{"id":20,"date":"2026-10-05T19:45:37","date_gmt":"2026-10-05T17:45:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/?p=20"},"modified":"2026-10-05T19:53:13","modified_gmt":"2026-10-05T17:53:13","slug":"bibliotheksabenteuer-und-ein-wochenende-am-schwarzen-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/alicjaisthinundweg\/2026\/10\/05\/bibliotheksabenteuer-und-ein-wochenende-am-schwarzen-meer\/","title":{"rendered":"Bibliotheksabenteuer und ein Wochenende am schwarzen Meer"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Am Dienstag, den 22. September, war in Bulgarien Tag der Unabh\u00e4ngigkeit. An diesem Tag im Jahr 1908 erkl\u00e4rte F\u00fcrst Ferdinand I. Bulgarien offiziell f\u00fcr unabh\u00e4ngig vom Osmanischen Reich. Das Land war zuvor schon weitgehend selbstst\u00e4ndig, stand aber formal noch unter osmanischer Oberhoheit. Ferdinand nahm den Titel Zar an, und aus dem F\u00fcrstentum wurde ein K\u00f6nigreich.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein gesetzlicher Feiertag also, die Schulen waren zu. Da meine Mitfreiwillige in Ruse aber arbeiten musste, war ich in der vollst\u00e4ndigen Eigenverantwortung, mich an diesem Tag, den die meisten BulgarInnen mit Familie und Freunden verbrachten, bei Laune zu halten.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich erledigte ein paar Eink\u00e4ufe (die meisten L\u00e4den sind hier jeden Tag ge\u00f6ffnet) und begab mich dann auf einen langen Spaziergang, der mit einer Runde Lesen im Park und einem anschlie\u00dfenden Solo-Caf\u00e9-Besuch endete. Meine Lieblingsdreifaltigkeit, egal ob allein oder in Gesellschaft! Abends t\u00fcftelte ich an meinem ersten Blogeintrag, nachdem ich Tagebuch geschrieben und das halbe Buch inhaliert hatte, es war ein buchstabenreicher Tag und weiter sollte es \u00e4hnlich gehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der Park, den ich besucht hatte, liegt direkt neben der Stadtbibliothek, die ich mir f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Ausflug vornahm. F\u00fcr eine DSD-Klasse wollte ich eine kleine Pr\u00e4sentation vorbereiten und entschied, dass eine Bibliothek daf\u00fcr der perfekte Raum w\u00e4re. Ich lief hinein, \u00fcberzeugt, dass nichts einfacher sein w\u00fcrde, als mich einfach auf einen der St\u00fchle zu pflanzen und mein Ding zu machen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00dcberraschenderweise ist ein Bibliotheksaufenthalt doch gar keine so einfache Angelegenheit. Im ersten Bibliothekssaal wurde ich von der Frau am Schalter aufgekl\u00e4rt: Ich d\u00fcrfe mich nicht ohne Bibliotheksausweis aufhalten, nicht mal wenn ich kein Buch \u00f6ffnen w\u00fcrde. Sie schickte mich zu ihrer Kollegin am Empfang, die mir mithilfe meines Personalausweises einen Ein-Tages-Bibliotheksausweis ausstellte: eine achtstellige Zahl auf einem abgerissenen Kalenderblatt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dieser Schein bef\u00e4higte mich zu einem Besuch jeglicher R\u00e4umlichkeiten, die die Bibliothek zu bieten hatte, nicht schlecht! Doch es ging noch weiter. Eine n\u00e4chste Dame f\u00fchrte mich die Treppe hinauf zu einem Zimmer mit internationaler Lekt\u00fcre, darunter eine gro\u00dfe Auswahl deutscher Klassiker. Ich freute mich sehr, denn es war eine permanente Sorge gewesen, wie ich meine B\u00fccherversorgung organisieren w\u00fcrde, und diese hatte sich hiermit weitestgehend gekl\u00e4rt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich merkte, dass ich erwartungsvoll angeschaut wurde: Die Frau bat mich, mir ein Buch auszusuchen, damit sie mich in den Lesesaal bringen k\u00f6nne. Ich hatte zwar mein eigenes Buch dabei und wollte eigentlich arbeiten, aber um den Ablauf nicht zu st\u00f6ren, entschied ich mich f\u00fcr einen Juli Zeh Roman. Sie registrierte im System, dass dieses Buch nun mit mir und meiner Ausweisnummer das Stockwerk verlassen w\u00fcrde, und lief mit mir wieder die Treppe hinunter, wo sie sicherstellte, dass ich im leeren Leseraum einen Sessel mit kleinem Tisch und Steckdosenanschluss bekam, bevor sie mich mir selbst \u00fcberlassen konnte. Welch eine Reise, welch eine F\u00fcrsorge! Der Rest meines Besuchs lief unspektakul\u00e4r ab: Das Buch gab ich zur\u00fcck, ohne es ge\u00f6ffnet zu haben, an eine weitere Bibliothekarin, die daf\u00fcr ebenfalls meine Ausweisnummer haben wollte.