{"id":47,"date":"2012-09-19T10:07:52","date_gmt":"2012-09-19T08:07:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/babo\/?p=47"},"modified":"2012-09-19T10:07:52","modified_gmt":"2012-09-19T08:07:52","slug":"donghui-here-we-go-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/babo\/2012\/09\/19\/donghui-here-we-go-2\/","title":{"rendered":"Donghui, here we go!"},"content":{"rendered":"<p>Ganz aufgew\u00fchlt blickte ich auf das Display meines Handys. Wie komme ich nochmal genau zur Schule? Zoey hatte mich bereits in der Schule dem Direktor und den Lehrern in meinem Office vorgestellt, jedoch war ich noch nie die Strecke von unserem neuen Zuhause zur Schule gefahren. So tippte ich am Vorabend mit gutem Gewissen die Adresse der Donghui Vocational and Technical School in Google Maps meines Handys ein. Schmunzelnd ging ich dann \u2013 mit stolzem Gef\u00fchl mich ausreichend vorbereitet zu haben \u2013 ins Bett.<br \/>\nTja, jetzt stand ich da, im wahrsten Sinne des Wortes mitten in der Sackgasse eines Wohnviertels.<\/p>\n<p>Z\u00e4hneknirschend tapste ich zu meinem Ausgangspunkt zur\u00fcck und lief gef\u00fchlte drei Stunden ehe ich an einer Bushaltestelle Sch\u00fcler in wei\u00dfen Hemden, schwarzen Hosen mit einfachem Schnitt und blauen Rucks\u00e4cken ersp\u00e4hte. Freudig jauchzte ich innerlich auf, da ich bei meinem letzten Besuch an der Schule bereits wusste, dass der Sch\u00fcler dem Dresscode der Schule entsprach. Aus diesem Grund heftete ich mich an deren Fersen und lie\u00df mich, wie ein bei einem Schwarm Forellen, mitziehen. Pl\u00f6tzlich bogen die Sch\u00fcler links in ein Tor ein. Ehe ich es ihnen gleich tat, erblickte ich aus meinen Augenwinkeln Sch\u00fcler, die stramm wie beim Milit\u00e4r in f\u00fcnf Reihen direkt hinter dem Eingangstor standen, die Gesichtsz\u00fcge eisern und starr. Dem vordersten M\u00e4dchen wurde ein pomp\u00f6ser Blumenstrau\u00df beigelegt und eine Karaffe umgelegt, was darauf gestickt wurde, konnte ich aufgrund meiner Kurzsichtigkeit nicht erkennen.<\/p>\n<p>Erschrocken und gel\u00e4hmt vor \u00dcberforderung stakste ich hastig, ohne vor dem Tor zu halten, weiter, in voller Hoffnung es gebe noch einen Nebeneingang. Nachdem ich ein Weilchen erfolglos am Schulzaun entlang schlenderte, liefen mir zwei verunsicherte Sch\u00fcler entgegen, die wahrscheinlich zusp\u00e4t kamen, wie ich am Einsetzen der patriotischen Marschmusik entnahm. \u00c4hnlich wie ich vermutete versuchten sie in den Nebeneingang zu gelangen, der anders als der Haupteingang nicht von \u00e4lteren Sch\u00fclern besetzt ist, um Zusp\u00e4tkommer aufzuschreiben und anzuschw\u00e4rzen. Zu meinem Gl\u00fcck \u00f6ffnete der Hausmeister den Beiden zwar bestimmend, dennoch einf\u00fchlsam das Schultor. Bei meinem Anblick stutzte dieser kurz und ein Schwall unverst\u00e4ndlicher chinesicher Fragen folgten. Mit meiner verzweifelten Antwort \u201ewo shi laozi\u201c \/ \u201eIch bin Lehrerin\u201c gab er sich letztendlich zufrieden und gew\u00e4hrte mir meinen Zutritt. Zu dieser Zeit standen alle p\u00fcnktlichen Sch\u00fcler und auch einige Lehrer