{"id":595,"date":"2016-05-03T22:29:52","date_gmt":"2016-05-04T02:29:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/?p=595"},"modified":"2016-05-06T10:11:33","modified_gmt":"2016-05-06T14:11:33","slug":"unter-mormonen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/2016\/05\/03\/unter-mormonen\/","title":{"rendered":"Unter Mormonen"},"content":{"rendered":"<p>Der Tag der Arbeit fiel in diesem Jahr auch in Bolivien auf einen Sonntag. Aber keine Zeit f\u00fcr lange Gesichter, wir hatten daf\u00fcr am Montag frei.\u00a0&#8222;Es kann nicht sein, dass den Arbeitgebern regelm\u00e4\u00dfig zus\u00e4tzliche Arbeitstage geschenkt werden, die eigentlich als bezahlte Feiertage den Besch\u00e4ftigten zustehen&#8220;, sagte die Bundestagsabgeordnete der Linken Sabine Zimmermann. Dem kann ich\u00a0dann mal so zustimmen. Jetzt aber schnell zum\u00a0eigentlichen Thema.<\/p>\n<p>Ich habe ein optimales\u00a0Wochenende gehabt: Eine Nacht mit Freunden feiern, einen Kater-Tag mit Chicha* und Mitbewohner verbringen und trotzdem noch zwei <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/Chicha-Bucket.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-598 alignleft\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/Chicha-Bucket-300x450.jpg\" alt=\"Chicha-Bucket\" width=\"131\" height=\"197\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/Chicha-Bucket-300x450.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/Chicha-Bucket.jpg 420w\" sizes=\"(max-width: 131px) 100vw, 131px\" \/><\/a>Tage reisen k\u00f6nnen und eine Freundin besuchen.<\/p>\n<p>Von diesem Besuch m\u00f6chte ich erz\u00e4hlen. Besser gesagt von ihrer Religion.<\/p>\n<p>*Chicha ist ein typisches, leicht s\u00e4uerliches Maisgetr\u00e4nk aus der Region Cochabamba, auf dem Bild zu sehen, in einem neuen Artikel zu lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach 9 Stunden im Nachtbus f\u00fcr etwa 9\u20ac, komme ich morgens in Montero an. Montero liegt auf dem Weg nach Santa Cruz de la Sierra in der Regenwaldregion Chapare. Da wird das Coca f\u00fcr Kokain angebaut. Aber pssst! Wie sich sonst einige ihre riesigen Land Rover, Outlander, SUV , Pathfinder, Cruiser und wie die Modelle hei\u00dfen leisten k\u00f6nnen, hatte man sich schon in den 80ern vor den gro\u00dfen Razzien gefragt. \u00dcbrigens 1985 f\u00fcr den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13516447.html\">Spiegel <\/a>recherchiert. Und auch in Pulp Fiction geht es um Kokain aus derselben Provinz. Aber das nur als kleine Notiz am Rande \ud83d\ude42<\/p>\n<div id=\"attachment_597\" style=\"width: 447px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-597\" class=\"wp-image-597\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO-300x103.jpg\" alt=\"CBBAMONTERO\" width=\"437\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO-300x103.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO-768x263.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO-750x257.jpg 750w, https:\/\/kulturweit.blog\/cochabamba\/files\/2016\/05\/CBBAMONTERO.jpg 953w\" sizes=\"(max-width: 437px) 100vw, 437px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-597\" class=\"wp-caption-text\">In der Mitte der Strecke liegt einer der gr\u00f6\u00dften Coca-Anbau-Gebiete. Und Umschlagspl\u00e4tze. Weiterverarbeitung und Schmuggel.<\/p><\/div>\n<p>Der Busfahrer w\u00fcnschte mir jedenfalls eine gute Weiterfahrt und ich stieg\u00a0noch recht m\u00fcde aus und auf das n\u00e4chste Motorradtaxi. Durchgepustet vom Fahrtwind steige ich am anderen Ende der Kleinstadt ab und fahre weiter nach Minero, einer noch kleineren Kleinstadt. Dort wohnt sie also.<\/p>\n<p><strong>Mormonen in Minero<\/strong><\/p>\n<p>Angekommen in ihrem Haus fr\u00fchst\u00fccke ich und ziehe mich um f\u00fcr die Kirche. Es ist Sonntagmorgen und es ist \u00fcblich f\u00fcr Mormonen einen Gottesdienst in der Kapelle zu feiern. Sie und ihre Familie sind\u00a0Mormonen. Alle haben sich sehr schick gemacht: Anz\u00fcge, lange Kleider, Krawatten und wei\u00dfe Hemden haben auf den Plastikst\u00fchlen Platz genommen. Unter ihnen auch die jungen Missionare, die mit ihren schwarzen Schildern an der Brust als solche ausgewiesen sind. \u00dcber unseren\u00a0K\u00f6pfen kreiseln 16 Ventilatoren, der\u00a0Raum ist es trotzdem stickig. Ich sitze zwischen ihren Eltern, die mich abwechselnd halb argw\u00f6hnisch, halb grinsend\u00a0anschauen. Ich fange die Blicke auf, achte aber\u00a0nur darauf, was sie machen, um es nachzuahmen.