{"id":1042,"date":"2022-10-27T21:28:15","date_gmt":"2022-10-27T19:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/blogvbrne\/?p=1042"},"modified":"2022-10-27T21:29:25","modified_gmt":"2022-10-27T19:29:25","slug":"gedankenfenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/blogvbrne\/2022\/10\/27\/gedankenfenster\/","title":{"rendered":"Gedankenfenster"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze auf gepackten Koffern. Schon wieder. In so vielen Aspekten, bin ich gerade in der gleichen Position wie vor einem Jahr. Das letzte Treffen mit Freunden. Von zu Hause ausziehen. Einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Und trotzdem f\u00fchlt sich die Situation nicht gleich an. Und das liegt nicht nur daran, dass ich nicht in ein anderes Land ziehe sondern nur zwei Stunden s\u00fcdlich von hier. Am Wochenende bin ich schnell mal zu Hause, wenn ich das will. Ich spreche die Sprache, kenne die Stadt einigerma\u00dfen und auch meine Wohnung. Aber der gr\u00f6\u00dfte Unterschied bin ich. In dem vergangenen Jahr ist so viel passiert, es wird Zeit, dass ich das Erlebte ein wenig Revue passieren lasse. Quasi damit abschlie\u00dfe bevor ein neuer Lebensabschnitt beginnt.<\/p>\n<p>Der letzte Blogeintrag endete mit mir im Zug und dem Versprechen, noch einen letzten Blogeintrag zu verfassen, wenn ich alles ein wenig verarbeitet habe. Das hat doch l\u00e4nger gedauert als gedacht. Und unter uns, so ganz im Hier und Jetzt angekommen bin ich noch nicht. Aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Die Ankunft hier war sch\u00f6n. Und seltsam. Abends im Bett, als alles dunkel war, konnte ich mir f\u00fcr einen kurzen Moment vorstellen, in meinem Bett in Brno zu liegen. Bis ich feststellte, dass die Matratze weicher ist, das Kopfkissen anders riecht und die vertrauten Ger\u00e4usche der Stra\u00dfenbahn, gelegentliche Sirenen und laute Rufe ausblieben und stattdessen meine Katze auf meinem Teppich schnurrte. Vor einem Jahr habe ich das Gleiche in Brno erlebt. Und das Ergebnis war das Gleiche: Entt\u00e4uschung, dass man doch in diesem Bett liegt. Schon seltsam, dass sich mein eigenes Zimmer jetzt nicht mehr ganz wie mein Zimmer anf\u00fchlt. Die Sachen, die hier sind, habe ich ein Jahr lang nicht gebraucht und als ich meine Koffer auspacke, \u00fcberkommt mich das unangenehme Gef\u00fchl, viel zu viel zu besitzen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wage ich mich auf die Stra\u00dfe. Ich bin neugierig, ob noch alles so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Und eigentlich ist es das auch. Aber die Wiese auf der ich vor etlichen Jahren immer Fangen gespielt habe und die bis vor einem Jahr noch unber\u00fchrt war, existiert nicht mehr. Stattdessen steht dort ein neues Haus. Unsere Nachbarn haben eine Solaranlage auf dem Dach. Neben dem Bahnhof steht ein neues Einkaufszentrum, das f\u00fcr alle anderen schon wieder alt ist. Die S-Bahnen fahren im Viertelstunden-Takt. Die Liste dieser kleinen Unterschiede ist endlos und das ist fast schon \u00fcberw\u00e4ltigend. Immerhin, der Gro\u00dfteil ist gleich geblieben. Auf dem Weg in die n\u00e4chste Stadt kann man mit dem Fahrrad immer noch die Abk\u00fcrzung \u00fcber ein Feld nehmen. Die Ampel schaltet genauso langsam und wenn ich die dritte T\u00fcr im ersten Wagon der S-Bahn nehme, komme ich an der n\u00e4chsten Haltestelle genau richtig raus. Ich bin hier eben doch zu Hause, in meiner Komfortzone, habe Sachen schon tausend Mal gemacht und verfalle wieder in alte Muster. Trotzdem verunsichert mich das Ganze. Haben sich meine Freunde ver\u00e4ndert? Habe ich mich ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Und deswegen bin ich irgendwie froh, dass ich jetzt erstmal mit meiner Familie in den Urlaub fahre, da muss ich mir keine Gedanken dar\u00fcber machen, was neu ist und was nicht.