05.04. – Tag der Entscheidung vs Lagerkoller

Heute, am 05.04.19 kam die E-Mail, auf die ich so lange gewartet hatte – und zu meiner Überraschung tatsächlich ein Stellenangebot für mich beinhalten sollte.
Und eigentlich sollte ich in Burgas sein, einen Cappuccino in meinem Lieblingscafé trinken und versuchen, halbwegs angemessen ins Bett zu gehen, weil Frühschicht wäre – und das alles mit Blick auf die kommenden Tage, Wochen und Monate, auf die ich mich gefreut hatte.
Stattdessen sitze ich zuhause, habe angefangen, aus Langeweile und Frust mein Zimmer umzuräumen, Animal Crossing ist ein treuer Begleiter geworden und mein FSJ endet diesen Monat. Es ist noch immer schmerzhaft, darüber nachzudenken und etwas verbittert bin ich auch. Denn die Entscheidung, uns „alten“ Freiwilligen zurückzuholen, wurde für mich und den anderen Freiwilligen in Bulgarien zu spät getroffen – einen zweiten Koffer hätte ich ab Freitag Nachmittag nicht mehr auftreiben können und da ich eh nach Sofia fahren musste, um einen Flug nehmen zu können, war schon der erste Koffer zu viel und blieb dementsprechend in Burgas.

Heute vor einem Jahr habe ich mich für das FSJ entschieden – heute bin ich auf der einen Seite dankbar für die Erfahrungen die ich machen durfte und die Menschen, die ich kennenlernen durfte, auf der anderen Seite merke ich, wie mir dieses plötzliche Ende zu schaffen macht. Eigentlich wäre nämlich jetzt so langsam die Zeit gekommen, in der ich wirklich was zu tun gehabt hätte – stattdessen sitze ich zuhause doof rum und weiß meist selber nicht wirklich so ganz genau, was ich mit mir anfangen soll.

Morgen kriegt die Septemberausreise ’20 Bescheid und ich wünsche ihnen vom ganzen Herzen, dass sie ausreisen können – auch wenn ich mir da momentan ehrlich gesagt nicht so wirklich sicher bin.

Es ist aber noch nicht das Ende – da ich nur mit Handgepäck gefolgen bin, muss ich eh, wenn sich die ganze Situation entspannt hat, wieder nach Burgas zurückkehren und mein ganzes Zeug endlich nach Deutschland holen (hoffentlich mit Kira <3).

Von daher: Благодаря Бургас, довиждане!

14.03. – Abschied?

Seit sechs Monaten bin ich nun in Burgas, und eigentlich wäre an dieser Stelle einer dieser schrecklichen „ich bin angekommen und freue mich auf die kommende Zeit 1!1!“-Einträge gekommen, die ich in der ersten Zeit selber so verbittert gelesen habe und mich gefragt habe, was hier bitte so schief gelaufen ist.

Naja, Corona hatte einen anderen Plan.
Nachdem die Märzausreise 2020 komplett aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, kam für uns „alten“ Freiwilligen die Information, dass es für uns bei Abwarten, Tee trinken, Mails & Nachrichten checken und mit den Leuten vor Ort reden bleiben würde. Okay, dachte ich, das gibt mir Zeit um mich auf einen eventuellen frühzeitigen Abschied vorzubereiten – noch einmal in der 8. Klasse irgendetwas cooles machen, mit den Schülern, die mir in der ersten Zeit (wenn auch vielleicht unwissentlich) so viel Kraft gegeben haben, mich bei den Lehrern bedanken, noch einmal alle Restaurants besuchen, noch mehr Stunden im Café am Strand verbringen und ganz gemütlich packen.

