Die längste Übernachtungsparty aller Zeiten (Tag 156-171)

So, es ist ne ganze Weile her, seit meinem letzten richtigen Blogbeitrag. Man könnte sagen es ist viel und gleichzeitig sehr wenig passiert. An sich wollte ich sowieso weg von meinen wöchentlichen Beiträgen und unregelmäßiger schreiben. Ja, das ist vielleicht ein seltsamer Vorsatz…

Was ist alles so passiert?

Im Schneeldurchlauf: vor etwa zwei Wochen bin ich nach Sofia gefahren um dort meinen ersten Besuch, eine Freundin aus Deutschland zu empfangen. Nach einer anstrengenden Zugfahrt, auf der mir mehrmals Wodka angeboten wurde, bin ich an einem Donnerstag in Sofia angekommen.

Starterpack: kulturweitfreiwillige (Witz von Franzi)

Freundlicherweise durfte ich bei Josi übernachten, da Franzi erst am nächsten Tag in Sofia landete. Da die Bars hier circa zwei Wochen geöffnet hatten und wir kurz vor der nächsten Schließung waren, haben wir noch eine Bar unsicher gemacht. Ein leichtsinniger Fehler? Wer weiß…

Am nächsten Tag hatte ich noch Zeit, bevor ich zum Flughafen musste und habe deshalb erstmal ein bisschen die Sonne genossen. Zufällig war Elias auch gerade in der Innenstadt und so haben wir uns zusammen in ein Cafe auf dem Vitosha Bulevard gesetzt und bei strahlendem Sonnenschein, mit Geigenmusik eines Straßenmusikers im Hintergrund und Aussicht auf den wunderschönen Vitosha, eine heiße Schokolade geschlürft. Was kann es schöneres geben?

Danach haben wir zusammen eine neue kulturweit Freiwillige in Bulgarien, Emi, vom Busbahnhof abgeholt und Elias hat uns seine wunderschöne Wohnung, mit einem Boden, in den ich mich sofort verliebt habe, gezeigt. Danach gab es leckeres Foccacia aus dem italienischen Feinkostladen und ich habe als nicht-Sofioter die Aufgabe bekommen Emi Sofia zu zeigen. Also sind wir ein bisschen durch die gegend geschlendert, ich habe alle facts ausgepackt, an die ich mich noch von der Sofia-free-walking-tour erinnern konnte und haben uns ein wenig besser kennengelernt. Neben dem Frauenmarkt haben wir in einer Seitenstraße diesen Hund entdeckt.

Der Hund hat Eindruck bei mir hinterlassen mit diesem riesigen Knochen

Am Abend saß ich dann in der menschenleeren Metro und wurde langsam sehr aufgeregt. Mein erster Besuch, ich konnte nicht schnell genug zum Flughafen kommen. Jetzt habe ich die Möglichkeit jemandem, den ich schon so lange kenne, mein neues Leben zu zeigen, mein Bulgarien! Ich wurde ganz hibbelig und die letzten Meter wurden natürlich ganz klassisch, wie man es aus jeder romantischen Komödie kennt, gerannt. So seltsam, ein halbes Jahr haben wir uns nicht gesehen und trotzdem hat es sich so normal angefühlt zusammen in der Metro zu sitzen und zu reden.

In Josis Wohnung haben wir dann erst einmal gegessen und uns gleich neue Musik gezeigt, die wir im letzten halben Jahr für uns entdeckt hatten. Dann ging es auch schon sofort weiter zu einer anderen neuen Freiwilligen und in einer gemütlichen Runde haben wir uns alle kennengelernt.

Am nächsten Morgen, nachdem ich meine Tradition, bei Josi in der Früh zu spülen, beendet habe standen Franzi und ich mit Weihnachtsmarkttassen voll Tee auf dem Balkon und haben dem Schnee beim Fallen zugesehen und ja vielleicht habe ich auch Schneeflocken mit meiner Zunge aufgefangen. Der Küchenbalkon von Josi, eine grandiose Location.

Vollbepackt ging es dann in die Stadt. Erster Stopp Essen, zweiter Stopp Piercer. Einen Nasenpiercing für Franzi später schlenderten wir mit unseren schweren Rucksäcken noch etwas weiter durch Sofia, bevor wir uns in ein Café setzten und draußen ein Wahlumzug vorbeizog, im Moment sind hier nämlich Wahlen.

