{"id":293,"date":"2021-06-28T15:36:47","date_gmt":"2021-06-28T13:36:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/?p=293"},"modified":"2021-06-28T15:36:47","modified_gmt":"2021-06-28T13:36:47","slug":"von-billaparkplaetzen-und-rosenduft-8-monate-bulgarien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/2021\/06\/28\/von-billaparkplaetzen-und-rosenduft-8-monate-bulgarien\/","title":{"rendered":"Von Billaparkpl\u00e4tzen und Rosenduft &#8211; 8 Monate Bulgarien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC04097.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-294 aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC04097-300x450.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC04097-300x450.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC04097.jpg 683w\" sizes=\"(max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Lange Autofahrt und die Akkus sind leer. Unsere und auch die der Handys. Tankstellen sind steckdosenlos, in der Ferne ein paar Lichter. Es ist nachts um halb 12 und wir tauchen in eine Parallelwelt ein. &#8222;Willkommen in Klein-Istanbul&#8220;, das steht zwar nirgendwo, aber in unseren K\u00f6pfen h\u00f6ren wir diesen Satz klingen. T\u00fcrkische Fernfahrer erlauben sich und ihren W\u00e4gelchen hier, an der bulgarisch-rum\u00e4nischen Grenze, eine Pause. Es wird zusammengesessen, ein Zuckerw\u00fcrfel nach dem anderen fliegt in den Tschai und die L\u00f6ffel klirren am Tellerrand der Linsensuppe. Wir werden auf Deutsch begr\u00fc\u00dft und komisch be\u00e4ugt, als wir MacBook, Kamera und Co im ganzen Gastraum an die Steckdosen verteilen. Verst\u00e4ndlicherweise. Was eine Realit\u00e4tsverschiebung. Ich m\u00f6chte zahlen. Der Tee ist gratis, die Suppe kostet daf\u00fcr doppelt so viel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Zug rattert und es ist unertr\u00e4glich laut. Trotzdem stelle ich mich ans Fenster und folge mit meinen Augen den Schienen, die uns durch die T\u00e4ler hier leiten. Rechts von mir ein \u00e4lterer Herr, die gro\u00dfe Nase streckt sich Richtung frische Luft, die Augen sind geschlossen. Links von mir das gleiche Bild, nur eine kleinere Nase. Unsere H\u00e4nde dr\u00fccken das Schiebefenster mit dem kaputten Mechanismus kontinuierlich herunter. Gr\u00fcne und noch gr\u00fcnere B\u00e4ume und W\u00e4lder ziehen an meinen Augen vorbei, Felsw\u00e4nde erstrecken sich bis zum Himmel und nehmen uns fast die Luft zum Atmen. Auf meinen Fingern sammelt sich die W\u00e4rme der Sonne, mein Gesicht atmet sie ein. Dicke Regentropfen ziehen \u00fcber die kleine Stadt, klatschen gegen das Fenster und laufen in die untere rechte Ecke zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen, Massen, Taschen, Gep\u00e4ck. Der Bahnhof so voll wie nie. Samstagmorgen sieben Uhr. Die Schlangen an den Schaltern sind lang, die Geduldsf\u00e4den kurz. Eine komisch hektische Stimmung zieht sich durch die Hallen, 7:30. Ein junger Mann wirft sich auf den Boden, macht eifrig 5 Liegest\u00fctze, l\u00e4uft 3 mal im Kreis und \u00f6ffnet ein Bier. Um 7:35 geht unser Zug. Die letzten Schritte werden gerannt, wir schlie\u00dfen uns der hektischen Stimmung an. Die Schuhsolen trampeln \u00fcber den schmutzigen Boden der Unterf\u00fchrung und schlucken all die Ger\u00e4usche. Die Stimmen und das Ratten der einfahrenden Z\u00fcge. Der Zug ist noch da, mit seiner Ruhe und Tr\u00e4gheit wirkt seine Anwesenheit beruhigend. Der Wagon am Treppenaufgang ist total \u00fcberf\u00fcllt, 50 Meter dahinter fast noch leer. Warum dieser Stress, liebe Bulgaren? Sonst doch auch nicht so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einfach mal dem Wasser beim Kochen zuschauen. Ein Prozess, ein unaufhaltsames und unbeeinflussbares Prozedere. Wir m\u00fcssen warten. K\u00f6nnen nichts machen, au\u00dfer mit unseren Augen auf das Wasser zu starrren, auf aufsteigende blassen zu hoffen und das Salz in der Hand bereitzuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein ganzes Land auf dem Vorplatz eines Supermarktes. Willst du Bulgarien erleben? Schnapp dir einen D\u00f6ner und setzt dich vor Billa. Ein Laden, der ein Land verbindet. Eingebettet in einen sozialistischen Bau, liegt er nahe einer Hauptstra\u00dfe in der Hauptstadt. Gegen\u00fcber einige moderne Wolkenkratzer verschiedener internationaler Banken. Auch vor Billa gibt es B\u00e4nke. Wir sitzen auf den Stufen vor dem Laden, essen Falafel und beobachten. Zwei junge M\u00e4nner mit \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Blumenstr\u00e4u\u00dfen in der Hand und jeweils einer E-Zigarette im Mund &#8211; der eine in pink der andere gelb. Die Anz\u00fcge sitzen gut, die jungen M\u00e4nner stehen lieber. Etwas weiter weg eine Frau, vor ihr 4 Kisten mit Kirschen, sie l\u00e4chelt gerade aus, ihre Augen verfolgen m\u00fcde aber aufmerksam das Treiben. Neben ihr auf dem Tisch steht eine gelbe Plastikwage. Ihr Ohr wird von