{"id":24,"date":"2026-10-15T11:27:33","date_gmt":"2026-10-15T09:27:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/?p=24"},"modified":"2026-10-15T11:27:33","modified_gmt":"2026-10-15T09:27:33","slug":"einzug-und-einmonats-eindruecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/2026\/10\/15\/einzug-und-einmonats-eindruecke\/","title":{"rendered":"Einzug und einmonats Eindr\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00dcber die letzten 7 Tage erstreckte sich in Ruse ein Literaturfest des Elias-Canetti-Instituts. <\/span><span style=\"font-size: 1rem\">Die offizielle Er\u00f6ffnung fand am Samstag statt, und am Wochenende besuchte ich mit grosser Freude die 4 Lesungen deutscher Romane, die erst in der Originalsprache von den AutorInnen und dann auf Bulgarisch vorgelesen wurden. Nicht nur inhaltlich gefiel mir das, es war auch f\u00fcr meinen bulgarischen Wortschatz fantastisch, die Texte in beiden Sprachen zu h\u00f6ren. Zwei Tage zuvor gab es ausserdem einen Vorleseabend, bei dem G\u00e4ste \u201eLesenester\u201c an verschiedenen Standorten im Zentrum der Stadt besuchen konnten und aus unterschiedlichen Werken im 30-Minuten-Rhythmus ein paar Seiten vorgelesen wurden. Ein tolles Konzept und perfekt f\u00fcr mich, da ich so nochmal \u00fcben konnte, mich in der Stadt zu orientieren und rechtzeitig zu den richtigen Nestern zu gelangen\u2026<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">An neuen Orten brauche ich immer eine Weile, bis der Strassenplan in meinem Kopf ausgebaut genug ist, dass ich mich m\u00fchelos zurechtfinde. Ruse ist in dieser Hinsicht aber eine sehr angenehme Stadt. Parallel zur Donau angelegt, gibt es eine lange Strasse, die sich durch die Stadt zieht und es mir einfach macht, jederzeit ungef\u00e4hr zu wissen, wo ich bin. Da ich hier auch schon an drei verschiedenen Orten gewohnt habe, musste die \u201eStartpunkt-Einstellung\u201c auch schnell wechseln, und meine Alltagsrouten blieben dynamisch.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mein erster Monat in Ruse war wohnungstechnisch eher turbulent und gestaltete sich etwas nomadischer als erwartet.<br \/>\nEine Wohnung zu finden, die gute Lage, Bezahlbarkeit und eine angemessene Ausstattung vereint, erwies sich als schwieriger als gedacht, und somit verbrachte ich meine ersten 3 N\u00e4chte in einem Hotel. Das war grunds\u00e4tzlich ganz nett und gab mir die Chance, viel zu erkunden, statt eine Wohnung einzurichten oder meinen Koffer auszupacken. Den Prozess des Ankommens verz\u00f6gerte es aber nat\u00fcrlich.<br \/>\nDie Wohnung, in die ich dann zog, war eher ein grosses Zimmer. Sehr s\u00fcss, mit zwei kleinen Balkonen und Blick auf grosse B\u00e4ume und einen sch\u00f6nen Garten, aber leider ohne K\u00fcche, K\u00fchlschrank oder Heizung.<br \/>\nMitte September war das noch kein Problem, aber es war klar, dass ich nochmal umziehen m\u00fcsste, weshalb ich mich in der \u00dcbergangsl\u00f6sung dann doch nicht vollst\u00e4ndig wohlf\u00fchlen konnte.<br \/>\nNun ist es aber geschafft, und ich habe meine eigene Wohnung! Ich hatte im Laufe mehrerer Umz\u00fcge mit meiner Familie schon ganz verschiedene Zimmer, doch jetzt besteht mein Reich aus mehreren R\u00e4umen, was sich nat\u00fcrlich ganz anders anf\u00fchlt. Es hat mir Spass gemacht, mich hier einzurichten, einzukaufen und f\u00fcr meinen eigenen Haushalt zust\u00e4ndig zu sein. Auch wenn es immer irgendwas zu besorgen, zu putzen oder abzuwaschen gibt, sch\u00e4tze ich es nach dem holprigen Weg hierher sehr.