{"id":732,"date":"2016-07-27T11:10:49","date_gmt":"2016-07-27T15:10:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/?p=732"},"modified":"2016-07-31T17:59:47","modified_gmt":"2016-07-31T21:59:47","slug":"scham-und-wut-fair-berichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/2016\/07\/27\/scham-und-wut-fair-berichten\/","title":{"rendered":"Scham und Wut &#8211; &#8222;Fair-Berichten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich relativ plakativ und flach \u00fcber das nicht-Erhalten eines Visums f\u00fcr Bolivien beschwert. Das m\u00f6chte ich gerne zur\u00fccknehmen, das war nicht richtig. Es ist mir mittlerweile peinlich. Es geht aber um mehr. Ich m\u00f6chte niemanden allzu hart auf die Schuhe treten, aber versuchen einen Dialog anzusto\u00dfen.<\/p>\n<p>Der wohl am priviligierteste Pass der Welt, jener der EU und Deutschlands, hat mir nicht seine <em>angeborenen<\/em> Dienste erwiesen. Ich habe geschimpft auf die Beh\u00f6rden, auf die Verfahren\u00a0des\u00a0<em>Estado Plurinacional de Bolivia<\/em>. Zu Unrecht, wie ich mir nun eingestehen muss. Zur Erinnerung, fast jeder Kulturweit-Freiwillige hatte in den ersten Monaten ein Visum erhalten, in Peru beispielsweise musste man laut Berichten auf dem Zwischenseminar blo\u00df zur Botschaft gehen und sich anmelden, damit man eine Woche sp\u00e4ter wiederkommt um sein Visum abzuholen. Erinnere ich mich da richtig?<\/p>\n<p>Freunde von mir bekommen kein Visum f\u00fcr die Schweiz, kein Visum f\u00fcr die USA, sie bekommen gar nichts.\u00a0Auch kein Tourismus-Visum, geschweige denn ein Arbeits-Visum, so wie ich es beantragt hatte. Das macht mich w\u00fctend, denn diese Leute sind mir mittlerweile wichtig geworden, ich verstehe ihre Wut und ich sch\u00e4me mich f\u00fcr meine Arroganz erwartet zu haben, problemlos ein Visum zu bekommen.\u00a0Mein Freund Rolando\u00a0hat schon zweimal ein Visum f\u00fcr die touristische Einreise\u00a0in die Schweiz verwehrt bekommen. Er hat nicht den geforderten Status. <em>Status Bolivien<\/em>\u00a0ist den europ\u00e4ischen Beh\u00f6rden offentsichtlich nicht viel wert.* Meine Freundin Daniela, eine Mormonin aus\u00a0der N\u00e4he von Santa Cruz, wartet zum dritten Mal, ob ihrer Anfrage bei den amerikanischen Beh\u00f6rden, den\u00a0besonderen Mormonen-Tempel in Utah zu besuchen, entsprochen oder widersprochen wird.\u00a0<em>Status Bolivien<\/em> hat auch hier die letzten zweimale keinen Wert gehabt.* Wenn mir von solchen F\u00e4llen erz\u00e4hlt wurde, wusste ich meistens nicht viel zu sagen, meine Wangen r\u00f6teten sich und ich ermutigte sie, es weiter zu versuchen.<\/p>\n<p>Nun aber zu den Problemen, die wir selbst l\u00f6sen k\u00f6nnen. Denn der geringe Wert* der bolivianischen Staatsangeh\u00f6rigkeit, an dem k\u00f6nnen wir im besten Willen nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Autoren der Kulturweit-Blogs, mein eigener mitinbegriffen, machen Fehler. Sie berichten mit einer deutschen Brille, mit Vorurteilen und sind in einigen Situationen unreflektiert, auch wenn sie sicherlich ihr Bestes geben. Mein Blog ist hundertemale gelesen worden, die Tetxe in denen ich mich \u00fcber das Fehlen eines Visums echauffiert habe, von 138 Leser*innen aus 21 L\u00e4ndern. Ich hoffe, diesen Artikel lesen genauso viele. Verbreitung von pers\u00f6nlichen Geschichten in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens, mit einer eurozentristischen Perspektive sind gef\u00e4hrlich und\u00a0rechtfertigen koloniale Strukturen und Kontinuit\u00e4ten seitens des kulturweit-Programmes.