{"id":87,"date":"2020-05-15T19:08:11","date_gmt":"2020-05-15T17:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/clarainmexiko\/?p=87"},"modified":"2026-07-30T14:08:59","modified_gmt":"2026-07-30T12:08:59","slug":"neubeginn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/clarainmexiko\/2020\/05\/15\/neubeginn\/","title":{"rendered":"Neubeginn"},"content":{"rendered":"<p>Wie in meinem letzten Post angek\u00fcndigt bin ich nach meiner R\u00fcckkehr aus Deutschland bei einer mexikanischen Freundin eingezogen, die ich zuf\u00e4lligerweise kurz vor meiner \u201eMexiko Pause\u201c kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr manch eine\/n vermutlich etwas be\u00e4ngstigend klingt, schlie\u00dflich ist Mexiko wie viele andere lateinamerikanische L\u00e4nder mit dem Vorurteil \u201eniemandem trauen zu k\u00f6nnen\u201c behaftet.<\/p>\n<p>Ich stimme dem teilweise zu. Ich habe mich oft bei einer gewissen Misstrauenshaltung ertappt und auch viele Mexikaner\/innen haben mir empfohlen, zun\u00e4chst nicht allem Glauben zu schenken.<\/p>\n<p>Aber wie bei so vielem, bin ich der Meinung immer eine gewisse Balance zu haben. Ja, Mexiko befindet sich auf der Liste der L\u00e4nder mit hohem Sicherheitsrisiko. Trotzdem ist es nicht wie in der Netflix-Serie \u201eNarcos\u201c, wo an jeder Ecke wilde Schie\u00dfereien stattfinden und du im Minuten Takt Drogen angeboten bekommst.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte immer so offen wie m\u00f6glich sein und Gegenden, Menschen, Essen, Tieren und vielem mehr eine Chance geben.<\/p>\n<p>Um die Sorge allerdings aus dem Weg zu r\u00e4umen: Die Familie zu der ich zog, waren Bekannte meiner (ehemaligen) Gastfamilie.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick schien diese neue Situation nicht ganz so toll. Mein Zimmer war deutlich kleiner, ich teilte mir Bad und Kleiderschrank mit meiner Freundin, von der Wand br\u00f6ckelte Farbe und Tapete ab und das Zusammenleben mit Ana (meiner Freundin) und ihrem Vater glich eher einer WG als einem klassischen Familienleben.<\/p>\n<p>Es entpuppte sich aber als das Beste, was ich mir h\u00e4tte w\u00fcnschen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hatte mich meine ehemalige Gastfamilie bei allem unterst\u00fctzt, musste ich nun durch h\u00e4ufiges Erfragen selber die neue Bus Route zur Schule herausfinden. Dadurch bemerkte ich auch, was f\u00fcr Fortschritte ich beim Spanischsprechen gemacht hatte!<\/p>\n<p>Nachdem ich also die ersten male noch mit dem Uber (einer Art Taxi) zur Arbeit fuhr, nahm ich bald jeden Morgen und Nachmittag den Schulbus. Danach kam ich nach Hause, a\u00df etwas, schaute mit meiner Freundin etwas fern und hatte sogar Zeit nochmal ins Fitnessstudio zugehen, bevor ich 22 Uhr ins Bett ging und tats\u00e4chlich angenehme acht Stunden Schlaf bekam bevor ich um 6 Uhr aufstehen musste.<\/p>\n<p>Es war also Schluss mit ewigen Familientreffen und Vorw\u00fcrfen, nicht genug zu sein und ich konnte endlich wieder aufatmen.<\/p>\n<p>Wer sich fragt, ob es nicht komisch war zu Bekannten der Familie zu ziehen. Ja, war es. Und auch meine heimliche Angst, mein ehemaliger Gastvater k\u00f6nnte Rufmord betreiben, erf\u00fcllte sich.<\/p>\n<p>Schneller als ich gucken konnte, erz\u00e4hlte er dem Vater meiner Freundin beim Schwimmen, \u00fcber ihre Erfahrungen mit mir und ich bekam einige Regeln aufgesetzt.<\/p>\n<ol>\n<li>Keine Jungs im Haus. Niemals.<\/li>\n<li>Unter der Woche musste ich sp\u00e4testens um 23 Uhr zu Hause sein, am Wochenende um 0 Uhr (nach verhandeln aber um 1 Uhr)<\/li>\n<li>Ich musste mein Geschirr immer abwaschen und wegr\u00e4umen.<\/li>\n<li>Mein Zimmer aufger\u00e4umt halten.<\/li>\n<li>Falls ich gegen eine dieser Regeln auch nur einmal versto\u00dfen w\u00fcrde, m\u00fcsste ich meine Koffer packen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was f\u00fcr die meisten erstmal nicht so schlimm klingt, schlie\u00dflich wusste ich, wo ich bei ihm stand, st\u00f6rte mich zu Beginn sehr.