{"id":32,"date":"2026-11-08T09:05:28","date_gmt":"2026-11-08T08:05:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/?p=32"},"modified":"2026-11-08T09:05:28","modified_gmt":"2026-11-08T08:05:28","slug":"grosser-stolz-und-gruener-schal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/2026\/11\/08\/grosser-stolz-und-gruener-schal\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfer Stolz und gr\u00fcner Schal"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Vor 8 Jahren begann an der Deutschen Schule in Ruse ein gro\u00dfes Projekt: Eine Flurwand sollte bemalt werden, nicht klassisch eint\u00f6nig, sondern mit detaillierten Darstellungen der gesamten bulgarischen Geschichte, Volkshelden, Sagen und traditionellen Mustern. Eine Lehrerin nahm sich mithilfe einiger Sch\u00fclerInnen dieser Aufgabe an, und nach unz\u00e4hligen Arbeitsstunden, Pinselstrichen und Feinschliffen war das Kunstwerk letzte Woche endlich vollendet. Ich lief zuf\u00e4llig vorbei, als die finalen Punkte bemalt wurden, und war schwer beeindruckt. Wie ich erfuhr, sollte die Wand nicht nur von Schulbesuchenden bestaunt werden, und am kommenden Tag fand eine gro\u00dfe Er\u00f6ffnungszeremonie statt. Ich wurde mit eingeladen und war \u00fcberrascht, pl\u00f6tzlich Journalisten, Fernsehkameras und den B\u00fcrgermeister Ruses in der Aula zu sehen! Ehemalige Lehrerinnen und ProfessorInnen sowie VertreterInnen der \u00f6rtlichen Museen waren ebenfalls anwesend, manche hielten eine kurze Rede, der B\u00fcrgermeister lobte in seiner feierlichen Rede die Schule und verlieh der Lehrerin eine Plakette im Namen der Stadtgemeinschaft. Es war alles so sch\u00f6n feierlich und der Stolz auf die Bilder der Wand so sp\u00fcrbar, weil alle Anwesenden einen unfassbaren Stolz auf ihr Land ausstrahlten. Das zeigte sich in den Sch\u00fclerInnen, die Gedichte \u00fcber Bulgarien oder das \u201eBulgare-Sein\u201c vortrugen, in den Liedern zu Ehren des Landes und in den Reden, die von Zusammenhalt und Zugeh\u00f6rigkeit durch Hilfsbereitschaft handelten.<br \/>\nDie Stimmung war feierlich, und ich freute mich sehr, diese Atmosph\u00e4re so erleben zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bevor die Bilder der Wand einzeln eingeordnet und erkl\u00e4rt wurden, gab es noch traditionell bulgarisches Brot in runder Form, gef\u00fcllt mit Sirene und getunkt in Sharena Sol, einer bunten Salzmischung, die f\u00fcr mich sofort nach kalten Tagen auf dem Witoscha riecht. Damals war genau diese Kombination aus warmem Brot mit w\u00fcrzigem Salzgemisch und einer w\u00e4rmenden Suppe in unserer Stammbergh\u00fctte das Highlight eines Wochenend-Miniwandertrips. Allein der Geruch dieses Brotes l\u00f6ste so viele Erinnerungen in mir aus, das passiert mir in letzter Zeit oft.<br \/>\nIch habe ein gutes Ged\u00e4chtnis, und das, was ich gesehen und erlebt habe, kann ich meist recht zuverl\u00e4ssig und akkurat wieder aufrufen. Ger\u00fcche aber tragen eine ganz andere, tiefgr\u00fcndige Erinnerungskraft, die sich eben nicht zu jeder Zeit abrufen l\u00e4sst.<br \/>\nUnvorhersehbar sind sie also, diese kleinen Erinnerungsinseln. Ich habe mir ein paar von ihnen aufgeschrieben, um sie nicht zu verlieren.