Der erste Monat – oder: Euphoriephase mal anders

Auf dem Vorbereitungsseminar wurde uns dieses typische Kurve der Phasen während eines Auslandsaufenthalt gezeigt – zuerst Euphorie, dann irgendwann der Kulturschock, und so weiter.
Bei mir war das, wie vermutlich schon aus den Beiträgen hervorging, etwas anders. Direkt nach dem Ankommen geriet ich in einen Abwärtstrend, der die vergangene Woche seinen Tiefpunkt erleben sollte. Das Gefühl von Einsamkeit vermischte sich mit dem Gefühl von Überflüssigkeit; gleichzeitiger Über- und Unterforderung sowie von Hilflosigkeit.
Sofia (der Blogeintrag kommt noch, versprochen, aber der heutige Anlass meiner einmonatigen Existenz in Bulgarien erschien wirklich passend für eine kurze Zusammenfassung) und der Besuch in Plovdiv taten wirklich gut, schafften die Pausen, die ich brauchte, um einmal kurz durchzuatmen. Die hier in Burgas auf Stromsparmodus laufende Batterien etwas aufladen (und kurz nach der Ankunft in Burgas wieder entleeren …).
Hilfe bei den Fachschaftsberatern in Bulgarien gesucht, Hilfe und Unterstützung gefunden, aufbauende Worte gehört und irgendwie die Kraft gefunden, den nächsten Morgen wieder gegen 6 Uhr das warme Bett zu verlassen und mich in die leere Küche zu zwingen.
Nächste Woche bin ich wieder in Sofia, morgen beginnt mein Sprachkurs und es sind Lichtblicke am düsteren Himmel in meinem Kopf. Auch das Jugend Debattiert anscheinend diese Woche beginnt, kann mir nur gut tun. Zusammen mit der französischen Freiwilligen werde ich versuchen, mich im Fitnessstudio in der Mall anzumelden (und die, die mich kennen, wissen, wie ich zu Sport stehe …), denn Bewegung kann nicht schaden. Und rauskommen erst recht nicht. Mal gucken, wie ernst ich das mit dem Fitnessstudio wirklich nehmen werde, aber schon alleine das dort hinfahren und aus dem Haus kommen kann wirklich nicht schaden.

Ich wurde heute gefragt, wie denn die letzte Woche war, und was ich gesagt habe, fasst es tatsächlich wirklich ganz gut zusammen. „Ach, naja, beinahe hätte ich mich ganz unabsichtlich zum Flughafen verirrt, mit gepacktem Koffer und zufällig gebuchtem Flug. Da wäre mir auch der Umweg über Moskau relativ egal gewesen. So eine Art Schlafwandel, quasi.“
Denn die letzte Woche war brutal. Ich weiß nicht, wie viele Grenzen und Komfortzonen ich schon hinter mir gelassen habe, ich laufe einfach immer weiter. Immer weiter auf das Ungewisse zu. Vielleicht auf den Tag, an dem ich wirklich nicht mehr kann. Vielleicht laufe ich aber auch blind auf den Tag zu, an dem sich das alles bessert. An dem ich wirklich davon überzeugt bin, dass dieses Jahr hier machbar ist. Ich weiß es nicht, und ich werde es auch erst erfahren, wenn ich diesen Tag erlebt habe, wie auch immer er nur aussehen mag.

Aber diese Euphoriephase, die man am Anfang wohl üblicherweise durchlebt, existierte bei mir wenn überhaupt auf dem Vorbereitungsseminar. Danach schwenkte das alles ziemlich schnell in Panik, Angst vor dem Ungewissen und schlussendlich in Zweifel, ob das, was ich hier tue, denn wirklich so richtig ist und ob ich nicht doch an einer Uni in Deutschland momentan besser aufgehoben wäre.
Umso dankbarer bin ich für alle, die sich das alles angehört haben. Die sich die verheulten Audios angehört haben (Tipp: wenn man redet, kann man nicht so gut heulen und beruhigt sich zwangsweise früher oder später, die Audio wird dann halt etwas länger …), mit mir telefoniert haben oder einfach nur da waren, wenn ich verzweifelt nach einem Fels in der Brandung suchte.
Dankbar für meine Familie, die in der letzten Woche die volle Wucht meiner Verzweiflung und Hilflosigkeit abbekommen haben. Dankbar für die aufmunternden Worte, die ich in dem Moment zwar nicht wirklich wertschätzen konnte, aber es jetzt umso mehr tue.
Dankbar für den Austausch mit anderen Freiwilligen und dem Gegenseitigem Helfen, was teilweise darin endete, dass man sich gegenseitig Audios schickt, wenn man sich selber nicht beruhigen kann, denn wie bereits erwähnt beruhigt man sich beim Reden früher oder später von selber …

