{"id":106,"date":"2012-06-14T22:07:31","date_gmt":"2012-06-14T20:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/beograd\/?p=106"},"modified":"2012-06-14T22:13:39","modified_gmt":"2012-06-14T20:13:39","slug":"von-sadisten-busfahrern-und-singenden-priestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/beograd\/2012\/06\/14\/von-sadisten-busfahrern-und-singenden-priestern\/","title":{"rendered":"Von Sadisten, Busfahrern und singenden Priestern"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Ich mag Belgrad ja. Das sollte mittlerweile r\u00fcbergekommen sein. Ich mag das Gro\u00dfstadtleben und die vielen Menschen, die \u00fcberall sind. So generell mein ich. Das alles ist jedoch ein bisschen anders bei 35 Grad (gef\u00fchlten 50). Ich mag ja auch Sommer generell. Aber Sommer und Gro\u00dfstadt, das sind an sich zwei Disziplinen, die nicht zusammenpassen (Zitat aus der FLZ in einem anderen Zusammenhang&#8230;). Nur mal angenommen, man hat gerade 8 Stunden gearbeitet und es hat um 17 Uhr immer noch 35 Grad (mindestens). Dann setzt man sich entweder gleich in die Stra\u00dfenbahn, die aber immer nur so selten an meiner Arbeitsstelle vorbeituckelt (und die nach 3 Stationen proppenvoll ist) oder man geht den Berg hoch (auch eine schlechte Option) und nimmt den Bus. Weil ich immer so ungeduldig bin entscheide ich mich \u00f6fter f\u00fcr den Berg und den Bus. Manchmal auch, weil ich ja um 5 nur sehr selten nach Hause gehe, sondern noch was anderes mache. Dann steigt man mit vielen anderen Menschen in so einen Bus. Man fuehlt sich, als wuerden 500 Leute in einem Bus mitfahren. In Wahrheit sind es wahrscheinlich nur 200. Das ganze bringt noch eine spezielle Dynamik mit sich, denn bei jeder Haltestelle rotiert die Masse. Ist klar. Im Normalfall hat man 7 Leute um sich rum, mit denen man irgendwie voll zusammengepresst wird. Super Ding. In solchen Momenten fange ich auch mal an zu \u00fcberlegen&#8230; warum der Mensch eigentlich unbedingt schwitzen muss. So generell. Ich finde meinen eigenen Schwei\u00df pers\u00f6nlich ja schon eine ziemlich uncoole Sache. Aber dann auch noch an den von 7 anderen Leuten gepresst zu werden ist nun echt auch mal so gar nicht der Burner. Dann routiert die Masse und wenn man nach einigen Stationen aussteigt hat man wahrscheinlich den Schwei\u00df von 150 anderen Leuten an sich. Hm, wie sch\u00f6n. ich entwickle eine Duschomanie.<br \/>\nAnsonsten&#8230; ich mag ja auch die Stra\u00dfenbahnen. Ich danke Basel daf\u00fcr, dass sie die Stadt Belgrad mit ihren gro\u00dfen gr\u00fcnen Stra\u00dfenbahnen gr\u00fc\u00dft und dass sie sich entschieden hat, diese Bahnen kosteng\u00fcnstig loszuwerden (auch wenn es gerne noch ein paar mehr h\u00e4tten sein d\u00fcrfen)&#8230; durch einen Export nach Serbien. Ich danke auch Japan, dass sie Busse spendieren und Adidas und ChupaChups, dass sie ihre Werbung auf die Stra\u00dfenbahnen klatschen. Denn das macht die Bahnen so individuell. Was ich nun nicht mag&#8230; das ist die Fahrweise. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl jede Stra\u00dfenbahn und jeder Bus wird von einem Sadisten gefahren oder einem Fahranf\u00e4nger.<br \/>\nKonnte ich in meinem Dorfbus, der von Aurach nach Ansbach gefahren ist, irgendwann mitfahren ohne mich festzuhalten, weil ich die BusSurferei voll drauf hatte, so ist das hier ein klein wenig anders.<\/div>\n<div>Idealer Fall: Ich stehe, habe an einer Haltestange Platz f\u00fcr meine beiden H\u00e4nde, meine F\u00fc\u00dfe stehen idealerweise h\u00fcftbreit und haben guten Halt, dabei gehe ich leicht in die Knie und bin auf alles gefasst.<br \/>\nNicht so idealer aber Normalfall: Ich bin eingequetscht. habe, wenn ich Gl\u00fcck habe einen Platz an einer Haltestange f\u00fcr eine Hand, manchmal auch nur f\u00fcr einen Finger, meine F\u00fc\u00dfe sind froh, dass sie nicht unter einem anderen Fu\u00df stehen, aber um das Gleichgewicht zu halten langt der Halt meistens nicht.