Dann ging es auch schon zum Busbahnhof und einmal quer durchs Land nach Sliven, Paulas und Simons Geburtstag feiern. Es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht Franzi dabei zu beobachten, wie sie Bulgarien wahrnimmt. Geburtstagsparty und am nächsten Tag noch, wie bei einem Familiengeburtstag, spazieren gehen und Kuchen essen, dazu türkischer Tee und für unsere Geburtstagskinder ein Kuchen aufs Haus. Eine richtig schöne Runde. Aufgrund meinem falschen Zeitmanagement mussten wir uns dann ein Taxi nehmen um noch pünktlich den Zug nach Shumen zu erwischen. 6 Stunden Zug fahren, zweimal umsteigen und wie immer vom Zugpersonal freundlich unterstützt, haben wir hungrig um 21:30 Uhr Shumen erreicht und uns erst einmal eine ganze Packung Nudel  mit Pesto genehmigt.

Leider hat es am nächsten Tag heftig geschneit, weshalb wir aber eine gute Entschuldigung hatten um ausgiebig die SecondHand-Läden nach Schätzen zu durchforsten. Natürlich haben wir auch auf dem Markt eingekauft und leidenschaftliche Puzzler, wie wir es sind, auch ein sehr kitschiges Puzzle gekauft. Abends haben wir dann erst einmal gepuzzlet und unsere neue gemeinsame Playlist abgefeiert.

Am Dienstag, bei Sonnenschein, habe ich mit Soner, Franzi die Stadt gezeigt. Einmal hin und her durchs Zentrum, wie sich das gehört. Mittagessen vom Bäcker im Park, zur Moschee laufen und im Küchenstudio eine Küche für Soner aussehen. Am Abend dann noch die spontane, leichtsinnige, wenn auch absolut lohnenswerte Idee in der Dunkelheit die vereisten Stufen zum Monument hochzulaufen. Ein bisschen gruselig war die Stimmung schon. Der Mond hat den großteil der Stufen erleuchtet, man hat nur den Wind gehört, die Lichter der Stadt hinter uns, Schnee und Nadelbäume vor uns und on top das Monument. Windstärke Eiskalt saßen wir mit unserer genialen Musik, einer Wärmflasche, einem Shumensko und Schokolade auf der Instagram-Plattform und haben auf die Stadt geschaut. Wie verrückt – wir zwei in einer eisigen Nacht in Bulgarien auf einem Berg. Der Moment bleibt in Erinnerung.

Vor allem, weil ich mich am nächsten Tag plötzlich so müde gefühlt habe und nach dem Unterricht geschlafen habe und mit Fieber aufgewacht bin. Naiv wie ich bin, dachte ich, klar eine Erkältung und mein Körper lässt sie jetzt zu, weil Franzi da ist, meine persönliche Pflegerin, die mir Tee und Selleriesuppe kocht und mich mit ihren Krankheitsweisheiten gesund pflegt. Ich war ihr echt dankbar, dass sie sich so um mich gekümmert hat. Am Freitag hatte ich schon kein Fieber mehr, generell ging es mir nicht wirklich schlecht, aber zur Sicherheit wollte ich dann doch einen Schnelltest machen. Da ich nicht wirklich schlimm krank war/bin habe ich nicht daran geglaubt, dass der Test positiv sein würde. Mit dieser Hiobs-Botschaft bin ich also wieder zurückgekommen und wir haben kurz gebrainstormed, was wir mit Franzi machen. Antwort: gemeinsam Quarantäne. Eingedeckt mit Lebensmitteln, Puzzlen und ganz vielen Beschäftigungsmöglichkeiten, starteten wir sehr POSITIV in unsere Isolation.

Ganz nach dem Motto: wir können nichts ändern und müssen das Beste daraus machen, nahmen wir die Situation, da sie für uns glücklicherweise sehr milde war, mit Humor und Optimismus an. Voller Elan freuen wir uns jeden Tag aufs puzzlen, zelebrieren das Kochen und Essen sehr, suchen uns neue Aufgaben und Projekte und machen bei jeder Gelegenheit Witze, über die wir sehr hysterisch Lachen.