Die Blogeinträge über Sofia (dann vermutlich schon über 2 Besuche in Sofia) und Plovdiv werden nachgereicht, versprochen!

Und heute Abend, an dem Abend, vor dem ich so unglaublich viel Angst hatte, bin ich etwas hoffnungsvoll. Nur etwas, denn so ganz trauen mag ich diesem Gefühl, dass es sich jetzt alles so langsam zum Guten wenden wird, nicht, aber immerhin. Es ist mehr als in der gesamten letzten Woche, und das reicht mir momentan.
(An dieser Stelle: alles Gute zum Geburtstag, Schwesterherz, ich hoffe vom ganzen Herzen, dass du einen wunderschönen Geburtstag hattest & danke für alles, Mama und Papa.)
Vielleicht habe ich vor diesem Tag schon so viel Angst gehabt und die ein oder andere Träne deswegen vergossen, sodass heute gar nicht so viele Tränen zu vergießen waren, oder vielleicht trügt das alles nur und ich traue dem Schein etwas zu sehr – aber das ist okay. Denn es gibt einen Plan, und wenn auch nur 25% davon irgendwie funktionieren, ist das okay. Fortschritt ist Fortschritt und so lange es so langsam in die richtige Richtung geht, ist das total in Ordnung.

Adios,

Lina

Ins kalte Wasser

Seit meinem letzten Blogeintrag ist viel passiert und dieser hier wird lang, vermutlich etwas sehr negativ und ist wie alle anderen Einträge natürlich auch sehr subjektiv.

Die zweite Schulwoche begann am Dienstag mit dem Vollenden der Liste mit den Lehrern, die in der jeweiligen Stunde frei haben und dementsprechend Vertretung machen könnten – nach dem Kompromiss, dass ich nur 6 bis 8 Lehrer pro Stunde aufschreiben müsse, ging das dann verhältnismäßig auch relativ schnell.

Und am Mittwoch, da ging es das erste mal für mich ins kalte Wasser. Im metaphorischen Sinne, denn ich erfuhr kurz vor Unterrichtsbeginn davon, dass ich nun in den 12. Klassen Vertretungsunterricht machen würde. Vollkommen überfordert, aber auch etwas erleichtert, endlich mal etwas zu tun zu haben, tat ich, wie mir gesagt wurde und malte die Klaster an die Tafel, wiederholte die selben Sätze vier mal („Hi, ich bin Lina, die neue Freiwillige aus Deutschland. Ich habe mir unsere erste Stunde zusammen cooler vorgestellt, aber ich wusste bis kurz vor Unterrichtsbeginn nicht, dass ich heute hier sein werde. Ich verspreche, dass ich mich bemühen werde, die nächste Stunde etwas cooler zu machen“) und saß den Rest der Stunde relativ doof rum.
Mal kamen Fragen, auf die ich aber eigentlich auch keine wirkliche Antwort wusste.
Die ersten zwei Klassen waren noch mehr oder weniger vollständig, aus der dritten Klasse kamen dann zehn und aus der vierten zwölften Klasse kamen fünf unglaubliche Schüler (jeweils von über 20 Schülern).
Die Überforderung wich mit der Zeit dem Gefühl, dass sie genauso wenig darüber wussten wie ich und ich somit nicht wirklich etwas falsch machen konnte und ich fühlte mich von mal zu mal etwas sicherer.
Nach den vier zwölften Klassen bekam ich eine Stunde Pause, bevor es dann noch in eine elfte Klasse ging – Leseverstehen. Wieder wusste ich nicht mehr als die Schüler, weshalb die Stunde an sich eher so mäßig lief. Am Ende stellten sie noch ein paar Fragen und freuten sich alle, als ich angab, Tarator schon einmal gegessen zu haben.

