Stürmisches Sliven (Tag 98-105)

Wow. Ich sitze im Zug nach Sliven. Die Sonne geht gerade unter. Bulgarische Sonnenuntergänge sind der hammer! Das Abendrot spiegelt sich vor den Bergen in den zahlreichen Fischteichen. Jetzt, wo man den Müll nicht mehr so gut sehen kann wirkt das fast idyllisch. Ich fahre durch Dörfer, über denen beeindruckende Höhlen und Festungen thronen. Und immer wieder Felder von Wedeln. Ich als Expertin kann sagen, dass Bulgarien offiziell das Land mit den meisten Wedelfeldern ist.

Während ich hier sitze, auf dem Sitz, der bei jeder Bewegung federt, und das Schreiben deshalb eine Herausforderung ist, habe ich Mal wieder einen „Wow-Moment“.

Ab und zu passiert das. Ich bin einfach irgendwo, wie jetzt zum Beispiel im Zug nach Sliven und denke mir: Krass, das hier ist mein Leben! Nach solchen Sonnenuntergängen habe ich mich gesehnt. Ich bin wirklich hier, realisiere ich dann. Ich mache ein FSJ im Ausland während einer Pandemie! Das ist doch der Wahnsinn. Wie kann ich das so oft vergessen?

Der Moment ist so friedlich, ich und meine Musik, ein anderes Mädchen und die Kontrolleurin, die sehr darauf achten, dass ich auch richtig umsteige. In Sindel-Raspreditel, was ein Name. Mich erinnert das an die böse Hexe von Rapunzel, aber vielleicht bin ich gerade auch sehr empfänglich dafür. Schließlich habe ich diese Woche mit meinen Schülern Hänsel und Gretel gelesen. Sie haben sogar richtig betont und für mich war es so schön zu sehen, welche Fortschritte sie machen, dass sie jetzt Märchen auf deutsch lesen können.

Wenn ich jetzt so aus dem Fenster schaue kann ich es wieder nicht glauben. Mein Traum ist wahr geworden: Digitalnomadin, im Zug arbeiten und immer unterwegs sein. Eine Vorstellung, die ich in der Vergangenheit sehr romantisiert habe, aber ab und zu ist es wirklich sehr schön ein neues Stück Bulgarien zu entdecken.

Diese Woche habe ich auch eine Ahnung davon bekommen, wie sich das Lebensgefühl im Frühling hier verändern wird. Bei Temperaturen von bis zu 14 Grad, füllen sich die Straßen. Nicht nur mit Menschen, anscheinend gibt es auch bei den Tauben ein comeback. Das ist super ungewohnt nach so langer Zeit des Abstand haltens, dass ich gar nicht klar gekommen bin damit. Auch beim Monument ein voller Parkplatz, Väter, die mit ihren Kleinkindern trainieren sind, Jugendliche mit Hunden, alte Leute und Pärchen. Ich laufe durch den Wald, immer wieder rieche ich Feuer. Es gibt zahlreiche Feuerstellen und ich kann offiziell bestätigen, dass die Grillsaison in Bulgarien anscheinend eröffnet wurde. Alle 100 Meter hört man Hardrock, Kindergeschrei oder Gelächter. Menschen sitzen und stehen um das Feuer und unterhalten sich. Ich fühle mich an meine Kindheit zurück erinnert. Ich laufe weiter, bis ich alle hinter mir gelassen habe. Die Wege sind verschlungen, märchenhaft, so wie die Bäume. Kurz habe ich Angst mich hier zu verlaufen. Aber es ist ja noch lange hell. Ich setze mich auf einen Felsvorsprung und lese mein Buch zu Ende. Es ist sehr windig. Die Äste der Bäume wehen im Wind und ich sitze noch ein wenig, bevor ich beschließe zurück zu gehen. Im Moment sieht alles noch tot aus. Ein paar Kiefern sind wunderschön grün, aber ansonsten ist alles braun. Ich freue mich kurz sehr darauf zu sehen, wie sich die Natur im Laufe des Jahres verändern wird. Zurück in meinem Wohnhaus sehe ich, dass meine Nachbarn gerade eine neue Ladung Holz stapeln. Ganz schön mühsam, denke ich, den ganzen Winter über immer wieder Nachschub zu beschaffen.