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich in meiner Freiheit eingeschr\u00e4nkt. Denn ich wollte das Land kennenlernen. Ich war jung. Ich wollte auch mal eine Nacht feiern gehen. Und was sollte die Regel, wenn ich dagegen versto\u00dfen sollte!? Ich hatte das Gef\u00fchl in ein Gef\u00e4ngnis zu ziehen.<\/p>\n<p>Ich war sauer, dass mein ehemaliger Gastvater irgendetwas \u00fcber mich erz\u00e4hlt hatte, bevor sich die Familie ein eigenes Bild von mir machen konnte und das, sobald ich irgendwelche Erwartungen nicht erf\u00fcllte auf die Stra\u00dfe gesetzt wurde.<\/p>\n<p>Auch Anas Worte, dass ihr Vater milit\u00e4rische Z\u00fcge habe und ich mir deshalb keine Sorgen machen solle, heiterten mich anfangs nicht auf.<\/p>\n<p>Zu meinem Gl\u00fcck war es dann aber doch weniger dramatisch und schlimm als ich es mir zuvor ausgemalt hatte.<\/p>\n<p>Wie auch bei meiner Gastfamilie davor, wurde ich in erster Linie nur aufgenommen um Ana (die \u00fcbrigens im selben Alter war wie ich) Deutsch beizubringen. Das machte mein neuer Gastvater deutlich. Sie wollte n\u00e4mlich im August in Deutschland ein Studium anfangen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zeit in Mexiko hatte ich oft mit dem Gef\u00fchl zu k\u00e4mpfen einfach nur ein Objekt und\/oder als das Mittel zum Zweck gesehen zu werden. Es f\u00fchlte sich an, als wenn sich keiner f\u00fcr mich als Person interessierte und ich bis dahin von allen Seiten eher einen auf den Deckel bekam als mal ein \u201eDanke\u201c zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auch wenn sich meine Situation und Stimmung nach meinem Umzug deutlich verbesserte, beschloss ich relativ schnell, dass ich auf sechs Monate verk\u00fcrzen wollte und nun also Ende Februar wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Entscheidung viel mir nicht leicht, schlie\u00dflich war ich selbst w\u00e4hrend der Weihnachtszeit in Deutschland noch felsenfest davon entschlossen f\u00fcr ein Jahr in Mexiko zu leben.<\/p>\n<p>Was also hatte zu meinem Beschluss gef\u00fchrt? Ich w\u00e4gte ab. Ich dachte dar\u00fcber nach, was ich alles erlebt hatte, was ich noch erleben und lernen k\u00f6nnte zum einen, wenn ich in Mexiko bleiben w\u00fcrde aber auch, wenn ich zur\u00fcckfliegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich beruhte meine Entscheidung eher auf Spekulationen, Gef\u00fchlen und meiner Intention, aber sie schien mir richtig.<\/p>\n<p>Ana war davon sehr entt\u00e4uscht und traurig. Sie hatte gehofft, bis August eine Freundin zu haben, die wie eine Schwester alles mit ihr macht. Ihre Prophezeiung, dass ich es bereuen und dem ganzen gar keine Chance geben w\u00fcrde, konnte ich nicht zustimmen.<\/p>\n<p>Ich war noch nie ein Mensch gewesen, der etwas bereut, denn ich wei\u00df immer, dass ich in diesem Moment meine Gr\u00fcnde hatte, so zu entscheiden und zu handeln.<\/p>\n<p>Ja, vielleicht hatte sie recht und ich gab dem ganzen keine Chance, aber daf\u00fcr war f\u00fcr mich einfach schon zu viel passiert. Meine Umst\u00e4nde auf der Arbeit waren zerr\u00fcttet und ich sah nicht, dass sich dies in den n\u00e4chsten sechs Monaten \u00e4ndern und ich von allen \u00c4ngsten befreit zur Arbeit stolzieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als ich meinem Chef meine Entscheidung mitteilte, h\u00f6rte ich nur, dass es ihm egal sei, ob ich ginge oder nicht, von ihm aus k\u00f6nne ich auch sofort gehen.<\/p>\n<p>Das war die letzte Woge aus Wut und Frustration dar\u00fcber, dass meine Arbeit und ich nicht wertgesch\u00e4tzt wurden und von da an hatte ich endlich das Gef\u00fchl die verbleibenden sechs Wochen in Mexiko genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in meinem letzten Post angek\u00fcndigt bin ich nach meiner R\u00fcckkehr aus Deutschland bei einer mexikanischen Freundin eingezogen, die ich zuf\u00e4lligerweise kurz vor meiner \u201eMexiko Pause\u201c kennengelernt habe. 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