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Schattenwelten im Reich der Farbe

Die mögliche Wiederwahl von Evo Morales spaltet Bolivien. Anhänger*innen und Widersacher*innen des umstrittenen Präsidenten polarisieren das Land im Herzen Lateinamerikas und stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber.

Vereinzelte Sonnenstrahlen brechen durch die grau gescheckte Wolkendecke der bolivianischen Hochebene und tunken die Plaza Abaroa im Herzen von La Paz in warmes Frühlingslicht. Die Luft ist klar an diesem Septembermorgen, lediglich hier und da von dem Geruch frisch gebackenen Brotes, von Cocatee und gebratenem Fisch durchwoben. Ein Mittzwanziger in Sportkleidung hastet einer Frisbee hinterher und zwei Liebende genießen die Zweisamkeit im Schatten der Palmen. Auf dem Asphalt tummeln sich Spazierende, Menschen in Geschäftskleidung, Schuhputzer und Verkäuferinnen und lauschen gemeinsam den wehklagenden Melodien eines Cumbiastücks, das aus einer Anlage am oberen Ende des Platzes dröhnt, sich mit dem Stottern der vorbeirauschenden Autos vermengt und die anklagende Stille durchbricht, die das Zelt von Oscar Henry Rojas füllt. Seit nunmehr acht Tagen befindet sich der Familienvater aus Cochabamba im Hungerstreik.

Es wird Zeit, das bolivianische Volk mit Informationen zu bewaffnen“, beschwört er einige Unterstützer*innen, die sich um das bunte Protestlager versammelt haben. Seine Wangen wirken eingefallen, Falten durchfurchen die Stirn und münden in krausem, tiefschwarzem Haar. Er bewegt sich schwerfälliger als noch vor ein paar Tagen, als ich ihm das erste mal begegnete. Henry spricht mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. Die vergangenen Tage haben an seinen Kräften gezehrt, seine bronzefarbene Haut wirkt blass, die Mundwinkel eingefroren und hinter den Brillengläsern flackert die Empörung in den kastanienbraunen Augen des Aktivisten. Hier, direkt gegenüber des obersten Wahlgerichts Boliviens (TSE), haben er und vier weitere Mitstreitende ihr Lager aufgeschlagen um gegen die erneute Kandidatur des seit zwölf Jahren regierenden Präsidenten Evo Morales zu protestieren. Inmitten des quirligen Treibens des bolivianischen Regierungssitzes kristallisiert sich die landesweite Protestwelle, die seit einigen Monaten durch den Andenstaat schwappt und das Land entzweit.

Henry hockt im Schneidersitz auf einer dünnen Matratze, auf der sich außer eines Schlafsacks bloß einige Wasserflaschen, ein Ladekabel und eine abgegriffene Ausgabe der bolivianischen Verfassung stapeln. Eine kleine bolivianische Flagge hängt von der Decke des Zeltes hinab. „Es wird jeden Tag schlimmer, doch unser Kampfgeist und unser Zusammenhalt wachsen mit jeder Minute“ antwortet er auf die Frage nach seinem Befinden. Der Eintritt in den Hungerstreik sei notwendig gewesen, schließlich müsse man endlich ein Zeichen setzen – für „Einheit, Freiheit und Demokratie.“ Und gegen die Umgehung des am 21. Februar 2016 abgehaltenen Referendums, in dem 51,3 Prozent der bolivianischen Bevölkerung eine Verfassungsänderung ablehnte, die die bisherige Begrenzung der präsidentiellen Amtszeit auf zwei Legislaturperioden aufgehoben, und die erneute Wiederwahl Morales‘ ermöglicht hätte. „Wir haben eine Schlacht verloren, nicht aber den Krieg“, konstatierte dieser damals, und befeuerte die aufkeimende Ahnung vieler Bolivianer*innen, dass er sich mit der erlittenen Niederlage des „21-F,“ wie sie das Referendum im Volksmund schlicht nennen, nicht zufriedengeben würde.