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend eine Forderung, weil das System der \u00fcber 500 Kulturweit-Blogs von Alumni ins Leben gerufen wurde und auf dem Vorbereitungsseminar mit einem Workshop zum &#8222;Fair-berichten&#8220; legitmiert wird. Die Vorbereitung auf das verantwortungsvolle F\u00fchren eines (vielgelesenen) Blogs, also\u00a0die Bedienung eines gewaltigen Megafons, sowie die\u00a0l\u00e4nderspezifische Vorbereitung gibt kulturweit aus der Hand. Man kann das Eigenverantwortung des Freiwilligen nennen, oder Inkaufnahme von kolonialen, rassistischen, unreflektierten Kommentaren aus aus einer unterhaltenden, wei\u00dfen, europ\u00e4ischen Perspektive, die sicherlich nicht b\u00f6segemeint\u00a0ist. Mehr Zeit f\u00fcr Sensibilisierung f\u00fcr die m\u00f6gliche Rolle eines Blogs auf den Kulturweit-Seminaren zu diesem Thema w\u00fcrde helfen, weniger Stereotype im Namen kulturweits zu reproduzieren.<\/p>\n<p>Ja, wir haben uns mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt, das letzte Vorbereitungsseminar anscheinend sehr ausgiebig, damit wir sp\u00e4ter ein gutes Gef\u00fchl bei der Ausreise haben konnten. Aber Auseinandersetzung mit eigenen oder strukturellen\u00a0Rassismen darf nicht nach einem Seminar enden, sondern muss, auch wenn sie weh tut, da man an seiner eigenen Rolle sicherlich Problemzonen entdecken wird, weiter stattfinden. Wir haben eine Verantwortung, ich habe Zahlen in einem vieldiskutierten <a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2015\/03\/31\/kulturweit-am-deutschen-wesen-soll-die-welt-genesen\/\">Migazin-Beitrag <\/a>gefunden, die nahelegen, dass die Kulturweit-Blog-Seiten bis zu 80.000 Mal monatlich aufgerufen werden. Diese\u00a0famose Werbeplattform, sollte kulturweit mehr als ein Workshopangebot auf einem Vorbereitungsseminar wert sein, da sie sonst weitere koloniale Kontinuit\u00e4ten auch in dieser Form\u00a0unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Als regelm\u00e4\u00dfiger Konsument der Texte verschiedener kulturweit-Blogs, m\u00f6chte ich hier zwar keinen einzeln herausheben, dennoch muss erw\u00e4hnt werden,\u00a0es gibt viele gute, reflektiert gef\u00fchrte Blogs. Auch die Idee des <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/stimmenausderwelt\/\">&#8222;Stimmen aus der Welt&#8220;-Blogs<\/a> geht in die richtige Richtung, denn es wird eine andere Perspektive in den Geschichten und Berichten aufgemacht. Die Struktur des <em>F\u00fcr sie zusprechen<\/em> wird aufgebrochen und aus verschiedenen Einsatzl\u00e4ndern kommen andere Stimmen zu Wort, als unsere.<\/p>\n<p>Ich hoffe auf eine Diskussion zu dem Thema unter dem Eintrag. Beteiligt Euch mit eurem Blickpunkt und scheut keine Kritik (auch keine Selbstkritik).<\/p>\n<p>3 Tage nach Ver\u00f6ffentlichung: 302 Leser*innen aus 27 L\u00e4ndern. Danke!<br \/>\nWas f\u00fcr ein Megafon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*ein Freund, der den Text ebenfalls gelesen hat, hat mir Feedback gegeben, das ich gerne in den Text aufnehmen m\u00f6chte: &#8222;Es geht nicht um den Wert des Passes, sondern darum, dass die Beh\u00f6rden die bolivianische Migration in ihre L\u00e4nder unterbinden wollen.&#8220; Mag wahr sein, m\u00f6chte ich gerne zur Diskussion freigeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich relativ plakativ und flach \u00fcber das nicht-Erhalten eines Visums f\u00fcr Bolivien beschwert. Das m\u00f6chte ich gerne zur\u00fccknehmen, das war nicht richtig. Es ist mir mittlerweile peinlich. Es geht aber um mehr. 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