14.03. – Abschied?

Seit sechs Monaten bin ich nun in Burgas, und eigentlich wäre an dieser Stelle einer dieser schrecklichen „ich bin angekommen und freue mich auf die kommende Zeit 1!1!“-Einträge gekommen, die ich in der ersten Zeit selber so verbittert gelesen habe und mich gefragt habe, was hier bitte so schief gelaufen ist.

Naja, Corona hatte einen anderen Plan.
Nachdem die Märzausreise 2020 komplett aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, kam für uns „alten“ Freiwilligen die Information, dass es für uns bei Abwarten, Tee trinken, Mails & Nachrichten checken und mit den Leuten vor Ort reden bleiben würde. Okay, dachte ich, das gibt mir Zeit um mich auf einen eventuellen frühzeitigen Abschied vorzubereiten – noch einmal in der 8. Klasse irgendetwas cooles machen, mit den Schülern, die mir in der ersten Zeit (wenn auch vielleicht unwissentlich) so viel Kraft gegeben haben, mich bei den Lehrern bedanken, noch einmal alle Restaurants besuchen, noch mehr Stunden im Café am Strand verbringen und ganz gemütlich packen.

Pustekuchen. Gestern, am 13.03. bekam ich morgens die Nachricht, dass wir wieder Grippeferien hätten – das dritte Mal! Nach nur einem Tag Schule! Etwas verzweifelt, was ich denn jetzt schon wieder mit so viel Freizeit anstellen sollte, ohne groß zu verreisen, schrieb ich mit einer Schülerin und verabredete mich dann schlussendlich mit der französischen Freiwilligen, um ihr bei einem Arzttermin beizustehen (es geht ihr aber gut). Dieser sollte eigentlich auf Englisch stattfinden – aber es wurde sehr schnell klar, dass der Arzt kein Wort englisch sprach und als ich rausgeschickt wurde, fühlte ich mich etwas mies. Ich wäre in der Situation total überfordert gewesen und hätte mich extrem unwohl gefühlt, hätte vermutlich beschlossen, dass ich doch keinen Termin brauche, wenn es nicht total dringend ist.
Gestern Mittag wurde dann der Ausnahmezustand in Bulgarien ausgerufen. Ich war da gerade mit der französischen Freiwilligen lecker bei Incanto essen und wir rätselten beide über die Bedeutung für uns. Entschieden aber, dass man uns ja wohl über für uns wirklich relevante Dinge informieren würden und gönnten uns noch Nachtisch im Happy, bevor sie zurück in ihre Wohnung und ich ins Café am Strand ging. Eigentlich wollte ich in meinem dicken Geschichtsschmöker weiterlesen, konnte mich darauf jedoch absolut gar nicht konzentrieren. Stattdessen checkte ich im gefühlten Minutentackt die Nachrichten und als ich dann auf Facebook las, dass angeblich alle Flüge von und nach Deutschland bereits gestrichen worden wären, machte sich doch etwas Panik in mir breit. Saß ich nun hier fest?

Also mal schnell irgendwelche Flüge nach Deutschland gegoogelt – keine Meldung bezüglich Streichungen. Ein- und Ausatmen. Gott sei Dank.
Dann, als ich im Bus nach Meden Rudnik saß und noch bei Billa halten wollte, um für den weltbesten FSB Pralinen für das verspätete Geburtstagsessen zu kaufen (zu dem die Deutschlehrerinnen und ich eingeladen waren), kam von ihm die Nachricht, dass die Schulen vorerst geschlossen seien – gleiches gelte für Bars, Restaurants und Cafés, also quasi alles, was nicht unbedingt notwendig zum Überleben sei.

Also rief ich in der Wohnung angekommen erst einmal verheult meinen Vater an – denn ich war doch noch gar nicht so weit, um mein FSJ vielleicht jetzt schon zu beenden, es gab doch noch so viel zu tun, so viele Menschen, von denen ich mich richtig verabschieden wollte!

Die Entscheidung könne mir niemand ablegen, aber es sei nicht klar, wie lange ich noch ohne Probleme nach Hause komme – den Satz habe ich in den letzten 24 Stunden sehr, sehr oft gehört.

Hin- und herüberlegt, gedankliche Pro- und Contra-Listen angelegt und mich bei Freunden über dieses Dilemma ausgekotzt (danke fürs zuhören an dieser Stelle). Denn hierbleiben würde bedeuten, dass ich nicht weiß, ob ich morgen noch ohne Probleme die Stadt bzw das Land verlassen kann und was als nächstes passiert. Nach Hause fliegen würde bedeuten, dass ich nicht weiß, wann/ob ich zurückkommen kann, um mein FSJ hier angemessen zu beenden. Und da gerade ab Ende April die Zeit kommt, auf die auf mich schon lange gefreut habe, ist diese Ungewissheit sehr mies. Aber ohne Restaurants, die Mall usw wird Zeit totschlagen echt schwer …

Schlussendlich habe ich letzte Nacht einen Flug für morgen Nachmittag von Sofia nach Berlin gebucht. Morgen früh um 7 Uhr geht’s mit dem Zug los und es fühlt sich scheiße an. Aber alle, denen ich das bisher mitgeteilt haben (einschließlich der Fachberater und die Lehrer hier vor Ort), haben mich darin bekräftigt, dass dieser Schritt vorerst der Richtige ist.

Genau wie der andere Freiwillige in Sofia habe ich die Hoffnung, recht schnell wiederkommen zu können – und deswegen fliegen wir beide Optimisten nur mit Handgepäck :). Wir werden weiterhin mit Nachrichten versorgt und ich denke, dass wir uns auch untereinander austauschen werden, was wir von unseren Leuten vor Ort und via Nachrichten jeweils erfahren haben.

Es ist ein verdammt komisches Gefühl, nichts wirklich zu wissen – aber nichts zu wissen ist zuhause mit meiner Familie deutlich angenehmer als hier, alleine und mit einer doch recht bescheidenen verlässlichen Nachrichtenlage auf Englisch.

