{"id":53,"date":"2019-11-17T00:36:51","date_gmt":"2019-11-16T23:36:51","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/clarainmexiko\/?p=53"},"modified":"2026-07-30T14:08:59","modified_gmt":"2026-07-30T12:08:59","slug":"im-a-survivor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/clarainmexiko\/2019\/11\/17\/im-a-survivor\/","title":{"rendered":"I`m a survivor!"},"content":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich noch, wie w\u00e4hrend des ersten Monats zu allen meinen Freunden und meiner Familie sagte: &#8222;Alles ist einfach so perfekt. Ich bin schon richtig skeptisch&#8230; Ist das die Ruhe vor dem Strum?&#8220;&#8230; Und hier sind wir nun. Ich wei\u00df ehrlich gesagt gar nicht wie und wo ich anfangen soll. Die letzten beiden Wochen kamen mir vor wie ein ganzes Jahr. Die Tiefpunkte, die ich erlebt habe, reichen vermutlich auch daf\u00fcr\u2026<\/p>\n<p>Fangen wir also von vorne an. An einem Mittwoch hatte ich mal wieder ein Gespr\u00e4ch mit Gastmutter, w\u00e4hrend wir im Auto sa\u00dfen. Meiner Familie und engen Freunden h\u00e4ngt das Thema vermutlich schon zum Halse raus (mir ehrlich gesagt auch) aber es ging nat\u00fcrlich mal wieder um das Deutsch meines Gastbruders Samuel, welches immer noch schlecht ist beziehungsweise sogar noch schlechter. W\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4ches viel mehrfach der Satz \u201eDaran musst du was \u00e4ndern\u201c und ein Satz, der mir die Kehle zu geschn\u00fcrt hat: \u201eAm Ende deines Aufenthaltes <em>muss<\/em> Samuel flie\u00dfend Deutsch sprechen und du flie\u00dfend Spanisch\u201c. An dem Abend habe ich zwei Stunden heulend mit Leo telefoniert. Ich hielt diesen Druck und die Erwartungen, die unerf\u00fcllbar schienen einfach nicht mehr aus. Ich hasse das Wort \u201em\u00fcssen\u201c. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich Spanisch lernen, aber eben, weil ich es m\u00f6chte und nicht, weil ich es muss. Und dann \u201eErwartungen\u201c\u2026 auch ein Horrorwort.<\/p>\n<p>Viele Mexikaner haben mich gefragt, was meine Erwartungen sind oder waren als ich hierhergekommen bin. Und ehrlich gesagt hatte ich keine.\u00a0 Wozu auch? Denn wie mein Vater immer sagt: Oft kommt es anders und selten wie man denkt. Ich habe mich fast schon geweigert \u00fcber Mexiko und Guadalajara zu informieren. Denn ich wollte mir mein eigenes Bild machen. Ich wollte ganz unvoreingenommen sein. Und ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich wollte nicht von irgendeinem Reiseguru h\u00f6ren, wie \u201edie Leute hier so sind\u201c, wenn jeder Mensch doch ganz unterschiedlich ist und man nichts verallgemeinern kann. Mein Motto ist immer: Je weniger Erwartungen man hat, desto gl\u00fccklicher ist man. Und es hat sich f\u00fcr mich bis jetzt immer bewahrheitet. Zum Beispiel habe ich gedacht, dass ich bei meiner Gastfamilie einfach nur einen Raum haben werde und ansonsten auf mich allein gestellt bin. Stattdessen bin ich in der Familie integriert und fahre zu Oma und Opa und auf Reisen. Das ist besser als alles, was ich h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach Zusammenbruch Nummer eins folgte am Freitag ein weiteres Gespr\u00e4ch. Diesmal aber (\u00dcberraschung!) nicht \u00fcber meinen Gastbruder, sondern \u00fcber die Sicherheit und Leo. In einem eineinhalb st\u00fcndigen Vortrag hat mir meine Gastmutter diverse Horrorgeschichten erz\u00e4hlt, die meiner Gastfamilie und engen Freunden