Pustekuchen. Gestern, am 13.03. bekam ich morgens die Nachricht, dass wir wieder Grippeferien hätten – das dritte Mal! Nach nur einem Tag Schule! Etwas verzweifelt, was ich denn jetzt schon wieder mit so viel Freizeit anstellen sollte, ohne groß zu verreisen, schrieb ich mit einer Schülerin und verabredete mich dann schlussendlich mit der französischen Freiwilligen, um ihr bei einem Arzttermin beizustehen (es geht ihr aber gut). Dieser sollte eigentlich auf Englisch stattfinden – aber es wurde sehr schnell klar, dass der Arzt kein Wort englisch sprach und als ich rausgeschickt wurde, fühlte ich mich etwas mies. Ich wäre in der Situation total überfordert gewesen und hätte mich extrem unwohl gefühlt, hätte vermutlich beschlossen, dass ich doch keinen Termin brauche, wenn es nicht total dringend ist.
Gestern Mittag wurde dann der Ausnahmezustand in Bulgarien ausgerufen. Ich war da gerade mit der französischen Freiwilligen lecker bei Incanto essen und wir rätselten beide über die Bedeutung für uns. Entschieden aber, dass man uns ja wohl über für uns wirklich relevante Dinge informieren würden und gönnten uns noch Nachtisch im Happy, bevor sie zurück in ihre Wohnung und ich ins Café am Strand ging. Eigentlich wollte ich in meinem dicken Geschichtsschmöker weiterlesen, konnte mich darauf jedoch absolut gar nicht konzentrieren. Stattdessen checkte ich im gefühlten Minutentackt die Nachrichten und als ich dann auf Facebook las, dass angeblich alle Flüge von und nach Deutschland bereits gestrichen worden wären, machte sich doch etwas Panik in mir breit. Saß ich nun hier fest?

Also mal schnell irgendwelche Flüge nach Deutschland gegoogelt – keine Meldung bezüglich Streichungen. Ein- und Ausatmen. Gott sei Dank.
Dann, als ich im Bus nach Meden Rudnik saß und noch bei Billa halten wollte, um für den weltbesten FSB Pralinen für das verspätete Geburtstagsessen zu kaufen (zu dem die Deutschlehrerinnen und ich eingeladen waren), kam von ihm die Nachricht, dass die Schulen vorerst geschlossen seien – gleiches gelte für Bars, Restaurants und Cafés, also quasi alles, was nicht unbedingt notwendig zum Überleben sei.

Also rief ich in der Wohnung angekommen erst einmal verheult meinen Vater an – denn ich war doch noch gar nicht so weit, um mein FSJ vielleicht jetzt schon zu beenden, es gab doch noch so viel zu tun, so viele Menschen, von denen ich mich richtig verabschieden wollte!

Die Entscheidung könne mir niemand ablegen, aber es sei nicht klar, wie lange ich noch ohne Probleme nach Hause komme – den Satz habe ich in den letzten 24 Stunden sehr, sehr oft gehört.

Hin- und herüberlegt, gedankliche Pro- und Contra-Listen angelegt und mich bei Freunden über dieses Dilemma ausgekotzt (danke fürs zuhören an dieser Stelle). Denn hierbleiben würde bedeuten, dass ich nicht weiß, ob ich morgen noch ohne Probleme die Stadt bzw das Land verlassen kann und was als nächstes passiert. Nach Hause fliegen würde bedeuten, dass ich nicht weiß, wann/ob ich zurückkommen kann, um mein FSJ hier angemessen zu beenden. Und da gerade ab Ende April die Zeit kommt, auf die auf mich schon lange gefreut habe, ist diese Ungewissheit sehr mies. Aber ohne Restaurants, die Mall usw wird Zeit totschlagen echt schwer …

Schlussendlich habe ich letzte Nacht einen Flug für morgen Nachmittag von Sofia nach Berlin gebucht. Morgen früh um 7 Uhr geht’s mit dem Zug los und es fühlt sich scheiße an. Aber alle, denen ich das bisher mitgeteilt haben (einschließlich der Fachberater und die Lehrer hier vor Ort), haben mich darin bekräftigt, dass dieser Schritt vorerst der Richtige ist.

