Das musst du tun, um dein Land kennenzulernen

Es verlassen.

Es ist klar, dass ich als Deutsche in Argentinien immer wieder in Gesprächen auf die deutsche Kultur, Geschichte und Sprache stoßen würde. Sei es durch das Interesse der Anderen oder weil ich selbst etwas dazu loswerden möchte. Jedoch hätte ich mir nie ausgemalt, dass ich dadurch so viel mehr über meine eigene Heimat erfahren würde.

Während Schulzeit habe ich glücklicherweise mehrere Austausche machen dürfen. Dabei war das Kontrastieren zweier Länder/ Kulturen ein Thema, jedoch kein markantes. Manchmal gab es halt zwischendrin Einwürfe wie: „Das ist echt was Deutsches, dass ihr so viel Brot esst!“. Damals habe ich es dann verneint oder zugestimmt oder es war mir total gleichgültig, aber ich habe durch solche Aussagen nie angefangen, tiefgründig über meine eigene Definition vom „Deutschsein“ nachzudenken.

Hier ist es anders. Vielleicht weil ich ein bisschen älter bin, mich für eine längere Zeit im Ausland aufhalte, der Unterschied zwischen Argentinien und Deutschland kulturell und größer ist oder man andere Gespräche führt. Ich habe keine Ahnung woran es genau liegt, auf jeden Fall ist das zurzeit ein sehr starkes Thema für mich. Und ich halte es für interessant und störend zugleich.

Warum störend? Ganz einfach, weil ichmich mit den meisten Klischees, Vorurteilen und Charakteristiken dieeiner*m Deutschen angemaßen werden, nicht identifizieren kann.

Bier ist nicht mein Lieblingsgetränk,ich bin meistens unpüntklich und handle impulsiv, habe vieleGeschwister und möchte einen unkonventionellen Karriereweg gehen.Bäm! – „Cathi, du bist die undeutscheste Deutsche die ich jekennengerlent habe“. Dieser Satz fiel nicht nur einmal.

Ist das nun traurig? Oder sollte ichdarüber vielleicht sogar froh sein?

Fakt ist, dass es gut ist, Klischees und Vorurteile zu beseitigen. Denn die Welt ist nicht schwarz oder weiß, auch wenn sich das darüber Bewusstwerden manchmal echt blöd anfühlt. Schliesslich wäre es doch andersrum soo viel einfacher.

Ich selbst ertappe mich manchmal dabei, mich zu freuen, wenn ich ein argentinisches Klischees live betrachten kann; wenn ich zum Beispiel einen echten Gaucho sehe, auf einer Party alle die Hüften zu Reggeatón schwingen oder am Mate nippen. Das füllt irgendwie etwas in einem, man denkt sich; ja, ich bin hier. Im Ausland. In Argentinien. Der Gedanke, dass etwas anders ist und zudem noch die Erwartungen einer Landestypik erfüllt, ist schön und beruhigend.

Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung auch sagen, dass ich es genauso wichtig und cool finde, diese Klischees durchbrochen zu sehen. Ich habe genug Argentinier*innen kennengelernt, die Reggeatón verabscheuen, nie Mate trinken und sich eben nicht mit diesen total verallgemeinerten Eigenschaften identifizieren können und wollen.

In einer Woche bin ich wieder zurück und wenn mir jemand die Frage stellt, „und, wie sind die Argentinier*innen so?“, dann werde ich antworten „und, wie sind die Deutschen so?“.

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