{"id":117,"date":"2011-11-14T00:35:59","date_gmt":"2011-11-14T03:35:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/buenosaires\/2011\/11\/14\/politik-im-sden\/"},"modified":"2011-11-15T12:37:23","modified_gmt":"2011-11-15T15:37:23","slug":"politik-im-suden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/buenosaires\/2011\/11\/14\/politik-im-suden\/","title":{"rendered":"Politik im S\u00fcden"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">Es gibt viele Gr\u00fcnde die Wahlen sehr kritisch zu betrachten. Der umstrittenste Punkt ist sicherlich das\u201cKaufen\u201d von Stimmen. Die letzte Regierung hat im Jahr vor der Neuwahl viele \u201cSozialpl\u00e4ne\u201d auf den Weg gebracht und durchgesetzt, die die Armut bek\u00e4mpfen sollen, und H\u00e4user und Arbeit f\u00fcr alle versprechen. Das Problem ist, dass die Armen soviel Geld vom Staat bekommen, dass sie mehr dadurch mehr \u201cverdienen\u201d, als wenn sie regul\u00e4r ihrer Qualifikation entsprechend arbeiten w\u00fcrden. Eigentlich w\u00e4re gegen Armutsbek\u00e4mpfung nicht viel zusagen, wenn Argentinien ein gesunder Sozialstaat w\u00e4re (25% Inflation und in 2011 20 Milliarden US$ Kapitalabfluss), und damit den Argentiniern geholfen werden w\u00fcrde, allerdings sind ca. 50,3% der Villa-(Slum)bewohner Ausl\u00e4nder, haupts\u00e4chlich aus Paraguay, Bolivien und Peru, die alle vom Argentinischen Staat mitversorgt werden. Leider ist Argentinien kein Sozialstaat und schon gar nicht \u201cgesund\u201d. Argentinien rutscht von einer in die n\u00e4chste Krise, hat mal wieder extrem mit der Inflation zu k\u00e4mpfen und kann keine stabile Wirtschaft aufweisen. Ein kurzes Beispiel: 10% (Deutschland: 2,1%) der Argentinischen Wirtschaft (vom BIP) besteht aus Landwirtschaft, haupts\u00e4chlich wird Soja angebaut (44 Millionen Tonnen, drittgr\u00f6\u00dfter Produzent Weltweit), und die Bauern werden kr\u00e4ftig subventioniert (5% des BIP flie\u00dft in Subventionen). Im letzten Jahr war ein sehr ertragreiches Jahr, die Preise wurden aber vorher hochgepokert und vom Staat festgesetzt, dann stellte sich raus, es sehr viel Soja gibt, auch in anderen L\u00e4nder wie Brasilien und den USA und die haben aufgrund der guten Ernte g\u00fcnstiger verkauft. Also blieb Argentinien auf gro\u00dfen Mengen Soja sitzen oder musste es unter Preis verkaufen. Und da Argentinien sich so auf Soja festgelegt hat, kann ein solcher Fauxpas gleich das ganze Land auf die Probe stellen. Deshalb kann es sich Argentinien nicht leisten, sich in solchem Umfang der Armutsbek\u00e4mpfung zu widmen, denn all das Geld f\u00fcr die Armen muss die relativ gro\u00dfe Mittelschicht und kleine Oberschicht\u00a0 in Form von j\u00e4hrlich stark steigenden Steuern zahlen. Das wiederum f\u00f6rdert, dass mehr Kapital im Ausland gelagert wird und sogar in der Mittelschicht die Schwarzarbeit rutscht. Einen gesunden Mittelstand kann das Land so nicht aufbauen. Und noch heute, wie vor 100 Jahren sind die meisten Firmen und Investoren aus dem Ausland. Eine weitere h\u00f6chst fragw\u00fcrdige Ma\u00dfnahme ist das neue Konzept der Regierung zur M\u00fcllentsorgung und S\u00e4uberung der Stadt: Es sollen 30.000 neue M\u00fcllcontainer in einem Jahr in der ganzen Stadt aufgestellt werden und man m\u00f6chte die Carto\u00f1eros (die Carto\u00f1eros sind sehr arme Bewohner aus den Villas, die durch die Stadt ziehen und Pappe und Papier einsammeln) in das Entsorgungssystem einbinden. Wieder einmal ein sehr guter Ansatz, aber nicht zu ende geplant und gedacht. Die Carto\u00f1eros arbeiten schwarz ohne Genehmigungen und ohne das sie ins Sozialsystem eingebunden sind. Nach den jetzigen Pl\u00e4nen der Regierung w\u00fcrde so die Schwarzarbeit von Seiten des Staates gef\u00f6rdert werden und die sowieso schon sehr hohe Rate der illegalen Arbeit w\u00fcrde weiter steigen.