Genau wie der andere Freiwillige in Sofia habe ich die Hoffnung, recht schnell wiederkommen zu können – und deswegen fliegen wir beide Optimisten nur mit Handgepäck :). Wir werden weiterhin mit Nachrichten versorgt und ich denke, dass wir uns auch untereinander austauschen werden, was wir von unseren Leuten vor Ort und via Nachrichten jeweils erfahren haben.

Es ist ein verdammt komisches Gefühl, nichts wirklich zu wissen – aber nichts zu wissen ist zuhause mit meiner Familie deutlich angenehmer als hier, alleine und mit einer doch recht bescheidenen verlässlichen Nachrichtenlage auf Englisch.

Falls irgendwer aus der Märzausreise das hier liest: es tut mir wirklich leid, das ist echt scheiße gelaufen …

Nur eine Freundin und meine Familie weiß bislang bescheid – denn wenn ich schon wegen Corona nach Hause fliege, dann kann ich die Situation zumindest nutzen und eine sehr gute Freundin von mir nächstes Wochenende (hoffentlich) überraschen (an dieser Stelle: alles Gute, Lenö!).

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich die Situation bald legt und ich ohne Quarantäne oder ähnliches meinen restlichen Freiwilligendienst hier absolvieren kann – aber das wird die Zeit zeigen.

Es ist wirklich komisch: monatelang habe ich mit mir gehadert, ob ich wirklich ein Jahr schaffen oder machen möchtte/würde – und gestern habe ich Rotz und Wasser geheult, weil die Rückkehr noch in den Sternen steht. Hätte man mir das im November erzählt – ich hätte es absolut nicht geglaubt.

Natürlich werde ich euch auf dem Laufenden halten, wie es mit meinem FSJ weitergeht, ich bin selber sehr gespannt.

Lina (die eigentlich packen und aufräumen sollte aber damit hadert weil es das dann wirklich wirklich wirklich endgültig macht)

„Totschki?“ – oder: Mission Weihnachtsgeschenk

Wenn ihr diesen Blogeintrag gelesen habt, versteht ihr, warum er jetzt erst veröffentlicht werden kann.

Alles fing an als ich mit dem anderen deutschen Freiwilligen, der Mitte Oktober zurück nach Deutschland gegangen ist, bei Kaufland war. Wir waren auf dem Weg zur Kasse, als er in Richtung Getränke abbog und ich mir gezwungenermaßen die Artikel am Gang anguckte während ich auf ihn wartete. Und dann sah ich es. Einen Entsafter aus der Treuepunktaktion bei Kaufland. „So einen wollte Mama doch schon länger haben“, schoss mir sofort durch den Kopf und ich machte schnell ein Foto bevor er wiederkam und wir zur Kasse gingen.

In der Freiwilligenwohnung angekommen verschwand ich sofort auf meinem Zimmer und schaffte es irgendwie, auf die Seite des bulgarischen Kauflands zu kommen und ließ mir das alles von Google Translate übersetzen. So ganz sicher war ich mir nicht, also schickte ich meiner Schwester das gemachte Foto und den Link zu der von Google übersetzten Seite über den Entsafter. So 100% sicher, ob es wirklich das Teil war, dass meine Mutter schon länger haben wollte, war sie sich auch nicht, aber ziemlich sicher. Okay, dachte ich mir, dann versuchen wird das doch mal.
Für 100 BGN, also umgerechnete 50 Euro, konnte man so etwas ja mal ausprobieren – die Teile, die ich bislang in Deutschland gesehen hatte, lagen etwa beim 6-fachen Preis. Falls es also von der Qualität nicht ganz mithalten könnte, wäre das nicht so tragisch – aber da es sich bei der Marke um Tefal handelt, sollte da zumindest ein bisschen Qualität dahinterstecken, fand ich.