Donnerstag und Freitag waren dann wieder relativ unspektakulär, das Heimweh kam und ging noch immer, wie es wollte und ich war froh, als ich Freitag Abend zum letzten Mal den Schulweg mit dem anderen Freiwilligen zurück zur Freiwilligen-Wohnung ging. Denn am Montag – so dachte ich da noch – würde ich vor Unterrichtsbeginn umziehen.
Aus Montag Vormittag wurde am Samstag überraschenderweise doch noch Sonntag und etwas sehr euphorisch packte ich meine Sachen. Ich fühlte mich in der Freiwilligen-Wohnung noch immer sehr unwohl und war froh, bald nicht mehr diesen Badeenten-Duschvorhang sehen zu müssen oder nach dem Spülen den Hebel wieder nach oben zu schieben, da ansonsten das Wasser die ganze Zeit durchlaufen würde.

Zusammen mit meinem Vermieter und dem anderen Freiwlligen schleppte ich also am Sonntag mein gesamtes Hab und Gut in die Wohnung, welche außerhalb von Burgas in der Siedlung Meden Rudnik liegt.
Alleine in der Wohnung öffnete ich das Geschenk meiner Schwester für meine erste eigene Wohnung und war das erste Mal dort einkaufen. Schon beim Wasserkochen hatte ich meine Probleme – zuerst mit dem Herd und selbst dann wollte das Wasser irgendwie nicht kochen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und beschloss, Duschen zu gehen um danach dann mich noch einmal daran zu probieren, Spaghettiwasser aufzusetzen. Und dann ging es los.
Ich hatte kein warmes Wasser. Also wusch ich zitternd und heulend schnell meine Haare, verbog mich dabei so, dass wirklich nur der Kopf unter den Wasserstrahl gelangte und war danach wirklich am Ende. Egal, wie lange ich wartete, es wurde nicht wärmer und ich sehnte mich nach Hause, nach einer warmen Dusche mit einer Duschwanne, sodass nicht gleich bei jeder Dusche das gesamte Bad unter Wasser stand.
Nervlich wirklich am Ende telefonierte ich dann mit Jana und brachte dabei irgendwann dann auch das Wasser für meine Nudeln zum Kochen, war aber noch immer sehr dazu geneigt, abzubrechen. Zu viel Kleinkram war passiert, das Heimweh war präsent wie eh und je und das kalte Wasser war somit nur das i-Tüpfelchen des Scheiße seins.

Montag sollte ich dann wieder vertreten. Davon abgesehen, dass die erste Nacht in der Wohnung mehr als nur bescheiden war und ich noch immer sehr das Bedürfnis hatte, nach Hause zu fliegen, war ich auch mit den Aufgaben total überfordert.
Das Diktat, welches ich hätte diktieren sollen, machte meiner Meinung nach absolut keinen Sinn (und so manche Wörter hätte selbst ich nicht richtig schreiben können, geschweige denn wusste, was sie wirklich bedeuten) und was ich mit den anderen Schülern nach ihrem Test machen sollte, wurde auch sehr vage formuliert. Ganz vielleicht lief das ein oder andere Tränchen der absoluten Verzweiflung und Überforderung meine Wange hinunter und schon wieder sehnte ich mich nach dem sicherem Zuhause in Deutschland. Die paar Tränen hatte die stellvertretende Direktorin zwar nicht gesehen, aber anscheinend konnte man mir wirklich anmerken, dass ich damit total überfordert war (auf meine verzweifelte Aussage, dass das Diktat keinen Sinn mache, hatte sie  davor nur geantwortet, dass ich es ja nur vorlesen müsse).
Kurz vor Unterrichtsbeginn beschloss sie, mich wie geplant mit in ihren Englischunterricht zu nehmen (das ist wieder eine ganz andere Geschichte) und es irgendwie zu klären, dass ich nicht vertreten musste.
Danach war ich bei Ikea, kaufte mir ein vernünftiges Kissen, eine Bettdecke zu der es auch Bettwäsche gab und dann in der Siedlung bei Lidl noch einen 11l Wasserkanister. War zwar mega fertig, als ich alles auf einmal in die Wohnung geschleppt hatte, aber danach musste ich wieder in die Stadt, um die französische Freiwillige zu begrüßen …