<\/div>\n<div>Und da fahren nun diese freudigen Stra\u00dfenbahnfahrer und bremsen wie es ihnen gef\u00e4llt. Ich glaube eigentlich sie bremsen \u00fcberhaupt nur, weil es ihnen gef\u00e4llt, weil dann alle Menschen umfallen. Total lustig. Sie geben Gas, bremsen, geben Gas, bremsen, dabei ist die Ampel eh rot und das kann sogar ich sehen, aus meiner \u00e4u\u00dferst ung\u00fcnstigen Bus\/Stra\u00dfenbahnposition. Und wenn sie dann so bremsen, dann passiert es, dass man selbst wie ein bekloppter mit den H\u00e4nden rudert, um nicht hinzufallen. Pro Ruderer verliert man dennoch immer mehr an Gleichgewicht. Und manchmal hat man einen sehr netten Menschen hinter sich stehen, der einen dann wie ein Engel zur\u00fcck ins Gleichgewicht schiebt. Trotz Schwei\u00df. Ich danke allen Menschen, die das t\u00e4glich bei mir machen und ich entschuldige mich ausdr\u00fccklich bei allen, auf die ich in den letzten Monaten schon mal draufgefallen bin. Es war keine Absicht. Ich schw\u00f6rs. Wenn ich nichts werd, werd ich einfach Sadist und damit Stra\u00dfenbahnfahrer in Belgrad. Das wird supi.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Betrachtet man nun den Titel, dann denkt man sich, ok, Sadisten und Busfahrer&#8230; die Geschichte ist abgehakt. Aber was zur H\u00f6lle ist mit dem singenden Priester.\u00a0Um diese Geschichte zu erz\u00e4hlen muss ich ein wenig ausholen.<\/div>\n<div>Wie wir ja alle wissen ist grad EM. Das ist in Serbien nur so semipopul\u00e4r&#8230; unter Umst\u00e4nden deswegen, weil sie nicht mitspielen. Ich will die Spiele ja aber trotzdem gucken und so habe ich mich mit einer anderen Praktikantin bei der KAS und Caroli verabredet, dass wir das Spiel der Deutschen gegen die Holl\u00e4nder zusammen in einer Bar schauen. Wir wollten uns um 8 vor der Riesen Sava-Kirche treffen. Ich war schon unp\u00fcnktlich, Carola noch mehr und Isabelle, noch mehr. Der Balkan&#8230;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Und da warten Carola und ich so auf Isabelle und quatschen so auf deutsch (auf was auch sonst, ich wei\u00df) und da werden wir pl\u00f6tzlich von einem kleinen Mann angesprochen.<\/div>\n<div>Er sagte &#8222;Guten Tag&#8220; zu uns. Nett. Im Prinzip muss ich zugeben, dass ich immer recht schnell genervt bin, wenn mich Leute auf Deutsch anquatschen, weil&#8230; es nervt. Ich will schlie\u00dflich serbisch sprechen. Aber Dusan hat mich mal ermahnt, dass ich nicht immer so anti sein soll&#8230; und vielleicht hat er auch irgendwie Recht. Das hatte ich also im Hinterkopf und daher dachte ich mir: ok, antworte dem kleinen b\u00e4rtigen Mann in dem orthodoxen Priesteroutfit.<\/div>\n<div>Also hab ich freundlich zur\u00fcckgegr\u00fc\u00dft und ihn angelacht.<\/div>\n<div>-Und dann hat er angefangen uns auf deutsch zuzuquatschen. Er hat uns von seinem Sohn erz\u00e4hlt, der direkt daneben stand. Dieser heiratet im September. Wie sch\u00f6n.<\/div>\n<div>-Ob wir schon verheiratet seien. Nein.<\/div>\n<div>-Ob wir einen Mann bzw. einen Freund h\u00e4tten. Nein.<\/div>\n<div>-Ich sage: in der Zukunft dann, wa?<\/div>\n<div>-Er und sein Sohn lachen sich halbtot bei meinem Satz. Ich verstehe nicht warum. Ok, ich bin kein junges Gem\u00fcse mehr, aber alt und verwelkt bin ich nun auch nicht&#8230;<\/div>\n<div>-Er erz\u00e4hlt weiter, dass er 8 Sprachen spricht.<\/div>\n<div>-Ich sage: Oha.<\/div>\n<div>-Er z\u00e4hlt mir alle Nachbarl\u00e4nder des fr\u00fcheren Jugoslawiens auf. Warum auch immer.<\/div>\n<div>-Er erz\u00e4hlt von seiner Schwester, Operns\u00e4ngerin in Berlin. Warum auch immer.<\/div>\n<div>-Er zeigt uns wie toll sie singt und f\u00e4ngt an sie zu imitieren &#8211; spielt aber auch gleichzeitig noch den Dirigenten mit. Gro\u00dfes Kino. Einsatz an die Streicher, die Trompeten und an die Triangel, Maultrommel, Blockfl\u00f6ten, Kastagnetten, Rasseln etc. Dazwischen singt die Operns\u00e4ngerin.