Die Shumenshow

Das Bad riecht nach Pfannkuchen (Tag 226-232)

Wenn es in Shumen regnet, dann sind wahre Akrobatikskills gefragt. Die Straßen verwandeln sich in einen reisenden braunen Strom, auf dem man locker Kanu fahren könnte. Ab und zu schimmern die Pfützen regenbogenfarbig vom auslaufenden Öl der Autos, aus denen man auch sehr gut eine dunkle Abgaswolke entweichen sieht. Eine Umweltplakette, geschweige denn TÜV hat hier niemand.

Wenn man es also geschafft hat die Straße zu überqueren ohne, dass einem das Wasser bis zum Knöchel steht, folgt die nächste Herausforderung. Ich habe es mir zur Mission gemacht zur Schule zu laufen, ohne eine Fontäne von Wasser auf meiner Hose zu verteilen. Die Sache ist nämlich die: die Platten auf dem Gehweg sind manchmal lose. Es ist wirklich ein Glücksspiel die richtigen zu erwischen. Wenn man auf eine tritt die wackelt, dann hat man eine Sekunde später den Swimmingpool unter der Platte in Schwung gebracht und kann froh sein, wenn die Fontäne nicht bis hoch ins Gesicht spritzt.

Regen ist also wirklich ein Abenteuer. Stur wie ich bin habe ich mir in beinahe 8 Monaten hier auch noch nicht einen Regenschirm gekauft. Obwohl der manchmal ganz praktisch wäre. Vorallem, da die Regenrinnen hier auf Duschkopfhöhe aufhören und man sehr gut ausweichen muss, wenn man nicht auf dem Gehweg duschen möchte.

Soviel zum Regen, der seit dieser Woche anscheinend aus Deutschland hergezogen ist und sehr unpassend kommt, wenn man eigentlich gerne campen gehen möchte.

Dafür war der ganze Mai sehr schön sommerlich. Meine letzte Woche war nachdem ich am Anfang der Woche die Clubs in Shumen ausgecheckt habe sehr ruhig, ich habe viel Schlaf nachgeholt, zu Chalga tanzen geübt,  mit den Schülern Spiele gespielt und auch ein sehr entspanntes Wochenende gehabt. Schon lange bin ich nicht mehr am Wochenende „zuhause“ gewesen. Da ich Elena lange nicht mehr gesehen hatte, habe ich sie gefragt, ob wir am Samstag ein bisschen Zeit miteinander verbringen wollen.

So sind wir durch Shumen gelaufen, haben die alten Häuser angeschaut, an der Brauerei vorbei, bis zum Kyoshkovete Park. Das letzte Mal als ich dort war lag noch Schnee. Dieses Mal wurden gerade die Autos aufs Karusell geschraubt, in einer riesigen Metallwatte gab es Zuckerwatte zu kaufen, eine alte Frau hat den neusten Plastikscheiß für Kinder zum Verkauf angeboten, also eine ganz normal bulgarische Parkatmosphäre.

Zu den Geräuschen der Brauerei sind wir die Parkallee entlanggeschlendert, haben die schön bemalten Bänke bestaunt und den Tierpark erkundet. Der wird gerade umgebaut und ich hoffe es wird besser danach. Man kann Tauben bestaunen, davon habe ich aber schon echt genug im Zentrum. Es gibt Ziegen, Hasen und ein Huhn.

Dann sind wir richtig in den Wald gestartet. Keine Geräusche mehr, außer das Vögelgezwitscher. Die Luft im Wald nach dem Regen himmlisch. Wir haben uns unterhalten und irgendwann hat Elena gemeint, dass wir auf dem falschen Weg sind. Also ging es einen steilen Hang hinunter, Abkürzung. So abenteuerlich habe ich mir Elena gar nicht vorgestellt. Sie hat von früheren Zeltabenteuern gesprochen. Wir haben über die richtige Topfgröße für Tomaten- und Gurkenpflanzen gesprochen und sind irgendwann an einer kleinen Brücke angekommen. Dahinter eine Höhle, daneben eine Quelle. Heiligenbilder in Steinfelsen. Elena hat immer wieder auf die Uhr geschaut und meinte: „So, jetzt ist es an der Zeit Hunger zu haben.“ Also war es an der Zeit Hunger zu haben. Wir sind zum Restaurant im Park gelaufen und haben sehr lange die Speisekarte studiert und dann eine Menge bestellt. Woraufhin der Kellner meinte, dass wir bestimmt keinen Nachtisch mehr schaffen. Er sollte Recht behalten…