Beispiele für Projekte wären: mein ekliges Abtropfgitter putzen (Danke Franzi), meinen Duschvorhang reparieren, sodass er für genau einmal Duschen gehalten hat und danach zurück zur anfänglichen Notlösung fiel, die Möbel in meinem Zimmer einmal komplett umstellen, nur um zu merken, dass sie davor ganz gut standen und alles wieder genauso hinzustellen, aber zumindest liegt jetzt überall weniger Staub in den Ecken, und zu guter letzt Blumen, Kräuter und Tomaten pflanzen.

Unsere Babys. Jeder kennt die erst Pflanze, dann Haustier, dann Kind Reihenfolge. Wir haben noch zwei Vorstufen entdeckt. 1. Piercing hegen und pflegen, 2. Sauerteigbaby, 3. Pflanze, 4. Haustier, 5. Kind. Das mit dem Piercing klappt bei Franzi ziemlich gut, ein Sauerteigbaby können wir aufgrund der unzureichenden Wärme in meiner Wohnung nicht haben, also sind wir bei Pflanzen angekommen. Auch eine Herausforderung, wenn man eine Wohnung hat, die nur Fenster Richtung Osten hat. Unsere Mission deshalb jeden Morgen: aufstehen um unsere 9 Pflanzenbabys auf den Balkon zu tragen und ihnen zumindest ein paar Stunden in der Sonne zu ermöglichen. Die zwei anderen Pflanzen, die sich zu der Sonne hingezogen fühlen sind wir. Die Stunden morgens in der Sonne zählen also zu den Tageshighlights.

So sitzen wir da, Tee trinkend, Menschen und Autos auf dem Parkplatz vor meiem Balkon beobachtend. Der kleine Nachbarsjunge hält schon täglich Ausschau nach uns. Längst ist uns die Umgebung vertraut geworden. Die Ruhe an Sonntagen, die Rufe der Kutschenfahrer, die ihre Pferde antreiben, die aufheulenden Motoren, der etwas schwerfällige dicke Hund, von dem Franzi fest überzeugt ist, dass er Schwanger ist, ich denke er hat eine tote Taube gevespert, die wir auf der Straße haben liegen sehen. Es macht unheimlich viel Spaß die Menschen zu beobachten. Den Rentner mit seiner Baskenmütze, der den ganzen Morgen auf dem Parkplatz verbringt. Außerdem ist uns aufgefallen, dass Autos, wenn man sie von oben anschaut, Ähnlichkeiten mit Raumschiffen oder Kellerasseln haben. Generell, wenn man den Autos beim Parken so zusieht, dann bekommt man sehr viel Lust das Spiel Rush hour zu spielen.

Heute ist schon Tag 8 und niemals hätte ich gedacht, dass Quarantäne zu zweit in einer Ein-Zimmer-Wohnung so okay ist. Ich dachte spätestens ab Tag 5 sterben wir vor Langeweile, gehen uns mächtig auf die Nerven und wollen einfach nur noch raus. Aber anscheinend sind wir gute Quarantänebuddies. Langeweile war bisher tatsächlich noch nicht vorhanden. Und das, obwohl wir echt wenig machen, aber irgendwie habe ich gelernt, dass man nicht immer alles auf einmal machen mus und jetzt kann ich einfach in der Sonne sitzen, ohne etwas nebenher zu machen.

Was zählt sonst so zu unseren täglichen Ritualen? Den Tee zig Mal aufzugießen, Einkaufslisten für Elena zu schreiben, in meinem georgischen 1300 Seiten Wälzer zu lesen, den ich von Paula zum Geburtstag bekommen habe und in dem man so schön abtauchen kann. Es ist sowieso erstaunlich, ich dachte ich würde die Außenwelt viel mehr vermissen, aber ich meide von mir aus Kontakte und möchte einfach nur meine Ruhe haben. Wir schweigen, machen nebeneinander unser Ding, wer telefonieren möchte geht auf unseren Telefon-Balkon, wer frische Luft will auch. Sobald es Dunkel wird, machen wir unser Ambientelicht an, schwäbeln vor uns hin, putzen uns auf dem Balkon die Zähne, reden über Humboldt, über den Franzi ihre Hausarbeit schreibt, schauen Netflix, schlucken Vitamine, achten auf unsere ausreichende Bewegung und veranstalten aus diesem Grund abendliche Tanzpartys und essen, essen, essen.