<br \/>\nAm Ende des Urlaubs steht das Seminar an und ich freue mich darauf. Vielleicht bringt der Austausch mit anderen Freiwilligen etwas Klarheit in mein Gedankenchaos.<\/p>\n<p>Und das tut er. Ich stelle fest, dass ich nicht die Einzige bin, die das Gef\u00fchl hat, eigentlich nur vor\u00fcbergehend in Deutschland zu sein und dann wieder zur\u00fcck zur Einsatzstelle zu fahren. Wenn einen dann die Realit\u00e4t einholt, ist das \u00fcbrigens ein ziemliches Sch***-Gef\u00fchl. Tags\u00fcber reden wir in unseren Homezones und Workshops \u00fcber das Erlebte, teilen Erfahrungen, h\u00f6ren den Geschichten von anderen zu, erz\u00e4hlen unsere eigene und ich f\u00fchle mich auf eine ganz besondere Weise verstanden. Jemand, der nicht ein Jahr lang im Ausland war, ist vielleicht genervt davon, wenn ich bei jeder Gelegenheit etwas aus dem vergangenen Jahr erz\u00e4hle. Mit anderen Freiwilligen ist das normal. Wir haben viel zusammen erlebt und jeden Einzelnen von uns hat dieses Jahr gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wir sprechen nicht nur \u00fcber das Ankommen, das bei manchen schon l\u00e4nger her ist als bei anderen und f\u00fcr die Einen viel schwieriger war als f\u00fcr die Anderen. Viel dreht sich auch darum, wie wir das Erlebte r\u00fcckblickend bewerten. Was hat es mit uns gemacht? Haben sich unsere Erwartungen erf\u00fcllt? Ich f\u00fcr meinen Teil kann sagen: Ja, voll und ganz. Je mehr Abstand ich zu dem Jahr gewinne, desto klarer sehe ich, in wie vielen Teilen meines Lebens mich diese Erfahrung beeinflusst hat. Wenn man sich st\u00e4ndig au\u00dferhalb seiner Komfortzone bewegt, w\u00e4chst diese irgendwann unweigerlich. Ich bin offener geworden, habe an Selbstvertrauen und Gelassenheit gewonnen, mache mir nicht mehr so viele Gedanken dar\u00fcber, was andere \u00fcber mich denken. Aber es ist auch nicht mehr alles so verkl\u00e4rt. Vieles dreht sich auch um Schwierigkeiten, kritisches Hinterfragen und die Erkenntnis: Ich konnte anderen in dem vergangen Jahr auf keinen Fall so viel geben, wie das Jahr mir gegeben hat.<\/p>\n<p>Abends, wenn die Namenschilder abgelegt werden und der letzte Programmpunkt beendet ist, gehen die Gespr\u00e4che weiter. Auf der Wiese zwischen den H\u00e4usern, am Strandbad, irgendwo dazwischen, w\u00e4hrend eines Trinkspiels, bei einer Partie Beachvolleyball, in der Disco. Das Gef\u00fchl, am Ende einer unglaublichen Zeit zu stehen ist sp\u00fcrbar. Und trotzdem gelingt es abends, ein bisschen loszulassen, die teils tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4chsthemen des Tages auszublenden, zu anderen Themen zu wechseln oder auch einfach zu feiern. Der Abschied kommt daf\u00fcr dann umso abrupter. So viele Tr\u00e4nen sind bei mir schon lange nicht mehr geflossen. Pl\u00f6tzlich ist das Ende da, ab morgen sind wir keine Freiwilligen mehr, die Menschen, die uns ein Jahr lang begleitet haben, verteilen sich \u00fcber ganz Deutschland und wer wei\u00df wann man sich wieder sieht.<\/p>\n<p>Das Seminar selbst hat mir aber das Gef\u00fchl gegeben, den Freiwilligendienst abrunden zu k\u00f6nnen. Der Austausch war das was ich gebraucht habe, um all meine Gedanken und Gef\u00fchle loszuwerden und mit anderen dar\u00fcber zu sprechen. Ich glaube, einige von uns reisen mit deutlich leichterem Gep\u00e4ck ab, als sie angekommen sind.