{"id":784,"date":"2016-07-15T15:22:46","date_gmt":"2016-07-15T13:22:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/comeawaywithme\/?p=784"},"modified":"2016-07-15T15:22:46","modified_gmt":"2016-07-15T13:22:46","slug":"fuenf-gespraeche-zwischen-mara-und-der-patriotin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/comeawaywithme\/2016\/07\/15\/fuenf-gespraeche-zwischen-mara-und-der-patriotin\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Gespr\u00e4che zwischen Mara und der Patriotin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gespr\u00e4ch 1, sp\u00e4tabends w\u00e4hrend einer Supra im Restaurant<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Mara: Ich habe genug f\u00fcr heute, Leute. Ich bin raus.<\/p>\n<p>Unlustige Person: Machst du jetzt eine auf Nonne oder was?<\/p>\n<p>Mara, gekonnt ignoriert zur Patriotin: Ich will endlich eure Gastfreundschaft verstehen. Erz\u00e4hl doch mal.<\/p>\n<p>Die Patriotin: Wir passen auf unsere G\u00e4ste auf. Es passiert nie was.<\/p>\n<p>Mara: Und ihr ladet sie immer und immer wieder ein, selbst wenn ihr sie gar nicht kennt. Das wird&#8230;<\/p>\n<p>Die Patriotin unterbricht: Wir haben doch dieses Sprichwort: Man kennt sich dann, wenn man zusammen getrunken hat.<\/p>\n<p>Mara: Ich wei\u00df. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Das wird auf die Dauer doch ein bisschen anstrengend und irgendwie auch zwanghaft, oder nicht?<\/p>\n<p>Die Patriotin: Nein, das ist uns eine Ehre. Der Gast ist ein Geschenk Gottes. Die Tore sind immer offen auf den D\u00f6rfern. Da passiert nichts, da ist Vertrauen da. Die Familien, die die Tore zu machen, die sind fertig. Die Familien, die keine G\u00e4ste bekommen, sind nichts.<\/p>\n<p>Mara: Das ist hart.<\/p>\n<p>Ein paar Augenblicke vergehen ehe die Patriotin wieder von ihrem Weinglas aufblickt.<\/p>\n<p>Die Patriotin: In den 90er Jahren habe ich eine schwere Zeit erlebt. Wir hatten kein Essen. Aber das ganze Dorf wusste, dass G\u00e4ste zu uns kommen. Und sie haben uns Essen gebracht. Die G\u00e4ste bekommen alles. Das bedeutet nicht, dass die Familie so viel hat.<\/p>\n<p>Mara: Aber warum ist das so?<\/p>\n<p>Die Patriotin: Ich kann nicht erkl\u00e4ren warum das so ist. Das ist so.<\/p>\n<p>Mara, es ist so sp\u00e4t, sie darf ehrlich sein: Irgendwie auch gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>Gespr\u00e4ch 2, Mara hat eine Rose geschenkt bekommen und sitzt mit der Patriotin in der Metro<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ein vierj\u00e4hriges M\u00e4dchen Maras Rose haben will, nicht locker l\u00e4sst und nicht mal das Geld der Patriotin annehmen will, gibt Mara dem Kind ihre Rose. Alle Menschen im Abteil sehen verst\u00e4ndnislos zu. Ein Mann kommt zur Patriotin und sagt etwas zu ihr, woraufhin sie schmunzeln muss.<\/p>\n<p>Mara neugierig: Was hat der Mann gesagt?<\/p>\n<p>Die Patriotin: Er hat sich entschuldigt. Und gesagt, dass er sich sch\u00e4mt und dass Georgier so etwas nie machen w\u00fcrden. Weil er wei\u00df, dass du nicht von hier bist, wollte er, dass ich dir die Situation erkl\u00e4re. In letzter Zeit gibt es immer mehr Zigeuner hier. Sie sind sehr frech geworden, rei\u00dfen Essen aus deinen H\u00e4nden, schlafen auf der Stra\u00dfe, schicken ihre Kinder in Caf\u00e9s, um Leute anzubetteln. Einmal war Betteln in diesem Land verboten. Wie auch immer, er meinte, dass es ihm leid tut. Wei\u00dft du, auch wenn diese M\u00e4nner manchmal ganz anstrengend sind, sie sind immer da. Man braucht keine Angst haben, wenn man durch die Stadt l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Gespr\u00e4ch 3, Mara und die Patriotin fahren an den Fl\u00fcchtlingslagern vor S\u00fcdossetien vorbei<\/strong><\/p>\n<p>Die Patriotin: Wei\u00dft du eigentlich, warum die Russen versuchen hier immer weiter vorzudringen?