{"id":31,"date":"2018-09-06T18:17:21","date_gmt":"2018-09-06T16:17:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/?p=31"},"modified":"2018-09-06T18:17:21","modified_gmt":"2018-09-06T16:17:21","slug":"ich-stosse-an-meine-grenzen-schon-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/baobablog\/2018\/09\/06\/ich-stosse-an-meine-grenzen-schon-jetzt\/","title":{"rendered":"Ich sto\u00dfe an meine Grenzen &#8211; schon jetzt."},"content":{"rendered":"<p>Es beginnt mit den Menschen. Es ist mir nicht m\u00f6glich, mir alle Namen zu merken. Ich kann nicht zuordnen, mit wem ich wann \u00fcber was gesprochen habe. Ich schaffe es nicht, jeden Gedankengang zu verstehen. Bei \u00fcber 330 Freiwilligen kann ich nicht jeden dieser wirklich interessanten Menschen kennen lernen, werde immer etwas verpassen, irgendwo au\u00dfenvor bleiben.<\/p>\n<p>Auch verzweifle ich an dem Programm, dass uns hier geboten wird. Jeden Abend m\u00f6chte ich zu allen Abendveranstaltungen gehen. Bei jeder Auswahlm\u00f6glichkeit w\u00fcrde ich gerne an jedem einzelnen der angebotenen Workshops teilnehmen. Ich m\u00f6chte \u00fcber so vieles mich unterhalten, m\u00f6chte B\u00fccher zu so vielen Themen lesen.<\/p>\n<p>Das bringt mich zum Beanspruchendsten, Erm\u00fcdensten und Kopliziertesten hier. Doch gleichzeitig ist es auch das Tollste, Unglaublichste, Interessanteste und Wichtigste, was ich je erlebt habe. Wir sprechen hier \u00fcber Themen, mit denen ich noch nie in diesem Ma\u00dfe konfrontiert war. Themen, die mich noch nie in meiner Lebensrealit\u00e4t so ber\u00fchrt haben, Themen, deren Relevanz ich nie begriffen habe. Unsere Diskussionen, insbesondere zu Rassismus und Diskriminierung, bringen mich an die Extrema interaktiver Kommunikation; ich musste mich noch nie so vorsichtig ausdr\u00fccken bei einem Thema, das mit Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe emotionaler kaum sein k\u00f6nnte. Und ich entdecke Rassismen bei anderen, bei mir und in der ganzen Gesellschaft, von deren Existenz ich niemals geahnt h\u00e4tte. Ich werfe meine Grunds\u00e4tze im Umgang mit anderen, insbesondere mit Menschen, die im Alltag Rassismus erfahren, vollkommen \u00fcber Bord. Doch nach der Erkenntnis, dass ich all die Jahre Fehler, sowohl sprachlich als auch gedanklich, gemacht habe, steht die vollkommene Unwissenheit, bis hin zur Verzweiflung, wie ich diesen Menschen nun begegnen soll. Ich wei\u00df einfach nicht, wie ich es richtig machen soll; ich habe noch mehr Fragen als davor.<\/p>\n<p>Ich sto\u00dfe nicht nur an die Grenzen der zwischenmenschlichen Kommunikation und auf skurrile Aspekte des interkulturellen Miteinanders, ich sto\u00dfe ganz besonders auch an meine eigenen Grenzen. Bei der Reflektion \u00fcber meine Identit\u00e4t, meine Stellung in der Welt und was ich in den letzten Jahren vers\u00e4umt habe zu lernen, bin ich pl\u00f6tzlich nicht mehr der allgemeingebildete, rationale und gefestigte Mensch, f\u00fcr den ich mich immer gehalten habe.<\/p>\n<p>All das, was ich hier geschildert habe, war Teil und vielleicht sogar Ziel der ersten H\u00e4lfte meines Vorbereitungsseminars. W\u00e4hrend ich davor noch dachte, dass wir schlicht und ergreifend auf das Leben in einem anderen Land vorbereitet werden, wurden wir, zumindest in meinem Fall, zur Reflektion nicht nur \u00fcber uns, sondern \u00fcber die ganze Welt angeregt. Wir beantworten hier nicht die Fragen, die mir im Zug nach Berlin noch durch den Kopf geschwirrt sind \u2013 wir werfen neue Fragen auf, die uns das n\u00e4chste halbe Jahr und auch dar\u00fcber hinaus besch\u00e4ftigen sollen. Auch wenn das Vorausgegangene vielleicht pathetisch klingen mag \u2013 ich habe das Gef\u00fchl meine tiefsitzende Verwirrung \u00fcber die Flut an Input irgendwie in Worte fassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nur damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich sitze hier gerade auf einer wundersch\u00f6nen Wiese in der Sonne, als ich das schreibe. Ich habe um mich herum unglaublich nette und offene Menschen, denen ich mich nach knapp einer Woche schon so verbunden f\u00fchle, wie es vermutlich sonst erst nach Wochen oder Monaten w\u00e4re. Ich gehe jeden Tag im wundersch\u00f6nen Werbellinsee schwimmen und esse so viel Schokolade wie noch nie (ich habe in Nora meinen pers\u00f6nlichen Dealer gefunden :)). Und von all diesen wunderbaren Erlebnissen, aber auch der kompletten kognitiven \u00dcberforderung vollkommen ersch\u00f6pft, falle ich jeden Abend kurz nach zehn in mein Bett. Ich habe selten eine so intensive und lehrreiche Zeit erlebt \u2013 und ich m\u00f6chte eigentlich nicht, dass sie zu Ende geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es beginnt mit den Menschen. Es ist mir nicht m\u00f6glich, mir alle Namen zu merken. Ich kann nicht zuordnen, mit wem ich wann \u00fcber was gesprochen habe. Ich schaffe es nicht, jeden Gedankengang zu verstehen. 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