Für den Präsidenten und die regierende Bewegung zum Sozialismus (MAS) war die Niederlage des „21-F“ der erste bedeutende Rückschlag, seit der ehemalige Anführer der Cocaleros, der Bewegung der Kokabauern, aus den Wahlen im Dezember 2005 als deutlicher Sieger hervorging. Zum ersten Mal seit der Ausrufung der Unabhängigkeit im Jahr 1825 legte am 22. Januar 2006 ein Indigener den Amtseid im Palacio Quemado ab. Es folgten Jahre des Wandels: 2009 gab sich das Land eine neue Verfassung – die Republik wurde zum plurinationalen Staat; das Wiphala, buntkariertes Wappen der andinen Bevölkerung, zum offiziellen Staatssymbol und indigene Rechtssysteme als verfassungsgleich anerkannt. Die Regierung erhob Kenntnisse in einer indigenen Sprache zur Voraussetzung für die Bekleidung öffentlicher Posten, trat zur Wahrung des traditionellen Cocaanbaus aus der UN-Drogenkonvention aus und konnte die Armut im Land von 59,9 Prozent bei Übernahme der Regierungsgeschäfte auf 36,4 Prozent im Jahr 2018 reduzieren, während sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen mehr als verdoppelte. Das Gesicht Evos, wie sie ihn hier bloß nennen, verschmolz mit dem Antlitz Boliviens. Zweimal wurde er mit deutlicher Mehrheit im Amt bestätigt. Doch Morales geriet auch immer wieder in Bedrängnis. Zunächst 2011, als er eine Autobahn mitten durch einen von Indigenen bewohnten Nationalpark bauen lassen wollte und ein international beachteter Protestmarsch von der Polizei gewaltsam unterbrochen wurde. Dann 2016, als Mutmaßungen über uneheliche Kinder des bis dahin als Unantastbar geltenden für Rumor sorgten und die bolivianische Bevölkerung die vorgeschlagene Verfassungsänderung ablehnte. Und schließlich an jenem Tag im November 2017, an dem nur wenige Meter von Henrys Zelt entfernt der Stein der Polarisierung ins Rollen gebracht wurde.

Dass sich der Protest gerade hier abspiele sei kein Zufall, bemerkt Rojas während sein Blick das umzäunte Gebäude auf der anderen Straßenseite streift. Vage deutet er mit dem Zeigefinger in die Richtung des sandfarbenen Hauses, das das oberste Wahlgericht beherbergt. „Dort liegt das Problem, und dort liegt auch Lösung“ sagt er während er einem grüßenden Spaziergänger zunickt. Er bezieht sich damit auf jene Entscheidung des Gerichts, die am 29.11.2017 das Land entzweite: An jenem Sommertag gab das Tribunal der Klage einer Gruppe von Abgeordneten der regierenden MAS Partei statt, die die in der Verfassung festgeschriebene Beschränkung der Amtszeiten für verfassungswidrig hielt. Und sie bekamen Recht. Die Begrenzung der Wiederwahl, so urteilte das Gericht, schränke jene politischen Rechte ein, die Bolivien mit der Ratifizierung der Amerikanischen Menschenrechtskonvention im Jahr 1969 anerkannt habe. Die Richter beriefen sich in ihrer Urteilsbegründung auf Artikel 256 der bolivianischen Verfassung, der den in internationalen Verträgen anerkannten Menschenrechten den Vorrang vor nationaler Gesetzgebung einräumt, sollten diese günstiger ausfallen. Das Urteil befähigt Morales somit, bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr erneut anzutreten. Während die einen jubelten und frenetische Feste in den Straßen abhielten, fühlten sich die anderen hintergangen und riefen zum Widerstand auf. Seit jenem Tag schreitet die Spaltung des Landes voran.

Evo Morales hat uns mit Gold in der einen Hand gelockt, während er uns aus der Anderen mit Gift übergoss“, klagt Henry an und redet erbost von grassierender Korruption und Vetternwirtschaft, von der Verschwendung von Steuergeldern im Land und einem zunehmend repressiven Kurs der Regierung, den er als „Symbiose aus Autoritarismus und Totalitarismus“ bezeichnet. Seine Stimme wird mit jedem Satz lauter, seine Sätze schneller und schnittiger, seine Augen aufgewühlter und seine Hände zittern leicht, während er nach dem kleinen, von Markierungen gesäumten Heft greift – ein Abdruck der 2009 verabschiedeten Verfassung. Mit ehrfürchtiger Stimme rezitiert er den 7. Verfassungsartikel, dem zufolge die Staatsgewalt vom bolivianischen Volke ausgeht. „Wenn unsere eigene Regierung die Verfassung nicht mehr respektiert, dann müssen wir handeln. Die Geschichte”, so sagt er mit Nachdruck, „verzeiht nicht das Fehlen von Zivilcourage.”

