{"id":183,"date":"2015-10-17T17:01:36","date_gmt":"2015-10-17T15:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/comeawaywithme\/?p=183"},"modified":"2016-06-24T19:14:20","modified_gmt":"2016-06-24T17:14:20","slug":"zwischen-weinreben-trinkspruechen-und-toten-ziegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/comeawaywithme\/2015\/10\/17\/zwischen-weinreben-trinkspruechen-und-toten-ziegen\/","title":{"rendered":"Zwischen Weinreben, Trinkspr\u00fcchen und toten Ziegen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/930k4726v7vy0zu\/Kachetie-Weinernte.wmv?dl=0\">Fotos<\/a> gibt es hier zu sehen. Der Speicherplatz ist voll&#8230; :D<\/p>\n<p>Einer der sch\u00f6nsten Festtage in Georgien ist die traditionelle Traubenernte im Herbst.\u00a0 Wein und Georgien, das sind ja sowieso zwei unzertrennliche Worte. Das Land gilt als die Wiege des Weins und selbst die Mutter Georgiens, im Volksmund &#8222;Kartvlis Deda&#8220;, die stolz \u00fcber Tiflis trohnt, h\u00e4lt in der rechten Hand ein Schwert gegen Feinde und in der linken eine Schale voll Wein zur Begr\u00fc\u00dfung von Freunden.<\/p>\n<p>Ein Sprichwort besagt, dass guten Wein nur Menschen herstellen k\u00f6nnen, die in ihn verliebt sind oder einen guten Charakter haben. Das hat sich auf meiner Reise ins Sonnenland Kachetien, dem Zentrum des Weinbaus &#8211; dort, wo die gr\u00f6\u00dften Weing\u00e4rten Georgiens liegen und jeder Bauer ein Winzer ist &#8211; allemal best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Meine Kollegin Nino hat Lisa*, ihren Besuch* und mich zur Weinernte aufs Dorf ihrer Eltern eingeladen. Nachbarn, entfernte Verwandte, Kollegen, Ninos Eltern, ihr Bruder Girogi, seine Frau Kathrin aus Deutschland und ihre gemeinsamen sechs Kinder* versammelten sich bei blauem Himmel zwischen den Reben zur Traubenernte. Mit der Maschine w\u00fcrde der Wein ja an Lebendigkeit verlieren und er ist nicht nur Teil der georgischen Seele, sondern praktisch die Visitenkarte einer Familie, so wird mir erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Fix und fertig von der Arbeit, sind wir zum Hof gefahren. Dort haben wir die Trauben mit einer Walzm\u00fchle ausgepresst. Der Saft wird zusammen mit der Maische in Amphoren aus Ton geleitet, den so genannten &#8222;Kvevri&#8220;. Ich durfte die georgische Methode der Weinherstellung*, die seit 2013 \u00fcbrigens zum UNESCO Weltkulturerbe z\u00e4hlt, hautnah miterleben und sogar selbst mal das Holzrad bet\u00e4tigen. Nebenbei wurde noch eine Ziege gesch\u00e4chtet; das war gar nicht so ohne&#8230; Bilder f\u00fcr Mutige gibt es hier zu sehen: <a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/sh\/xp6jqmp7471p7h6\/AAA9BjxqPPSkpVdPRjNH319qa?dl=0\">Sch\u00e4chtung einer Ziege in Kachetien<\/a>.<\/p>\n<p>\u00dcber der Feuerstelle wurde aus dem Fleisch eine Suppe mit Koriander und Chili gekocht. &#8222;Davon was essen? \u00c4hm, vielleicht mal probieren&#8230;&#8220; &#8211;\u00a0 Eigentlich h\u00e4tte ich ja nicht mal das gemacht, w\u00e4re da nicht diese wunderbar gastfreundliche Familie gewesen. Nicht, weil ich die Ziege noch lebendig gesehen habe &#8211; das war nat\u00fcrlich kein Ding f\u00fcrn King. (; Nee, mal ehrlich der Moment des T\u00f6tens war schon heftig, aber es ging ziemlich schnell, dass ich in der eben noch so s\u00fc\u00dfen Ziege ein St\u00fcck Fleisch gesehen habe, das nur noch tot dah\u00e4ngt. Einfach weil ich mir den Geschmack sehr streng vorgestellt habe. Aber Gefallentun lohnt sich