passiert sind und ich war schockiert, fast traumatisiert. Geschichten \u00fcber eine Freundin meiner Gasttante, die einem alten Mann helfen wollte und dann auf einmal in einem Auto sa\u00df und nach Thailand verschifft werden sollte, oder meinem Gastvater, der zweimal fast erschossen wurde. Mein Gastbruder, der mit zwei fast gekidnappt wurde. Meine Gastmutter, die f\u00fcr ein Jahr in einer Beziehung war, bis sich herausstellte, dass ihr Freund Drogen herstellt und verkauft. Die Haush\u00e4lterin meiner Gastgro\u00dfeltern, die mit einer Droge so gef\u00fcgig gemacht wurde, dass sie ihr ganzes Geld und Schmuck ohne Widerrede dem T\u00e4ter gegeben hat.<\/p>\n<p>Und ich begann alles zu hinterfragen. Wieso verstand ich mich so super gut mit Leo? Wieso f\u00fchlte ich mich in seiner N\u00e4he so unfassbar wohl? Wieso hatte ich in letzter Zeit keinen wirklichen Appetit? Wieso kamen in diesem Moment all diese Zweifel auf und wenn ich in seiner N\u00e4he war, war ich zweifelsfrei und mir zu 100% sicher, dass nie etwas B\u00f6ses in ihm sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich total verloren und wusste gar nicht wo mir der Kopf steht. War ich auf Drogen und wurde die ganze Zeit manipuliert oder waren das meine eigenen Gef\u00fchle? War das alles einfach nur verr\u00fcckt oder ein ausgekl\u00fcgelter Plan? Verlor ich mich selber, wenn ich diese Gedanken hatte oder war ich immer noch ich selbst? Werde ich jemals jemandem 100% trauen k\u00f6nnen oder war das nicht m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Und wieder \u00fcbermannten mich meine Gef\u00fchle und ich weinte dar\u00fcber, dass alles so verdammt kompliziert war.<\/p>\n<p>In derselben Woche waren in der Deutschen Schule sehr viele Feierlichkeiten. Einmal der vierzigj\u00e4hrige Geburtstag der Schule am Freitag, sowie das Oktoberfest am Samstag. Viel zu erledigen und alle waren aufgeregt.<\/p>\n<p>Ein Missverst\u00e4ndnis zwischen meine Ansprechperson und mir sorgte f\u00fcr ein weiteres Drama und ich begann mich zu fragen, ob ich eigentlich gut in meinem Job war. Was hielten eigentlich die Erzieherinnen im Kindergarten von mir? Erwartete die Schule, dass ich in meinen ersten beiden Monaten schon f\u00fcnf AGs leite, so wie es an meinem ersten Tag r\u00fcberkam? Waren sie entt\u00e4uscht von mir und h\u00e4tten sich mehr erhofft?<\/p>\n<p>Sonntag war dann der H\u00f6hepunkt dieser Woche. Ich hatte auf einmal 38,8 Grad Fieber, Kopfschmerzen und Augenschmerzen und alles deutete darauf hin, dass ich das ber\u00fchmte Dengue-Fieber hatte. Eine Krankheit, die von M\u00fccken \u00fcbertragen wird und zum Teil sogar lebensbedrohlich sein kann. Ich schluckte also diverse Paracetamol, denn was anderes kann man leider nicht tun und blieb am Montag und Dienstag zu Hause um mich auszukurieren. Gl\u00fccklicherweise ging es mir schnell wieder besser und wir konnten das Dengue-Fieber ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und dann kam Freitag (gestern). Ich hatte mich mal wieder mit Leo verabredet, gingen wir in einen Irish Pub und tranken ein paar Bier als Leo sagte, dass er mit mir reden m\u00fcsse. Ich wusste, dass wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter \u00fcber uns reden mussten. Das war sogar mein Wunsch gewesen. Ich hatte ihm ein paar Tage zuvor gebeten, ehrlich mit mir zu sein. Egal, wie hart die Wahrheit auch sein mag. Das war einfach ein pers\u00f6nliches Anliegen von mir. Eine andere