Falls irgendwer aus der Märzausreise das hier liest: es tut mir wirklich leid, das ist echt scheiße gelaufen …

Nur eine Freundin und meine Familie weiß bislang bescheid – denn wenn ich schon wegen Corona nach Hause fliege, dann kann ich die Situation zumindest nutzen und eine sehr gute Freundin von mir nächstes Wochenende (hoffentlich) überraschen (an dieser Stelle: alles Gute, Lenö!).

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich die Situation bald legt und ich ohne Quarantäne oder ähnliches meinen restlichen Freiwilligendienst hier absolvieren kann – aber das wird die Zeit zeigen.

Es ist wirklich komisch: monatelang habe ich mit mir gehadert, ob ich wirklich ein Jahr schaffen oder machen möchtte/würde – und gestern habe ich Rotz und Wasser geheult, weil die Rückkehr noch in den Sternen steht. Hätte man mir das im November erzählt – ich hätte es absolut nicht geglaubt.

Natürlich werde ich euch auf dem Laufenden halten, wie es mit meinem FSJ weitergeht, ich bin selber sehr gespannt.

Lina (die eigentlich packen und aufräumen sollte aber damit hadert weil es das dann wirklich wirklich wirklich endgültig macht)

Честита баба марта! – Fotos

Честита баба марта!

So begrüßen sich die Bulgaren heute, am 1. März., denn heute wird der uralte bulgarische Frühlingsbrauch im ganzen Land gefeiert. „Баба Марта“, also „Oma Marta“, ist eine volkstümliche und ausgeschmückte Umschreibung für den Monat März und die einzige weibliche Personifizierung eines Monats.

Heute schenkt man sich weiß-rote „Мартеница“ bzw „Мартеници“ (Martenizi), rot weiße Talismänner für Gesundheit und ein langes Leben. Dieser Brauch stammt noch aus der vorchristlichen Zeit und die Glücksbringer werden im Freundeskreis, in der Familie oder auch auf der Arbeit verschenkt (selber kaufen geht nicht, man muss sie für sich selbst geschenkt bekommen!).
Die Farbe weiß steht für die Reinheit und Ehrlichkeit, der rote Wollfaden hingegen steht für Wärme (und rote Wangen), Gesundheit und ein langes Leben. 

Getragen werden die Martenizi auf der linken Seite oder am linken Arm – dem Herz am nächsten, die großen werden üblicherweise an Türen oder Fenster gehängt.
Die Talismänner werden so lange getragen, bis man ein erstes Frühlingszeichen sieht (wie z.B. einen Storch, einen blühenden Baum, im Süden überwinternde Vögel, …) und dann abgenommen. Spätestens am 1. April (sofern man davor kein Frühlingszeichen erblickt hat) hängt man sie an einen Baum oder legt sie unter einen Stein – dann darf man sich etwas wünschen.

Man darf einen solchen Glücksbringer nur einmal tragen und auf gar keinen Fall vor dem 1. März anbinden, denn das bringt Unglück und Pech mit sich.

Mit dem Verschenken und Tragen soll der März (in Form der Personifizierung Baba Marta) milde gestimmt und besänftigt werden – so wird Baba Marta entweder als eine alte, launische Frau oder als eine junge, freundliche und zarte Frau vorgestellt, je nachdem, wie sich der Monat wettertechnisch präsentiert.

Schon seit Ende Januar gibt es die ersten Stände, an denen die Мартеници verkauft werden; im Kaufland, im Baumarkt, der Souvenir-Laden in der Innenstadt und auch kleine Stände auf dem großen Hauptplatz „Troykata“ , die nichts anderes verkaufen  – so war es mir möglich, meinem Vater welche für meine Freunde und Familie zuhause mitzugeben, ohne mich auf die Post verlassen zu müssen (denn irgendwie ist die Richtung Burgas-Deutschland deutlich langsamer als die Richtung Deutschland-Burgas …). Und für Takoma haben wir eine der beiden Figuren ausgesucht, die dann an ihr Geschirr gebunden wird.
Die Preise starten mit 0,10 BGN (~ 5 Cent) für die billigsten Armbänder, die aufwendig gemachteren kosten meist um die 4 BGN (also etwas über 2€), bei den Figuren Пижо и Пенда (Pischo und Penda) bin ich mir nicht sicher, aber auch da wird es auf die Verarbeitung und Größe (!!) ankommen – die gibt es nämlich auch in seehr groß fürs Fenster.

Da es immer mehr und mehr Stände wurden – auf meinem Schulweg, auf dem Hauptplatz (und auch an der Eisbahn dort), an der Universität und zwischendurch auch noch an anderen Orten – wie an der Bushaltestelle hier in Meden Rudnik, habe ich Mal eine Schülerin gefragt, wieso es denn so unglaublich viele Stände gäbe. Sie meinte, es läge daran, dass die über 60 Jährigen hier nicht mehr arbeiten dürfen und sich somit mit dem Verkauf von Мартеници etwas dazu verdienen können. 

Dementsprechend habe ich Mal versucht, auf die Verkäufer zu achten – und ja, es gibt viele Verkäufer, die durchaus über 60 sein könnten, aber auch welche, die deutlich jünger aussehen. Auch fand sie es sehr lustig, dass ich es so faszinierend fand und mein Versuch ihr zu erklären, dass das ja sei wie ein Weihnachtsmarkt nur für Glühwein, sorgte für noch mehr Gelächter.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, die Zeit um Баба Марта in Burgas miterleben zu dürfen und bin mir sicher, dass ich diese Tradition (so gut es geht) mit nach Deutschland zurück nehmen werde.

Hier sind noch ein paar Links, die auch die Legenden thematisieren:

Falls heute noch irgendetwas interessantes vor sich geht, werde ich das hier auf jeden Fall noch nachtragen!
Честита баба марта (Tschestita Baba Marta),
Lina 🙂

Und  hier geht’s zum extra Foto-Eintrag – denn das sind etwas viele Fotos geworden, um die hier vernünftig einzubringen :). 

