14.03. – Abschied?

Seit sechs Monaten bin ich nun in Burgas, und eigentlich wäre an dieser Stelle einer dieser schrecklichen „ich bin angekommen und freue mich auf die kommende Zeit 1!1!“-Einträge gekommen, die ich in der ersten Zeit selber so verbittert gelesen habe und mich gefragt habe, was hier bitte so schief gelaufen ist.

Naja, Corona hatte einen anderen Plan.
Nachdem die Märzausreise 2020 komplett aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, kam für uns „alten“ Freiwilligen die Information, dass es für uns bei Abwarten, Tee trinken, Mails & Nachrichten checken und mit den Leuten vor Ort reden bleiben würde. Okay, dachte ich, das gibt mir Zeit um mich auf einen eventuellen frühzeitigen Abschied vorzubereiten – noch einmal in der 8. Klasse irgendetwas cooles machen, mit den Schülern, die mir in der ersten Zeit (wenn auch vielleicht unwissentlich) so viel Kraft gegeben haben, mich bei den Lehrern bedanken, noch einmal alle Restaurants besuchen, noch mehr Stunden im Café am Strand verbringen und ganz gemütlich packen.

Pustekuchen. Gestern, am 13.03. bekam ich morgens die Nachricht, dass wir wieder Grippeferien hätten – das dritte Mal! Nach nur einem Tag Schule! Etwas verzweifelt, was ich denn jetzt schon wieder mit so viel Freizeit anstellen sollte, ohne groß zu verreisen, schrieb ich mit einer Schülerin und verabredete mich dann schlussendlich mit der französischen Freiwilligen, um ihr bei einem Arzttermin beizustehen (es geht ihr aber gut). Dieser sollte eigentlich auf Englisch stattfinden – aber es wurde sehr schnell klar, dass der Arzt kein Wort englisch sprach und als ich rausgeschickt wurde, fühlte ich mich etwas mies. Ich wäre in der Situation total überfordert gewesen und hätte mich extrem unwohl gefühlt, hätte vermutlich beschlossen, dass ich doch keinen Termin brauche, wenn es nicht total dringend ist.
Gestern Mittag wurde dann der Ausnahmezustand in Bulgarien ausgerufen. Ich war da gerade mit der französischen Freiwilligen lecker bei Incanto essen und wir rätselten beide über die Bedeutung für uns. Entschieden aber, dass man uns ja wohl über für uns wirklich relevante Dinge informieren würden und gönnten uns noch Nachtisch im Happy, bevor sie zurück in ihre Wohnung und ich ins Café am Strand ging. Eigentlich wollte ich in meinem dicken Geschichtsschmöker weiterlesen, konnte mich darauf jedoch absolut gar nicht konzentrieren. Stattdessen checkte ich im gefühlten Minutentackt die Nachrichten und als ich dann auf Facebook las, dass angeblich alle Flüge von und nach Deutschland bereits gestrichen worden wären, machte sich doch etwas Panik in mir breit. Saß ich nun hier fest?

Also mal schnell irgendwelche Flüge nach Deutschland gegoogelt – keine Meldung bezüglich Streichungen. Ein- und Ausatmen. Gott sei Dank.
Dann, als ich im Bus nach Meden Rudnik saß und noch bei Billa halten wollte, um für den weltbesten FSB Pralinen für das verspätete Geburtstagsessen zu kaufen (zu dem die Deutschlehrerinnen und ich eingeladen waren), kam von ihm die Nachricht, dass die Schulen vorerst geschlossen seien – gleiches gelte für Bars, Restaurants und Cafés, also quasi alles, was nicht unbedingt notwendig zum Überleben sei.

Also rief ich in der Wohnung angekommen erst einmal verheult meinen Vater an – denn ich war doch noch gar nicht so weit, um mein FSJ vielleicht jetzt schon zu beenden, es gab doch noch so viel zu tun, so viele Menschen, von denen ich mich richtig verabschieden wollte!