<\/p>\n<p>Mara: Erz\u00e4hl.<\/p>\n<p>Die Patriotin: Durch Georgien, Aserbaidschan und die T\u00fcrkei verl\u00e4uft eine \u00d6l-Pipeline, vom kaspischen Meer bis an die Ostk\u00fcste. Die Russen wollen da dran und Europa abh\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p>Mara: Dazu stand auch was in meinem Buch. Warte mal, ich habe es dabei. Hier: \u201eWie in vielen Jahrhunderten zuvor befindet sich Georgien im Schnittpunkt der strategischen Interessen rivalisierender Gro\u00dfm\u00e4chte und ihrer Verb\u00fcndeten. Was einst die Seidenstra\u00dfe und die lukrative Kontrolle der Handelsstr\u00f6me waren, sind heute die Pipelines durch welche Gas und \u00d6l aus Aserbaidschan und Mittelasien \u00fcber Georgien in die T\u00fcrkei gepumpt werden. Georgien ist nicht mehr und nicht weniger als eine politische Trumpfkarte in diesem Konflikt, in dem sich Pr\u00e4sident Saakashvili eindeutig auf die Seite der USA stellte.\u201c Apropos Saakashvili. Es sind doch bald Parlamentswahlen, im Oktober 2016. Ich habe <a href=\"http:\/\/georgiatoday.ge\/news\/3869\/Former-President-Saakashvili-Announces-His-Return-to-Georgia\">gelesen,<\/a> dass Saakashwili zur\u00fcckkommen will. Was denkst du \u00fcber ihn?<\/p>\n<p>Die Patriotin: Er war verr\u00fcckt, ja. Seine Pr\u00e4sidentschaft war trotz bedeutender Erfolge von Anfang an umstritten. Doch er hat viel gemacht gegen Russland. Der Krieg war schrecklich, aber er musste sein. Damit Deutschland und die USA mal sehen, was Russland anrichten kann. Und er brachte den Amtsmissbrauch im Justizwesen und Strafvollzug zu Fall. Die Geh\u00e4lter der Sicherheitskr\u00e4fte wurden wesentlich angehoben und gegen die meisten korrupten Politiker und Gesch\u00e4ftsleute Verfahren eingeleitet. Und heute frage ich mich: Was macht unsere Regierung eigentlich? Haben wir \u00fcberhaupt eine? Seit 2012 ist der \u201eGeorgische Traum\u201c die st\u00e4rkste Fraktion im Parlament. Das ist ein B\u00fcndnis aus sechs Parteien. Sie haben nicht mal ein Programm. Initiator war Iwanischwili. Du kennst ihn doch, der Milliard\u00e4r, dem die h\u00e4ssliche Villa am botanischen Garten geh\u00f6rt. Manche Leute sagen, dass er von den Russen geschickt wurde.<\/p>\n<p>Mara: Kannst du eigentlich Russisch?<\/p>\n<p>Die Patriotin: Ja, aber ich will es nicht sprechen.<\/p>\n<p><strong>Gespr\u00e4ch 4, oder eher ein Monolog, bei der Patriotin zu Hause auf dem Sofa<\/strong><\/p>\n<p>Mara: Sag mal, gibt es eigentlich viele Alkoholiker in Georgien?<\/p>\n<p>Die Patriotin, schweift wie so oft, ein bisschen vom Thema ab: Ach, ich wei\u00df\u00a0nicht, Mara. Aber ich habe noch nie gesehen, dass man einfach so, wie bei euch, ein Glas Wein trinkt. Nur wenn G\u00e4ste kommen, wird getrunken. Die Leute, die einfach nur trinken, verdienen keinen guten Wein. Mein Papa hat zum Beispiel vier Sorten Wei zu Hause: Eine f\u00fcr Menschen, die einfach nur trinken, eine f\u00fcr gute Menschen, eine f\u00fcr G\u00e4ste und eine f\u00fcr besondere G\u00e4ste. Und wenn G\u00e4ste kommen, dann machen wir eine sch\u00f6ne Party, ganz gem\u00fctlich, und sind gl\u00fccklich. Du wei\u00dft ja, wir feiern gern. Denn ich wei\u00df\u00a0doch nicht was morgen ist. Ich lebe heute.