19.02. – Gedankenchaos

Dieses Datum hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Nicht nur, weil es der Dienstag vor meiner Vorabiklausur in Geschichte war.
Und auch nicht nur weil ich bis zu diesem Tag es nicht wirklich hinbekommen hatte, mich auf den zu lernenden Stoff zu konzentieren.
Sondern auch, weil heute vor einem Jahr, am 19.02.2019 mein Auswahl-/Kennlerngespräch (wie auch immer man es nennen will) in Bonn war.
Ein komisches Gefühl. Es werden noch weitere Daten kommen – aber die haben eher mit den letzten paar Tagen/Wochen Schule zu tun.

Wir sind mit einem Leihwagen nach Bonn gefahren (meine Eltern wollten mir nicht noch die Deutsche Bahn antun – und das war wohl auch die richtige Entscheidung und mein Vater hatte bei der letzten längeren Fahrt etwas bemerkt, was er lieber erst einmal checken lassen wollte).
Bin nach der vierten Stunde nach Hause gerast, umgezogen, in Deo geduscht, Essen runtergwürgt, noch gefühlte zehntausend Mal kontrolliert ob ich auch ja alles dabei hatte und dann haben wir meine Schwester von der Schule abgeholt und los ging’s.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie nervös ich war und als die Autobahn dann ab und zu etwas voller war, lagen meine Nerven absolut blank. Wir sind früh genug angekommen, ich bin also reingegangen, angemeldet, mit ein paar Alumni etwas geredet; für richtige Fragen war ich viel zu angespannt.
Dann zu den anderen Wartenden gesellt, eine (die auch genommen wurde) gefunden, die aus Bielefeld kam und mit der Bahn gefahren ist (und schon so gegen 9 Uhr aufgebrochen ist …) und dann wurden alle aufgerufen – bis nur noch drei andere und ich übrig waren. Super.
Dumme Witze gerissen, ob man uns denn vergessen hätte und eine Alumna war so nett, uns aufzuklären, dass die „Jury“ (also die beiden, die uns interviewt haben) noch etwas Zeit für die Besprechung der Gruppe vor uns brauchen würden.

Als wir dann aufgerufen wurden, dachte ich, es würde losgehen – aber stattdessen durften wir noch einmal vor der Tür warten. Dass meine Nerven zu diesem Zeitpunkt mehr als nur blank lagen und ich es doch einfach nur hinter mir haben wollte, machte die ganze Warterei nicht einfacher.

Irgendwann durften wir dann rein und ich erinnere mich nur noch an Bruchstücke. Wie beeindruckt wie ich von dem einem Mädchen war, das sehr viel für die Schule selber organisiert hatte und daneben kam ich mir mit meiner Jugendarbeit in der Kirche (und noch mehr Jugendarbeit in der Schule) doch sehr dämlich vor. Auch die anderen beide hatten (meiner Meinung nach) viel mehr anzubieten als ich mit Jugendarbeit, Jugendarbeit und you guessed it – Jugendarbeit. Fotos gezeigt, Liste der Regionen noch einmal kontrolliert (ich wusste absolut nicht mehr, was ich wo hingesetzt hatte …) und versucht, mich nicht von den anderen und ihren Antworten verrückt machen zu lassen.

Rausgegangen. Erleichterung. Aber auch Zweifel, denn gerade neben diesem einen Mädchen fühlte ich mich extremst ungeeignet (irgendwer hat das anscheinend anders gesehen :D). Noch kurz mit den anderen geredet, gehört, wie es bei ihnen lief. Dann Mama in den Arm gefallen. Im Auto die Absage eines anderen Freiwilligendienstes gelesen. Lecker essen gegangen. Dann zurück nach Hause und noch schnell unseren Wagen zur Werkstatt fahren.

Ich wollte eigentlich nur die Absage endlich haben, damit ich mich um Studium und so weiter kümmern könnte. Aber dann kam die Mail mit dem Platzangebot – aber die Story kommt dann im April.

Es wirkt so surreal, dass das erst (oder schon?) ein Jahr her ist.
Heute vor einem Jahr in Bonn – heute in Sofia für das Aufbauseminar von Jugend Debattiert International, damit ich dann auch schön in der Jury sitzen darf.

In diesem Jahr ist so unglaublich viel passiert – Mottowoche, Abitur, Abiball, Vorbereitung für Burgas, Vorbereitungsseminar, Ankommen in Burgas, meine erste eigene Wohnung und was das alles so mit sich bringt, habe eine bulgarische Aufenthaltsgenehmigung (für 5 Jahre!!) und eine elektronische Busfahrkarte, Fahrten nach Sofia, Plovdiv, Bucharest, Veliko Tarnovo, Athen, Sibiu, Timisoara, Stara Zagora, Varna (in absolut nicht chronologischer Reihnfolge), der Botschaftsempfang, DSD-/JDI Basis- und jetzt das Aufbauseminar, das Zwischenseminar in Rumänien (mit abenteuerlicher Hin- und Rückfahrt), Abenteuer Bahn/Nachtzug/Bus, Besuch von Jana in (bald nicht mehr) Tirana, Weihnachten in Bucharest, Besuch meiner Familie (und noch einmal von Papa), 127 DSD Aufsichten, keine Ahnung wie viele Stunden im Café am Strand, tolle Abende mit tollen Menschen, Weihnachtsmärktetour in Bulgarien und Rumänien, selber Wasser und Strom zahlen, tolle Schüler*innen kennengelernt, mit Kira (der Freiwilligen aus Ecuador) über 6 Stunden am Stück geskypt (hehe), nette Abende mit der französischen Freiwilligen, so langsam ein Gefühl des Ankommens, ab morgen dann auch offiziell dazu berechtigt, eine JDI Debatte zu jurieren, und das Glück, ganz viele tolle Menschen kennengelernt zu werden (@ beide Homezones, Kira, … <3).