<\/div>\n<div>Ich habe das Gef\u00fchl dem Sohn ist das ein bisschen peinlich, denn er bringt seinen Vater dazu damit aufzuh\u00f6ren. Ich denke&#8230; sch\u00f6n, dann k\u00f6nnen wir bald gehen.<\/div>\n<div>Aber es handelte sich um eine Fehlinterpretation meinerseits. Der Sohn brachte seinen Vater zum schweigen, um gemeinsam mit ihm ein Lied zu singen.<\/div>\n<div>Voller Inbrunst schmettern Vater und Sohn die Ode an die Freude. Aber nicht nur so ein bisschen&#8230; sondern ziemlich lange und ziemlich laut. Sie h\u00f6ren gar nicht mehr auf. Einer der absurdesten Momente meines Lebens. Sind alle orthodoxen Priester so lustig? Ist es schlimm, wenn ich mich vor lachen auf dem Boden kugele? Wie absurd ist diese Situation eigentlich? Und ist das normal? Wenn ja, warum starren uns dann alle anderen vor der Kirche so an?<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Wir klatschen h\u00f6flich&#8230; aber haben langsam das Gef\u00fchl&#8230; dass wir gehen sollten, denn das Fu\u00dfballspiel f\u00e4ngt bald an. Wir wollen nichts verpassen. Und schon kommt auch Isabelle (halbe Holl\u00e4nderin) in einem Oranje-Trikot.<\/div>\n<div>Vater und Sohn br\u00fcllen sie an: AAAAAAAAAAAAAAAAAh, Bayern M\u00fcnchen.<\/div>\n<div>Wir: sind verwirrt. Sehr. H\u00e4h? Wegen Robben oder was?<\/div>\n<div>Vater und Sohn: ahja, die Deutschen spielen ja heute. Gegen wen eigentlich?<\/div>\n<div>Wir: Verwirrung. Na gegen Holland??? Weil oranges Trikot und so.<\/div>\n<div>Vater und Sohn: dachten das ist ein deutsches Trikot. Aber im Prinzip ist ihnen das eigentlich auch relativ schnuppe, denn sie wollen uns gerne noch ein Lied vorsingen.<\/div>\n<div>Wir erkl\u00e4ren, dass wir aber jetzt wirklich losm\u00fcssen.<\/div>\n<div>Sie m\u00f6chten aber unbedingt nur noch eins singen.<\/div>\n<div>Ich glaube ich war sowieso seit der Ode an die Freude nur noch sprachlos und habs gar nicht mehr gepackt.<\/div>\n<div>Isabelle \u00fcbernahm das Sprechen und erkl\u00e4rte, dass wir leider wirklich wirklich wiiiirklich losm\u00fcssen. und so haben wir die beiden traurig zur\u00fcckgelassen.<\/div>\n<div>Noch jetzt k\u00f6nnte ich mich totlachen, wenn ich nur an diese Situation denke. Unglaublich.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Der weitere Verlauf des Abends war auch spa\u00dfig&#8230; kam aber nicht an das singende orthodoxe Duo heran. Fu\u00dfball drau\u00dfen auf Leinwand. Die Deutschen spielen ganz annehmbar. Mein Tisch macht Bombenstimmung. Unsere Gruppe wurde dann n\u00e4mlich noch gr\u00f6\u00dfer und von weiteren Deutschen und Holl\u00e4ndern aufgewertet. Ich hatte selten so einen Spa\u00df bei einem Fu\u00dfballspiel. Komisch war, dass insgesamt kaum Frauen da waren. Gut war, dann mussten wir auf der Toilette nicht anstehen. Ich wei\u00df nicht warum, aber die meisten Serben in der Bar waren f\u00fcr die Holl\u00e4nder. Nach den Toren f\u00fcr die Deutschen haben nur wir an unserem Tisch (ausgenommen der Holl\u00e4nder) gejubelt. Der Rest nicht. Ich dachte schon bei jedem Tor es ist gar kein Tor, sondern Abseits oder so&#8230; weil sich keiner freut. Das ist man von zu Haus ganz anders gewohnt.<\/div>\n<div>Ich freue mich schon auf das n\u00e4chste Spiel der Deutschen. Das wird ein Spa\u00df.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Und was lernen wir nun aus diesem Blogeintrag?<\/div>\n<div>1. Wer nix wird, wird Stra\u00dfenbahnfahrer.<\/div>\n<div>2. Wenn man nett ist, zu Leuten, die Deutsch sprechen, hat man mehr Spa\u00df im Leben und was zu erz\u00e4hlen.<\/div>\n<div>3. Die Auswirkungen von \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Weihrauch in orthodoxen Kirchen sind unkalkulierbar.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich mag Belgrad ja. Das sollte mittlerweile r\u00fcbergekommen sein. Ich mag das Gro\u00dfstadtleben und die vielen Menschen, die \u00fcberall sind. So generell mein ich. Das alles ist jedoch ein bisschen anders bei 35 Grad (gef\u00fchlten 50). 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