lange Geschichte, aber Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig. Also sagte er mir, dass er mich liebt und absolut toll findet\u2026 aber nur als Freundin. Irgendwie hatte ich es geahnt, war aber in dem Moment trotzdem geschockt und etwas verletzt. Der Witz bestand n\u00e4mlich aus all den Dingen, die er mir davor erz\u00e4hlt hat. Zum Beispiel, dass ihn jedes Lied das er h\u00f6rt ihn an mich erinnert. Dass er komplett mein ist. Dass er mich am liebsten heiraten und mit mir nach Deutschland kommen will. Dass er viel zu schnell Gef\u00fchle f\u00fcr mich entwickelt. Sogar seine Freunde kamen zu mir und haben mich gefragt, ob wir zusammen sind, denn Leo erz\u00e4hle st\u00e4ndig nur von mir, dass es schon nervig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Da lag ich also nachts um drei Uhr morgens wieder in meinem Bett, heulend und mich selbstverfluchend, wie ich immer so naiv sein konnte. Ich meine mir war klar gewesen, dass diese ganze Sache mit dem heiraten total bescheuert und nicht ernst gemeint war und tief in mir drin, wusste ich auch, dass kein Paar aus uns geworden w\u00e4re. Aber, wieso hatte er mich, nachdem er mir gesagt hat, dass wir \u201enur Freunde\u201c sind trotzdem gek\u00fcsst? Wieso wollte er, dass ich trotzdem zu ihm nach Hause komme und nur neben ihm im Bett liege und kuschle\u2026 \u201eso ganz unter Freunden\u201c? Ja, ich bin vielleicht naiv und ja, ich f\u00fchle immer sehr viel, aber ich bin nicht dumm und ich lasse auch niemanden so mit mir spielen.<\/p>\n<p>Tja, und hier sitze ich nun bei str\u00f6menden Regen in meinem Zimmer und denke mir, was zur H\u00f6lle war das f\u00fcr eine beschissene Woche. Eine richtige sche*\u00df Woche. Und trotzdem bin ich auf eine absurde Art und Weise dankbar. Wer h\u00e4tte gedacht, dass ich innerhalb von zwei Monaten diverse Familiendramen, eine t\u00f6dliche Krankheit und eine fast schon Trennung durchlebe? Und ohne selbstverliebt zu klingen (oder vielleicht nur ein bisschen): Ich bin so stolz auf mich, wie ich alles gemeistert habe und meistere. Ich wei\u00df, dass das Gef\u00fchl verloren zu sein, was ich die letzten Wochen hatte, einfach mein Leben ist, was mich gerade derma\u00dfen aus meiner Komfortzone schleudert, dass mir schwindelig wird. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich wieder ein St\u00fcck gewachsen bin\u2026 innerlich. Wieder ein bisschen st\u00e4rker, wieder eine neue Erfahrung und wieder, habe ich mich neu kennengelernt. Das ist das Leben und ich bin froh, dass es immerhin nie langweilig wird. Da kann ich nicht meckern! Also versuche ich jetzt einfach alle G\u00f6tter im Himmel anzuflehen, dass es ab jetzt wieder bergauf geht und m\u00f6chte mich an dieser Stelle nochmal bei all meinen Freunden und meiner Familie bedanken, die mich nie im Stich lassen und jede Freude, Trauer und Wut mit mir durchleben und teilen. Ich habe euch ganz doll lieb.<\/p>\n<p>Also werde ich jetzt einfach tief durchatmen und mit neuem Elan und Optimismus durchstarten. W\u00fcnscht mir Gl\u00fcck!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich noch, wie w\u00e4hrend des ersten Monats zu allen meinen Freunden und meiner Familie sagte: &#8222;Alles ist einfach so perfekt. Ich bin schon richtig skeptisch&#8230; Ist das die Ruhe vor dem Strum?&#8220;&#8230; Und hier sind wir nun. Ich wei\u00df ehrlich gesagt gar nicht wie und wo ich anfangen soll. 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