Die ersten Treuepunkte zu bekommen war am schwersten. Ich stand an der Kasse, fragte nach „Totschki“ und bekam nur einen dummen Blick ab. Also Handy rausgekramt, das Foto vom Entsafter rausgesucht, der Verkäuferin gezeigt und „Totschki?“ wiederholt. Sie sagte irgendetwas mit „Totschki“ und als ich ihr das Geld hinlegte, reichte sie mir die Treuepunkte. Geht doch. 
5 von den 10 Treuepunkten hatte ich also. Aber das Heft zum Aufkleben auch noch nicht. Das nächste Mal versuchte ich mein Glück erneut, und dieses Mal lagen die Hefte zum Aufkleben der Treuepunkte aus und ich konnte sie mir ohne Probleme in den Einkaufswagen schmeißen. An der Kasse fragte ich wieder nach „Totschki“ und zeigte auf das Aufkleberheft. Nickend gab sie mir mein Rückgeld, bückte sich und gab mir 5 anstatt der 3, die ich eigentlich bekommen hätte. Erleichtert schleppte ich meine Einkäufe zurück, den ersten Teil der Mission Weihnachtsgeschenk war nun also erfolgreich absolviert.

Am 10. Oktober musste ich eh noch einkaufen, um etwas für den Sonntagabend und den Montag nach meinem Wochenende in Plovdiv in der Wohnung zu haben und so nahm ich das Heft mit den zehn Aufklebern mal sicherheitshalber mit. Die Punkte waren zwar noch bis Ende Oktober einlösbar, aber was weg war war nun mal weg und ich wollte wirklich nicht, dass die Mission an meiner Faulheit scheitern würde. Es stand noch genau ein Entsafter im Regal, den ich also in meinen Wagen wuchtete und die restliche Zeit bis zum Bezahlen Panik schob. Was ist, wenn Google mir irgendetwas nicht oder falsch übersetzt hatte? Was ist, wenn sie irgendetwas von mir hören will/muss und ich es nicht verstehe? Was ist, wenn es irgendeinen Haken an der Sache gibt? Denn bislang war die Mission ja überraschend gut gelaufen, beinahe etwas zu gut für meinen Geschmack.

Also stand ich mit leicht zittrigen Händen an der Kasse, jede zehn Sekunden kontrollierte ich, ob das Heft mit den aufgeklebten Treuepunkten noch auf dem Entsafter lag und ob es denn auch wirklich zehn waren.
Ja, es lag jedes Mal noch auf dem Entsafter und ja, jedes verdammte Mal waren es zehn.
Trotzdem hatte ich Herzrasen, als ich die anderen Einkäufe in den Wagen schmiss und eigentlich nur Augen für den Entsafter hatte.
Es klingt lächerlich, wenn ich das so aufschreibe, aber in den Tagen davor war so viel (auch gerade an Kommunikation) schief gelaufen, dass ich nicht wusste, was ich tun würde, wenn hier irgendetwas schief laufen würde (vermutlich anfangen zu heulen und verzweifelt versuchen zu erklären, dass ich kein bulgarisch spreche).
Sie scannte den Entsafter ein, sah die Treuepunkte, tippte etwas ein und der Preis für den Entsafter mit Treuepunkten erschien auf dem Bildschirm. Dann sagte sie noch etwas (vermutlich Garantie und sowas alles), tackerte mir etwas an den Kassenbon und ich hätte in diesem Moment vor Erleichterung echt weinen können.
Denn etwas, was Kommunikation mit Einheimischen erforderte, hat tatsächlich geklappt! Und das gleich beim ersten Mal und ohne Hilfe (anders als der Ticketkauf für den Zug nach Plovdiv …).

Stolz wie sonst was schleppte ich den Entsafter in die Wohnung und stellte ihn in den Wohnzimmerschrank. Und prompt trat das nächste Dilemma auf: ich konnte meiner Mutter ja wohl kaum hiervon erzählen, obwohl sie sich vermutlich die meisten Sorgen um mich machte. Ich konnte ihr nicht von den Treuepunkten erzählen, und dass ich das alles ganz alleine hinbekommen hatte.
So konnte ich ihr beim Telefonat nur sagen, dass etwas geklappt hat, womit ich nicht wirklich gerechnet hätte, ich aber nichts weiteres dazu sagen könnte. Das war echt hart und ich hatte kurz überlegt, ob ich es ihr nicht doch sagen soll, aber dann wäre der Überraschungsmoment ja ruiniert.