auf dem Sportplatz und absolvierten unter Kommando und Begleitung einer fr\u00f6hlich tr\u00e4llernden Musik ihre drei\u00dfig min\u00fctige morgendliche Gymnastik. Zwischenzeitlich f\u00fchrte mich Helene, die Sprachbereichsfachleiterin, zum Lehreroffice im dritten Stock. Dort wurde ich nochmals kurz vorgestellt und bekam einen pers\u00f6nlichen Arbeitsbereich zugewiesen. Sp\u00e4ter schleppte ein Sch\u00fcler einen Computer mit ben\u00f6tigtem Zubeh\u00f6r heran und erkl\u00e4rte mir aufgrund des br\u00f6ckelnden Englisch angestrengt, dass ich vor neun und zwischen elf und dreizehn Uhr die M\u00f6glichkeit habe im Internet zu surfen. Wenn ich mich w\u00e4hrend diesen Zeiten bei QQ oder MSN anmelde, kann ich nichtsdestotrotz die Chatprogramme auch au\u00dferhalb der Zeiten nutzen. Mit dieser Festlegung m\u00f6chte die Schule die Kommunikation zwischen den 200 Lehrern f\u00f6rdern, jedoch potentielle Ablenkung vorbeugen.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich um halb acht wurden in jedem Klassenraum die Fernseher eingeschaltet. Darauf folgte eine halbst\u00fcndige Moralpredigt von einem Lehrer, der die letzte Woche reflektiert und auswertet. Er berichtet was positiv und negativ war, appelliert und motiviert dabei gleichzeitigt. Unterbrochen wurde seine Rede durch die Schulklingel, die meiner Meinung nach zun\u00e4chst ungew\u00f6hnlich klingt. Aus Deutschland sind wir entweder rattelnde Klingeln oder Kurzmelodien gew\u00f6hnt, die zur Pause einl\u00e4uten. Hier in China &#8211; oder zumindest an meiner Schule &#8211; werden Klavierst\u00fccke eingespielt und zu jeder Stunde ein anderes.<\/p>\n<p>An der Donghui-Schule, wo Berufs- und Oberschule (Gymnasium) ineinandergelegt sind, gibt es \u00fcber 2000 Sch\u00fcler, von denen derzeit ca. 25 Sch\u00fcler in der zehnten und elften Klasse Deutsch lernen. Die Sch\u00fcler bekommen die M\u00f6glickeit zwischen sprachlichen Schwerpunktklassen (Englisch, Deutsch und Japanisch) zu w\u00e4hlen, wobei sie Deutsch und Japanisch nur zwei Jahre lernen, da im letzten Jahr der Fokus sehr stark auf die Abschlusspr\u00fcfungen gelegt wird und nur noch Mathe, Chinesisch, Englisch und Sport belegt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun sa\u00df ich auf meinem B\u00fcrostuhl und beobachte neugierig das Geschehen um mich herum. Einige Lehrer schauten gebannt auf ihren Computerbildschirm und scrollten mit ihrer Maus nach unten oder oben. Andere bl\u00e4tterten konzentriert in B\u00fcchern und Heften rum und markierten sich mit einem Stift diverse Schl\u00fcsselw\u00f6rter. Diese T\u00e4tigkeiten wurden in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von Sch\u00fclern unterbochen, die Schulhefte hereintrugen, den Lehrern nach unverst\u00e4ndlichen Sachverhalten fragten oder Fremdsprachentexte diesem laut vorlasen. Das Lehrerzimmer ist hier ein direkter Kontaktpunkt zwischen Lehrer und Sch\u00fclern. Die Atmosph\u00e4re wider meinen Ewartungen pers\u00f6nlich, aufgeschlossen und angenehm.<\/p>\n<p>Heute war dabei noch ein besonderer Festtag f\u00fcr alle Lehrer in China. 