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als ich gehe, stehen die drei Frauen, die sich darum gek\u00fcmmert haben, dass ich sicher und mit einer deutschen Lekt\u00fcre im Lesesaal ankomme, am Kaffeeautomaten und unterhalten sich ausgelassen in bibliotheksuntypischer Lautst\u00e4rke. Ich freue mich schon auf meinen n\u00e4chsten Besuch, hoffentlich dann mit einem richtigen Bibliotheksausweis.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nach zwei ganzen Wochen in Ruse zappelten mir dann doch etwas die F\u00fc\u00dfe, doch zum Gl\u00fcck hatte ich fantastische Wochenendpl\u00e4ne: zwei Tage Varna, wo eine weitere Freiwillige und Zimmermitbewohnerin vom Vorbereitungsseminar lebt, die am Sonntag Geburtstag hatte. Schon am ersten Tag des Seminars hatte sie uns zwei Ruse kulturweit Freiwilligen eingeladen, und ich freute mich seitdem darauf. Wir fuhren am Freitag mit dem Zug, es dauerte etwas \u00fcber vier Stunden und kostete uns jeweils 8,08 Euro!<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Zu dritt schlenderten wir dann am Samstag durch Varna und besuchten das Arch\u00e4ologische Museum, wo das erste gro\u00dfe verarbeitete Gold der Menschheit ausgestellt wird. Es wurde im Gr\u00e4berfeld von Varna entdeckt und stammt aus der Kupfersteinzeit, ist also etwa 6.600 Jahre alt. \u00c4lter als die Hochkulturen in \u00c4gypten und Mesopotamien gelten die Funde als fr\u00fchester Nachweis fortgeschrittener Goldschmiedekunst weltweit. Und Kunst kann man es wirklich nennen\u2026staunend standen wir vor den feinen Goldst\u00fccken und w\u00fcnschten uns, sie selbst tragen zu d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Trotz starker Winde, die sogar einen kleinen Tornado verursachten, spazierten wir am Strand entlang, atmeten die salzige Meerluft, lie\u00dfen uns die Haare vom Wind zerzausen und sammelten so viele Muscheln, wie in unsere Jackentaschen passten. Zum Mittag besuchten wir ein Etablissement, das eine Guilty Pleasure eines jeden Bulgarien Touristen ist: Happy! Diese Kette, die in Bulgarien und mittlerweile auch in Spanien und England zu finden ist, \u00fcberrascht mit einem vielf\u00e4ltigen Sortiment an Speisen und Getr\u00e4nken: Sushi, Burger, Meeresfr\u00fcchte, aber auch traditionell bulgarische Gerichte lassen sich hier finden und genie\u00dfen. F\u00fcr mich war Happy als Kind immer ein sehr verl\u00e4sslicher Ort, an dem auch f\u00fcr achtj\u00e4hrige, w\u00e4hlerische Esserinnen eine gute Auswahl vorhanden ist. Ein spezieller Service wird von feiernden G\u00e4sten auch gerne in Anspruch genommen: ein pers\u00f6nlicher Geburtstagsgru\u00df mit &#8222;Happy Birthday&#8220;-Gesang im ganzen Restaurant und einem Tischbesuch des Happy-Teams! Da f\u00fcr uns am n\u00e4chsten Tag ja auch ein Geburtstagsanlass bevorstand, entschieden wir, zum Kaffee wiederzukommen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Am Sonntag also, nach einer kleinen Bescherung und einem entspannten Geburtstagsbrunch, fanden wir uns wieder bei Happy sitzend, und ich nutzte zum ersten Mal aktiv den Vorteil, als Einzige Bulgarisch zu sprechen. Bis zum letzten Moment war unser Geburtstagskind der \u00dcberzeugung, ich h\u00e4tte nicht Bescheid gesagt, dass wir zum Geburtstagskaffee hier s\u00e4\u00dfen. Als die Musik pl\u00f6tzlich leiser wurde und ein lautes &#8222;Happy Birthday&#8220;-Lied aus den Lautsprechern kam, sch\u00e4mte sie sich ein wenig, wie es halt so ist, wenn alle f\u00fcr einen singen, freute sich dann aber \u00fcber das geschenkte St\u00fcck Lindt-Torte mit Wunderkerze!<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nachdem wir den Tag angemessen und ausgiebig gefeiert hatten, mussten wir uns zur\u00fcck zum Bahnhof begeben und uns vorerst verabschieden. Noch schnell ein wenig Verpflegung f\u00fcr die Reise: Am Bahnhof gibt es eine Banitsa-B\u00e4ckerei (Banitsa ist ein traditionell bulgarisches Geb\u00e4ck aus knusprigem, buttrigem Filoteig, gef\u00fcllt mit dem bulgarischen Salzlakenk\u00e4se, Spinat oder s\u00fc\u00dfem K\u00fcrbis), die um 17 Uhr noch ein wenig von den himmlisch duftenden St\u00fccken \u00fcbrig hatte. Wir bestellten zwei, die Verk\u00e4uferin fragte, ob sie sie warmmachen sollte. Wir freuten uns \u00fcber das Angebot und stimmten zu, waren jedoch sehr irritiert, als sie die beiden Geb\u00e4ckst\u00fccke in einer Plastikt\u00fcte f\u00fcr drei Minuten auf voller Leistung in die Mikrowelle gab\u2026 Nun, lecker waren sie trotzdem, als wir sie im Zug probierten, und ein wenig zus\u00e4tzliches Mikroplastik macht den Kohl jetzt auch nicht fett.