Puzzle werden als Tischdecke wirklich unterschätzt

Einmal am Tag ist es außerdem Pflicht das Puzzlestück mit Felix LObrechts Nase, dass mir Franzi mitgebracht und geschenkt hat zu berühren. Das bringt Glück und außerdem müssen wir es immer wieder fest an die Wand drücken, damit es nicht aus dem selbstgebastelten Washi-Tape-Rahem fällt. Wir sind echt genügsam. Die Zeit vergeht erstaunlich schnell dafür, dass wir so wenig machen. Wir haben Schnupfen, sind müde, schmecken nicht so viel und sitzen unsere Zeit ab. Selbst aus Niesattacken machen wir ein kreatives Spiel. Sich Gesundheit zu wünschen ist uns mittlerweile zu langweilig, deshalb wünschen wir uns andere DInge. Prodkutivität, einen guten Appetit, Schönheit, usw.

Hätte mir jemand vor einem halben Jahr gesagt, dass ich in Bulgarien 2 Wochen mit Franzi in Quarantäne bin, ich hätte gedacht: wie verrückt. Und jetzt sind wir hier, hatten eigentlich ganz andere Pläne, wollten mit dem Mietwagen durchs Land fahren, doch stattdessen wird sich wohl die Aussicht von meinem Balkon in Franzis Gedächtnis einbrennen. Und klar, vielleicht reden wir alles schön, aber was soll man denn auch sonst machen? Jedenfalls bin ich froh, dass ich nicht alleine krank bin. Das Erlebnis schweißt zusammen. Trotz der Tatsache, dass wir 24/7 seit 2 Wochen zusammen sind, haben wir noch immer gute Gespräche, größter Streitpunkt sind falsch zusammengesetzte Puzzleteile und an sich haben wir gemerkt, dass unsere Quarantäne auch nicht arg anders ist, als unsere Reise in Irland. Dort haben wir auch die meiste Zeit zu zweit verbracht. Wir hatten nur mehr Kontakt zu Kühen und Schafen und hatten mehr Bewegungsfreiheit, aber ansonsten ist das hier eine Revival-Veranstaltung.

Natürlich freuen wir uns trotzdem, wenn wir wieder raus dürfen. Es ist anstrengend andere über den eigenen Gesundheitszustand up to date zu halten und auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber schön ist es, dass sich hier alle so um mich/uns kümmern. Durch die Quarantäne bin ich wirklich gezwungen in meinem Alltag zu sein, und das fühlt sich ziemlich gut an, so eine Routine zu haben. Ich habe mir echt viel vorgenommen für die Zeit, organisatorischen Kram, aber natürlich habe ich auch jetzt nicht die Motivation irgendetwas davon abzuarbeiten.

Was wir gelernt haben? Wir sind erschreckend gut darin uns zu isolieren, aber auch uns selbst zu beschäftigen. Mit der kulturweit playlist könnte man laut Franzi ein Café eröffnen, die eignet sich sehr gut um nebenher zu arbeiten, und ich freue mich wirklich sehr darauf wieder mein Bett für mich alleine zu haben.

Seit wir in Quarantäne sind Lachen wir wirklich ziemlich oft und herzhaft, nehmen das Geschehen draußen viel aufmerksamer wahr und hören ziemlich viel Gemischtes Hack. Es ist die längste Übernachtungsparty unseres Lebens, nur, dass man am nächsten Morgen nicht gehen kann oder besser gesagt darf.

Jetzt mache ich mich weiter daran Rumys Texte zu überarbeiten. Im Moment bin ich sehr fasziniert von ihren Erzählungen und fast ein wenig süchtig. Und dann wird es wohl auch schon wieder Zeit fürs Kochen.

Ich freue mich schon!

 

 

1 Comment

  1. Andi

    Hallo Karla,
    mei, wie schön wieder geschrieben. Hatte mich schon über den Zinkenstecker auf eurem Franziistinbulgarienbeweissbild gewundert. Frohe Ostern und eine gute Wiedereingliederung in die Aussenwelt.

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