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Diese Woche hatte ich in der Schule besonders abwechslungsreiche Besch\u00e4ftigungen, die mir sehr Spass gemacht haben: von Gespr\u00e4chen mit fortgeschrittenen Deutschklassen \u00fcber Armut und Wohlstand in Deutschland und Bulgarien \u00fcber Eins-zu-eins-Gespr\u00e4che mit Sch\u00fclerinnen, die mir ihre pers\u00f6nliche Motivation, Deutsch zu lernen, mit Begeisterung schilderten, bis zu Vokabelspielen mit Anf\u00e4ngerInnen, die mit \u00fcberraschendem Wetteifer die richtigen Artikel und \u00dcbersetzungen in Windeseile abrufen wollten. Dadurch, dass ich mit verschiedenen Altersgruppen und Sprachniveaus arbeiten darf, habe ich ganz unterschiedliche Aufgaben, und die Arbeit bleibt abwechslungsreich. Am Mittwoch durfte ich dann auch zusehen, wie die Fr\u00fcchte der harten Arbeit einiger Deutschlernender geerntet wurden, bei der Vergabe des Deutschen Sprachdiploms an die 10. Klassen. Festlich eingeleitet von zwei Gesangsperformances, einem Tanz und mehreren feierlichen Reden durften die Sch\u00fclerInnen ihre Urkunde abholen und waren zu Recht sehr stolz aufeinander und auf sich selbst!<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Obwohl das Deutschsprechen ja das Zentrum meines Arbeitsalltags hier ist, freue ich mich dar\u00fcber, dass mein Bulgarisch deutlich besser wird und ich nicht nur sehr viel mehr verstehe, sondern mir vor allem das Sprechen leichter f\u00e4llt als vor einem Monat. Die ersten Tage f\u00fchlte ich mich sprachlich eingeschr\u00e4nkt und eingerostet, mittlerweile ist aber vieles wiedergekommen: Das Lesen der kyrillischen Schrift geht automatisch, ich verstehe auch schnelle Gespr\u00e4che auf Anhieb und suche seltener nach Vokabeln, wenn ich spreche. Trotzdem f\u00fchle ich mich noch etwas eingeschr\u00e4nkt, was das Artikulieren von Gedanken angeht, und es ist nervig, nicht so schnell sprechen zu k\u00f6nnen, wie ich denke. Es kann aber nun mal nicht alles sofort klappen, und diese Erfahrung hilft mir in meiner Kommunikation mit den Sch\u00fclerInnen enorm. Ich verstehe nicht nur, was auf Bulgarisch gesagt wird, wenn deutsche Formulierungen fehlen oder Fragen aufkommen, und kann dann helfen, sondern kenne vor allem auch den Frust, wenn ein Gedanke zwar vollst\u00e4ndig gedacht, aber nicht ausgedr\u00fcckt werden kann. Das erleichtert die gemeinsame Kommunikation an der Schule auf beiden Seiten, und f\u00fcr diejenigen, die erst seit Anfang des Schuljahres Deutsch lernen, wird die Hemmschwelle, \u00fcberhaupt auf Deutsch zu sprechen und Unklarheiten mit mir zu kl\u00e4ren, kleiner.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die Landessprache zu k\u00f6nnen, macht das Ankommen und Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl an einem neuen Ort so viel einfacher, und ich k\u00f6nnte dankbarer kaum sein, dass dieser Aspekt mir meinen Start so erleichtert. Schon selbstst\u00e4ndig einen Kaffee bestellen zu k\u00f6nnen oder auf dem Markt zu sagen, wie viel von welchem Gem\u00fcse ich m\u00f6chte, gibt mir ein heimeliges Gef\u00fchl. Genauso die Teilnahme an kulturellen Events wie den \u201eLesenestern\u201c und