{"id":316,"date":"2015-02-26T17:41:04","date_gmt":"2015-02-26T16:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/?p=316"},"modified":"2015-02-26T17:41:04","modified_gmt":"2015-02-26T16:41:04","slug":"auf-zu-neuen-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/2015\/02\/26\/auf-zu-neuen-perspektiven\/","title":{"rendered":"Auf zu neuen Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>Es fiel mir ganz sch\u00f6n schwer, sechs Monate in zwei Koffer zu packen. Genau so schwer f\u00e4llt es mir jetzt, die richtigen Worte f\u00fcr diese bewegte Zeit zu finden. Ich habe viel gesehen, viel erlebt und vor Problemen gestanden, die wir hierzulande so nicht kennen. Es ist eine andere Welt, in die ich f\u00fcr ein halbes Jahr eintauchen durfte. Das h\u00f6rt sich erst einmal nicht so lang an, doch ist es weitaus komplexer als nur ein einfacher Touristenbesuch, der das Standardprogramm von Sehensw\u00fcrdigkeiten, antiker Kunst und Zeitgeschichte aufweist. China ist mehr als das Land, das wir in unseren K\u00f6pfen formen und dem wir abendlich im Fernsehen auf Arte und 3sat unsere Aufmerksamkeit schenken, wenn mal wieder \u00fcber traditionelle chinesische Tempelanlagen oder die Terrakotta-Armee berichtet wird. Dass H&amp;M, Primark und Co billig in diesem Land ihre Kleidung produzieren und wir dann am Ende einen Bikini oder eine Badehose mit der Aufschrift Made in China kaufen, macht es uns auch nicht vertrauter. So entsteht ein Bild, das malerisch vollendet doch perspektivisch eingeschr\u00e4nkt scheint. Nicht auf die mediale Unterst\u00fctzung zu vertrauen, sondern sich selbst ein Bild davon zu machen, dazu haben einige junge Leute die Chance, nutzen diese jedoch nicht und andere haben nicht die Mittel, w\u00fcrden es aber gerne tun. Umso dankbarer bin ich, dass ich in ein fernes Land schweifen, eine mir bisher fremde Kultur entdecken und neue inspirierende Menschen kennenlernen durfte, um mein Abendprogramm im Fernsehen selbst zu bestimmen. Wenn die Sommermonate wieder anbrechen, die Folienkartoffeln in die hei\u00dfe Glut gelegt werden und der Kn\u00fcppelteig \u00fcber dem Feuer h\u00e4ngt, dann werde ich mich zur\u00fcckerinnern an die gro\u00dfartige chinesische Mauer und den Sommerpalast, der mich bis heute begeistert. Aber auch an Qingdao, das kleine Italien an Chinas Westk\u00fcste und an Wuhan, dass wohl zu meiner zweiten Heimat geworden ist. So werde ich dort sitzen und dann wird mich das Gef\u00fchl einholen, dass eine Wandlung stattgefunden hat. Eine Wandlung, mit der ich so vorher nicht gerechnet h\u00e4tte. Es ist, als h\u00e4tte ich jahrelang durch eine schmutzige Brille geschaut, bei der mir das Putztuch immer wieder abhanden gekommen war. Die Probleme, mit denen wir uns hierzulande manchmal umgeben, sind keine. Zumindest keine schwerwiegenden &#8211; es sind Luxusprobleme. Versp\u00e4tete ICE\u00b4s, das nie endende Werk der Elbphilharmonie oder der immer \u00e4lter werdende, aber trotzdem nicht er\u00f6ffnete, Hauptstadtflughafen BER. In China fahre ich jeden Abend, inzwischen mit einem dicken Schal, einer dicken M\u00fctze und w\u00e4rmenden Handschuhen, an einer kleinen Stra\u00dfe vorbei und schaue um mich. Es liegt ein kleiner, zerr\u00fctteter Mann unter einer Treppe, die ihm Schutz bietet. Sein K\u00f6rper liegt auf einer Schaumstoffmatratze. Die w\u00e4rmende Decke \u00fcber ihm. Daneben seine Gehhilfe, ein Metallbecher und ein Pappschild. Dieser Mann hat ein Problem, denn er wei\u00df nicht, ob er die Nacht bei diesen eisigen Temperaturen \u00fcberstehen wird. Dieses Szenario ist weit in der Welt verbreitet, doch geht es uns hier in Europa eigentlich ganz gut, oder? Das ist meine Revuevorstellung. Ungesch\u00f6nt und wahr. Es gibt hier beides &#8211; genau so wie \u00fcberall in der Welt. Wir bestimmen, was wir sehen wollen und was wir \u00fcberh\u00f6ren. Und wenn mich dann eines Tages doch jemand danach fragt, wie China f\u00fcr mich eigentlich war, dann w\u00fcrde ich ihn fragen, ob er etwas Zeit mitgebracht hat, denn diese Antwort ist nun aus unterschiedlichen Perspektiven komplex. Die Zeit ist abschlie\u00dfend auch noch einmal ein gutes Stichwort. William Somerset Maugham hat einmal gesagt, dass die Zukunft etwas ist, das die meisten Menschen erst lieben, wenn es Vergangenheit geworden ist. Jeden Moment zu leben, f\u00fcr etwas Zeit zu haben und sich auf eine Sache vollst\u00e4ndig konzentrieren zu k\u00f6nnen, dass habe ich w\u00e4hrend dieser Zeit auch sch\u00e4tzen gelernt. Kontroverser und \u00fcberspitzer h\u00e4tte der Kontrast zwischen meinen Begegnungen in den letzten paar Monaten nicht sein k\u00f6nnen. Ich habe die Menschen getroffen, die in den Sweatshops an den N\u00e4hmaschinen sitzen und deren Lohn der Grund daf\u00fcr ist, weshalb wir uns f\u00fcr 9,90 Euro ein T-Shirt kaufen k\u00f6nnen. Genau so sind mir Menschen begegnet, die schon alles in ihrem Leben erreicht haben. Letztlich sind Beijing, Qingdao, Wuhan und Shanghai meine Stationen im Reich der Mitte gewesen. An jedem Gleis traf ich andere Leute, andere Geschichten, machte andere Bilder. Jetzt liegt es an mir, welches Bild ich behalte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt gilt es in Deutschland anzukommen, die Perspektive zu wechseln und nach vorn zu blicken. Ich freue mich auf das Kommende, blicke aber auch mit voller Freude auf das letzte Jahr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dieser Blog wird erhalten bleiben und vielleicht auch eines Tages fortgesetzt, wenn ich dahin zur\u00fcckkehre wo alles angefangen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein letztes Mal liebe Freunde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>gehabt euch wohl und bis bald!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Euer Darius<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/files\/2014\/12\/DSC_0840.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-205\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/files\/2014\/12\/DSC_0840-300x199.jpg\" alt=\"DSC_0840\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/files\/2014\/12\/DSC_0840-300x199.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/files\/2014\/12\/DSC_0840-750x498.jpg 750w, https:\/\/kulturweit.blog\/dariusmeetschina\/files\/2014\/12\/DSC_0840.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es fiel mir ganz sch\u00f6n schwer, sechs Monate in zwei Koffer zu packen. 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