Meinen 100. Tag in Bulgarien habe ich mit Soner und Jasmin verbracht. Jasmin und ich sind einmal bis oben in Meinem Wohnblock gelaufen, weil ich doch tatsächlich noch immer nicht wusste, wie viele Etagen es gibt. Jetzt weiß ich es. Es sind 12. Wir haben Brownies gegessen, eine Backmischung, die die beiden mir in einem Glas zum Geburtstag geschenkt haben und die ich jetzt endlich gemacht habe. Außerdem haben wir Stadt, Land, Fluss gespielt. Allerdings mit anderen Kategorien. Es gab nicht Stadt, Land, Fluss, dafür aber ein Wort auf Deutsch, Bulgarisch, Englisch, Türkisch und Französisch. Ganz schön kompliziert. Dann haben wir noch heads up gespielt.

Es ist wirklich witzig mit dem Sitz mit zu wippen. Ich bin einmal durch den gesamten Zug gelaufen, habe aber leider kein eigenes Abteil ergattern können. Langsam bekomme ich Hunger. Ich bin gespannt auf Paulas Wohnung. Über das Badezimmer habe ich schon viele Geschichten gehört.

Jetzt arbeite ich noch ein wenig an meinen Projekten, die ich mir im Moment überlege. Oder, die sehr viel wahrscheinlichere Option: ich schaue einfach ein bisschen aus dem Zugfenster in die Schwärze, höre Musik begleitet vom Zugrattern und genieße es.

So, es erfolgt eine Ergänzung zwei Tage später. Kurz nachdem ich meinen Laptop im Zug ausgemacht habe, bin ich das erste Mal zu früh ausgestiegen. Dabei habe ich noch daran gedacht, wie viel Glück ich bisher hatte, dass ich immer richtig war. Da stand ich also an einem winzigen Bahnhof ein wenig orientierungslos in der Gegend herum. Dank meiner tollen Bulgarischskills konnte ich zumindest den Bahnmitarbeitern am Bahnhof verständlich machen, dass ich nach Sliven möchte und am falschen Bahnhof ausgestiegen bin. Also durfte ich mich zu ihnen in den Kontrollraum setzen, habe meine wenigen bulgarischen Sätze aufgesagt und per Funk wurde durchgegeben, dass der nächste Zug nach Sliven doch bitte an der Station halten soll. Ich war super erleichtert. Mein Rucksack wurde mir sogar noch bis in den Zug hinterhergetragen und alle Leute im Zug haben neugierig geschaut, weshalb der Zug den gestoppt hat.

Im richtigen Zug musste ich dann vor Erleichterung über mein kleines Abenteuer sehr lachen.

In Sliven angekommen, habe ich gleich Paula davon erzählt und wir hatten wie immer viel Spaß.

Im Dunkeln sieht Sliven sehr nach Shumen aus, aber nach einem geselligen Abend und einem absolut stürmischen nächsten Morgen kam am Mittag die Sonne raus und brachte die Berge von Sliven zur Geltung. So schön. Eine Schande, dass ich die ganze Zeit vor dem Computer sitzen muss und dabei die Berge sehen kann. Vor allem wenn man total durchnässt ist vom Regen, ist es wirklich nicht angenehm in einem kalten Klassenzimmer zu sitzen und dort aufmerksam zuzuhören.

Von Paula haben wir noch nachts eine free walking tour bekommen und staunend die „alte Ulme“ betrachtet.

Über Paulas Bad haben wir auch unsere Witze gerissen. Generell wurde bisher viel gelacht.