Und deswegen wird dieser Eintrag erst veröffentlicht, nachdem meine Familie in Burgas angekommen ist und meine Mutter den Entsafter schon ausgepackt und die Geschichte dazu gehört hat.

In diesem Sinne: ich hoffe, ihr hattet schöne Weihnachten und habt einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Lina (noch Teenager, aber nicht mehr wirklich lange, Hilfe!)

Veliko Tarnovo – oder: Musterbeispiel für bulgarische Kommunikation

Wenn ich gefragt werde, wie es momentan so läuft, antworte ich meistens, dass diese bulgarische Art der Kommunikation mich noch immer sehr mit nimmt. Um das zu verdeutlichen, hier ein Beispiel:

die Freiwillige aus Plovdiv, Clara, und ich, wollten über das lange Wochenende vom 26. bis zum 28. Oktober nach Veliko Tarnovo, eine wunderschöne Stadt im Norden Bulgariens verreisen. Am 27.10. waren hier Wahlen und da danach alles wieder abgebaut werden musste usw sollte der 28. für alle Schüler und das Kollegium frei sein.
Also planten wir unsere Reise, kauften je ein Busticket für die Hinfahrt (Burgas-Veliko Tarnovo für mich und Plovdiv-Veliko Tarnovo) und ich fragte am Montag nochmals nach, ob denn der nächste Montag wirklich frei sei. Ja, natürlich sei der 28. frei, wurde mir versichert.

Am Donnerstag schrieb Clara mich dann an und meinte, dass wir den Montag doch nicht frei hätten. Doch, natürlich haben wir frei, ich habe doch noch nachgefragt!, dachte ich, wollte nicht wahrhaben, dass sich soetwas von heute auf morgen ändern kann.
Es sollte sich herausstellen, dass wir wirklich nicht frei hatten. Irgendjemand hatte (vielleicht bei einem Bier zu viel, wer weiß das schon so genau?) beschlossen, dass ein freier Tag ja langweilig sei und man also alle Schüler und Lehrer doch in die Schule schicken könnte. Unterricht solle zwar nicht stattfinden, aber Anwesenheitspflicht wie sonst auch.

Und während ich nicht glauben konnte, was ich da hörte, schien Clara damit relativ entspannt umzugehen. In Veliko Tarnovo witzelten wir dann später darüber, dass irgendwas immer schief gehen müsse und wenn dies nicht der Fall sei, könne man dem ganzen nicht trauen, weil man daran gewöhnt sei, dass irgendwas nicht so funktioniert wie geplant.

Okay, also meine Mentorin darauf angesprochen, welche mir dann seelenruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen mitteilte, dass sie am vorherigen (also Mittwoch) Abend eine E-Mail von der Schulleiterin bekommen habe, dass Montag doch nicht wie geplant ein freier Tag sei.
Ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen, mit dem Kopf vor Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen die Wand laufen oder einfach nur alles zusammen machen sollte – also machte ich gar nichts und lächelte sie überfordert und verzweifelt an.

Reintheoretisch hätten wir den Montag trotzdem in Veliko Tarnovo verbringen können, aber eine Lehrerin hatte angeboten, am Montag nach dem „Sportfest“ oder was auch immer das, was meine Schule schlussendlich am Montag veranstaltet hatte, mit mir die Nebenkosten (oder zumindest den Strom) zu bezahlen und Clara konnte so ins Kino, weshalb wir dann doch „nur“ das reine Wochenende dort verbrachten.

Hätte sie aber nicht durch Zufall erfahren, dass der Montag doch kein freier Tag ist, hätten wir beide es wahrscheinlich erst bemerkt, wenn man uns am Montag gefragt hätte, wo wir denn bleiben würden.

