{"id":95,"date":"2019-02-11T18:48:37","date_gmt":"2019-02-11T17:48:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/?p=95"},"modified":"2019-02-11T18:48:37","modified_gmt":"2019-02-11T17:48:37","slug":"schritt-fuer-schritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/2019\/02\/11\/schritt-fuer-schritt\/","title":{"rendered":"Schritt f\u00fcr Schritt"},"content":{"rendered":"<p>Hallo meine Lieben,<\/p>\n<p>einen Blog zu schreiben ist wie Duschen. Man braucht einiges an \u00dcberwindung, um einmal damit anzufangen, aber wenn man dann dabei ist, will man gar nicht wieder aufh\u00f6ren. Mein letzter Blogbeitrag ist wirklich schon eine Ewigkeit her und ich habe sogar \u00fcberlegt, diese \u00fcberschaubare Anzahl an Textchen, die ich \u00fcberm\u00fctig Blog nenne, komplett einschlafen zu lassen. Aber nun gut, jetzt habe ich mich einmal \u00fcberwunden, mit dem Schreiben anzufangen, und jetzt bekommt ihr auch einen Text.<\/p>\n<p>Seit Mitte Dezember ist viel Zeit vergangen und ich hatte eine tolle, ereignisreiche Zeit. Dennoch sind die Wochen so unfassbar viel schneller verflogen, als es noch am Anfang der Fall war. Inzwischen hat sich tats\u00e4chlich eine Routine eingestellt und nicht jeder Blick aus dem Busfenster ist ein so eindr\u00fcckliches Erlebnis wie noch zu Anfang.<\/p>\n<p>Dennoch hat mir die zehnt\u00e4gige Reise in die Casamance und nach Kedougou, die ich in den Weihnachtsferien mit meinen franz\u00f6sischen Mitpraktikanten gemacht habe, nochmal einen neuen Blick auf das Land er\u00f6ffnet. Wir haben in diesen Tagen haupts\u00e4chlich sehr l\u00e4ndliche Regionen gesehen, teilweise waren es Bergd\u00f6rfer, die nur zu Fu\u00df zug\u00e4nglich sind. Die Menschen dort leben ein sehr anderes Leben als die Menschen in der Gro\u00dfstadt Dakar und man f\u00fchlt sich so weit entfernt von allem, was politisch in der Hauptstadt des Landes passiert.<\/p>\n<p>Apropos Politik: Im Moment ist die Stadt fest in der Hand des Wahlkampfs f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen Ende Februar 2019. Ich finde es sehr interessant, mit allen m\u00f6glichen Menschen \u00fcber Kandidaten, Chancen der Wiederwahl f\u00fcr Macky Sall und Wahlmanipulation zu reden. Wirklich professionelle Informationen zu bekommen ist aber reichlich schwierig (alles auf Wolof oder franz\u00f6sisch infiltriert) und die Debatten sind sehr leidenschaftlich. Aus dem, was ich mir in den letzten Wochen an Wissen zusammengesammelt habe, ergibt sich aber ein nicht allzu positives Bild f\u00fcr den jetzigen Pr\u00e4sidenten Sall. P\u00fcnktlich vor den Wahlen ist er schwer damit besch\u00e4ftigt, riesige (von China oder Frankreich finanzierte) Infrastrukturprojekte einzuweihen, so zum Beispiel eine neue Autobahn, die Gambia-Br\u00fccke und nicht zuletzt das neue Mega-Museum der schwarzen Zivilisationen (ja, da habe ich bei der Einweihung gesungen!). Auch der Bau von lauter neuen Wohnkolossen, die aber f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung vollkommen unbezahlbar sind, ist nat\u00fcrlich reine Kalkulation, um f\u00fcr seine Wahlversprechen einzul\u00f6sen und f\u00fcr seine Wiederwahl zu werben. W\u00e4hrend das ja nur durchschaubar, aber noch legitim ist, ist es doch ein Skandal, dass die Verteilung der Wahlberechtigungen ungew\u00f6hnlich langsam vonstattengeht und ganz zuf\u00e4llig genau seine Gegner bis heute vergeblich auf ihre cartes electeurs warten. Auch die Neueinf\u00fchrung eines neuen Wahlsystems (zur Eliminierung eines Gro\u00dfteils der Kandidaten, unter anderem aller Frauen) und die Inhaftierung bzw. Verbannung ins Exil seiner zwei gef\u00e4hrlichsten Konkurrenten, zeigt eine Form der \u201eDemokratie\u201c, die kaum so genannt werden kann.