Bloß ein paar Meter weiter, im Schatten eines violetten Sonnenschirms, sitzt Juan und steckt gerade ein paar Münzen in einen schwarzen Beutel. Auf seinen hohen Wangen haben sich die Jahre eingegraben. Er ist einer der zahlreichen Schuhputzer, die die Straßen von La Paz säumen. Doch im Gegensatz zu der Mehrzahl der Lustrabotas trägt er keine Skimaske, verdeckt sein Gesicht nicht. Die soziale Ausgrenzung, unter der viele der Schuhputzer leiden, scheint ihm entweder nichts auszumachen, oder aber an ihm vorbei zu ziehen. Juan erledigt seine Arbeit mit erhobenem Haupt und einem freundlichen Lächeln, seinen Reinigungen haftet eine diskrete Eleganz an. Als der metallblaue Schemel vor ihm schließlich frei wird und ich auf ihn zu schlendere, schüttelt er fest den Kopf und ein flüchtiges „hoffnungslos“ entweicht seinen ledernen Lippen. Trotz seines Handwerks sind seine Hände von geradezu filigraner Beschaffenheit, ein zerfledderter Strohhut bedeckt die grauen Haarbüschel und seine ebenholzfarbenen Augen zucken unruhig umher, als ich ihn nach seiner Meinung zu den Protesten frage. Zögerlich neigt er den Kopf und nimmt einen tiefen Atemzug. Schließlich blickt er mir durchdringend in die Augen und antwortet: „Ich gehöre keiner bestimmten Partei, da halte ich mich raus. Aber Evo hat viel Gutes für uns getan.“ Damit wendet er sich ab.

Von den zum Verweilen einladenden Grünflächen der Plaza Avaroa führt der Weg in Richtung Stadtmitte über die Plaza del Estudiante. Zahlreiche Studierende schlendern über den Bürgersteig, kaufen schnell noch etwas zu essen oder hasten bereits zur nächsten Vorlesung. Unweit des zentralen Universitätsgebäudes komme ich an einem elfenbeinfarbenen Häuserblock vorbei, dessen Bewohner mittels selbstgestalteter Plakate den Hungerstreikenden ihre Sympathie bekunden. In den Straßen von La Paz wirken die Gegner des Präsidenten zunächst lauter, ihre Entrüstung ziert zahlreiche der verschachtelten Häuser, säumt unzählige der mit Graffiti besprühten Mauern. So auch das Gebäude der Universität, über deren Eingangshalle ein rot-blaues Banner „Respekt der Demokratie – 21-F“ fordert.

Die überproportionale Präsenz seiner Gegner im Stadtbild bedeutet jedoch nicht, dass Morales jeglicher Unterstützung in der Bevölkerung entbehrt. Im Gegenteil, ein großer Teil der Bolivianer*innen steht noch immer hinter ihm. Ihre Unterstützung vollziehe sich jedoch eher in stummer Übereinkunft mit dem Wandel, den die Bewegung zum Sozialismus (MAS) seit ihrer Gründung losgelöst hat, wie mir Camilo unter dem zermürbenden Redeschwall einer Telenovela darlegt, deren Lautstärke jedwede Unterhaltung in der Cafeteria der Universität zur Herausforderung macht.

Kohleschwarze Locken fallen über die Schultern des politisch engagierten Wirtschafts- und Soziologiestudenten, der Vorsitzender einer Studierendenbewegung ist und sich auf eine nahende Podiumsdiskussion für die Hochschulwahlen vorbereitet. Am Mittelfinger seiner linken Hand steckt ein schlichter Silberring, den er mit jeder Geste ruhig durch die stickige Luft der Mensa schwingt. Seinen vollen Lippen entweichen lediglich wohl überlegte Satzbausteine, keine überstürzten Mutmaßungen oder polemischen Behauptungen. „Zunächst einmal ist es wichtig, zwischen der aktuellen Regierung, und dem von ihr vorangetriebenen Prozess des Wandels zu differenzieren,“ beginnt er seine Ausführung und schiebt hinterher, dass es eben jener Prozess sei, den er und viele seiner Freunde unterstützen.

