{"id":79,"date":"2018-11-20T15:04:37","date_gmt":"2018-11-20T14:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/?p=79"},"modified":"2018-11-20T15:04:37","modified_gmt":"2018-11-20T14:04:37","slug":"teranga-die-senegalesische-gastfreundschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/2018\/11\/20\/teranga-die-senegalesische-gastfreundschaft\/","title":{"rendered":"Teranga: Die senegalesische Gastfreundschaft"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort \u201eTeranga\u201c stammt aus dem Wolof, der Verkehrssprache des Senegals und l\u00e4sst sich mit Gastfreundschaft \u00fcbersetzen. Die Omnipr\u00e4senz dieses Begriffes begreift der Senegalreisende bereits am Flughafen, wo auf \u00fcberdimensionierten Plakaten im \u201ePays de la Teranga\u201c willkommen gehei\u00dfen wird. Auch in der Stadt Dakar scheint es sehr wichtig zu sein, dieses Konzept immer wieder zu betonen. Ich hatte lange Zeit das Gef\u00fchl, dass es f\u00fcr die Senegalesen eine leere Formel zu sein scheint. Im Zusammentreffen mit unfreundlichen Taxifahrern oder fliegenden H\u00e4ndlern, die einem \u201eToubab\u201c, also einer wei\u00dfen Person, den dreifachen Preis abkn\u00f6pfen wollen, bekamen wir nicht allzu viel Herzensg\u00fcte entgegengebracht. Auch wenn ich das auf keinen Fall erwarte, hielt ich es dennoch f\u00fcr einen Etikettenschwindel. Auch besonders nachdem bei einer guten Freundin, die ich hier gefunden habe, eingebrochen und wertvolle Technik gestohlen wurde, begann ich sogar an meiner Sicherheit zu zweifeln \u2013 und das muss bei meiner Ich-bin-eine-alte-ausgeglichene-und-zuversichtliche-Eiche-Gesinnung schon etwas hei\u00dfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der vergangenen zwei Wochenenden habe ich jedoch meine Meinung ge\u00e4ndert und m\u00f6chte gerne davon berichten, was ich Tolles erleben durfte. Macht\u2019s euch bequem und legt die F\u00fc\u00dfe hoch zur Storytime mit Clara!<\/p>\n<p>Letztes Wochenende waren wir zu dritt bei einem kleinen Musik-Festival am Fu\u00dfe des gro\u00dfen Monuments de la R\u00e9naissance Africaine. Da es meine erste Nacht im neuen Heim auf der Insel Gor\u00e9e sein sollte, verabschiedete ich mich gegen Mitternacht, um die letzte Chaloupe, also die F\u00e4hre, nicht zu verpassen. Auf dem Festival war zuf\u00e4llig auch ein Typ, dessen Bekanntschaft ich auf Gor\u00e9e gemacht habe. Diesem war es, als ich ging, sehr wichtig, mich bin hinunter zur Stra\u00dfe zu bringen, mir ein Taxi zu suchen und einen Nicht-Touristen-Preis auszuhandeln. Nachdem ich also dankbar abgefahren war, rief er mich noch einmal auf dem Handy an, verlangte nach dem Taxifahrer und bl\u00e4ute ihm ein, explizit bis in den Hafen hinein zu fahren und mich nicht vorher schon raus zu lassen. Au\u00dferdem bat er mich, dass ich doch bitte Bescheid sagen solle, wenn ich bei der F\u00e4hre angekommen sei. Ich war und bin immer noch perplex von so viel Aufmerksamkeit und Sorge. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende: Mein instruierter Taxifahrer kam auf der H\u00e4lfte der Fahrt in eine Polizeikontrolle und konnte nicht alle Papiere vorweisen. W\u00e4hrend die Polizisten sehr nett zu mir waren, war f\u00fcr meinen armen Taxifahrer die Nacht (und hoffentlich nicht auch sein ganzes Gesch\u00e4ft) gelaufen. Im Eifer des Gefechts winkte er jedoch ein anderes Taxi heran, sagte dem Fahrer meinen Zielort und wollte kein Geld f\u00fcr unsere Fahrt bis zu diesem Punkt haben. Ich stieg also nur einmal um und erreichte unproblematisch mein Ziel.