<br \/>\nWenn ich durch den Park laufe, komme ich oft an kleinen Buden vorbei, die Goldmais in kleinen Bechern verkaufen. Dieser wird mit geschmolzener Butter und Salz getoppt und riecht dementsprechend buttrig intensiv. Als Kinder haben wir das immer gerne gegessen, der Snack ist f\u00fcr mich mit Sommertagen im Park und Fahrradausfl\u00fcgen verbunden.<br \/>\nNeulich lief ich an einer B\u00e4ckerei vorbei, in der soeben eine frische Ladung Banitsa fertig gebacken wurde. Der Geruch nach Teig und K\u00e4sef\u00fcllung warf mich sofort in die U-Bahn in Sofia am fr\u00fchen Morgen. Dort wird bei den Ausg\u00e4ngen eigentlich immer Banitsa in verschiedensten Variationen verkauft, und wenn man aussteigt, riecht man sie schon von der Metrot\u00fcr aus.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich k\u00f6nnte ewig so weitermachen, vielleicht spare ich mir das aber lieber f\u00fcr Wochen, in denen ich nichts zu erz\u00e4hlen habe. Jedenfalls lie\u00df mich das Brot mit Salz zur Er\u00f6ffnung der Wand kurz an Ausfl\u00fcge und Restaurantbesuche denken, und ich freute mich, gleich ein bisschen Geschichte zu h\u00f6ren.<br \/>\nBeim Betrachten der Wand fiel mir auf, dass einer der dargestellten Jungen einem Sch\u00fcler sehr \u00e4hnlich sah. Ich fl\u00fcsterte meine Beobachtung der Lehrerin neben mir zu und erfuhr, dass er tats\u00e4chlich Modell stehen durfte. Welch fuchsige Taktik, in der Schule nie in Vergessenheit zu geraten!<br \/>\nW\u00e4hrend der F\u00fchrung fiel mir auf, dass \u00fcber den Bildern auch noch ein Schewitsa-Muster gemalt war. Schewitsa nennt man die traditionelle bulgarische Stickerei mit geometrischen und floralen Mustern, oft in Rot, Schwarz und Wei\u00df, die man vor allem von Trachten kennt.<br \/>\nDiese Mischung aus Geschichte, Handwerk und der Liebe f\u00fcrs Detail finde ich einfach bezaubernd.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Fr\u00f6hlich liefen wir nach der Veranstaltung hinaus, schauten zum Himmel und mussten schnell die Regenschirme z\u00fccken. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In Ruse regnete es die ganze Woche schon. Vor meinem Wohnblock hatte sich eine Pf\u00fctze gebildet, die von Tag zu Tag gr\u00f6\u00dfer wurde und am 5. Regentag in Folge schon ein kleiner Teich war, der mir jeden Morgen den Schulweg erschwerte. Was macht man an einem Wochenende hier, wenn es drau\u00dfen kalt ist und es irgendwie von oben, unten und der Seite regnet? Nun, die letzten Wochen hatte ich vorsorglich schon mal rumgefragt, konkrete L\u00f6sungen schien aber niemand zu haben. Die meisten gehen dem aggressiven Regen wohl am liebsten einfach aus dem Weg. Aber ich entschied, mich nicht geschlagen zu geben, und so machten meine Mitfreiwillige und ich das Beste aus der Sache und unternahmen am Samstag nicht nur einen Abstecher ins Caf\u00e9, sondern auch in den Bastelladen! Wir suchten beide Materialien f\u00fcr ein kleines kreatives Projekt aus und genossen zusammen einen entspannten Abend mit herbstlicher Stimmung, guter Musik und netter Gesellschaft. Sie collagierte ein Lesezeichen mit Perlenband, und ich griff eine etwas eingerostete, aber schnell wieder aufzufrischende Aktivit\u00e4t auf: das H\u00e4keln!