Unter einem ausführlichen Rückgriff auf die Geschichte Boliviens erklärt er mir, dass es in Bolivien zwei unterschiedliche politische Visionen gebe die das Land in den letzten 65 Jahren maßgeblich gestalteten und die man verstehen müsse, um die aktuelle Debatte in einen weitreichenderen Kontext einzubetten. Die eine sei die der lange Jahre regierenden Bewegung der nationalen Revolution (MNR), die mit dem bis 1952 allgegenwärtigen Rassismus gebrochen, und den politischen Diskurs in Richtung einer Gleichheitsidee verschoben habe. „Man redete uns ein wir seien alle gleich. Plötzlich hieß es, wir alle seien Mestizen, wir alle haben das Beste aus europäischen und indigenen Wurzeln.“ Das klinge zwar zunächst wunderbar, habe aber einen Prozess der Homogenisierung angestoßen. In dessen Zuge sei insbesondere die Kultur des Tieflandes faktisch ausgemerzt worden. Und die propagierte Dominanz des Spanischen habe zu einem enormen Verlust indigener Sprachen geführt.

Im Jahr 1990 schließlich kam es zum großen Aufbegehren gegen jene Vision eines einheitlichen Staatsvolkes. Der Gran Marcha por el territorio y la dignidad, der Große Marsch für Territorium und Würde durchzog das Land und stieß einen Prozess des Wandels an, der einer neuen politischen Vision Ausdruck verlieh. Damals versammelte sich die Bevölkerung der Tiefebenen Boliviens um ihre kulturelle Anerkennung einzufordern und gemeinsam aus der Unsichtbarkeit herauszutreten. Sie reklamierten Würde, Respekt, Anerkennung ihrer Sprachen und Kulturen und ihrer unterschiedlichen Lebensrealitäten. Kurzum: Sie forderten die Anerkennung der Vielfalt im Land. „Das ist im Grunde genommen das Fundament des Wandels, den wir unterstützen. Wir sind nicht alle gleich. Wir sind nicht alle andin, wir sind nicht alle Aymara oder Quechua, wir sind so viel mehr. Wir sind auch Guaraní, Chiquitano, Mojeño,“ so Camilo. Und jene Vielfalt sei der Grundstein einer neuen politischen Vision, auf die das Regierungsprogramm der seit 2006 amtierenden Regierung aufbaue und die im Jahr 2009 schließlich in der Ausarbeitung einer neuen Verfassung mündete.

Letztlich, so sagt er eindringlich, gehe es um nicht weniger, als das Staatskonzept neu zu denken. „Die Verfassung von 2009, die uns als interkulturellen, dezentralen und plurinationalen Staat definiert, ist der Rahmen, in dem dieser Wandel sich weiterentwickelt“ unterstreicht er die Bedeutung der bis heute Wellen schlagenden Verfassungsänderung. Und fordert, losgelöst von westlichen Konstrukten das Konzept der Demokratie in Bolivien umzudeuten: „Unsere Lebensrealität ist eine andere, unserer Art der Organisation und des Zusammenlebens eine andere als die der Menschen im Westen. Die Anerkennung unserer Unterschiede und unserer Vielfalt ist die bisher größte Errungenschaft eines historischen Prozesses, der noch lange nicht an ein Ende gekommen ist.“

Um das Fortschreiten dieses Projektes nicht zu gefährden unterstütze er die Regierung von Evo Morales. „Diese Regierung ist das Ergebnis einer historischen Dynamik, deswegen unterstützen wir sie“, unterstreicht er mit einem bestimmten Kopfnicken seinen Standpunkt und faltet die kräftigen Hände zusammen. Dennoch sei auch er kein fanatischer Unterstützer einer spezifischen Partei, oder gar einer Person. Vielmehr, so bekräftigt er, sei es ihm wichtig, auch jenen Tendenzen kritisch gegenüber zu stehen, die den Prozess des Wandels lediglich zu instrumentalisieren versuchen um eigene Interessen durchzusetzen.

Auf mein Nachhaken, was er jenen Menschen antworte, die Morales durch die anvisierte Wiederwahl jeglichen Respekt vor der Entscheidung der eigenen Bevölkerung und der bolivianischen Verfassung absprechen, antwortet er ohne zu zögern: Das Recht, so erklärt er, sei ein soziales Konstrukt. „Es ist nicht in Stein gemeißelt, nicht statisch, sondern etwas Lebendiges.“. Es reagiere auf Bewegungen in der Gesellschaft und passe sich an. Dann streift sein Blick die Uhr am rechten Handgelenk und im Aufstehen wiederholt Camilo erneut seinen Standpunkt: „Unsere Vision für ein vielfältiges Bolivien ist es, die Demokratie neu zu denken. Der Großteil der Bevölkerung durfte nie an der Demokratie teilhaben. Das ist inzwischen anders. Losgelöst von den Imperativen kolonialen Gedankenguts müssen alles neu denken; unser Bildungssystem, unsere Debatten, unsere Art der Organisation. Und unsere Art des Wirtschaftens. Demokratie lässt sich nicht einfach auf eine leicht zu manipulierende Stimme herunterbrechen, die wir alle paar Jahre abgeben. Sie ist mehr als das. Viel mehr.“ Mit diesen Worten zieht er los, macht sich auf den Weg um rechtzeitig zum Ende des nächsten Vorlesungsblocks um Stimmen für die Hochschulwahlen zu werben.

