{"id":362,"date":"2015-05-10T21:56:28","date_gmt":"2015-05-11T00:56:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/buenaonda\/?p=362"},"modified":"2015-05-10T21:56:28","modified_gmt":"2015-05-11T00:56:28","slug":"el-centro-del-universo-de-la-locura","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/buenaonda\/2015\/05\/10\/el-centro-del-universo-de-la-locura\/","title":{"rendered":"El Centro del Universo de la Locura"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Kennst du das, wenn es einfach passt?&#8220;<br \/>\nOoh ja, das Gef\u00fchl hatte ich, als ich mein neues Zuhause gefunden habe. Ich bin n\u00e4mlich mal wieder umgezogen und diesmal sicher zum letzten Mal.<br \/>\nWie angeboten war ich bei dem Haus aufgekreuzt, als es mir grad passte. Aber leider haben Klingel und Spontanit\u00e4t (in diesem seltenen Fall) nicht funktioniert. Also bin ich in das n\u00e4chste Caf\u00e9 gegangen: In dem h\u00fcbschen Florentina stehen an den W\u00e4nden Rezeptanleitungen und Zitate, zum Beispiel eins von Isabel Allende \u00fcber Essen und Liebe und dar\u00fcber, dass man in beiden F\u00e4llen jede Gelegenheit wahrnehmen sollte, sonst w\u00fcrde man es bereuen.<br \/>\nIch habe einen Submarino (hei\u00dfe Schokolade) getrunken und versucht, das Gedicht &#8222;El Olvido&#8220; von Leonardo da Vinci zu \u00fcbersetzen, das mein Mitpraktikant Luca mir eigentlich f\u00fcr den Sprachkurs mitgegeben hatte.<br \/>\nBeim zweiten Versuch hatte ich dann das Gl\u00fcck, vor der T\u00fcr gleich einen Mitbewohner und die Vermieterin zu treffen. Sie freute sich sehr dar\u00fcber, dass ich tats\u00e4chlich einfach gekommen war, wann es mir passte (man sollte wirklich \u00f6fter hei\u00dfe Schokolade trinken und Gedichte \u00fcbersetzen), stellte fest, dass ich eine gute Aura habe und dass sie meinen spirit mag.<br \/>\nMal sehen, inwiefern es stimmt, was meine Vermieterin sagte, n\u00e4mlich dass dieses Haus &#8222;el centro del universo de la locura&#8220; (das Zentrum des Universums der Verr\u00fccktheit) sei und Verr\u00fcckte geradezu anzieht.<\/p>\n<p>Mit nicht nur halbherzig, sondern komplett ausgepackten Koffern, aufgeh\u00e4ngten Fotos und der Aussicht, hier zu bleiben, f\u00fchlt sich alles gleich mehr nach Leben, weniger nach Achterbahn an. Ich habe inzwischen einen gewissen Rhythmus, wenn er auch vor allem aus Neuentdeckungen und Ver\u00e4nderungen besteht &#8211; ein Alltag von Unallt\u00e4glichkeiten also.<\/p>\n<p>Bei der Arbeit an der Schule (ja, diesen wichtigen Aspekt habe ich bisher vernachl\u00e4ssigt &#8211; es hat sich immer zu viel ver\u00e4ndert, um irgendetwas schwarz auf wei\u00df festzuhalten):<br \/>\nDas Instituto Ballester Deutsche Schule besteht aus Kindergarten (Nivel Inicial), Grundschule (Primaria) und weiterf\u00fchrender Schule (Secundaria) am Standort Villa Ballester sowie Kindergarten und Grundschule am Standort Villa Adelina. Ich bin \u00fcberall, und das finde ich super, denn gerade die Abwechslung macht die Arbeit so interessant. Au\u00dferdem bekomme ich einen \u00dcberblick \u00fcber alle Altersgruppen, die wahrscheinlich selten so ganzheitlich und bunt durcheinander erlebt werden.<br \/>\nWenn ich mal vom Kindergarten in die erste Grundschulklasse komme, finde ich die Kinder dort unglaublich gro\u00df und erwachsen. Wenn ich aber von der Secundaria in die Grundschule komme, f\u00fchle ich mich pl\u00f6tzlich von sehr kleinen Kindern umgeben. Aber egal wo, ich werde immer herzlich von Sch\u00fclern und Lehrern begr\u00fc\u00dft, mit K\u00fcsschen und verschiedenen Varianten meines Namens. Von Umarmungen und spontanen &#8222;te quiero muchos&#8220; (Kindergarten und Primaria), \u00fcber high fives und &#8222;me gusta tu jeans&#8220; (Secundaria) bis hin zum Urlaub mit den Kindern (Lehrerzimmer) ist alles dabei. Und Gemeinsamkeiten finden sich immer.<\/p>\n<p>Mit etwas weniger Schlaf (den kann man nachholen, wenn man tot ist, wird sowieso ziemlich \u00fcberbewertet\u2026), sind in der Freizeit erstaunlich viele Unternehmungen m\u00f6glich.<br \/>\nNat\u00fcrlich gehe ich immer flei\u00dfig (zweimal pro Woche f\u00fcr je anderthalb Stunden) zum Sprachkurs. Es hat auch etwas gebracht, vor allem nat\u00fcrlich in Kombination mit dem, was ich so auf der Stra\u00dfe und sonst \u00fcberall mitbekomme, denn inzwischen f\u00fchle ich mich ganz wohl im Castellano, mache zwar tausende Fehler, aber das h\u00e4lt mich nicht davon ab, \u00e4hnlich viel zu reden, wie ich das auch auf Deutsch gerne tue.