Dienstag ging es dann nach Sofia und ich wollte davor noch einmal duschen. Mein Vermieter hatte mir geschrieben, dass es im Flur neben dem Lichtschalter für das Bad einen Hebel gibt, wenn man den umlege und eine Stunde warten würde, dann solle warmes Wasser kommen. Im Bad selber würde man dies an einem blauen Licht erkennen. Kurzum: es gab kein warmes Wasser und auch kein blaues Licht im Bad. Super. Immerhin wusste ich, dass ich in Sofia auf jeden Fall duschen konnte, aber so wirklich beruhigend war das auch nicht, denn irgendwann musste ich ja mal hier duschen.
Auch mit der Waschmaschine hatte ich meine Probleme und nachdem ich heulend und flehend davor saß und trotzdem nichts wollte, schrieb ich meiner Mutter, die relativ schnell erkannte, wo mein Problem lag: der Wasserhahn war zugedreht. Gut, okay, immerhin funktioniert sie noch und alles, aber alleine wäre ich darauf nie im Leben gekommen und ich werde es vermutlich irgendwann vergessen, ihn entweder auf- oder zuzudrehen.

Über Sofia selber werde ich die Tage einen separaten Blogeintrag schreiben, ansonsten wird das hier eindeutig zu lang.

Donnerstag Mittag kam ich dann also wieder in die Wohnung, legte den Hebel um und ging erschöpft zur Schule. Ausnahmsweise machte es mir nichts aus, dass ich keine Aufgabe hatte und schrieb viel mit Freunden (andere Freiwillige mit einbezogen). Während der Busfahrt zurück schickte ich unzählige Stoßgebete in den Himmel, dass ich doch endlich warmes Wasser zum Duschen haben würde – Pustekuchen. Immer noch kalt. Eine ehemalige Freiwillige aus Montenegro hatte mir nämlich geschrieben, dass es bei ihr eher 10 Stunden gedauert hätte, bis das Wasser warm war, weshalb ich gehofft hatte, dass es bei mir vielleicht ähnlich ist. Aber wieso sollte es denn auch so unglaublich simpel sein?
Ich fühlte mich wie bei dieser einen Show, die ich einmal aus purer Langweile geguckt hatte – versteckte Kamera in noch schlimmer; es passiert alles, was nur schieflaufen kann und am Ende wird die Person mit irgendetwas, was sie/er sehnsüchtig haben wollte, überrascht. Kein warmes Wasser, Heimweh wie sonst was und dieses abartige Gefühl der Einsamkeit.
Videochats mit Freunden und zum ersten Mal auch mit meiner Familie halfen zwar etwas, trotzdem fühlte ich mich an dem Abend elendig und hinterfragte alles. Wieso dachte ich, dass ich so etwas überhaupt schaffen würde? Wieso hielt ich es für eine gute Idee, zuzusagen? Und wieso saß ich nicht schon wieder im nächsten Flieger Richtung Heimat?

Der deutsche Lehrer hier hatte mir Angeboten, dass ich notfalls bei ihm vorbeikommen könnte, um zu duschen und es tat gut, zu wissen, dass es diesen absoluten Back-Up Plan gab.
Freitag morgen also den Vermieter kontaktiert und verzweifelt in der Schule gewesen, weitere Stoßgebete geschickt, dass ich doch irgendwo diesen mysteriösen Knopf finden würde.
Eigentlich eher aus purer Verzweiflung schlug ich dann am Abend gegen den Boiler und drückte dabei irgendwie auf das, was ich bislang als Lampe identifiziert hatte. Plötzlich ging ein Licht an und ich fühlte mich einfach nur verarscht. War es so schwer, mich dumme Deutsche die keine Ahnung von Boilern hat, darauf hinzuweisen, dass die Lampe der Knopf ist? Mein Vater hatte es schon vermutet, aber bei meinen Versuchen davor war nichts geschehen …