Und auch, wenn ich heute vor einem Jahr absolut nicht damit gerechnet hatte, irgendwo auf dem Balkan – besser gesagt in Burgas, an der bulgarischen südlichen Schwarzmeerküste – zu landen und wer auch immer das beschlossen hat: es ist doch gar nicht mal so verkehrt hier. Und so langsam merke ich, dass ich Burgas doch schon deutlich mehr in mein Herz geschlossen habe, als ich eigentlich zugeben kann/will/möchte.
Es ist zwar noch immer etwas komisch, dass die ersten jetzt wieder zuhause sind und ich noch etwas über 6 Monate vor mir habe – aber jetzt geht es hier doch irgendwie erst so richtig los, mit dem Theaterwettbewerb, Jugend Debattiert International und vielleicht noch dem Vorlesewettbewerb für die 8. Klassen!

Wie es so schön auf den Bussen steht: Аз обичам Бургас. (Ich liebe Burgas/ „Az obitscham Burgas“)

[Es ist hier 0:10, aber in Deutschland ist es noch der 19.02. – passt also schon irgendwie :)]

Grippeferien

Vor knapp drei Wochen wusste ich noch nicht einmal, dass es hier sogenannte „Grippeferien“ gibt. Und um ehrlich zu sein kam es mir auch gar nicht in den Sinn, dass es hier so etwas geben könnte – denn was man nicht kennt, erwartet man halt auch nicht.

Am 22. Januar kamen diese Ferien dann erstmals in meiner Anwesenheit in einem Gespräch auf (also zumindest auf Deutsch) und ich war verwundert und auch etwas fasziniert von diesem Konzept. Bei einer bestimmten Anzahl von erkrankten Schüler werden die Grippeferien, sofern ich das verstanden habe, vom Bürgermeister vorgeschlagen und das Gesundheitsministerium stimmt diesem Vorschlag dann zu (oder eben nicht). Der Bürgermeister hier hat dann auch auf Instagram mitgeteilt, dass er jenen Vorschlag für eine Woche Grippeferien (27. – 31. Januar) gemacht habe.
Und irgendwann am 25. Januar stand es dann fest: mindestens eine Woche, die Chancen auf Verlängerungen standen aber recht gut, da Mittwoch (heute, der 5.2.) eh frei ist.
Zuerst fand ich das cool, aber auch nur solange, bis ich alleine im Büro war. Und dann kam die große Frage, was ich denn nun nächste Woche machen würde. Reisen, klar, aber irgendwie fühlte ich mich nicht danach, ewig lange im Bus zu sitzen um nach Tirana, Athen oder sonstwohin zu kommen. Vom Flughafen in Burgas aus hätte ich auch für 10€ nach Budapest fliegen können (nur mit meinem Rucksack), aber auch das sprach mich absolut nicht an. Die Situation überforderte mich – womit ich absolut nicht gerechnet hätte.

Als Schüler wäre eine Woche spontan frei ein wahr gewordener Traum gewesen, aber jetzt wusste ich absolut nicht was ich mit mir anfangen sollte. Dazu kam, dass ich im Januar eh relativ viel im Büro war und aus Langeweile die ein oder andere PowerPoint angefertigt habe, sodass ich schon so ziemlich nah am nichts tun dran war.
In der Nacht von Freitag auf Samstag buchte mein Vater dann spontan Flüge von und nach Varna und meine Grippeferien waren damit gerettet.

Dienstag morgen fuhr ich also nach Varna und holte meinen Vater am Fughafen ab. 

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann zu den „Pobiti Kamani“, eine weitgestreute Steinformation westlich von Varna. Diese Formation ist ein seltenes Naturphänomen und niemand weiß so wirklich, wie sie dahin gekommen sind. Früher wurden sie für Überreste einer römischen Stadt gehalten, da in der Nähe die Überreste der größten römischen Stadt im heutigen Bulgarien liegen – für Interessierte, hier der Wikipedia-Artikel dazu :).
Kleiner Fun Fact: auf bulgarisch nennt man diese Formantion „Побити камъни“, was man mit  „In den Boden gerammte Steine“ übersetzen kann; und so wirkt es finde ich teilweise auch wirklich.

Mittwoch zahlten wir dann erst einmal meine Wasserrechnung, was dafür, dass es schon zweimal irgendwie total schief gegangen ist, überraschend gut und einfach geklappt hat. Die Länge der Rechnung (mein Vater musste den Weitwinkel-Modus seiner Handykamera benutzen, um alles draufzukriegen), fanden wir sehr interessant – und jeder Monat wurde einzelnd aufgelistet. Danach ging es zu einer alten römischen Therme in der Nähe, von der aber nur noch Überreste übrig sind. Man hat dort ein kleines Museum gebaut und will in Zukunft dort wohl auch noch mehr hinbauen, aber wir waren etwas enttäuscht von der mangelnden Beschriftung der Überreste.

Am Donnerstag waren wir dann in Veliko Tarnovo, zwar war ich schon einmal mit Clara im Oktober da (und da war es deutlich wärmer!), aber ich finde diese Stadt sehr faszinierend. Wie auch in den folgenden Tagen merkte man deutlich, dass wir uns in der Nebensaison befinden, sodass wir das erstbeste offene Restaurant genommen haben.

Und auf dem Rückweg gab’s noch einen Sonnenuntergang im Seitenspiegel. 🙂

Am Freitag ließen wir uns vom Reiseführer inspirieren und fuhren in ein kleines Dorf

Eindruck aus dem bulgarischen Dorf

südlich von Burgas, wo es wohl eine schöne Quelle geben sollte. Da es aber absolut keine Hinweise auf jene Quelle gab, wissen wir nicht, ob wir sie wirklich gefunden haben – falls ja, war sie nicht wirklich beeindruckend. So machten wir uns auf den Weg in RIchtung Küste – diese Straße werde ich glaube ich nie vergessen. Der Straßenbelag wurde an manchen Stellen und Streckenabschnitten erneuert, aber eben nicht die gesamte Strecke, was das alles dann die Fahrt durch die Berge in Richtung Schwarzmeerküste sehr interessant gestalten sollte. Im ersten Küstenort war – Nebensaison eben – tote Hose und so beschlossen wir, gemütlich wieder nach Burgas zurückzufahren und dort zu essen, denn hier wissen wir, dass die meisten Restaurants auf haben …
Auf dem Rückweg haben wir versucht, so nah wie möglich an der Küste entlang zu fahren und haben aus Spaß nach Verkaufsschildern Ausschau gehalten, man kann ja mal träumen :).