Die Entscheidung könne mir niemand ablegen, aber es sei nicht klar, wie lange ich noch ohne Probleme nach Hause komme – den Satz habe ich in den letzten 24 Stunden sehr, sehr oft gehört.

Hin- und herüberlegt, gedankliche Pro- und Contra-Listen angelegt und mich bei Freunden über dieses Dilemma ausgekotzt (danke fürs zuhören an dieser Stelle). Denn hierbleiben würde bedeuten, dass ich nicht weiß, ob ich morgen noch ohne Probleme die Stadt bzw das Land verlassen kann und was als nächstes passiert. Nach Hause fliegen würde bedeuten, dass ich nicht weiß, wann/ob ich zurückkommen kann, um mein FSJ hier angemessen zu beenden. Und da gerade ab Ende April die Zeit kommt, auf die auf mich schon lange gefreut habe, ist diese Ungewissheit sehr mies. Aber ohne Restaurants, die Mall usw wird Zeit totschlagen echt schwer …

Schlussendlich habe ich letzte Nacht einen Flug für morgen Nachmittag von Sofia nach Berlin gebucht. Morgen früh um 7 Uhr geht’s mit dem Zug los und es fühlt sich scheiße an. Aber alle, denen ich das bisher mitgeteilt haben (einschließlich der Fachberater und die Lehrer hier vor Ort), haben mich darin bekräftigt, dass dieser Schritt vorerst der Richtige ist.

Genau wie der andere Freiwillige in Sofia habe ich die Hoffnung, recht schnell wiederkommen zu können – und deswegen fliegen wir beide Optimisten nur mit Handgepäck :). Wir werden weiterhin mit Nachrichten versorgt und ich denke, dass wir uns auch untereinander austauschen werden, was wir von unseren Leuten vor Ort und via Nachrichten jeweils erfahren haben.

Es ist ein verdammt komisches Gefühl, nichts wirklich zu wissen – aber nichts zu wissen ist zuhause mit meiner Familie deutlich angenehmer als hier, alleine und mit einer doch recht bescheidenen verlässlichen Nachrichtenlage auf Englisch.

Falls irgendwer aus der Märzausreise das hier liest: es tut mir wirklich leid, das ist echt scheiße gelaufen …

Nur eine Freundin und meine Familie weiß bislang bescheid – denn wenn ich schon wegen Corona nach Hause fliege, dann kann ich die Situation zumindest nutzen und eine sehr gute Freundin von mir nächstes Wochenende (hoffentlich) überraschen (an dieser Stelle: alles Gute, Lenö!).

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich die Situation bald legt und ich ohne Quarantäne oder ähnliches meinen restlichen Freiwilligendienst hier absolvieren kann – aber das wird die Zeit zeigen.

Es ist wirklich komisch: monatelang habe ich mit mir gehadert, ob ich wirklich ein Jahr schaffen oder machen möchtte/würde – und gestern habe ich Rotz und Wasser geheult, weil die Rückkehr noch in den Sternen steht. Hätte man mir das im November erzählt – ich hätte es absolut nicht geglaubt.

Natürlich werde ich euch auf dem Laufenden halten, wie es mit meinem FSJ weitergeht, ich bin selber sehr gespannt.

Lina (die eigentlich packen und aufräumen sollte aber damit hadert weil es das dann wirklich wirklich wirklich endgültig macht)

Честита баба марта! – Fotos

Честита баба марта!

So begrüßen sich die Bulgaren heute, am 1. März., denn heute wird der uralte bulgarische Frühlingsbrauch im ganzen Land gefeiert. „Баба Марта“, also „Oma Marta“, ist eine volkstümliche und ausgeschmückte Umschreibung für den Monat März und die einzige weibliche Personifizierung eines Monats.

Heute schenkt man sich weiß-rote „Мартеница“ bzw „Мартеници“ (Martenizi), rot weiße Talismänner für Gesundheit und ein langes Leben. Dieser Brauch stammt noch aus der vorchristlichen Zeit und die Glücksbringer werden im Freundeskreis, in der Familie oder auch auf der Arbeit verschenkt (selber kaufen geht nicht, man muss sie für sich selbst geschenkt bekommen!).
Die Farbe weiß steht für die Reinheit und Ehrlichkeit, der rote Wollfaden hingegen steht für Wärme (und rote Wangen), Gesundheit und ein langes Leben. 