Als ich die das Gebäude verlasse, springt mir das blau-rote Banner erneut ins Auge. Bloß einige Schritte weiter ziert das Antlitz Che Guevaras eine Mauer im Park der Universität. „Jede unserer Aktion – ein Aufschrei gegen den Imperialismus!“ steht in großen schwarzen Lettern daruntergeschrieben. Bolivien zerfällt zunehmend in zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Lager. Auseinandersetzungen zwischen Fürsprecher*innen und Gegner*innen der Wiederwahl durchziehen nicht bloß die Medien, sondern auch die Straßen des Landes. Etwa zwanzig Gehminuten von der Universität entfernt liegt das historische Zentrum der Stadt. An der Plaza San Fransisco, dem lebendigen Vorplatz der gleichnamigen Basilika, tummeln sich Flanierende und Wahrsagende, Saftverkäufer*innen, und Tourist*innen im Schatten der barocken Kirchenmauern. Ein blaues Zelt überdacht etwa ein dutzend spärlich besetzter Schachfelder auf wackeligen Plastiktischen und zwei argentinische Künstlerinnen feilschen mit den Vorbeiziehenden um die Preise ihrer handgemachten Lederhalsketten, die sie auf einer grün-braun-gestreiften Wolldecke vor sich ausgebreitet haben.

Plötzlich löst sich eine Gruppe junger Menschen aus der Masse und reiht sich vor dem altehrwürdigen Eingang der Kirche auf. Ihre „Bolivien hat Nein gesagt“-Schreie füllen den Platz. Passanten bleiben stehen und schauen zu, einige nicken zustimmend, andere wiederum werfen den Demonstrierenden verächtliche Blicke zu. Ein älterer Herr mit Baskenmütze und Schnurrbart schwingt seinen Spazierstock im Vorbeigehen erbost durch die Luft und ruft ihnen zu, sie sollen leise sein. Etwa 50 Meter die Straße hinunter schart sich eine Menschentraube um ein violett geschmücktes Ständchen, hier wirbt die MAS-Partei um neue Mitglieder. Die Stimmung ist unbefangen, man wirft mir strahlende Blicke entgegen. Und lockt die Vorbeiziehenden mit ausgelassener Musik und dem Versprechen auf eine glänzende Zukunft.

Mit der allmählich sinkenden Sonne füllen sich auch die Straßen von La Paz. Studierende strömen auf die Straße, Menschen in Anzug und Krawatte drängeln sich aus ihren Arbeitsplätzen und winken sich einen der abertausenden Minibusse heran, die sich ihren Weg über die völlig überfüllte Avenida 16 de Julio bahnen. Der Geruch frischer Salteñas, saftig gefüllte Teigtaschen, liegt in der Luft und durchdringt den aufsteigenden Benzingestank. Zwischen den umher eilenden Menschenscharen der Plaza Camacho treffe ich Edson. Schnellen Schrittes schreitet er über den Asphalt, kommt geradewegs aus dem Hörsaal. Der 23-Jährige studiert Wirtschaft an der Universidad Mayor de San Andrés, der größten öffentlichen Universität in La Paz. Auch er ist vehementer Gegner einer erneuten Kandidatur von Morales. Die Hände des quicklebendigen Paceños wirbeln mit jedem Wort durch die Luft als verdreifache dies ihre Bedeutung. „Ich habe am 21. Februar nicht für oder gegen Evo gestimmt, ich habe auch nicht für oder gegen eine Partei gestimmt, sondern gegen die Änderung unserer Verfassung. Und das unabhängig von Evo“, prescht er mit außergewöhnlich hoher Stimme hervor, in dessen entrüstetem Abklang ein Hauch von Belustigung mitschwingt. „Wie sagt man?“, fragt er während ein zynisches Lächeln über seine Lippen bricht. „Mit den Politikern ist es wie mit Windeln, man muss sie regelmäßig wechseln, damit sie nicht zu schmutzig werden.“