Am Samstag ging es dann nach Stara Zagora, einer Stadt, von der ich bisher nur den Busbahnhof kannt (Stara Zagora ist bei den schnellen Bussen der einzige Stopp auf der Strecke Burgas – Sofia). Die Lage am Hang eines Bergs fand ich persönlich sehr schön, aber wie mein Vater so schön sagte: es ist schon ein bisschen Fahrt zum Meer. Dagegen ist meine Busfahrt nach Burgas rein lächerlich. Es gab viele Gründflächen und in der Fußgängerzone sowie an der angrenzenden Grünfläche war ordentlich was los. Auf dem Rückweg zum Auto machten wir noch einen kleinen Umweg und sahen uns das antike Forum der Römer bzw dessen Überreste an. Wie in Plovidiv fand ich persönlich essehr schön, das diese Überreste vergangener Zeit auch im Stadtzentrum beibehalten und in die heutige Stadt integiert wurden.

Am Sonntag blieben wir in Burgas und genossen das warme Wetter (so 17°C waren das schon, bei praller Sonne!). Wir saßen im Baywatch und schwitzen wie sonst was, da die meisten Fenster nicht geöffnet waren und es somit drinnnen ein bisschen Sauna-Feeling gab. Auch witzelte ich darüber, dass, wenn es noch mehr solcher Tage bis April geben sollte, ich schon etwas braun gebrannt über Ostern nach Hause kommen würde – aber keine Sorge, heute regnet es die ganze Zeit durch, momentan ist die Gefahr also eher gering (außerdem würde ich wahrscheinlich eher rot werden, aber das ist eine andere Geschichte). Dann probierten wir ein Restaurant am Hafen aus, das Essen war lecker, aber die Portionen etwas klein. Außerdem gab es manche Abschnitte nur in der bulgarischen Karte, was wir dann doch etwas komisch fanden; gerade die Fische aus dem Schwarzen Meer würden doch Touristen herlocken? Nachtisch gab’s im Happy bevor wir uns dann auf die Suche nach dem perfekten Aussichtsort für den Sonnenuntergang machten. Leider war der, den wir uns davor schon ausgeguckt hatten, nicht ganz optimal, weshalb wir weiterfuhren. Auch wenn irgendwie immer Berge im Weg waren, war es doch ein wunderschöner Anblick!
(Außerdem ging der Aufzug am Sonntagabend nicht und wir waren beide froh, dass wir schon am Samstag die Idee hatten, Wasser zu kaufen.)

Und am Montag war es dann schon wieder an der Zeit sich zu verabschieden, da mein Vater für den Flug wieder nach Varna fahren musste. Es war aber eine echt tolle Zeit und ich bin echt froh, dass er sich das erlauben kann, mal eben spontan eine Woche Urlaub zu machen und das so akzeptiert wird.

Veliko Tarnovo – oder: Musterbeispiel für bulgarische Kommunikation

Wenn ich gefragt werde, wie es momentan so läuft, antworte ich meistens, dass diese bulgarische Art der Kommunikation mich noch immer sehr mit nimmt. Um das zu verdeutlichen, hier ein Beispiel:

die Freiwillige aus Plovdiv, Clara, und ich, wollten über das lange Wochenende vom 26. bis zum 28. Oktober nach Veliko Tarnovo, eine wunderschöne Stadt im Norden Bulgariens verreisen. Am 27.10. waren hier Wahlen und da danach alles wieder abgebaut werden musste usw sollte der 28. für alle Schüler und das Kollegium frei sein.
Also planten wir unsere Reise, kauften je ein Busticket für die Hinfahrt (Burgas-Veliko Tarnovo für mich und Plovdiv-Veliko Tarnovo) und ich fragte am Montag nochmals nach, ob denn der nächste Montag wirklich frei sei. Ja, natürlich sei der 28. frei, wurde mir versichert.

Am Donnerstag schrieb Clara mich dann an und meinte, dass wir den Montag doch nicht frei hätten. Doch, natürlich haben wir frei, ich habe doch noch nachgefragt!, dachte ich, wollte nicht wahrhaben, dass sich soetwas von heute auf morgen ändern kann.
Es sollte sich herausstellen, dass wir wirklich nicht frei hatten. Irgendjemand hatte (vielleicht bei einem Bier zu viel, wer weiß das schon so genau?) beschlossen, dass ein freier Tag ja langweilig sei und man also alle Schüler und Lehrer doch in die Schule schicken könnte. Unterricht solle zwar nicht stattfinden, aber Anwesenheitspflicht wie sonst auch.

Und während ich nicht glauben konnte, was ich da hörte, schien Clara damit relativ entspannt umzugehen. In Veliko Tarnovo witzelten wir dann später darüber, dass irgendwas immer schief gehen müsse und wenn dies nicht der Fall sei, könne man dem ganzen nicht trauen, weil man daran gewöhnt sei, dass irgendwas nicht so funktioniert wie geplant.

Okay, also meine Mentorin darauf angesprochen, welche mir dann seelenruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen mitteilte, dass sie am vorherigen (also Mittwoch) Abend eine E-Mail von der Schulleiterin bekommen habe, dass Montag doch nicht wie geplant ein freier Tag sei.
Ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen, mit dem Kopf vor Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen die Wand laufen oder einfach nur alles zusammen machen sollte – also machte ich gar nichts und lächelte sie überfordert und verzweifelt an.