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Hause, sitze ich dann pl\u00f6tzlich da, mit einem Alltag, der keine Struktur hat und in einer \u00dcbergangsphase, die ein ganz seltsames Gef\u00fchl in mir ausl\u00f6st. Aber es tut gut. Ich muss mich scheinbar nicht nur von den vergangen Tagen erholen, sondern, gemessen an der Menge an Schlaf, die ich ben\u00f6tige, von dem ganzen Jahr.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich treffe ich mich auch mit Freunden. Mit manchen klickt es sofort, es f\u00fchlt sich an, als w\u00e4re ich nie weg gewesen. Bei anderen bin ich zwar wieder in der Gruppe dabei gedanklich aber ganz wo anders, ohne so richtig zu wissen wo, und warum ich das Gef\u00fchl habe, gerade eher als Au\u00dfenstehende auf\u00a0 meine engsten Freunde zu schauen. Die Aussage: &#8222;Du hast dich ja gar nicht ver\u00e4ndert.&#8220; sollte da ja eigentlich ermutigend sein. So nach dem Motto &#8222;Das wird schon wieder.&#8220; Aber das Gegenteil ist der Fall. In dem vergangen\u00a0 Jahr habe ich ein komplett neues Leben gelebt. Und das hat mich gepr\u00e4gt. Die Ver\u00e4nderungen betrachte ich mit Stolz. Dass sie von manchen Mitmenschen teilweise gar nicht wahrgenommen werden, f\u00fchlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Ich wei\u00df, dass damit eigentlich gemeint ist, dass es sch\u00f6n ist, dass ich wieder dabei bin und die Intentionen dahinter nur die Besten sind, aber ich w\u00fcrde lieber h\u00f6ren: &#8222;Du hast dich wirklich ver\u00e4ndert.&#8220;<\/p>\n<p>Die Frage &#8222;Und? Wie wars?&#8220; ist wohl die meistgestellte Frage \u00fcberhaupt und ein \u00dcberraschungspacket. Wie genau will der Fragende die Frage wirklich beantwortet haben? Meine Erkenntnis: erstmal grob antworten, die Nachfragen kommen dann schon. Oder viel \u00f6fter auch nicht. W\u00e4hrend ich gedanklich noch in Brno festh\u00e4nge, geht das Leben um mich herum wieder seinen gewohnten Gang, dass ich dieses Essen oft in Tschechien gekocht habe, das Licht dort um eine bestimmte Uhrzeit immer besonders sch\u00f6n war oder der Caf\u00e9 unvergleichbar gut, all das sind Dinge, die mir immer wieder in den Kopf kommen, aber wenn ich sie mit anderen teile merke ich schnell, Viele k\u00f6nnen mit meinen Gedanken nichts anfangen.<\/p>\n<p>Die Anfangszeit ist also schwer, mit der Zeit wird es leichter. Ich genie\u00dfe es wieder, hier zu sein und inzwischen bringen mich solche kleinen Gedankenfenster an das vergangene Jahr in meinem Alltag immer wieder zum L\u00e4cheln. Ich habe gemerkt, dass ich es schaffe, mit den Menschen, die mir in diesem Jahr ans Herz gewachsen sind, in Kontakt zu bleiben. Und m\u00f6chte noch einmal ein riesengro\u00dfes Dankesch\u00f6n an alle aussprechen, die das Jahr zu dem besten Jahr meines Lebens gemacht haben.<\/p>\n<p>Die Lehrkr\u00e4fte vor Ort, die mich mit offenen Armen empfangen haben, mir bei all meinen Fragen zur Seite standen, mich mit Kuchen verw\u00f6hnt haben, mit denen ich endlose Harry-Potter-Diskussionen gef\u00fchrt habe, stundenlang im Kabinett sa\u00df, obwohl der Unterricht schon lange vorbei war, die mir gezeigt haben, dass zum Lehrersein auch ein bisschen Wahnsinn dazugeh\u00f6rt und sich mit mir teils mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen unterhalten haben, meine Tschechischk\u00fcnste gelobt haben, auch wenn es grottig war, mir Freunde, Ersatz-Mama und Papa und ein St\u00fcck Familie waren und mir ein riesiges Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl vermittelt haben.