<br \/>\nMeine Mutter h\u00e4kelt, seit ich denken kann, und hat es mir auch schon fr\u00fch beigebracht, ich bin aber seit Langem nicht dazu gekommen. Nun hatte ich eine H\u00e4kelnadel und gr\u00fcne Wolle besorgt und war begeistert, wie schnell ich mich an die Handgriffe erinnerte. Ich freute mich \u00fcber jede Masche und konnte gar nicht aufh\u00f6ren. Mein Schal wurde immer l\u00e4nger, und pl\u00f6tzlich war mein Wollkn\u00e4uel weg.<br \/>\nIch konnte kaum fassen, dass es so schnell aufgeh\u00e4kelt war, und war schwer entt\u00e4uscht, als ich sah, dass die Wolll\u00e4den erst Montag wieder aufmachen w\u00fcrden. Ich musste also gezwungenerma\u00dfen eine Pause machen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Da wir am Samstag kreativ und aktiv waren, lie\u00df der Sonntag Raum, sich etwas berieseln zu lassen. Es war Zeit, zum 1. Mal das Kino in Ruse zu besuchen, wir hatten es uns f\u00fcr genau solche Tage aufgespart. Die Neuverfilmung von \u201eSense and Sensibility\u201c lief, was ich unbedingt sehen musste. Ich habe es im M\u00e4rz mit meinem Profil als Theaterst\u00fcck in der Schule aufgef\u00fchrt (auf schwer verst\u00e4ndlichem Englisch und 3 Stunden lang, nicht das ganze Publikum war begeistert, wir aber schon) und war gespannt, wie die Geschichte dargestellt werden w\u00fcrde.<br \/>\nEs war ein wundersch\u00f6n gemachter Film, und auch das Kino kann sich sehen lassen. Vor allem die Preise sind angenehm: Eine Karte kostet 4 Euro!<br \/>\nNach der Vorstellung mussten wir im str\u00f6menden Regen zur Bushaltestelle rennen. Das ist hier doch etwas d\u00f6rflich: Die Busse kommen manchmal tats\u00e4chlich nur einmal die Stunde, das bin ich aus Hamburg nat\u00fcrlich nicht gew\u00f6hnt\u2026<br \/>\nEtwas, das ich aus Deutschland auch nicht kenne, ist die P\u00fcnktlichkeit der Busse. Statt zu sp\u00e4t zu kommen, was in Deutschland oft Standard ist, kommen sie hier so oft zu fr\u00fch, dass ich mittlerweile sp\u00e4testens 10 Minuten vor planm\u00e4\u00dfiger Abfahrt an der Haltestelle stehe. Zu oft war ich schon p\u00fcnktlich, und der Bus war l\u00e4ngst weg.<br \/>\nDas Wetter und die herbstlichen Temperaturen machten die letzten Tage besonders gem\u00fctlich. Es war zwar eine kleine Herausforderung, sich angemessene Aktivit\u00e4ten zu organisieren, aber ich habe es ganz gut geschafft, finde ich.<br \/>\nAm Montag konnte ich dann auch neue Wolle kaufen und meinen Schal im Laufe der Woche fertig h\u00e4keln. Es hat so viel Spa\u00df gemacht, und ich konnte nicht aufh\u00f6ren, weshalb er jetzt so lang ist, dass ich ihn 5-mal umwickeln kann. Ich glaube, f\u00fcr den kalten Winter, der mir bevorsteht, ist das aber gar nicht schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass der st\u00e4ndige Regen der letzten Wochen sich bald in Schnee verwandeln wird und ich meinem H\u00e4kelrausch noch sehr dankbar sein werde.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 8 Jahren begann an der Deutschen Schule in Ruse ein gro\u00dfes Projekt: Eine Flurwand sollte bemalt werden, nicht klassisch eint\u00f6nig, sondern mit detaillierten Darstellungen der gesamten bulgarischen Geschichte, Volkshelden, Sagen und traditionellen Mustern. 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