Die Stadt ist, wie bereits erwähnt, wunderschön und die Fahrt, diese Kommunikationsprobleme und das anfängliche Verlaufen definitiv wert gewesen. Meine Waden waren danach zwar am Ende, aber die Aussichten sind wirklich einzigartig!
Wie schon in Plovdiv haben wir uns durchgefuttert und hatten das große Glück, die Lichtershow an der alten Festung am Samstagabend sehen zu können – wo mir wieder mal schmerzlich bewusst wurde, wie unglaublich wenig ich überhaupt über die Geschichte Bulgariens weiß. Trotzdem war es sehr beeindruckend und ich werde die Stadt auf jeden Fall noch einmal besuchen (vielleicht nicht zwingend während meines FSJs, aber das ist eine andere Geschichte), und dann mit dem historischen Hintergrundwissen!
Danach machten wir uns auf die Suche nach Bier und vernünftiger Schokolade, die dem anscheinend hohem Standard zweier deutscher Freiwillige in Bulgarien entspricht – in einem überteuertem Laden/Kiosk wurden wir dann auch fündig, yay.

Am Sonntag waren wir dann Postkarten kaufen, türkischen Kaffee trinken, welcher auf heißem Sand zubereitet wurde – das sah, wie ich finde, sehr interessant aus – und haben uns mit einem Australier, den wir im Hostel kennengelernt haben, gut unterhalten und australische Münzen zu Gesicht bekommen können.

Viel zu früh machten wir uns auf den Weg zum Busbahnhof, nur um gesagt zu bekommen, dass wir die Tickets erst direkt beim Busfahrer kaufen könnten.
Bei Clara lief das alles noch ganz gut, bei mir gab es, nachdem alle mit einem zuvor gekauftem Ticket im Sprinter saßen, zu viele Menschen für zu wenige freie Plätze. Ganz die penetrante Deutsche hielt ich dem Busfahrer meinen 50 Lev Schein so lange vor die Nase, bis er keine andere Wahl hatte, mich zuerst zu bedienen und so schaffte ich es, einen der drei freien Sitzplätze zu ergattern.
Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist, die kein Ticket mehr bekommen haben, aber ich war wirklich erleichtert, als der Bus losfuhr und ich da drin saß.

Das Wochenende in Veliko Tarnovo war zwar kürzer als geplant und wären wir den Montag auch noch geblieben, hätte ich vielleicht den Deutschen kennengelernt, den ich dann im Nachtzug nach Sofia kennenlernen sollte, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Der erste Monat – oder: Euphoriephase mal anders

Auf dem Vorbereitungsseminar wurde uns dieses typische Kurve der Phasen während eines Auslandsaufenthalt gezeigt – zuerst Euphorie, dann irgendwann der Kulturschock, und so weiter.
Bei mir war das, wie vermutlich schon aus den Beiträgen hervorging, etwas anders. Direkt nach dem Ankommen geriet ich in einen Abwärtstrend, der die vergangene Woche seinen Tiefpunkt erleben sollte. Das Gefühl von Einsamkeit vermischte sich mit dem Gefühl von Überflüssigkeit; gleichzeitiger Über- und Unterforderung sowie von Hilflosigkeit.
Sofia (der Blogeintrag kommt noch, versprochen, aber der heutige Anlass meiner einmonatigen Existenz in Bulgarien erschien wirklich passend für eine kurze Zusammenfassung) und der Besuch in Plovdiv taten wirklich gut, schafften die Pausen, die ich brauchte, um einmal kurz durchzuatmen. Die hier in Burgas auf Stromsparmodus laufende Batterien etwas aufladen (und kurz nach der Ankunft in Burgas wieder entleeren …).
Hilfe bei den Fachschaftsberatern in Bulgarien gesucht, Hilfe und Unterstützung gefunden, aufbauende Worte gehört und irgendwie die Kraft gefunden, den nächsten Morgen wieder gegen 6 Uhr das warme Bett zu verlassen und mich in die leere Küche zu zwingen.
Nächste Woche bin ich wieder in Sofia, morgen beginnt mein Sprachkurs und es sind Lichtblicke am düsteren Himmel in meinem Kopf. Auch das Jugend Debattiert anscheinend diese Woche beginnt, kann mir nur gut tun. Zusammen mit der französischen Freiwilligen werde ich versuchen, mich im Fitnessstudio in der Mall anzumelden (und die, die mich kennen, wissen, wie ich zu Sport stehe …), denn Bewegung kann nicht schaden. Und rauskommen erst recht nicht. Mal gucken, wie ernst ich das mit dem Fitnessstudio wirklich nehmen werde, aber schon alleine das dort hinfahren und aus dem Haus kommen kann wirklich nicht schaden.