Nach Ewigkeiten habe ich mal wieder die von der Farbe einem Spülmittel sehr ähnlichen Limonade getrunken. Es gab eine riesige Platte mit gedünstetem Gemüse, Палинка (Palinka) Knoblauch- und Sirene(Feta)Brot , Brokkoli mit Sirene, superlecker. Beim Essen wurden wir immer langsamer und langsamer, bis Elena meinte: „also das lohnt sich jetzt auch nicht mehr mitzunehmen. Das müssen wir aufessen.“ Also Hosenknopf auf und weiter.

Für Nachtisch und Bier haben wir uns für ein anderes Mal verabredet. Ich habe mich so wohl gefühlt. Es war eine super entspannte Stimmung. Kaum Menschen, alles grün. Auch Elena hat den Ausflug sehr genossen und mehrmals betont wie gut ihr das Laufen getan hat. Der Tag war also ein voller Erfolg. Zurück in meiner Wohnung ein bisschen lesen auf dem Balkon. Dann nochmal los, weil ich unbedingt Schokolade kaufen musste.

Am Sonntag bin ich einfach losgelaufen. Ohne Plan durch die Stadt. In eine Gegend in der ich noch nie war. Bin intuitiv immer abgebogen, wenn es sich richtig angefühlt hat, habe Tagebuch geschrieben auf den Eingangstreppen einer verlassenen Schule, Eis und Bier gekauft, neues Shumenskobier, das fast so schmeckt wie deutsches Bier.

Jetzt aber zu meinem Bad voller Überraschungen. Meistens riecht es ganz neutral. Ein leichter feuchter Betongeruch, soweit ich das erfassen kann, den ich sehr liebe. Aber manchmal wenn ich ins Bad komme, dann riecht es nach Zigarettenrauch, Waschmittel, Shampoo, oder eben auch mal nach Pfannkuchen. Wird wohl was mit der Lüftung sein. So bin ich immer up to date was meine Nachbarn gerade so machen: rauchen, Wäsche waschen, duschen, kochen.

Der Regen macht müde. Trotzdem habe ich ein paar interessante Diskussionen mit den Schülern geführt, diveres bottleflips hautnah miterlebt, ich werde weiterhin von allen Seiten immerzu gegrüßt, wodurch ich mich sehr beliebt fühle und die Schule ist wieder voller leben.

Heute habe ich ein Paket bekommen. Und obwohl ich ja immer sage, dass ich kein Zeug brauche, bin ich trotzdem immer wieder sehr neugierig und habe einen neuen Rekord aufgestellt. Von der Schule nach Hause in 13 Minuten.

Mein Rucksack ist auch schon wieder gepackt. Ich habe mir fest vorgenommen morgen den frühen Zug zum Rosenfestival zu nehmen und weiß jetzt schon, dass ich in ein paar Stunden gar nicht mehr so motiviert dafür sein werde. Aber mein Schlafrhythmus muss sich dringend ändern, da ich nächste Woche ein paar Mal zur ersten Stunde habe.

Ein paar andere Alltagsbeobachtungen: Bulgarien hat ein gravierendes Problem. Es gibt einen enormen Wassereismangel! Ich weiß nicht wie lange ich das noch aushalte…Das Softeis, welches neben den Maiskörnern am Straßenrand verkauft wird, wird in 10Liter Wasserkanistern geliefert. Interessant. Diese Woche wurde morgens wieder der Parkplatz im Zentrum geräumt für eine Kranzniederlegungszeremonie. Ich habe keine Ahnung worum es diesmal ging. Außerdem haben die Abiturienten mal wieder neue schicke Kleider angezogen, nochmals Autos gemietet um ein Hupkonzert zu veranstalten. Ich weiß nicht wie oft sie im Mai gefeiert haben.

So, Zeit fürs Bett. Lekar Noscht! (Süße Träume)

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