<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/buenosaires\/files\/2011\/11\/Villa31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border-width: 0px\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/buenosaires\/files\/2011\/11\/Villa31_thumb.jpg\" alt=\"Villa31\" width=\"244\" height=\"184\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein weiteres Problem vor dem Wahlkampf sind die Preisbegrenzungen f\u00fcr Lebensmittel. So sah man in Superm\u00e4rkten vor der Wahl Tafeln mit maximal Preisen f\u00fcr Zucker, Mehl und andere Produkte. Fragw\u00fcrdig ist, wie effektiv eine solche Reglung ist, denn nat\u00fcrlich w\u00fcrde kein H\u00e4ndler auf diese Eink\u00fcnfte verzichten wollen, oder gar Verlust machen, deshalb werden im selben Moment einfach andere Produkte teurer. In Verbindung hierzu steht auch die sogenannte Industriesubstitution, die besagt, dass das Importvolumen genauso hoch sein muss wie das Exportvolumen, d.h. BMW muss zum Beispiel genau den gleichen Warenwert aus Argentinien exportieren, wie sie importieren. BMW hat Vertr\u00e4ge zum Gas und \u00d6lexport geschlossen. Alfa Romeo exportiert aber beispielsweise Oliven\u00f6l nach Italien, wo man sich schon fragen kann, wo der Verstand geblieben ist, Oliven\u00f6l \u00fcber den Atlantik um die halbe Welt zuschippern. Als ob es in Italien kein Oliven\u00f6l geben w\u00fcrde. Durch solche Ma\u00dfnahmen \u00fcberlegt man sich nat\u00fcrlich gerade als kleinere Firma zweimal, ob der relativ kleine argentinische Markt wirklich so wichtig ist. Lancia ist zum Beispiel in Argentinien nicht vertreten. Und obwohl Alfa Romeo und Lancia zum Fiat Konzern geh\u00f6ren ist es so kompliziert am hiesigen Markt vertreten zu sein. Ein anderes Problem hat Apple. Es gibt keine iPhones und iPads in Argentinien, aber alle anderen Appleprodukte. Das liegt daran, dass es ein Gesetz gibt, das besagt, dass Produkte f\u00fcr die Teile oder die komplett in Argentinien produziert werden am Markt bevorzugt werden, oder im Falle des iPhones andere Produkte m\u00f6glicherweise nicht vertrieben werden d\u00fcrfen. Wei\u00df der Geier, warum man iPods und MacBooks kaufen kann.<\/p>\n<p>\u00dcberspitzt formuliert kann man von einer heranwachsenden Anarchie oder einer Ohnmacht der staatlichen Exekutive sprechen. Wobei die Judikative Regierungsfreundlich, wenn nicht Regierungstreu Recht spricht. Am deutlichsten sieht man es an der riesige Zahl von privaten Sicherheitsdiensten. Jeder der es sich leisten kann engagiert einen privaten Sicherheitsdienst oder zieht in eine Region, wo anstelle der Polizei ein Sicherheitsdienst patrouilliert. Man ruft auch im Falle eines Einbruchs den Sicherheitsdienst und nicht als erstes die Polizei, und oft habe ich den Satz geh\u00f6rt: \u201cMan kann sich fragen, wer die gr\u00f6\u00dferen Verbrecher sind: Die Polizei oder die Kriminellen.\u201d Nicht nur das s\u00e4mtliche Polizeiinstitutionen (mit Ausnahme der milit\u00e4risch organisierten Gendarmeria) und die Regierung (das Ehepaar Kirchner hat seit dem Amtsantritt von Nestor 2003 ihr Verm\u00f6gen um 928% gesteigert) korrupt sind, sondern auch das oft \u00fcberhaupt nicht gearbeitet wird, sondern Mate getrunken wird, l\u00e4sst das Vertrauen der B\u00fcrger in die Polizei nicht unbedingt wachsen.