Reintheoretisch hätten wir den Montag trotzdem in Veliko Tarnovo verbringen können, aber eine Lehrerin hatte angeboten, am Montag nach dem „Sportfest“ oder was auch immer das, was meine Schule schlussendlich am Montag veranstaltet hatte, mit mir die Nebenkosten (oder zumindest den Strom) zu bezahlen und Clara konnte so ins Kino, weshalb wir dann doch „nur“ das reine Wochenende dort verbrachten.

Hätte sie aber nicht durch Zufall erfahren, dass der Montag doch kein freier Tag ist, hätten wir beide es wahrscheinlich erst bemerkt, wenn man uns am Montag gefragt hätte, wo wir denn bleiben würden.

Die Stadt ist, wie bereits erwähnt, wunderschön und die Fahrt, diese Kommunikationsprobleme und das anfängliche Verlaufen definitiv wert gewesen. Meine Waden waren danach zwar am Ende, aber die Aussichten sind wirklich einzigartig!
Wie schon in Plovdiv haben wir uns durchgefuttert und hatten das große Glück, die Lichtershow an der alten Festung am Samstagabend sehen zu können – wo mir wieder mal schmerzlich bewusst wurde, wie unglaublich wenig ich überhaupt über die Geschichte Bulgariens weiß. Trotzdem war es sehr beeindruckend und ich werde die Stadt auf jeden Fall noch einmal besuchen (vielleicht nicht zwingend während meines FSJs, aber das ist eine andere Geschichte), und dann mit dem historischen Hintergrundwissen!
Danach machten wir uns auf die Suche nach Bier und vernünftiger Schokolade, die dem anscheinend hohem Standard zweier deutscher Freiwillige in Bulgarien entspricht – in einem überteuertem Laden/Kiosk wurden wir dann auch fündig, yay.

Am Sonntag waren wir dann Postkarten kaufen, türkischen Kaffee trinken, welcher auf heißem Sand zubereitet wurde – das sah, wie ich finde, sehr interessant aus – und haben uns mit einem Australier, den wir im Hostel kennengelernt haben, gut unterhalten und australische Münzen zu Gesicht bekommen können.

Viel zu früh machten wir uns auf den Weg zum Busbahnhof, nur um gesagt zu bekommen, dass wir die Tickets erst direkt beim Busfahrer kaufen könnten.
Bei Clara lief das alles noch ganz gut, bei mir gab es, nachdem alle mit einem zuvor gekauftem Ticket im Sprinter saßen, zu viele Menschen für zu wenige freie Plätze. Ganz die penetrante Deutsche hielt ich dem Busfahrer meinen 50 Lev Schein so lange vor die Nase, bis er keine andere Wahl hatte, mich zuerst zu bedienen und so schaffte ich es, einen der drei freien Sitzplätze zu ergattern.
Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist, die kein Ticket mehr bekommen haben, aber ich war wirklich erleichtert, als der Bus losfuhr und ich da drin saß.

Das Wochenende in Veliko Tarnovo war zwar kürzer als geplant und wären wir den Montag auch noch geblieben, hätte ich vielleicht den Deutschen kennengelernt, den ich dann im Nachtzug nach Sofia kennenlernen sollte, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Plovdiv – oder: Lichtblicke am Verzweiflungs-Horizont

Der Zeitpunkt meines Besuchs in Plovdiv hätte nicht besser liegen können. Die Schulwoche war der absolute Albtraum, ich war kurz davor gewesen, in den nächsten Flieger zu steigen und meinetwegen auch über Moskau nach Hause zu fliegen. Wirklich, ich war am Ende meiner Kräfte (und Nerven) und jede Kleinigkeit war einfach absolut viel zu viel für mich. Aber es gab einen Lichtblick: ich war das Wochenende nicht in Burgas, sondern besuchte eine Freiwillige aus der Märzausreise dieses Jahres in Plovdiv.
Und nachdem mir zwei Schülerinnen das Ticket am Freitag nach der Schule gekauft hatten, sollte dem ganzen auch nichts mehr im Wege stehen.

Schon alleine die Zugfahrt war etwas abenteuerlich. Die anderen Menschen in meinem Abteil versuchten, mit mir zu reden und panisch versuchte ich ihnen klarzumachen, dass ich aus Deutschland komme – was ihren Reaktionen zufolge auch irgendwie geklappt haben muss. Und ich glaube, dass der Herr neben mir dem Schaffner mitgeteilt hat, dass die Blondine neben ihm eh nichts versteht, denn zu mir sagte er kein Wort, während er sich mit den anderen unterhielt, aber das war mir nur recht. Ich bin recht Bahnerfahren und dachte dementsprechend, dass das ja schon irgendwie funktionieren wird. Bis Clara, die Freiwillige aus Plovdiv mich darum bat, ihr zu schreiben, wenn der Zug in Stara Zagora hält, das läge nämlich ziemlich genau auf der Hälfte der Strecke zwischen Burgas und Plovdiv. Und plötzlich viel mir auf, dass es weder Anzeigen noch Ansagen gab – anscheinend wusste man einfach, wann man denn aussteigen müsse.
Ich wusste ja ungefähr, wann der Zug ohne Verspätung ankommen sollte (die er natürlich hatte, #Heimatgefühle), und machte mich, wie meine Routine beim Bahnfahren in Deutschland eben nun einmal so war, knapp fünf Minuten davor fertig – packte also alles ein und stopfte meine Kopfhörer in meine Jackentasche. Nur dass ich absolut keine Ahnung hatte, wann ich wirklich ankommen würde. Meine mobilen Daten reichten noch gerade so, um auf Maps zu verfolgen, wie sich der Zug immer weiter Plovdiv näherte.

