\"300\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Volksz\u00e4hlung in Bosnien. Die erste seit 1991. Erster bis f\u00fcnfzehnter Oktober. Seit zwei Tagen rennen Beauftragte mitsamt zwei Kilo Papier an Informationen und Auswertungsb\u00f6gen durch die Stadt und Fragen ab. Systematisch. Unser Haus von unten nach oben. Es klingelt um sechs Uhr nachmittags. Gestern. Gl\u00fccklich, dass uns \u00fcberhaupt jemand erwischt. Der gute Mann [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1227,"featured_media":120,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[70244],"tags":[],"class_list":["post-114","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erlebte-geschichten"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1227"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=114"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/media\/120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/eickeubosnu\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}