Heute ist Dienstag und der zweite Seminartag ist rum. Es ist sehr gut, mal wieder zum Reflektieren angeregt zu werden, aber auch anstrengend so lange Zeit vor dem Bildschirm zu sitzen. Jetzt können wir alle unsere Schüler besser verstehen. Zum Glück können wir uns analog auch noch austauschen und haben ein paar sehr gute Gespräche geführt. Trotzdem bin ich absolut fertig, zu wenig schlaf.

 

Human of Shumen

1300 Jahre Bulgarien

Hallo! Ich heiße Preslav. Ich bin 17 Jahre alt und ich lebe in Central Shumen. Von meinem Zimmer aus sehe ich direkt das große massive Denkmal „Schöpfer des bulgarischen Staates“. Dieses Denkmal ist seit seiner Errichtung ein Symbol der Stadt geworden. Jeder Shumen-Bewohner ist stolz auf das Denkmal. Dieses Denkmal, auch bekannt als „1300 Jahre Bulgarien“, ist zweifellos ein architektonischer Komplex, der sowohl für die Stadt als auch für das bulgarische Volk und den bulgarischen Staat von Bedeutung ist. Auch ist es eine der Hauptattraktionen der Stadt.

Die Menschen sind an dieses Denkmal gewöhnt. Sie sehen es jeden Tag, aber über die Geschichte des Denkmals ist wenig bekannt, wie alles begann. Die „Schöpfer des bulgarischen Staates“, auch bekannt als „1300 Jahre Bulgarien“, sind ein architektonischer Komplex, der dem 1300. Jahrestag der Gründung des bulgarischen Staates gewidmet ist. Das Denkmal befindet sich im höchsten Teil der Donauebene – dem Shumen-Plateau – 450 Meter über dem Meeresspiegel und erhebt sich über der Stadt Shumen. Es wurde im November 1981 eröffnet.

Das Denkmal aus dem Zentrum von Shumen

Mit Beschluss vom 23. März 1977 beschloss das Büro des Ministerrates, ein Denkmal zu errichten, das dem bevorstehenden 1300. Jahrestag der Bildung des ersten bulgarischen Staates gewidmet ist. Zu diesem Zweck wurden im Mai 1978 die konzeptionelle Aufgabe, die Auszeichnungen und die Zusammensetzung der Jury bekannt gegeben, die bestimmen sollten, welcher der Antrag stellenden Verbände das geplante Denkmal errichten sollte. Der Wettbewerb fand in zwei Phasen statt.

Das ausgezeichnete Projekt in der ersten und zweiten Runde des Wettbewerbs für das Denkmal “ 1300 Jahre Bulgarien“ in Schumen ist das Werk eines Autorenteams bestehend aus: arch. Blagoy Atanasov, die Bildhauer: Krum Damyanov, Ivan Slavov, ing. Vladimir Stamov.

Anschließend schloss in die Arbeit mit dem Team arch ein. Aneta Kamenova – Bulant, als Mitautorin der Annäherung an das Denkmal, arch. Georgi Gechev für die Entwicklung der Arbeitsgestaltung des Denkmals, die Künstler: Simeon Venov und Vladislav Paskalev, ing. Preslav Hadzhov und ing. Alexander Vassilev.

In den kalten Herbst-Winter-Tagen 1979-1980 wurden 1.000 Bohrlöcher gebohrt, um die Gesteinsmassen in die Luft zu jagen. In einem von ihnen wurde am 31. Januar 1979, wo heute Simeons Komposition steht, eine Kapsel mit einem Testament für zukünftige Generationen gebaut. Die Feier zu diesem Anlass begann mit einem Klingeln. Der Text des Testaments wurde von dem Schauspieler Bogomil Simeonov gelesen.

Das Denkmal wurde am 28. November 1981 eingeweiht. – einige Monate nach dem Tod des Ideologen für die Schaffung dieses Denkmals Lyudmila Zhivkova Kulturminister zu dieser Zeit.

Das Denkmal bildet wichtige Momente der bulgarischen Geschichte vom 7. bis zum 10. Jahrhundert nach. Es besteht aus 8 Betonkörpern, die zwei Halbsäle bilden.