Am Bahngleis wartete Clara dann auch schon auf mich und wir brachten erst einmal mein Gepäck auf ihr Wohnheimzimmer, bevor die Stadt bei Nacht unsicher machten. Nachdem ich in einem Restaurant, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnere, panierte Paprika mit Käse gefüllt (oder so ähnlich) und sie irgendetwas mit Bohnen gegessen hatte (muss ja für meine Schwester auch mal die vegetarischen Optionen ausprobieren 😀 ), liefen wir etwas rum, setzten uns in eine kleine Bar, tranken leckere Cocktails und erklommen dann einen der sieben Hügel Plovdivs, von welchem wir eine super Aussicht hatten. Anschließend liefen wir knapp eine Stunde zum Wohnheim zurück und fielen in unsere Betten.

Der Samstag begann mit einem Vormittag im Bett, guten Burgern und weiterem Erkunden der Stadt; die Altstadt ist wirklich wunderschön und auch in der Innenstadt gibt es ständig irgendwelche historische Dinge zu sehen, was mich persönlich sehr gefreut hat (bis auf die Ruinen neben dem Museum, auf denen immer Kinder rumklettern, gibt es glaube ich nicht besonders viel historisches in Burgas zu sehen). Dann waren wir türkischen Kaffee trinken, liefen weiter durch die Stadt, waren in Buchläden, in einem Café (in dem es eigentlich Fritz Kola gibt, aber natürlich nicht dann, wenn zwei Deutsche ankommen und darauf total Lust haben) und einer Mall, kauften bei Billa Wein und Knabberzeugs für einen entstpannten Abschluss auf ihrem Zimmer und aßen bei einem eher traditionell bulgarischem Restaurant zu Abend. Anschließend ging es zurück ins Wohnheim, wo ich dann auf dem Flur saß, um auf Netflix „To All The Boys I Loved Before“ herunterzuladen – normalerweise bin ich absolut nicht der Typ für Klischees, aber so socially awkward wie das in dem Film dargestellt ist, finde ich die Klischees gar nicht so schlimm und nach dem Film war Clara derselben Meinung.

Am Sonntag machten wir uns früher auf den Weg, probierten die Smoothiebowls aus, die wir am Vortag am Nachbartisch gesehen hatten, während wir auf unsere Burger gewartet haben und waren davon sehr angetan. Danach ging es Frappé trinken, und zwar dieses Mal auf die „richtige Art“: mit dem Strohhalm wird der feste Schaum quasi die ganze Zeit wieder runtergedrückt, so bleibt er am Ende nicht übrig. Eigentlich wollten wir dann noch eine Ausstellung besuchen, trafen dann aber Ingrid, die deutsche ZfA-Lehrerin in Plovdiv und verquatschten uns etwas, was ich aber gar nicht so schlimm fand, denn das Gespräch war nett und interessant.
Bevor es zurück ins Wohnheim ging, um meine Sachen zu holen, aßen wir Crêpes und auch wenn ich eigentlich eher der süße Typ bin (also absolut der süße Typ wenn es um Crêpes geht), war mein Crêpe mit Basilikum-Pesto, Tomaten und Oliven sehr lecker.

Am Bahnhof kauften wir das Ticket (Clara redete, ich bezahlte) und die restliche Zeit meines Aufenthalts in Plovdiv saßen wir am Gleis, quatschten, waren beide total unsozial und am Handy und ich merkte, wie die Anspannung wieder kam. Die Anspannung, von der ich mich so gerne dauerhaft auf der Hinfahrt nach Plovdiv verabschiedet hätte.
Kaum fuhr der Zug aus Plovdiv los, hatte ich plötzlich Pipi in den Augen und als dann ein paar Stationen später mein Abteil bis auf mich komplett leer war, wurde aus dem Pipi in den Augen Sturzbächer. Ich wollte partout nicht zurück in die einsame, ruhige und für mich alleine vielleicht doch etwas zu große Wohnung, ich wollte nicht nach Burgas zurück, ich wollte am liebsten aussteigen und nach Plovdiv zurück laufen, wenn es hätte sein müssen. Aber das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert und so verwunderte es mich nicht weiter, als ich den Tag heulend in der Wohnung beendete.

Wieder tat es wirklich gut, rauszukommen, einmal kurz die Batterien etwas aufzuladen und zumindest irgendwie für die kurze Zeit keinen Gedanken daran verschwenden zu müssen, wie man die Zeit noch totschlagen kann, bis es endlich so spät ist, dass man schlafen gehen kann. Aber es war irgendwie doch zu kurz und die deepen Gespräche, die wir geführt haben, lassen mich noch nicht ganz los.

In Sofia ohne Sofia 1/? – oder: der Botschaftsempfang

Um diesen Titel zu erklären: meine Schwester heißt Sofia und dementsprechend haben wir schon gewitzelt, dass sie unbedingt mal nach Sofia muss – quasi in „ihre“ Stadt. Als ich also letzten Dienstag netterweise von dem deutschen Lehrer mitgenommen wurde und das Ortsschild saß, hatte ich für einen kurzen Moment unglaubliches Heimweh. Denn ich war nun in Sofia – ohne meine Schwester.

Nach circa 2 1/2 Stunden Fahrt und noch etwas Stadtverkehr und etwas Verwirrung, wo genau die Freiwillige, bei der ich übernachten würde, nun wohnen würde und sie mich vor der deutschen Botschaft einsammelte, war ich erleichtert. Gemeinsam waren wir kurz bei Lidl und ich konnte mich bei ihr etwas über all das auskotzen, was in Burgas so passiert war – und anscheinend schaffte ich dies emotionsloser als erwartet, denn sie schien überrascht, als ich erwähnte, wie fertig mich das alles machte.

Als wir dann endlich vollzählig waren, gingen wir Essen und auch, wenn wir eigentlich in ein anderes Restaurant wollten, war das Essen sehr lecker. Wir haben uns zwei Platten mit Kartoffelecken, verschiedenem Fleisch (auf dem einen Teller in einem Brot serviert, mit noch etwas Käse und einer Art Soße) bestellt und jeder hat das gegessen, worauf man gerade Lust hatte. Danach haben wir uns am Kiosk Bier geholt, haben den Nachtbus zurück genommen, die Bushaltestelle verpasst und duften dementsprechend noch ein Stück zurücklaufen, auf dem schmalen Weg an einer vielbefahrenen Straße. Nachdem wir die Matratze aus dem Flur auf einen der beiden Balkone geschleppt hatten, verbrachten wir dort einen schönen Abend, bis sich gegen 4 Uhr morgens dann doch der existierende Schlafmangel bei mir meldete und ich mich dementsprechend schon einmal hinlegte, während die anderen drei noch draußen quatschten.