<\/p>\n<p>Die tschechischen Freunde und Freundinnen, die mich mit Neugierde, Herzlichkeit und ganz viel Liebe aufgenommen haben, mich auf Parties eingeladen haben, gemeinsam Caf\u00e9s getestet haben, lange Spazierg\u00e4nge unternommen haben, mit mir \u00fcber Lehrer l\u00e4stern wollten, mich im Dunkeln nach Hause gebracht haben, mich \u00fcber mein Heimweh hinweggetr\u00f6stet haben und nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet haben, dass ich in einem Jahr wieder gehe sondern alles was sie hatten in unsere Freundschaft gelegt haben.<\/p>\n<p>Meine Mitsch\u00fcler:innen im Tschechisch-Kurs, die irgendwo auch Freunde geworden sind und unter denen ich mich nicht mehr so allein gef\u00fchlt habe. Die mich als K\u00fcken in unserer Gruppe immer auf Augenh\u00f6he behandelt haben und mit denen ich \u00fcber Grammatik verzweifelt bin, Gespr\u00e4che \u00fcber Tierger\u00e4usche und andere relevante Themen gef\u00fchrt habe und v\u00f6llig unpassende Lachflashs hatte.<\/p>\n<p>Die Roller-Derby M\u00e4dels, die sich meiner j\u00e4mmerlichen Skating-K\u00fcnste angenommen haben und jeden noch so kleinen Erfolg gefeiert haben, als h\u00e4tte ich gerade einen noch nie dagewesenen Trick gemeistert. Ich habe auf und neben dem Feld so viel von diesen starken Pers\u00f6nlichkeiten lernen d\u00fcrfen und ihre &#8222;Schei\u00df drauf was andere sagen&#8220;- Einstellung konnte auch auf mich abf\u00e4rben.<\/p>\n<p>Meine Klassen, die ich wirklich ganz verliebt, &#8222;meine&#8220; Klassen nenne, die mich vor die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten, beinahe Wutanf\u00e4lle und Verzweiflungs-Haareraufen gestellt haben, dank denen ich bestimmt mindestens ein graues Haar habe, die mir aber so viel gegeben haben, dass ich ihnen das gro\u00dfz\u00fcgig verzeihe, die sich auf mich und meine Experimente, wie ich denn jetzt bitte unterrichten soll, eingelassen haben und mich jedes Mal aufs Neue unglaublich stolz gemacht haben.<\/p>\n<p>Und zu guter Letzt die &#8222;wahre&#8220; Ersatz-Familie des vergangenen Jahres: die anderen Freiwilligen, die mich das ganze Jahr \u00fcber begleitet haben, Begegnungen, die sofort so voller Vertrauen und Offenheit waren, dass in k\u00fcrzester Zeit intensive Freundschaften entstanden sind, gemeinsame Erlebnisse, Seminare, Geschichten, die wir noch unseren Urenkeln erz\u00e4hlen, &#8222;Damals als wir in der Slowakei&#8230;&#8220;, mit denen man sich \u00fcber Schwierigkeiten austauschen konnte und auf die ich mich mich zu hundert Prozent verlassen konnte.<\/p>\n<p>Inzwischen sind &#8222;die beiden Leben&#8220; zu einem verschmolzen und w\u00e4hrend ich mich ver\u00e4ndert habe, bin ich dankbar, um vertraute Strukturen in meiner ersten Heimat, freue mich auf den baldigen Besuch in meiner zweiten Heimat, bin auf dem Weg, mir ein drittes zu Hause aufzubauen, genie\u00dfe die Zeit mit meinen Freunden hier, vermisse meine Freunde aus dem Freiwilligendienst unglaublich und freue mich auf neue Bekanntschaften, die vor mir liegen. Zur\u00fcckkommen ist nicht einfach, aber das vergangene Jahr ist all das und noch viel mehr wert und wann immer meine Gedanken zur\u00fcckschweifen, kann man mich mit einem L\u00e4cheln im Gesicht beobachten. Und ich w\u00fcnsche mir von ganzem Herzen, dass diese Gedankenreisen in die Vergangenheit niemals weniger werden und viele weitere Erinnerungen in diesem Kosmos des Freiwilligendienstes dazukommen.<\/p>\n<p>Deshalb ein allerletztes Mal: Danke f\u00fcrs Lesen, machts gut und Ahoj!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze auf gepackten Koffern. Schon wieder. 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