Getragen werden die Martenizi auf der linken Seite oder am linken Arm – dem Herz am nächsten, die großen werden üblicherweise an Türen oder Fenster gehängt.
Die Talismänner werden so lange getragen, bis man ein erstes Frühlingszeichen sieht (wie z.B. einen Storch, einen blühenden Baum, im Süden überwinternde Vögel, …) und dann abgenommen. Spätestens am 1. April (sofern man davor kein Frühlingszeichen erblickt hat) hängt man sie an einen Baum oder legt sie unter einen Stein – dann darf man sich etwas wünschen.

Man darf einen solchen Glücksbringer nur einmal tragen und auf gar keinen Fall vor dem 1. März anbinden, denn das bringt Unglück und Pech mit sich.

Mit dem Verschenken und Tragen soll der März (in Form der Personifizierung Baba Marta) milde gestimmt und besänftigt werden – so wird Baba Marta entweder als eine alte, launische Frau oder als eine junge, freundliche und zarte Frau vorgestellt, je nachdem, wie sich der Monat wettertechnisch präsentiert.

Schon seit Ende Januar gibt es die ersten Stände, an denen die Мартеници verkauft werden; im Kaufland, im Baumarkt, der Souvenir-Laden in der Innenstadt und auch kleine Stände auf dem großen Hauptplatz „Troykata“ , die nichts anderes verkaufen  – so war es mir möglich, meinem Vater welche für meine Freunde und Familie zuhause mitzugeben, ohne mich auf die Post verlassen zu müssen (denn irgendwie ist die Richtung Burgas-Deutschland deutlich langsamer als die Richtung Deutschland-Burgas …). Und für Takoma haben wir eine der beiden Figuren ausgesucht, die dann an ihr Geschirr gebunden wird.
Die Preise starten mit 0,10 BGN (~ 5 Cent) für die billigsten Armbänder, die aufwendig gemachteren kosten meist um die 4 BGN (also etwas über 2€), bei den Figuren Пижо и Пенда (Pischo und Penda) bin ich mir nicht sicher, aber auch da wird es auf die Verarbeitung und Größe (!!) ankommen – die gibt es nämlich auch in seehr groß fürs Fenster.

Da es immer mehr und mehr Stände wurden – auf meinem Schulweg, auf dem Hauptplatz (und auch an der Eisbahn dort), an der Universität und zwischendurch auch noch an anderen Orten – wie an der Bushaltestelle hier in Meden Rudnik, habe ich Mal eine Schülerin gefragt, wieso es denn so unglaublich viele Stände gäbe. Sie meinte, es läge daran, dass die über 60 Jährigen hier nicht mehr arbeiten dürfen und sich somit mit dem Verkauf von Мартеници etwas dazu verdienen können. 

Dementsprechend habe ich Mal versucht, auf die Verkäufer zu achten – und ja, es gibt viele Verkäufer, die durchaus über 60 sein könnten, aber auch welche, die deutlich jünger aussehen. Auch fand sie es sehr lustig, dass ich es so faszinierend fand und mein Versuch ihr zu erklären, dass das ja sei wie ein Weihnachtsmarkt nur für Glühwein, sorgte für noch mehr Gelächter.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, die Zeit um Баба Марта in Burgas miterleben zu dürfen und bin mir sicher, dass ich diese Tradition (so gut es geht) mit nach Deutschland zurück nehmen werde.

Hier sind noch ein paar Links, die auch die Legenden thematisieren:

Falls heute noch irgendetwas interessantes vor sich geht, werde ich das hier auf jeden Fall noch nachtragen!
Честита баба марта (Tschestita Baba Marta),
Lina 🙂

Und  hier geht’s zum extra Foto-Eintrag – denn das sind etwas viele Fotos geworden, um die hier vernünftig einzubringen :).