dem zweiten Teil der Lesung, dem bulgarischen. Auch wenn ich in der Schule eigentlich nur Deutsch spreche, ist es wertvoll, zu verstehen, was gefragt wird, und Unsicherheiten zu erkennen, selbst wenn sie nicht an mich adressiert sind. Das alles hilft mir, in die bulgarische Kultur und das Miteinander einzutauchen und mich den Menschen, denen ich begegne, auch etwas zugeh\u00f6riger zu f\u00fchlen. Nat\u00fcrlich profitiere ich also jetzt sehr davon, als Kind Bulgarisch gelernt zu haben. Doch diese Anfangsphase, in der jegliche Kommunikation schwierig ist und das Umfeld v\u00f6llig fremd klingt, habe ich selbstverst\u00e4ndlich nicht \u00fcbersprungen.<br \/>\nAls 6-J\u00e4hrige war diese Umstellung alles andere als leicht, und ich habe mich am Anfang oft sehr fremd gef\u00fchlt. Jetzt, 12 Jahre sp\u00e4ter, f\u00fchle ich mich hier aber vermutlich auch deshalb nicht einsam, weil ich mich verst\u00e4ndigen und eigenst\u00e4ndig bewegen kann und so die Freiheit habe, mich vor Ort einzubringen.<br \/>\nIch habe viele spontane Gespr\u00e4che gef\u00fchrt und interessante Menschen kennengelernt, weil eine gemeinsame Sprache das Fundament eines verbalen Austausches ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Diese Woche wurde ich beim Yoga gefragt, ob ich mich nach Deutschland sehne. Und ich muss sagen, dass es noch nicht so weit ist, dass man von starkem Heimweh sprechen k\u00f6nnte. Klar vermisse ich die lieben Menschen, die in Deutschland ein wichtiger Teil meines Alltags sind, und es ist schade, dass ich meine Freunde nicht spontan treffen kann, mit meiner Familie nur telefoniere und viel von dem, was sonst selbstverst\u00e4ndlich war, pl\u00f6tzlich nicht mehr da ist. Aber dass alles neu, anders und dynamisch ist, macht auch Spass: Ich erlebe viel, habe ganz neue Aufgaben und bin unterwegs in dem Land, das ich schon so lange alleine neu entdecken wollte.<br \/>\nDas Heimweh kommt sicher noch, aber jetzt, genau einen Monat seit meiner Ankunft, ist das, was ich jeden Tag mache, noch nicht vollst\u00e4ndig zum Alltag geworden. Jeder Tag in der Schule ist anders, und es ist immer irgendwas los, worauf ich mich freuen kann.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Jetzt, nach einem halben September und fast einem halben Oktober in Ruse, geht es f\u00fcr mich auch in die Stadt, die mir emotional am n\u00e4chsten ist: Sofia!!<br \/>\nDas letzte Mal war ich diesen M\u00e4rz dort, das Jahr zuvor auch.<br \/>\nDer Herbst ist in Sofia aber auch ganz bezaubernd, und ich kann es kaum erwarten, durch die Hauptstadt zu schlendern.<br \/>\nEindr\u00fccke der Herbstsonne dann n\u00e4chste Woche!<br \/>\nSchaut gerne wieder vorbei, GaLiGr\u00fc!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die letzten 7 Tage erstreckte sich in Ruse ein Literaturfest des Elias-Canetti-Instituts. Die offizielle Er\u00f6ffnung fand am Samstag statt, und am Wochenende besuchte ich mit grosser Freude die 4 Lesungen deutscher Romane, die erst in der Originalsprache von den AutorInnen und dann auf Bulgarisch vorgelesen wurden. Nicht nur inhaltlich gefiel mir das, es war [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3381,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3381"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24\/revisions\/25"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}