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auf der R\u00fcckfahrt (in einem alten DB-Zug \u00fcbrigens) waren wir uns einig, dass sich der Besuch gelohnt hat! Es war sehr sch\u00f6n, kurz in die Welt der anderen Freiwilligen einzutauchen, Unterschiede zu unserem Leben zu sehen, sich auszutauschen, Erfahrungen und Gedanken zu teilen und in erster Linie auch die Verbindung zueinander zu halten.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In dieser Anfangsphase finde ich das Bewusstsein, dass die anderen Freiwilligen \u00e4hnliche Erfahrungen machen und wir vielleicht denselben Problemen begegnen, sehr wertvoll. Der Austausch untereinander und die damit einhergehende Best\u00e4tigung, dass es nirgendwo auf Anhieb perfekt ist, gibt R\u00fcckenwind und Zuversicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es ist \u00fcberraschend, wie nah man sich auf einmal steht, wenn man die Erfahrung teilt, gemeinsam in der Fremde zu sein. Wir kennen uns jetzt knapp einen Monat, die Freundschaft ist aber schon in der Woche des Vorbereitungsseminars so eng geworden, dass es sich viel l\u00e4nger anf\u00fchlt. Es war auch nicht leicht, sich zu verabschieden, vor allem das Geburtstagskind allein in Varna zur\u00fcckzulassen hat sich falsch angef\u00fchlt. Ich hoffe sehr, dass wir ihren Geburtstag etwas besonders machen konnten, es war f\u00fcr sie das erste Mal ohne Familie und Freunde, so wie es f\u00fcr die meisten von uns Freiwilligen jetzt im Alltag ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es ist schon merkw\u00fcrdig, als frisch geschl\u00fcpfte Erwachsene pl\u00f6tzlich allein das Leben navigieren zu m\u00fcssen. Es macht Spa\u00df, ist aufregend, aber anstrengend wird es manchmal auch. Und vor allem Rituale wie Geburtstage oder Sonntagsfr\u00fchst\u00fccke, Tage, die sonst gemeinsam verbracht werden, pl\u00f6tzlich ganz anders zu erleben, macht diese Umstellung noch einmal viel deutlicher als das \u201cnormale Alltagsleben&#8220;.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Irgendwie war das in dieser Woche auch ein wiederkehrendes Thema und wohl insgesamt eine wichtige Auseinandersetzung, wenn man sich f\u00fcr einen solchen Zeitraum aus bekannten R\u00e4umen fortbewegt. Welche Routinen, Angewohnheiten oder Besch\u00e4ftigungen bleiben, welche m\u00fcssen ersetzt, ver\u00e4ndert oder abgelegt werden? Was darf gehen, was darf sich neu etablieren? F\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung kann das ein guter Neustart sein, indem Muster und Angewohnheiten in einem neuen Licht und in einem anderen Kontext bewertet werden k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Was n\u00e4hrt, darf bleiben. Was nervt, soll gehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Um all das herauszufinden, braucht es aber die Chance, neue Routinen \u00fcberhaupt erst einmal etablieren zu k\u00f6nnen. Verl\u00e4ssliche Orte und eigene R\u00e4umlichkeiten sind daf\u00fcr besonders wichtig. Und um das f\u00fcr mich zu finden, bin ich endlich an dem richtigen Ort angekommen: meiner Wohnung!<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Diese Woche bin ich umgezogen, dazu n\u00e4chstes Mal mehr.<br \/>\nBis dann!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag, den 22. September, war in Bulgarien Tag der Unabh\u00e4ngigkeit. An diesem Tag im Jahr 1908 erkl\u00e4rte F\u00fcrst Ferdinand I. Bulgarien offiziell f\u00fcr unabh\u00e4ngig vom Osmanischen Reich. Das Land war zuvor schon weitgehend selbstst\u00e4ndig, stand aber formal noch unter osmanischer Oberhoheit. Ferdinand nahm den Titel Zar an, und aus dem F\u00fcrstentum wurde ein K\u00f6nigreich. 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