Die Komposition enthält Figuren der bulgarischen Herrscher Asparuh, Tervel, Krum, Omurtag, Boris I und Simeon I. Die größte Skulptur ist dem Schöpfer des bulgarischen Staates gewidmet – Khan Asparuh , der sein Schwert in den Boden sticht und spricht die Worte aus: „Bulgarien wird hier sein! „Unter diesem Himmel, auf dieser Erde.“

Khan Asparuh

Auf einer Höhe von 18 Metern daneben befinden sich die Statuen von Tervel, Krum und Omurtag – die Herrscher, die den bulgarischen Staat als Macht etabliert haben. Um sie herum sind Auszüge aus alten byzantinischen Chroniken abgebildet. Khan Tervel (701 – 721) war der erste bulgarische Diplomat. In der Mitte der Komposition befindet sich die Figur von Khan Krum (803 – 814), der der erste bulgarische Stratege und Gesetzgeber war. Rechts die Skulptur von Khan Omurtag (814-831), bekannt als Baumeister und Philosoph. Es gelang ihm, dem bulgarischen Volk einen 30-jährigen Friedensvertrag mit Byzanz ab 815 zu sichern. Omurtags geschnitzte Worte in der Galerie „Auch wenn ein Mensch gut lebt, stirbt er und ein anderer wird geboren, lassen Sie den später Geborenen, der diese Schrift sieht, Denken Sie daran, für den, der sie gemacht hat. “sind weithin bekannt und werden bis heute zitiert.

Khan Tervel, Khan Krum, Khan Omurtag

Die nächste Statue ist von Prinz Boris I., der einen historischen Verdienst bei der Einführung des christlichen Glaubens in Bulgarien im Jahr 864 hat.

Prinz Boris der Erste

In der Halle „Goldenes Zeitalter“ nimmt die Skulptur des Zaren Simeon einen zentralen Platz ein, da er Bulgarien während seiner Regierungszeit von 893 bis 927 zu einem der größten europäischen Länder machte und es schaffte, das bulgarische Territorium auf drei Meere zu vergrößern: Schwarzes, Ägäis und Adria Meer. Bulgarien befand sich in einem beispiellosen wirtschaftlichen, kulturellen und spirituellen Wohlstand und diese Periode seiner Geschichte ist als „Goldenes Zeitalter“ für den bulgarischen Staat bekannt. Hat ein solides Fundament betreten und ein reiches Erbe angenommen.

In der Halle „Goldenes Zeitalter“ befinden sich neben der Figur von Simeon die von Clemens, Nahum und Angelarius, Bojaren und Kriegern. Die Komposition sollte die Idee der fortschreitenden Entwicklung des Staates darstellen.

Zar Simeon, Clemens, Nahum und Angelarius

Das erste Panel präsentiert die Runenschrift, die „Merkmale und Schnitte“ der Proto-Bulgaren, unter denen das Zeichen der Tangra hervorsticht. Das zweite Feld zeigt das glagolitische Alphabet und das dritte Feld zeigt das kyrillische Alphabet.

Die Gesichter der in der zweiten Tafel dargestellten Figuren haben einen unglücklichen Ausdruck. Dies zeigt, dass die Annahme des Christentums nicht ohne Widerstand verlief.

Die dritte Tafel zeigt die Brüder Cyril und Methodius, ihre Schüler Nahum, Clemens, Angelarius, Sava und Gorazd sowie die Schriftsteller und Erbauer von Simeons Goldenem Zeitalter.

Die Verbindung zwischen der Stadt Shumen und dem Denkmal besteht aus 1300 Stufen, die nachts von hohen Spiralkörpern beleuchtet werden. Dreizehn Standorte werden in unterschiedlichen Entfernungen gebildet. Die Gasse beginnt beim des Dramatheaters „Vasil Drumev“ mit vier Greifen.

Das Denkmal ist für Besucher jederzeit zugänglich.

 

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