Am Mittwoch morgen kam ich dann in den Genuss einer warmen Dusche, wir frühstückten draußen (es gab Nudeln mit Tomatensauce und Käse) und machten uns dann so langsam fertig. Wir wussten, dass wir zwischen dem Treffen mit dem ZfA-Fachberater und dem Botschaftsempfang nicht noch einmal zurück kommen würden, weshalb wir die schickeren Sachen für den Abend gleich mitnehmen mussten.

Das Treffen mit dem ZfA-Fachberater war echt gut. Er hat uns auch Gründe geliefert, weshalb wir nicht alleine unterrichten oder AGs in der Schulzeit (die also verpflichtend sind) machen dürfen – zum Einen ist es eine Haftungssache für den Fall der Fälle, dass da wirklich was passiert und zum Anderen könnte die Schule auf lange Sicht dazu tendieren, eine Lehrkraft zu entlassen, wenn doch die ollen kulturweit Freiwlligen das gleiche für umsonst machen. Zwar hatten wir alle von Ehemaligen gehört, dass es eigentlich normal ist, dass man alleine unterrichtet, aber ich glaube, es ist eh noch einmal besser, wenn der Lehrer dabei ist und notfalls helfen kann, falls das ausgedachte doch nicht so funktioniert wie geplant.
Wir haben noch etwas über anstehende Termine und die Finale der Wettbewerbe im April/Mai gesprochen, bei denen sie vielleicht auf die Hilfe der Freiwilligen zurückkommen werden, die dann noch (oder aus der Märzausreise 2020 schon) in Bulgarien sind.

Dann haben wir uns also dort umgezogen und ich Genie kam auf die grandiose Idee, die Strumpfhose anzuziehen. Meine Eltern hatten mir meine hohen Schuhe vom Abiball, die dazugehörige Handtasche und einen Blazer falls es wider erwarten frisch gewesen wäre sowie Essensnachschub aus der Heimat hergeschickt – eigentlich kann ich in den hohen Schuhen laufen, mit Strumpfhose hatte ich es aber noch nie probiert.
Die Straßen von Sofia sind (so kann ich das aus eigener Erfahrung festhalten) nicht für ungeübte Highheel-Träger wie mich gemacht und erst recht nicht mit Strumpfhose, was für noch weniger halt in den Schuhen sorgten.

Nachdem ich also den anderen etwas unbeholfen hintergelaufen war, wir vor dem Hotel von einer Blaskapelle empfangen wurden und dann endlich im Hilton Hotel angekommen waren, verschwand ich dementsprechend erst einmal auf Toilette, um diese lästige Strumpfhose auszuziehen. Jemand hatte uns empfohlen, nach oben zu gehen, da man dort einen besseren Überblick über das Geschehen unten habe – zurecht, wie ich finde.

Nach Begrüßung durch den Botschafter, Reden und Musik (die Nationalhymne wurde von dem Bläsern gespielt). Das Buffet war sehr lecker – vor allem der Nachtisch hat es mir angetan (was die wenigsten wirklich überraschen dürfte). Und da es noch sehr lange etwas von dem Nachtisch gab, habe ich mir auch ein paar Mal noch etwas Nachschub geholt.

Danach standen wir bei gutem Wein zusammen rum, quatschten mit anderen, schafften es auch, den Botschafter kurz abzufangen (welcher sich dann höchstpersönlich dafür einsetzte, dass die Freiwillige aus Varna noch schnell auf die Gästeliste für die Feierlichkeiten in Varna beim Honorarkonsul am 4. Oktober anlässig des Tags der Deutschen Einheit gesetzt wurde).
Das offizielle Ende war für 22 Uhr angesetzt, aber ich glaube, es war eher 23 Uhr, bis wir wirklich aus dem Hotel waren und uns auf den Weg in die Stadt machten. Der eigentliche Plan, sich in eine Bar zu setzen, wurde in „wir setzten uns auf den Balkon und spielen Trinkspiele“ abgeändert – da ich aber früh rausmusste, um von dem deutschen Kollegen wieder zurückfahren zu können und nicht den Bus oder Zug nehmen, verzichtete ich darauf. Zum einen war der angesammelte Schlafmangel noch immer etwas präsent, zum anderen wollte ich auch wirklich nicht mit Alkoholfahne im Auto sitzen.
Trotzdem war es noch ein netter Abend und es tat gut, einen weiteren Abend nicht alleine zu sein.

Am Donnerstag war ich vor meinem Weckerklingeln wach, ging noch einmal warm duschen, denn ich wusste ja nicht, wann ich das in meiner Wohnung endlich haben würde und machte mich dann leise vom Acker.
Die Rückfahrt war angenehm, wir redeten etwas über Gott und die Welt und wie er überhaupt hierher gekommen war.
Als er mich dann an einer Bushaltestelle rausließ, merkte ich schon, dass die Ruhe und Entspannung aus Sofia verflogen war.
Kaum war der Bus in die Siedlung eingebogen, wollte ich am liebsten raus und in die entgegengesetzte Richtung laufen, in Richtung Burgas City, in Richtung Fernfehrkehr nach Sofia.
Im Aufzug zu meiner Wohnung brach ich dann (wie sollte es denn auch anders sein?) in Tränen aus.

Es tat wirklich gut, rauszukommen, und der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können. Aber das Timing mit dem Raus aus Burgas kommen habe ich anscheinend eh ganz gut drauf, denn bei Plovdiv war es nicht viel anders – aber das Wochenende kriegt einen extra Blogeintrag.

Bis denne,
Lina