Ich wurde heute gefragt, wie denn die letzte Woche war, und was ich gesagt habe, fasst es tatsächlich wirklich ganz gut zusammen. „Ach, naja, beinahe hätte ich mich ganz unabsichtlich zum Flughafen verirrt, mit gepacktem Koffer und zufällig gebuchtem Flug. Da wäre mir auch der Umweg über Moskau relativ egal gewesen. So eine Art Schlafwandel, quasi.“
Denn die letzte Woche war brutal. Ich weiß nicht, wie viele Grenzen und Komfortzonen ich schon hinter mir gelassen habe, ich laufe einfach immer weiter. Immer weiter auf das Ungewisse zu. Vielleicht auf den Tag, an dem ich wirklich nicht mehr kann. Vielleicht laufe ich aber auch blind auf den Tag zu, an dem sich das alles bessert. An dem ich wirklich davon überzeugt bin, dass dieses Jahr hier machbar ist. Ich weiß es nicht, und ich werde es auch erst erfahren, wenn ich diesen Tag erlebt habe, wie auch immer er nur aussehen mag.

Aber diese Euphoriephase, die man am Anfang wohl üblicherweise durchlebt, existierte bei mir wenn überhaupt auf dem Vorbereitungsseminar. Danach schwenkte das alles ziemlich schnell in Panik, Angst vor dem Ungewissen und schlussendlich in Zweifel, ob das, was ich hier tue, denn wirklich so richtig ist und ob ich nicht doch an einer Uni in Deutschland momentan besser aufgehoben wäre.
Umso dankbarer bin ich für alle, die sich das alles angehört haben. Die sich die verheulten Audios angehört haben (Tipp: wenn man redet, kann man nicht so gut heulen und beruhigt sich zwangsweise früher oder später, die Audio wird dann halt etwas länger …), mit mir telefoniert haben oder einfach nur da waren, wenn ich verzweifelt nach einem Fels in der Brandung suchte.
Dankbar für meine Familie, die in der letzten Woche die volle Wucht meiner Verzweiflung und Hilflosigkeit abbekommen haben. Dankbar für die aufmunternden Worte, die ich in dem Moment zwar nicht wirklich wertschätzen konnte, aber es jetzt umso mehr tue.
Dankbar für den Austausch mit anderen Freiwilligen und dem Gegenseitigem Helfen, was teilweise darin endete, dass man sich gegenseitig Audios schickt, wenn man sich selber nicht beruhigen kann, denn wie bereits erwähnt beruhigt man sich beim Reden früher oder später von selber …

Die Blogeinträge über Sofia (dann vermutlich schon über 2 Besuche in Sofia) und Plovdiv werden nachgereicht, versprochen!

Und heute Abend, an dem Abend, vor dem ich so unglaublich viel Angst hatte, bin ich etwas hoffnungsvoll. Nur etwas, denn so ganz trauen mag ich diesem Gefühl, dass es sich jetzt alles so langsam zum Guten wenden wird, nicht, aber immerhin. Es ist mehr als in der gesamten letzten Woche, und das reicht mir momentan.
(An dieser Stelle: alles Gute zum Geburtstag, Schwesterherz, ich hoffe vom ganzen Herzen, dass du einen wunderschönen Geburtstag hattest & danke für alles, Mama und Papa.)
Vielleicht habe ich vor diesem Tag schon so viel Angst gehabt und die ein oder andere Träne deswegen vergossen, sodass heute gar nicht so viele Tränen zu vergießen waren, oder vielleicht trügt das alles nur und ich traue dem Schein etwas zu sehr – aber das ist okay. Denn es gibt einen Plan, und wenn auch nur 25% davon irgendwie funktionieren, ist das okay. Fortschritt ist Fortschritt und so lange es so langsam in die richtige Richtung geht, ist das total in Ordnung.