einem alten Mann beansprucht. Ununterbrochen redet der Anzugtr\u00e4ger mit dem langen Bart auf sie ein, w\u00e4hrenddessen liest er in einem Astrophysik Heft. Seit geraumer Zeit h\u00e4lt er es verkehrtherum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Moment, wenn der Regen aufh\u00f6rt. Der Moment, wenn der Regen aufh\u00f6rt und sich die dunkeln schwarzen Wolken am Himmel, wie von einem Seil gezogen, in eine gemrinsame Richtung bewegen. Wenn sie dem Blau des Himmels, dem Grau der H\u00e4user und dem Gr\u00fcn der B\u00e4ume Platz machen. Und wenn sie ihre letzten Tropfen wie Abschiedsgeschenke auf uns hinunterfallen lassen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen sich in den Fensterscheiben widerspiegeln und unsere Gesichter w\u00e4rmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr Blumen. Eigentlich \u00fcberhaupt keine Zeit f\u00fcr Blumen, ich habe keine H\u00e4nde frei und bin total im Stress, aber ich kann nicht anders. Eine alte Frau sitzt an der Ampel und in einigem Abstand pr\u00e4sentieren sich Veilchen in einem K\u00fcbel. Meine H\u00e4nde greifen zum Geldbeutel, kurz f\u00e4llt mir etwas herunter. Die Dame ist nicht alleine, in der Stadt sitzen \u00fcberall vorwiegend \u00e4ltere Menschen und verkaufen das, was sie so in ihrem Garten finden. Und dies machen sie mit einer Ruhe, Gelassenheit, Zur\u00fcckhaltung und einem st\u00e4ndigen L\u00e4cheln im Gesicht, f\u00fcr was ich sie besonders bewundere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bulgaria &#8211; Land of Roses. So schm\u00fcckt sich das Land. Und in Kazanlak gibt es ein Rosenfest, 2 Wochen f\u00fcr die sch\u00f6nste Blume Bulgariens. Rosenparfum, Rosenwein, Rosenseife, Rosenkr\u00e4nze, Rosengarten, Rosenk\u00f6nigin. Mir h\u00e4ngt der Duft noch in der Nase, als wir im Zug zur\u00fcck nach Hause sitzen. Rosenfelder ziehen an uns vorbei und verschwinden hinter H\u00fcgeln und Felsen. Transporter stehen am Rand der Felder, Kinder und Frauen k\u00e4mpfen sich unter der Mittagssonne durch die B\u00fcsche, Handschuhe tr\u00e4gt niemand. Es ist dr\u00fcckend hei\u00df, die Arbeiter verschwinden in den Sonnenstrahlen. Der Duft dringt durch das ge\u00f6ffnete Zugfenster noch lange zu uns hinein. Die Realit\u00e4t ist dann doch gar nicht so rosig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stress auf dem Busbahnhof, der Bus nach Sofia hat eine Stunde Versp\u00e4tung, wo er ist, wann er kommt, das wei\u00df niemand, ich werde angeredet, mein Ticket jetzt zum Vorteilspreis zu wechseln, diverse \u00dcbersetzer stehen mir zu Seite, es gibt Stress am Ticketschalter, wenn ich mich hier nochmal zeige, dann schl\u00e4gt mir die Frau ins Gesicht, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber es ist sowieso mein letztes Mal in dieser bulgarischen Kleinstadt, das Tsch\u00fcss sagen dauert nur etwas l\u00e4nger. 1 Stunde sp\u00e4ter sitze ich im Bus. Der ist irgendwoher und irgendwann hier reinged\u00fcst, es ist ganz still, alle sind m\u00fcde und ersch\u00f6pft vom Streiten und sauer sein. Rechts von mir sitzt ein Mann mit Deutschland Trikot, er holt eine Boulevard Zeitung raus, auf der Titelseite eine sehr nackte Frau, er faltet sie extrem umst\u00e4ndlich und begn\u00fcgt sich mit dem Kreuzwortr\u00e4tsel. Mit meiner Sitznachbarin unterhalte ich mich so gut wie m\u00f6glich. Sonst klappt es auch, einfach zu nicken oder den Kopf zu sch\u00fctteln. Aber nat\u00fcrlich genau andersrum. Wir sind uns jedenfalls einig, dass es im Bus viel zu hei\u00df ist. Stimmen werden wieder lauter, die letzte Reihe fordert mehr Klimaanlage. Der Fahrer schimpf zur\u00fcck, die sei doch schon voll aufgedreht. Schei\u00df Bus, Schei\u00df Unternehmen, da ist man sich dann wieder einig. Meine neue Freundin holt einen F\u00e4cher aus der Tasche und wedelt uns Luft zu, noch eine Stunde bis Sofia.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann merkt man pl\u00f6tzlich, dass diese Zeit geflogen ist. An uns vorbei geflogen wir haben mit ihr gelebt und gar nicht gemerkt, wie sie immer weniger wird. Wir waren so im hier und jetzt, dass wir Tage nicht von N\u00e4chten, Wochen nicht von Monaten unterschieden haben. Und das war ziemlich perfekt so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hajde, Ciao! Josi <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC03906.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-296 aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC03906-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC03906-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC03906-768x512.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/bulgarienweit\/files\/2021\/06\/DSC03906.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Autofahrt und die Akkus sind leer. Unsere und auch die der Handys. Tankstellen sind steckdosenlos, in der Ferne ein paar Lichter. 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