<\/p>\n<p>So sehr die Argentinier ihr Land lieben und patriotisch sind, genauso wenig ist das Vertrauen in die Politik und den Staat da. Und so sehr die Argentinier \u201c<em>tranquilo<\/em>\u201d (gelassen, entspannt, stressfrei) sind, so sehr sind viele aber auch angespannt, nerv\u00f6s und gestresst. Ich mache in der Bahn gerne eine Art \u201cSozialstudie\u201d, da mir aufgefallen ist, wie viele Argentinier N\u00e4gelkauen. Das mag keine wissenschaftliche Studie sein, zu der ich auch keine Zahlen liefern k\u00f6nnte, aber mir f\u00e4llt immer auf, dass extrem viele keine Nagelschere benutzen. Und das ist ein Indikator f\u00fcr Stress und Angespanntheit.<\/p>\n<p>Da dies nicht meine Doktorarbeit werden soll, kann es sein, dass ich Quellen vergessen, oder falsch zugeordnet habe. Auch auf Zitate verb\u00fcrge ich mich nicht. <strong><span style=\"text-decoration: underline\">Au\u00dferdem ist es allein meine Erfahrung und pers\u00f6nliches Empfinden und spiegelt keine andere Meinung, schon gar nicht die von kulturweit, der Deutschen UNESCO-Kommission oder des Ausw\u00e4rtigen Amts wieder.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13677893\/Der-ueberragende-Sieg-einer-trauernden-Witwe.html\">http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13677893\/Der-ueberragende-Sieg-einer-trauernden-Witwe.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/die-welt-in-worten\/article13689447\/Will-Kirchner-die-Evita-des-21-Jahrhunderts-werden.html\">http:\/\/www.welt.de\/debatte\/die-welt-in-worten\/article13689447\/Will-Kirchner-die-Evita-des-21-Jahrhunderts-werden.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13676227\/Die-Argentinier-lieben-ihre-schwarze-Witwe.html\">http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13676227\/Die-Argentinier-lieben-ihre-schwarze-Witwe.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/weitere-meldungen\/buenos-aires-argentiniens-slumbewohner-besetzen-zweitgroessten-park-von-buenos-aires_aid_589109.html\">http:\/\/www.focus.de\/politik\/weitere-meldungen\/buenos-aires-argentiniens-slumbewohner-besetzen-zweitgroessten-park-von-buenos-aires_aid_589109.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/soja-boom-macht-argentiniens-kleinbauern-zu-schaffen\/977636.html\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/soja-boom-macht-argentiniens-kleinbauern-zu-schaffen\/977636.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.greenpeace.de\/themen\/gentechnik\/gefahren_risiken\/artikel\/folgen_des_gen_sojaanbaus_in_argentinien\/\">http:\/\/www.greenpeace.de\/themen\/gentechnik\/gefahren_risiken\/artikel\/folgen_des_gen_sojaanbaus_in_argentinien\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sojabohne\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sojabohne<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Argentinien\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Argentinien<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Villa_Miseria\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Villa_Miseria<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Villa_31\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Villa_31<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_informellen_Siedlungen_in_Buenos_Aires\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_informellen_Siedlungen_in_Buenos_Aires<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde die Wahlen sehr kritisch zu betrachten. 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