Bei einem mit Zeitungen, Bonbons, Softdrinks und Zigaretten übersäten Stand am Straßenrand kauft er sich getrocknete Bananenchips während vor uns eine junge Frau mit geflochtenen Haaren, olivgrünem Wintermantel und zerschlissenen Doc Martens die Ampelpause nutzt um ihr Einrad auf die Straße zu manövrieren und mit vier bunten Kegeln zu jonglieren beginnt. Als der Verkehr wieder ruckartig fließt, spazieren wir einen Hang hinauf und lassen uns schließlich am Mirador Killi Killi nieder, einem der zahlreichen Aussichtspunkte der Stadt. Wortlos weiden wie uns an dem spektakulären Blick über das sich entflammende Lichtermeer des Großstadtdschungels, das sich wie ein Lauffeuer vor uns ausrollt und auf den majestätisch erhobenen Berggipfel des Illimani zuströmt.

Als sich die ersten Ausläufer der Dunkelheit über die Hänge legen schlendern wir zurück in Richtung Stadt. Mein Blick fällt auf ein pompöses Gebäude, das aus dem Herzen La Paz‘ direkt in den Himmel emporragt. La Casa Grande del Pueblo, das große Haus des Volkes. Das neue Regierungsgebäude wurde erst vor kurzem eingeweiht. Laut offizieller Seite ein Akt der Befreiung aus den goldenen Verliesen der kolonialen Vergangenheit, eine symbolischer Neuanfang. Geschmückt mit indigener Kunst, gebaut auf dem Fundament der Identität der Vielfalt Boliviens. Das ist die eine Version. Die andere wird vom Wind der Entrüstung getragen. Von jenen Stimmen, die Anklage erheben und mit Kopfschütteln auf die ihnen zufolge schillernde Fassade der Dekadenz deuten, die sich trotz eines Bauverbots für Hochhäuser über die historische Altstadt erhebt. „Wir nennen es bloß noch den Turm von Sauron“, kommentiert Edson meinen Blick und verfällt in verzweifeltes Gelächter. Während unser Weg die dicht besiedelten Hänge hinabführt und wir in den Großstadttrubel der Abendstunden eintauchen, gerät er ins Grübeln. Nach einigen Minuten der Stille bricht er sein Schweigen und spricht von der politischen Krise in Venezuela. Von den Vertriebenen und Entrechteten, von Gewalt und Kummer, von Gräuel und Leid. Sorgenfalten durchziehen seine Stirn. „Dort haben wir ein Beispiel quasi direkt vor der Haustür, wohin all das führen kann.“ Seine Stimme erstickt in den aufkeimenden Abgründen, die er sich vor Augen ruft. „Wenn wir einmal da angelangt sind, gibt es kein Zurück mehr“, flüstert er mit erloschenen Augen.

Innerhalb weniger Augenblicke hat sich die Dunkelheit über das farbenfrohe Potpourri von La Paz gelegt und den Glanz der andinen Sonne verschlungen. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Jubel und Wehklagen, Enthusiasmus und Entrüstung liegen hier ganz nah beieinander, teilen sich die überfüllten Gehsteige, lauschen gemeinsam der Musik, besuchen dieselben Vorlesungen. Und zehren letztlich von der gleichen Sehnsucht nach besseren Zeiten. Das sonst so bunte Antlitz der Bolivianer*innen, es glüht derzeit in Schwarz-Weiß.

3 thoughts on “Schattenwelten im Reich der Farbe

  1. Lieber Benjamin, herzlichen Glückwunsch zu deinem fantastischen Artikel!
    Dein spannender, bildreicher aber klar verständlicher Schreibstil macht einfach Freude, in die Geschichten einzutauchen, die du aus deiner Wahrnehmung schreibst, aber für alle zugänglich und nahbar machst. Danke, dass du uns einen aktuellen Einblick in das Geschehen Boliviens erhaschen lässt und mit deiner wahrscheinlich sehr treffenden Conclusion für den Moment eine ehrliche Perspektive des „es bleibt spannend“ für uns eröffnest. Ich werde mich auf alle Fälle mit deinen Artikeln weiter auf dem Laufenden halten und bin schon sehr gespannt auf weitere Geschichten von dir! Weiter so und natürlich viel Spaß und Neugierde beim Reporten 😉

    • Lieber Christopher, ich bedanke mich recht herzlich fuer deine sonnigen und klaren Worte, die mir da doch ein sueffisantes Laecheln auf die Lippen gezaubert haben. Danke dafuer. Man begiesse die Welt weiterhin mit einer solch positiven Energie 😉

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