10.09. ist \u201eTachers Day\u201c. Sch\u00fcler nutzten die Pausen, kamen ins Office und verteilten ihre Pr\u00e4sente an ausgew\u00e4hlte LehrerInnen. Auch ich erhielt drei Rosen und ein Bildchenhalter. Zun\u00e4chst wusste ich nicht wie mir geschah und dachte anfangs, es sei normal den Lehrern jeden Tag etwas zu schenken.<\/p>\n<p>Am selben Tag sollte ich mich der zehnten Klasse vorstellen. Da man um meiner verkorksten Stimme wusste, wurde mir ein Mikrofon zugeteilt. Man h\u00e4ngt sich ein Band um, an dem baumelnd ein kleiner lautsprecher h\u00e4ngt und man selbst in so eine Art Headset spricht, \u00e4hnlich wie man es aus dem Callcenter kennt. Nat\u00fcrlich findet man sich pers\u00f6nlich albern, wie ein Touristenf\u00fchrer mit Mikrofon und Lautsprecheranlage vorgef\u00fchrt auf dem Lehrerpodest zu stehen. Nichtsdestotrotz hat niemand dar\u00fcber geschmunzelt als ich im sechsten Stock aus dem Fahrstuhl stieg und Richtung Klasse stolzierte. Vor dem Klassenraum blieb ich sch\u00fcchtern stehen und versuchte aufgeregt aus dem Blickwinkel der Sch\u00fcler zu verschwinden. Was werden sie \u00fcber meine Stimme denken? Werden sie mich \u00e4u\u00dferlich \u00fcberhaupt als \u201eDeutsche\u201c akzeptieren? Beruhig dich Lien, es sind nur Kinder, die paar Jahre j\u00fcnger sind als du. Bevor ich tmen konnte, wurde ich bereits mit einem Finger von hinten angestubst. Ehe ich mich umdrehte, vernahm ich nerv\u00f6ses Gekicher hinter meinen R\u00fccken. Die halbe Klasse stand hinter mir und musterte mich gespannt. Einzelne M\u00e4dchen gingen grinsend auf mich zu, fragten mich nach meinem Geburtstag, meinem Lieblingssnack, woher ich komme und sonst noch was ihnen ihr Englisch-Wortschatz erlaubte. Winkend luden mich die Sch\u00fcler in das Klassenzimmer rein, erkannten meine Verunsicherung, nahmen mich am Arm und schoben mich sanft rein. Die zehnte hatte bis jetzt nur eine Woche Deutschunterricht gehabt, wodurch ich meine Selbstpr\u00e4sentation gr\u00f6\u00dftenteils auf Englisch halten musste und Frau Wang hier und da einiges auf Chinesisch wiederholte. Die 90 min\u00fctige Schulstunde wurde nach 45 min durch die Pausenmelodie unterbochen. Daraufhin setzte eine mir bis dorthin unbekannte Melodie ein, die zwitschernd: \u201eyi, er, san, si, wu, liu, qi, ba &#8230;\u201c (\u201eeins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf, sechs, sieben, acht&#8230;\u201c) sang. Alle Sch\u00fcler sa\u00dfen ruhig auf ihren St\u00fchlen und begannen zu der Musik ihre Augengymnastik. Dazu massierten sie zun\u00e4chst den oberen Nasenr\u00fccken und anschlie\u00dfend die verschiedensten Augenpartien. Fasziniert schaute ich f\u00fcnf Minuten zu, dann setzte bereits die Klaviermelodie zur n\u00e4chsten Stunde ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz aufgew\u00fchlt blickte ich auf das Display meines Handys. Wie komme ich nochmal genau zur Schule? Zoey hatte mich bereits in der Schule dem Direktor und den Lehrern in meinem Office vorgestellt, jedoch war ich noch nie die Strecke von unserem neuen Zuhause zur Schule gefahren. 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