<\/p>\n<p>Dank der lieben Ronja (auch Freiwillige hier), die mich darauf gebracht hat, gehe ich jetzt ungef\u00e4hr jeden zweiten Sonntag zu Jam de Dibujo, einer Jamsession auf verschiedenen Ebenen.<br \/>\nUm die Atmosph\u00e4re bei meinem ersten Mal dort ein bisschen aufzuzeichnen&#8230;:<br \/>\nIch sitze in einem der St\u00fchle, deren Sitzfl\u00e4chen und Lehnen aus gelbem Stoff bestehen und die an allen vier Seiten um die kleine provisorische mit einem wei\u00dfen Tuch bedeckten B\u00fchne stehen. Die meisten St\u00fchle sind besetzt, manche Leute sitzen auch auf dem Boden, und viele wechseln im Laufe des Abends mehrmals den Platz; Perspektivwechsel und so.<br \/>\nNicht so sehr auf dem Stuhl als viel mehr in Gedanken bin ich komplett versunken. Meine Konzentration rast zwischen dem Aktmodell auf der kleinen B\u00fchne in der Mitte des Raumes, den Linien und Schattierungen des K\u00f6rpers und den Linien und Schattierungen auf meinem Blatt Papier. Weil die Positionen f\u00fcr mich als perfektionistische Zeitlupenzeichnerin ziemlich schnell wechseln, konzentriere ich mich so stark, um m\u00f6glichst viel von entweder den Umrissen der gesamten Position, oder den Feinheiten eines einzelnen Details, oder im besten Falle von beidem auf meinem Blatt festzuhalten. Denn wenn die Position einmal ge\u00e4ndert wurde, bekomme ich diesen AugenBLICK nie wieder, kann nicht gro\u00dfartig weiter an der Zeichnung arbeiten; dann ist sie halt, wie sie ist, in irgendeinem Moment zwischen zwei Bleistiftstrichen stehengeblieben, so wie die Position mitten in der Bewegung stehengeblieben zu sein scheint.<br \/>\nIn dieser Konzentration bekomme ich den Livejazz teilweise kaum mehr als unterbewusst mit. Rhythmus und Melodie sind im Raum, beeinflussen meine Stimmung und die gesamte Atmosph\u00e4re, tragen zu meiner Konzentration bei und treiben mich an in meiner Zeicheneile.<br \/>\nIn der Pause holen wir uns einen Rotwein an der Bar, unterhalten uns, zeigen uns gegenseitig unsere Zeichnungen oder erhaschen Blicke auf andere Werke. Es ist alles dabei: Ein-Strich-Kulli-Karikaturen, Bleistift, Tusche, R\u00f6telkreide, Aquarell, Edding\u2026 und nat\u00fcrlich die verschiedensten Perspektiven, die immer nur die Breite eines gelben Stuhls auseinanderliegen.<br \/>\nMusik, Zeichnung, K\u00f6rper, Gespr\u00e4che, Getr\u00e4nke und teilweise Essen &#8211; alle Sinne werden angesprochen, jede Kunstform ist irgendwie dabei. Das alles in intimer Atmosph\u00e4re, in erster Linie nat\u00fcrlich wegen der Nacktheit der Modelle, aber auch wegen des Zeitpunkts eines Sonntagsp\u00e4tabends und des bunt gemischten, gemeinsam kreativen Publikums.<\/p>\n<p>Ob Tango tanzen f\u00fcr mich zu einer Regelm\u00e4\u00dfigkeit wird, da bin ich noch nicht so sicher. Aber ich habe es ausprobiert, nachdem ich immer meinte, es w\u00e4re wahrscheinlich eher nicht so meins, aber okay, irgendwann m\u00fcsste ich es wohl schon mal versuchen, wenn ich schon hier bin\u2026 Dieses Irgendwann war also am letzten Aprildienstag im La Catedral.<br \/>\nUm den Lonely Planet zu zitieren (den Eintrag habe ich erst hinterher gelesen):<br \/>\n<em>\u201cIf tango can be youthful, trendy and hip, this is where you\u2019ll find it. The grungy warehouse space [zuerst Getreide und dann Fleisch oder so] is very casual, with funky art on the walls, thrift-store furniture [und wunderh\u00fcbschen Miniweingl\u00e4schen f\u00fcr uns, weil gerade keine anderen da waren] and dim atmospheric lighting. It\u2019s more like a young bohemian nightclub than anything else, and there\u2019s no implied dress code &#8211; you\u2019ll see plenty of jeans on the dancers. \u2026\u201d<\/em><\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Zeit werden sicher nochmal mehr Routinen entstehen, vom neuen Zuhause ausgehend, wie die Wege zum Zug f\u00fcr die Arbeit oder zum Chino (kleiner nicht-Ketten-Supermarkt) um die Ecke, wie Yoga auf der Dachterasse, das Laufen in den Parks hier oder die Asados am Wochenende.<\/p>\n<p>Fotos von Haus, Arbeit an der Schule, Zeichnungen und anderem kommen noch&#8230;!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kennst du das, wenn es einfach passt?&#8220; Ooh ja, das Gef\u00fchl hatte ich, als ich mein neues Zuhause gefunden habe. Ich bin n\u00e4mlich mal wieder umgezogen und diesmal sicher zum letzten Mal. Wie angeboten war ich bei dem Haus aufgekreuzt, als es mir grad passte. 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