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Geschichte beschreibt bei weitem nicht so eine Odyssee, im Gegenteil. An der Bushaltestellt fiel mir Geld aus der Hosentasche. Daraufhin wiesen mich mehrere Anwesende engagiert darauf mich hin \u2013 ich h\u00e4tte es wohl sonst nicht gemerkt. Auch wenn es nur die kleinen Dinge sind, ich habe mich sehr gefreut. Von dieser Bushaltestelle ging es f\u00fcr mich weiter auf unseren hei\u00dfgeliebte Stoffmarkt HLM, wo wir Powershopping an den vielen kleinen St\u00e4nden betrieben. Als ich an einem Laden stehen blieb, um mir die Stoffe anzuschauen, machten sich gerade im Laden mehrere Personen bereit zum Mittagessen \u2013 jeder mit einem L\u00f6ffel aus einer riesigen Schale. Also wurde ich kurzerhand mit eingeladen zum Essen und kam in den Genuss von Maf\u00e9 (Reis mit Fisch und Erdnusssauce). Ohne dass ich ihnen etwas daf\u00fcr gab oder auch nur etwas bei ihnen kaufen musste, wollten sie mich einfach nur teilhaben lassen.<\/p>\n<p>Wer an Freundlichkeit hier wohl kaum zu \u00fcberbieten ist, ist der W\u00e4chter Diedhou in meiner Schule. Egal zu welcher nachtschlafenden Zeit ich zur\u00fcckkehre \u2013 er wartet immer auf mich und schlie\u00dft hinter mir das Tor ab.<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen war wohl eines meiner Highlights der letzten Wochen. Ich traf mich mit Lise, einer franz\u00f6sischen Mitpraktikantin von mir, um mit ihr in die Messe in der Kirche von Gor\u00e9e zu gehen. Dort trafen wir Fran\u04aboise, eine sehr nette Frau, die mit ihrer kleinen Tochter Henriette auch auf der Insel wohnt. Sie verpflichtete uns kurzerhand, im Chor mitzusingen. Dass sie mir kaum eine gr\u00f6\u00dfere Freude h\u00e4tte bescheren k\u00f6nnen, wusste sie wohl nicht. Ich glaube ich hatte noch nie so viel Spa\u00df, wie in einem so motivierten und klangvollen Chor mir komplett unbekannt Lieder auf Wolof oder Serer ohne Noten mitzuschmettern. (Ich habe mich gleich nach dem Termin der Chorproben erkundigt \u2013 drei Mal die Woche\u2026!) Fran\u04aboise nahm uns danach noch mit zu sich und lud uns zum Fr\u00fchst\u00fcck ein \u2013 einfach so.<\/p>\n<p>Die letzte Begebenheit, von der ich nun noch berichten will, ereignete sich am Sonntagnachmittag. Wir sa\u00dfen tiefenentspannt am Strand von Yoff und lie\u00dfen uns von der Sonne braten, als der Sonnenschirmvermieter mit einem Tablett voller Attaya-Gl\u00e4ser kam und jedem von uns anbot (papps\u00fc\u00dfer Minztee in Espresso-Gr\u00f6\u00dfe).<\/p>\n<p>Einerseits k\u00f6nnt ihr jetzt vermutlich mein (sehr ereignisreiches) letztes Wochenende nachvollziehen. Andererseits \u2013 auch wenn es ausgelutscht klingt \u2013 sind es diese kleinen Gesten, die spontanen Einladungen (mit Essen kriegt man mich sowieso immer) oder die Hilfsbereitschaft, die ich sehr zu sch\u00e4tzen gelernt habe. Ich halte die Gastfreundschaft hier immer noch nicht f\u00fcr ausgepr\u00e4gter als in anderen L\u00e4ndern. Daf\u00fcr freue ich mich umso mehr, \u00fcber jede grundnette und selbstlose Tat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort \u201eTeranga\u201c stammt aus dem Wolof, der Verkehrssprache des Senegals und l\u00e4sst sich mit Gastfreundschaft \u00fcbersetzen. Die Omnipr\u00e4senz dieses Begriffes begreift der Senegalreisende bereits am Flughafen, wo auf \u00fcberdimensionierten Plakaten im \u201ePays de la Teranga\u201c willkommen gehei\u00dfen wird. 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