halt manchmal. Die Suppe war eins der besten Gerichte, die ich bis jetzt hier gegessen habe ; und das soll in Georgien schonmal was hei\u00dfen! Definitiv auch was f\u00fcr mein Schwesterherz &#8211; gar nicht z\u00e4h, intensive Br\u00fche und das Wichtigste: ganz viel Fett. (:<\/p>\n<p>Die Tafel war nat\u00fcrlich noch mit viel mehr gedeckt &#8211; am bedeutendsten nat\u00fcrlich der Wein und georgischer &#8222;Federwei\u00dfer&#8220; &#8211; nur nicht wei\u00df, sonder rot. Und schon ging es los mit der Trinkspruchtradition:<\/p>\n<p>Der sogenannte &#8222;Tamada&#8220; \u00fcbernimmt mit meisterhaftem Wortaufgebot die Aufgabe der Tischf\u00fchrung. Sich verloren oder fehl am Platz f\u00fcheln? Nope, jeder wird integriert. Stehend und mit erhobenem Glas spricht er im Laufe des Abends &#8211; oder besser gesagt: am laufenden Band &#8211;\u00a0 verschiedene Segensw\u00fcnsche auf Gastgeber, Verstorbene, Eltern, Kinder, G\u00e4ste, Freunde, den Frieden und, und, und. Im Anschluss daran erhebt meistens jeder Anwesende nacheinander sein Glas, um eigenen Worte zu diesem Thema zu finden &#8211; das ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger: immer wieder sein Glas leeren, ohne dabei betrunken zu werden. Vor jedem georgischen Prost werden die Gl\u00e4ser n\u00e4mlich aufs neue gef\u00fcllt. Will man nicht trinken, l\u00e4sst man sich trotzdem einschenken und nippt eben nur symbolisch ein Schl\u00fcckchen. Frauen haben es da allemal leichter!<\/p>\n<p>Die Georgier verstehen Wein \u00fcbrigens nicht als Alkohol: Der georgische Tisch ist eine Art Fortsetzung der kirchlichen Liturgie &#8211; was nicht in den Segenskanon der Kirche geh\u00f6rt, wird hier ausgesprochen. Das traditionelle Kreuz der georgisch-orthodoxen Kirche stellt, by the way, verbundene Weinreben dar. Auch die Sch\u00f6pfungssage ist zum Schmunzeln: Es hei\u00dft, dass die Georgier zu sp\u00e4t kamen, als Gott das Land unter den V\u00f6lkern verteilte. Erfreut dar\u00fcber war er nicht gerade, doch als das kleine V\u00f6lkchen erkl\u00e4rte, es habe bis zum Morgengrauen mit gutem Wein gefeiert, um dabei Gott zu preisen, wurde ihnen verziehen. Und mehr als das: Gott fand Gefallen an ihrem Charme und an ihrer Fr\u00f6hlichkeit und schenkte ihnen den Flecken Erde, den er eigentlich f\u00fcr sich selbst reserviert hatte, sprich das sch\u00f6nste Land.<\/p>\n<p>Unterm Strich: Ein ritueller Sonntag mit bodenst\u00e4ndiger, traditioneller K\u00fcche, ganz nah am Volk und in einer wunderbaren Familie, frei nach dem Motto &#8222;Der Gast ist ein Geschenk Gottes&#8220;.<\/p>\n<p>Definitiv mein neuer Lieblingstag!<\/p>\n<p>*Lehrerin aus Deutschland, die an der 1. Experimentalschule \u00fcber das ZfA eingesetzt ist<br \/>\n*Drei Lehrer, die Lisa aus ihrer Studienzeit kennt und in K\u00f6ln und Umgebung unterrichten<br \/>\n*Sprechen alle flie\u00dfend Deutsch und Georgisch, da sie vor zwei Jahren von Stuttgart nach Tiflis gezogen sind &#8211; naja, sofern sie schon sprechen k\u00f6nnen; beim Anblick der Zwillinge musste ich oft an Leonie und Maximilian denken (:<br \/>\n*Daneben gibt es noch das j\u00fcdische und europ\u00e4ische Verfahren<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fotos gibt es hier zu sehen. Der Speicherplatz ist voll&#8230; :D Einer der sch\u00f6nsten Festtage in Georgien ist die traditionelle Traubenernte im Herbst.\u00a0 Wein und Georgien, das sind ja sowieso zwei unzertrennliche Worte. 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