Samstag war ich dann mit der französischen Freiwilligen los und danach noch in der Mall; rannte mit Wäschegestell unterm rechten Arm, Kochsieb in der linken Hand und den Kassenzetteln im Mund zum Bus und genoss zum ersten Mal Spaghetti mit Pesto und ohne Restwasser. Es war bislang neben dem Mittwoch in Sofia eindeutig der beste Tag hier (und mit am wenigsten Heimweh).
Das Heimweh schlug dafür gestern, am Sonntag, mit voller Wucht zurück. Als ich durch den Regen zum Bus hechtete, vermisste ich das Einkaufen mit dem Auto und als ich im Lidl dann auch noch keine dämliche Sour Cream fand, war der Tag schon für mich gelaufen. Wieder in der Wohnung störte mich die Stille und nach Videochats und Telefonaten mit Freunden und anderen Freiwilligen ging es mir zwar etwas besser, aber das Heimweh war noch immer furchtbar präsent. Also guckte ich noch etwas deutsch Fernsehen und versuchte dann gegen Mitternacht, einzuschlafen, denn heute Morgen klingelte mein Wecker schon vor 6 Uhr morgens.

Bislang hatte ich das Glück gehabt, immer erst aufstehen zu müssen, wenn es in der Wohnung schon wieder hell war – heute musste ich mir aber im Dunkeln den Weg in die Küche bahnen. Demnächst werde ich mir auf jeden Fall noch eine Nachttischlampe anschaffen (und Verlängerungskabel mit Mehrfachsteckdosen, die ich hier bislang irgendwie nirgendswo gefunden habe) und auch ein Wasserkocher wird früher oder später noch einziehen.

Heute habe ich mich dann damit abgequält, rauszufinden, wie ich am besten zum Zwischenseminar in Rumänien komme – und um ehrlich zu sein, hat mir diese Recherche die Lust daran etwas genommen. Wahrscheinlich werde ich das Wochenende davor und das Wochenende danach damit beschäftigt sein, von Burgas aus da hinzukommen und dann wieder zurückzukommen.
Auch bin ich gespannt, was ich jetzt nach der Schule machen werde, denn jetzt bin ich dank der Frühschicht auf jeden Fall gegen 14/15 Uhr wieder in der Wohnung und darf dann den gesamten Nachmittag und Abend alleine mit mir selbst verbringen, das könnte noch sehr spannend werden …

Freitag Nachmittag geht es dann für mich nach Plovdiv, wo ich eine Freiwillige aus der Märzausreise besuchen werde. Das ich vor dem Besuch von ihrer Existenz überhaupt wusste, verdanke ich dem Instagramaccount von kulturweit – sie hatte dort die Story gesehen, die sie von mir geteilt hatten und mich dann angeschrieben. Plovdiv soll eine wunderschöne Innenstadt haben und ich freue mich schon, hier mal wieder etwas rauszukommen und vielleicht etwas Ruhe und Stärkung von dort wieder mitnehmen zu können …

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber berichten möchte, dass es hier momentan nicht so ganz läuft, das Heimweh mich noch immer sehr im Griff hat und ich schon oft mit dem Gedanken gespielt habe, es abzubrechen, aber ich habe mir vorgenommen, so getreu zu berichten wie möglich – und da gehören neben den Höhepunkten nun mal auch die Tiefpunkte dazu. Und um Kira zu zitieren: „Genieß es doch einfach. Genieß, das es Scheiße ist. Das gehört nämlich auch mit dazu. […] und es kann nur heißen, dass es irgendwann besser wird“ – und da ich nun mal eigentlich keine andere Wahl habe (außer natürlich abzubrechen), werde ich genau das versuchen.