Adios,

Lina

Das große Packen – oder: was brauche ich wirklich?

Packen ist etwas, vor dem ich mich immer irgendwie drücke und bislang ging das auch immer relativ gut. Aber so langsam muss ich packen, und das nicht nur einmal.

Nein, ich packe nämlich zweimal. Einmal für das Vorbereitungsseminar und einmal für Burgas. Und da es Sachen gibt, die ich am liebsten jeden zweiten Tag trage, werden sich die Koffer nur in der Variabilität und im Gewicht groß unterscheiden. Und dann wird im Koffer für das Seminar vielleicht nur ein Pulli landen, während es im Koffer für Burgas durchaus ein paar mehr sein werden …

Zugegeben, die Temperaturen, die mich dort erwarten, sind wie bereits in anderen Beiträgen angedeutet nicht zwingend mein Wetter und dementsprechend auch nicht das, wofür mein Kleiderschrank unbedingt so super ausgestattet sind. Meine Mutter musste mich zu H&M schleppen, damit ich die Anzahl meiner kurzen Hosen, mit denen man unter Leute gehen kann, verdoppeln konnte.
Dementsprechend überfordert bin ich. Vermutlich wird erst einmal so jedes T-Shirt, das ich besitze in den Koffer für Burgas geschmissen werden und dann je nach Gewicht etwas aussortiert oder eben nicht.

Und dann kommen noch solche Fragen wie viele Schuhpaare sinnvoller Weise mitgenommen werden sollten, ob die Lieblingskuscheldecke hier oder vermutlich erst einmal im Schrank dort besser aufgehoben ist oder ob der Groot-Pflanzentopf bzw Stiftebehälter wirklich so unbedingt mit muss oder nicht.
Aber auch wieviele Packungen Zahnpasta keine Gewichtsverschwendung darstellen (und der Folgegedanke ob es meine Zahnpasta dort überhaupt im DM zu kaufen gibt …), ob es reicht, zwei Deos für den Anfang mitzunehmen, wie viele Bilder (und Abschiedsgeschenke) realistisch betrachtet wirklich mitmüssen, … damit setze ich mich momentan auseinander oder versuche es zumindest.

Es ist merkwürdig, zu wissen, dass alles, was nicht in den großen Koffer für Burgas und in mein Handgepäck passt, für ein Jahr nicht mehr greifbar ist. Wahrscheinlich kann ich mich deswegen nur sehr schwer (oder eigentlich gar nicht) entscheiden, was wirklich mit muss, was mit kann falls Gewicht und Platz das zulassen und was doch besser hier aufgehoben ist.
Und ganz vielleicht habe ich mich auch schon dabei ertappt, ernsthaft darüber nach zu denken, das kaputte Stofftier von unserem Hund (‚Agent P‘, Schnabeltierspielzeug) ganz ausversehen in den Koffer zu schmeißen, um etwas bei mir zu haben, wenn nachts alles zu leise ist und ich ihr nächtliches Schmatzen, das Seufzen, Brummen und ihr Hecheln plötzlich sehr vermisse …

Irgendetwas werde ich sicherlich vergessen – und im Nachhinein ist man immer klüger. Vielleicht schreibe ich ja mal einen Teil 2 hierzu, was wirklich sinnvoll war und was dem panischen und leicht überforderten Packen zum Opfer gefallen und mit nach Burgas geschleppt worden ist …

Adios Amigos (falsche Sprache, upsi :D)

Lina