<\/p>\n<p><strong>Gespr\u00e4ch 5, Mara und die Patriotin sitzen mit der Pessimistin im Auto<\/strong><\/p>\n<p>Die drei stehen an der Ampel. Von hinten kommt ein Auto, f\u00e4hrt auf die Gegenspur und will sich einreihen. Die Pessimistin l\u00e4sst das Fenster herunter und sagt etwas zu dem Fahrer.<\/p>\n<p>Mara: Was hast du gesagt?<\/p>\n<p>Die Pessimistin: Ich habe ihn nochmal daran erinnert, dass es sich hier um eine zweispurige Stra\u00dfe handelt.<\/p>\n<p>Die Ampel sptingt auf gr\u00fcn und sie fahren weiter.<\/p>\n<p>Die Pessimistin: Ich glaube in einem fr\u00fcheren Leben habe ich in Deutschland gelebt. Ich f\u00fchle mich dort so wohl. Keine Umweltverschmutzung, die Leute sind nicht faul oder egoistisch, man h\u00e4lt sich an Regeln. Es ist alles so sch\u00f6n ruhig und geordnet dort. Wenn ich jung w\u00e4re, w\u00fcrde ich sofort hier weg. Die Jugend hat hier keine Perspektive. Du wei\u00dft doch, wie wenig wir verdienen. Fast alle Lehrer haben mindestens noch einen anderen Job. In den Ferien und am Wochenende m\u00fcssen wir auch arbeiten. Manchmal fragt mich mein Sohn, warum er denn zur Uni gehen m\u00fcsse, wenn es keine Jobs gibt und alles \u00fcber Beziehungen l\u00e4uft. Ich will ihn nach Deutschland schicken. Dort kann er sehen wie man leben kann, wie man leben muss. Nicht umsonst geht es den Deutschen so gut, sie sind flei\u00dfig, sie k\u00f6nnen ihr Freizeit gestalten. Hier h\u00e4ngen alle nur herum. Die Jugendlichen sind so unselbstst\u00e4ndig. Und die Erwachsenen sind auch nicht besser. Alle definieren sich \u00fcber Kleidung und Autos. Selbst wenn das Kind nur zwei Minuten von der Schule entfernt wohnt, kommt es mit dem Taxi, weil es sonst hei\u00dft, die Familie k\u00f6nne es sich nicht leisten. Du kennst doch die Eltern der Sch\u00fcler. Solche Leute sitzen in Ministerien und verstehen die einfachsten Dinge nicht.<\/p>\n<p>Danach sprach die Pessimisten von den Dingen, die sie machen w\u00fcrde, wenn es ihr und Georgien besser gehen w\u00fcrde. \u201eGeorgien\u201c klang aus ihrem Mund, wie ein ungepflegter, verlorener Sohn, der irgendwo bei Kutaissi aufs Internat ging und ein paar Probleme in der Schule hatte.<\/p>\n<p>Die Patriotin: Nat\u00fcrlich geht es unserem Land nicht super gut. Aber der Tourismus hat viel gebracht. Ja, wir haben wirtschaftliche Probleme.. Und viele, viele Menschen fl\u00fcchten in die Stadt. Doch da gibt es doch noch mehr. Das Lebensgef\u00fchl, die Natur, die Gastfreundschaft, die Herzlichkeit. Die Menschen interessieren sich f\u00fcreinander, sie k\u00fcmmern sich. Georgien ist ein verdammt charmanter Kerl, der hoffentlich ganz bald der EU beitritt und damit ein ganz gro\u00dfes Ding am Start h\u00e4tte. Langsam, langsam schaffen wir das.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch 1, sp\u00e4tabends w\u00e4hrend einer Supra im Restaurant \u00a0Mara: Ich habe genug f\u00fcr heute, Leute. Ich bin raus. Unlustige Person: Machst du jetzt eine auf Nonne oder was? Mara, gekonnt ignoriert zur Patriotin: Ich will endlich eure Gastfreundschaft verstehen. Erz\u00e4hl doch mal. Die Patriotin: Wir passen auf unsere G\u00e4ste auf. Es passiert nie was. 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