An dieser Stelle danke an alle, die mir in den letzten Wochen zugehört haben, wenn ich mich mal wieder auskotzen musste, die versucht haben, mich aufzubauen, wenn ich gesagt habe, dass ich nicht mehr kann und will. Die angerufen haben, auch wenn sie eigentlich gar keine Zeit dafür gehabt hätten oder mir zugehört haben, auch wenn sie ihre Pause hätten viel sinnvoller verbringen können. Ich bin wirklich dankbar und froh, euch zu haben und es tut mir leid, dass ihr teilweise täglich mit Mini-Zusammenbrüchen oder ähnlichem zu tun habt – ich hoffe, es wird bald besser …

Aller Anfang ist schwer …

Zugegeben, ich hatte eigentlich schon einen Titel, bevor ich hier überhaupt angekommen war. „Takoma, Tim und die Tütensoße“, hatten meine Mutter und ich uns zusammengereimt. Denn während ich am Freitag, dem 13. September, noch beim Arzt war, hatte sich Takoma an meinem Koffer bedient. Nicht, wie ich befürchtet hatte, an der Schokolade (obwohl die Pralinenpackung eindeutige Spuren aufwies), sondern an den Tütensoßen, die ich für meinen momentanen Mitbewohner mitnehmen wollte.
Also kam ich, nichtsahnend in mein Zimmer, nur um die Sauerei zu sehen. Ein Paar Schuhe, dass ich mitnehmen wollte, war in dem Pulver paniert worden und zusammen mit meinen Eltern lachte ich darüber. Diese Aktion war mal wieder typisch für Takoma; wieso sie sich nicht an den Schokoladentafeln bedient hatte, ist mir bis heute noch ein Rätsel (im Gegensatz zu den Pralinen hätte die Plastikverpackung auf jeden Fall nachgegeben …).

Immer noch erkältet nahm ich am Samstag dann also Abschied, stand wieder dumm in dieser elektronischen Passkontrolle rum, bis das System erkannte, dass hinter der anderen Brille tatsächlich ich stecke. Das Gate war relativ schnell gefunden, die Toilette war direkt an meinem Gate und so saß ich dann dort, Nasenspray schon für die letzte Runde auf deutschem Boden in der Hand.
Aus dieser ‚letzten‘ Runde wurden glaube ich drei oder vier, denn wie sollte es anders sein, hatte mein Flieger Verspätung. Und da die Informationslage eher mau ausfiel und ich doch eine Stunde vor Abflug noch einmal das Nasenspray nehmen sollte, tat ich dieses dann noch ein paar Mal, immer, wenn es einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen gab.
Zwischendurch quatschte ich mit zwei älteren Damen, die sich auf ihre 11 Tage am Sonnenstrand freuten – ich hatte sie schon beim Check-In mit kleinen Sektflaschen gesehen. Auf ihre Aussage, 18 Kilo würden ja locker ausreichen, lachte ich nur etwas und sah auf meine Winterjacke, die ich brav mit mir mitschleppte. Und als sie hörten, dass ich dort für ein Jahr bleiben würde, gab es nur eine Aussage, die ich noch mehrmals hören sollte – „dann kannst du ja am Wochenende zum Sonnenstrand und billig Party machen!“

Im Flieger saß ich neben einem netten Pärchen, die für mich dann auch meine Sachen aus dem Gepäckfach geholt hatten, während ich noch gebückt dort stand und darauf wartete, dass das Aussteigen endlich losging. Als er mir meine Winterjacke reichte, sah er mich verwirrt an und fragte, wozu ich denn beim saufen so eine dicke Lederjacke brauchen würde. Also wieder dieser erklärende Satz, dass ich dort mein FSJ machen würde und nicht, wie sie, zum Urlaubmachen. Wieder fiel ein Kommentar in Richtung, dass ich es ja für die guten und billigen Partys gar nicht so weit haben würde und ich nickte nur. Zu diesem Zeitpunkt war ich einfach nur froh, endlich wieder auf dem Boden zu sein und den Druck mehr oder weniger unter Kontrolle zu wissen. Im Verlaufe des Abends sollte der Druck zwar noch etwas schlimmer werden, aber es ging.