<br \/>\nBuch aufklappen. Buch zuklappen. Zuh\u00f6ren. Lesen. Nicken. Gesicht verzerren. Klatschen.<\/p>\n<p>Es wird gesungen und ich werde eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. Eine Predigt gibt es nicht, das Herzst\u00fcck des Gottesdienstes besteht aus \u00f6ffentlichen Beichten, Lobpreisungen und Bitten. Die Beitr\u00e4ge, von Kindern stockend vorgelesen, von Familienv\u00e4tern frei vorgetragen und von Omas wieder stammelnd abgelesen, sind unterschiedlich und folgen keinem Rhythmus.\u00a0Eine einheitliche Meinung gibt es nicht, in den 30 Minuten fallen immer wieder Begriffe wie, <em>ich wei\u00df, dass&#8230;, \u00a0der Herr sieht alles, meine\u00a0Liebe zu\u00a0Gott ist &#8230;, es ist sch\u00f6n, dass&#8230;, ich versuche zu verstehen, wie&#8230;\u00a0<\/em><br \/>\nAuch meine Gastgeber sprechen. Sie\u00a0zwinkert mir dabei vom Rednerpult zu. Nach dem Ende des offiziellen Teils, sch\u00fctteln mir viele die H\u00e4nde und w\u00fcnschen mir eine gute Zukunft und ein herzliches Willkommen unter\u00a0den Mormonen.<\/p>\n<p>Ich war bereit zum f\u00fcrs Mittagessen und f\u00fchlte mich noch leicht ger\u00e4dert von der Fahrt, da wurde ich in einem Raum mit anderen Mitglieder gef\u00fchrt, wo nun eine Unterrichtsstunde stattfand. Wenn sowieso alle in der Kirche sind, dann kann man schlie\u00dflich auch noch gleich einige\u00a0Bibelstellen lesen. Jeder stellte sich mit Namen und einer Sache, die ihm Spa\u00df macht, vor. Die Kleingruppe wird\u00a0betreut von den Missionaren, die zwei Jahre freiwillig im Dienst der Kirche arbeiten.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte ich mir nicht vorstellen. Sie reisen nicht, sie k\u00fcmmern sich jeden Tag der Woche um die Mitglieder und haben ein sehr enges Verh\u00e4ltnis zu den Familien. Sie leben in einer Stadt, kleiner als Krempe und daran \u00e4ndert sich auch zwei Jahre nichts. Sie kennen praktisch jeden Horst, aber weder Elskop noch Sommerland. Damit will ich es bei schleswig-holsteinischen Parabeln belassen.<\/p>\n<p>Nach dem Kurs zum &#8222;Heiligen Geist&#8220; sitze ich eine weitere Stunde in einer Runde aus M\u00e4nnern, die sich \u00fcber die Gestaltung des Abendmahles beraten. Die Frauen sitzen zu einem anderen Thema zusammen.\u00a0Alles ist sehr pers\u00f6nlich. Man kennt sich hier gut.<\/p>\n<p>Hungrig freue ich mich auf das Ende der Sitzung.<\/p>\n<p>Dann kommen noch einmal alle Mitglieder zusammen: Welche Mitglieder k\u00f6nnen helfen beim n\u00e4chsten Stra\u00dfenfest? Wer hat eine grosse Pfanne, wer eine H\u00fcpfburg? Welches Ehepaar kann die Missionare zu\u00a0einem Gespr\u00e4ch mit einer Familie mit Eheproblemen\u00a0begleiten? Vielleicht k\u00f6nnte man das Datum verlegen? Helfende H\u00e4nde und wissende K\u00f6pfe sind schnell gefunden. Man k\u00fcmmert sich umeinander, macht sich Sorgen, sollte eine Familie nicht mehr kommen.<\/p>\n<p>Zum Schluss gibt es nach 4 Stunden einen Mini-Donut und eine Coca Cola. Dann fahren wir zum Mittagessen.<\/p>\n<p>Dabei will ich es belassen, ich habe gesehen, wie viel es ihr gibt, wie wichtig es ihr ist. Ich respektiere das, werde aber das Buch, das sie\u00a0mir geschenkt hat, nicht lesen. Die Widmung ist trotzdem sehr\u00a0sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Heute ist die\u00a0Mira\u00e7-Nacht bei den Muslimen.<br \/>\nF\u00fcr mich sind diese Feste nicht wichtig, es ist aber interessant zu sehen, wie wichtig dieselben Feste\u00a0f\u00fcr andere Menschen sind.<br \/>\nBis Bald.<\/p>\n<p>In der alten Version habe ich Mormonen auch als Zeugen Jehovas bezeichnet, das ist nun ge\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tag der Arbeit fiel in diesem Jahr auch in Bolivien auf einen Sonntag. 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