<\/p>\n<p>Die Wahlen werden aber erst nach meiner Abreise stattfinden, die in unglaublich gro\u00dfen Schritten n\u00e4her r\u00fcckt. Ich nutze meine verbleibenden zehn Tage aber noch gut, ich habe n\u00e4mlich noch ein Projekt angesto\u00dfen, das alleine aus meiner Feder kommt und an dem ich im Moment jeden Tag arbeite. Ich habe unter dem Motto \u201eMein Lieblingsort\u201c ein Schreibatelier an einem Lyc\u00e9e in Dakar veranstaltet, aus den Ergebnissen soll am Mittwoch eine Ausstellung er\u00f6ffnet werden. Das Ganze wird Illustriert mit Bildern, bereichert durch m\u00fcndliche Berichte und ist angelegt als gro\u00dfe Party (Es wird Musik, eine Schatzsuche, Buttons und S\u00fc\u00dfigkeiten geben! Kommt vorbei!). Eigentlich wollte ich f\u00fcr die Aktion noch mindestens zwei weitere Schulen in Dakar hinzuziehen, das war aber bisher schwierig wegen der zentralen Semesterpr\u00fcfungen. Dr\u00fcckt mir die Daumen, dass ich noch alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe!<\/p>\n<p>Ach, dieser Text scheint mir zum Rundumschlag zu verkommen\u2026 Ich k\u00f6nnte noch \u00fcber so vieles schreiben (Weihnachten ohne die Familie, W\u00fcste, Surfen, Mitmenschen hier und und und\u2026). Aber jetzt gibt es erst einmal Mittagessen und dann schauen wir weiter.<\/p>\n<p>So, dieser Text ist nicht nur ein Rundumschlag, sondern auch ein Etappenbrief. Es ist nun 17:30 Uhr und ich sitze nach getaner Arbeit im Lehrerzimmer. Ich komme gerade von einer 120-min\u00fctigen Deutschstunde mit der Troisi\u00e8me, die sehr erfolgreich aber auch sehr intensiv war. Wir stehen wenige Tage vor einer wichtigen Deutschpr\u00fcfung am Samstag, auf die ich die Sch\u00fclerinnen seit mehreren Monaten vorbereite. Die M\u00e4dchen sind aber super fit, ich mache mir da \u00fcberhaupt keine Sorgen. Dieses Lehrerzimmer ist wirklich zu meinem Wohnzimmer geworden \u2013 Kern dieses Raumes ist eine gro\u00dfe Sitzgruppe aus Sofas und Sesseln, auf dem Tisch in der Mitte befindet sich immer eine T\u00fcte mit Erdn\u00fcssen, man trinkt rund um die Uhr Attaya (welcher immer vom rangniedrigsten Lehrer, d.h. dem Kunstlehrer zubereitet wird) und es wird auf einem Franz\u00f6sisch-Wolof-Mix \u00fcber alles diskutiert, \u00fcber das man diskutieren kann. Am liebsten nat\u00fcrlich \u00fcber Politik (siehe oben). Heute Abend werde ich noch ein bisschen f\u00fcr mein DELF B2 (Franz\u00f6sisch-Diplom) in zwei Wochen \u00fcben und nach dem Abendessen noch ein H\u00f6rverstehen mit der Premi\u00e8re machen.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte \u00fcber so viel schreiben, aber das alles ist mir so zur Normalit\u00e4t geworden, dass es mir kaum beschreibenswert scheint. Wenn also jemand eine Frage hat, kann er sie gerne stellen. Aber wenn ich jetzt beginnt zu schreiben \u201eWie es hier so ist\u201c und \u201eWas ich hier so mache\u201c, dann wird das eine mehrb\u00e4ndige Buchreihe (der Pleonasmus war beabsichtigt). Also belasse ich es bei diesem Lebenszeichen und freue mich schon sehr darauf, euch in wenigen Tagen wieder pers\u00f6nlich zu sehen und alles, was ihr wissen wollt, haarklein zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Eure Clara<\/p>\n<p>P.S. Ich werde euch eh noch bis an mein Lebensende damit nerven, dass ein Gro\u00dfteil meiner S\u00e4tze mit \u201eAls ich im Senegal war\u201c beginnen wird \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo meine Lieben, einen Blog zu schreiben ist wie Duschen. Man braucht einiges an \u00dcberwindung, um einmal damit anzufangen, aber wenn man dann dabei ist, will man gar nicht wieder aufh\u00f6ren. 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