Ich wusste, dass die Freiwilligen-Wohnung für mich hoffentlich nur eine Übergangsstation bleiben sollte. Doch als ich dann am ersten Abend gleich erfuhr, dass am 30. September die neue Freiwillige aus Frankreich kommt und dementsprechend, falls das aus irgendwelchen Gründen nicht mit dem Umzug klappen sollte, ich mir mit ihr das Zimmer teilen müsste, wollte ich am liebsten für Sonntag gleich einen Rückflug buchen. Ich war übermüdet, mit dieser neuen Situation dezent überfordert und wollte einfach nur noch nach Hause, mit Takoma kuscheln und von meinen Eltern hören, dass alles gut wird.

Den Sonntag verbrachte ich auf meinem Zimmer und versuchte, die Erkältung so gut es ging auszukurieren und das Heimweh unter Kontrolle zu haben (beides war nicht wirklich erfolgreich). Am Abend waren Tim und ich dann Burger essen und anschließend habe ich mit anderen Freiwilligen auf WhatsApp gevideochattet. Es tat gut, die anderen nach den zehn intensiven Tagen, die wir zusammen verbracht hatten, wiederzusehen und zu hören, wie es ihnen bislang so ergangen war (leider hatte eine keine Zeit, also waren es nur drei von vieren …).

Montag war dann der erste Tag in meiner EInsatzstelle. Tim hatte von seiner Ansprechslehrerin gesagt bekommen, dass wir uns so schick wie möglich anziehen sollten – also lief ich im Kleid rum und machte während der feierlichen Einschulung Fotos und Videos. Danach ging es für uns beide in eine Englischklasse, danach besuchte ich mit meiner Kontaktperson eine 11. Klasse im Deutschunterricht. Eine Schülerin schenkte mir am Ende der Stunde Blumen mit den Worten, dass sie hoffe, dass ich mich hier schnell einlebe und Freunde finde.

Die Blumen, die ich von der Schülerin geschenkt bekommen habe

Am Dienstag fing die Spätschicht mit einem Treffen des englischen Debattierclubs der Schule an – in den ersten beiden Tagen habe ich allgemein mehr Englisch als Deutsch gesprochen, was ich zwar etwas merkwürdig, aber nicht besonders schlimm fand.

Mittwoch, Donnerstag und Freitag habe ich hauptsächlich hospitiert und mir den Unterricht in 11. und 12. Klassen angeguckt, ansonsten saß ich meist im Büro von Tims Kontaktperson und durfte mich mit Bürokram beschäftigen – momentan bin ich dabei, eine Liste mit den für jede Stunde als Vertretungslehrer ‚verfügbare‘ Lehrer zu erstellen; da die kyrillische Tastatur mir absolut nicht vertraut ist, dauert das doch schon etwas. Bislang habe ich mich mit viel Copy & Paste bis zur zweiten Stunde am Dienstag bringen können …

Gestern, am Sonntag, war hier in Bulgarien der Unabhängigkeitstag und dies ist auch der Grund dafür, dass ich heute keine Schule habe. Gleich werde ich etwas in die Stadt gehen und mir die Füße vertreten, danach habe ich vor, meine Kenntnisse der bulgarischen Sprache wieder etwas aufzufrischen – ich dachte, dass ich zumindest 3 Flosskeln – „Guten Tag“, „Tschüss“ und „ich kann kein bulgarisch“ könnte, doch sobald mich jemand anspricht, ist mein Gehirn im Panik-Modus und ich stammel irgendetwas vor mich hin.

Ich hoffe, dass sich das Heimweh bald legt und ich andere Hunde (ich rede von Hunden und nicht von Wadenbeißern!) sehen kann, die desinteressiert an den ganzen Brunnen und Wasserinstallationen vorbeilaufen, ohne an die Wasserratte zuhause denken zu müssen, welche hier jeden Wasserstrahl einzeln jagen würde …

Vielleicht kommt noch ein Update vor dem Botschaftsempfang in Sofia; auf jeden Fall melde ich mich aber danach!

Adios Amigos,
LIna