05.04. – Tag der Entscheidung vs Lagerkoller

Heute, am 05.04.19 kam die E-Mail, auf die ich so lange gewartet hatte – und zu meiner Überraschung tatsächlich ein Stellenangebot für mich beinhalten sollte.
Und eigentlich sollte ich in Burgas sein, einen Cappuccino in meinem Lieblingscafé trinken und versuchen, halbwegs angemessen ins Bett zu gehen, weil Frühschicht wäre – und das alles mit Blick auf die kommenden Tage, Wochen und Monate, auf die ich mich gefreut hatte.
Stattdessen sitze ich zuhause, habe angefangen, aus Langeweile und Frust mein Zimmer umzuräumen, Animal Crossing ist ein treuer Begleiter geworden und mein FSJ endet diesen Monat. Es ist noch immer schmerzhaft, darüber nachzudenken und etwas verbittert bin ich auch. Denn die Entscheidung, uns „alten“ Freiwilligen zurückzuholen, wurde für mich und den anderen Freiwilligen in Bulgarien zu spät getroffen – einen zweiten Koffer hätte ich ab Freitag Nachmittag nicht mehr auftreiben können und da ich eh nach Sofia fahren musste, um einen Flug nehmen zu können, war schon der erste Koffer zu viel und blieb dementsprechend in Burgas.

Heute vor einem Jahr habe ich mich für das FSJ entschieden – heute bin ich auf der einen Seite dankbar für die Erfahrungen die ich machen durfte und die Menschen, die ich kennenlernen durfte, auf der anderen Seite merke ich, wie mir dieses plötzliche Ende zu schaffen macht. Eigentlich wäre nämlich jetzt so langsam die Zeit gekommen, in der ich wirklich was zu tun gehabt hätte – stattdessen sitze ich zuhause doof rum und weiß meist selber nicht wirklich so ganz genau, was ich mit mir anfangen soll.

Morgen kriegt die Septemberausreise ’20 Bescheid und ich wünsche ihnen vom ganzen Herzen, dass sie ausreisen können – auch wenn ich mir da momentan ehrlich gesagt nicht so wirklich sicher bin.

Es ist aber noch nicht das Ende – da ich nur mit Handgepäck gefolgen bin, muss ich eh, wenn sich die ganze Situation entspannt hat, wieder nach Burgas zurückkehren und mein ganzes Zeug endlich nach Deutschland holen (hoffentlich mit Kira <3).

Von daher: Благодаря Бургас, довиждане!

14.03. – Abschied?

Seit sechs Monaten bin ich nun in Burgas, und eigentlich wäre an dieser Stelle einer dieser schrecklichen „ich bin angekommen und freue mich auf die kommende Zeit 1!1!“-Einträge gekommen, die ich in der ersten Zeit selber so verbittert gelesen habe und mich gefragt habe, was hier bitte so schief gelaufen ist.

Naja, Corona hatte einen anderen Plan.
Nachdem die Märzausreise 2020 komplett aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, kam für uns „alten“ Freiwilligen die Information, dass es für uns bei Abwarten, Tee trinken, Mails & Nachrichten checken und mit den Leuten vor Ort reden bleiben würde. Okay, dachte ich, das gibt mir Zeit um mich auf einen eventuellen frühzeitigen Abschied vorzubereiten – noch einmal in der 8. Klasse irgendetwas cooles machen, mit den Schülern, die mir in der ersten Zeit (wenn auch vielleicht unwissentlich) so viel Kraft gegeben haben, mich bei den Lehrern bedanken, noch einmal alle Restaurants besuchen, noch mehr Stunden im Café am Strand verbringen und ganz gemütlich packen.

Pustekuchen. Gestern, am 13.03. bekam ich morgens die Nachricht, dass wir wieder Grippeferien hätten – das dritte Mal! Nach nur einem Tag Schule! Etwas verzweifelt, was ich denn jetzt schon wieder mit so viel Freizeit anstellen sollte, ohne groß zu verreisen, schrieb ich mit einer Schülerin und verabredete mich dann schlussendlich mit der französischen Freiwilligen, um ihr bei einem Arzttermin beizustehen (es geht ihr aber gut). Dieser sollte eigentlich auf Englisch stattfinden – aber es wurde sehr schnell klar, dass der Arzt kein Wort englisch sprach und als ich rausgeschickt wurde, fühlte ich mich etwas mies. Ich wäre in der Situation total überfordert gewesen und hätte mich extrem unwohl gefühlt, hätte vermutlich beschlossen, dass ich doch keinen Termin brauche, wenn es nicht total dringend ist.
Gestern Mittag wurde dann der Ausnahmezustand in Bulgarien ausgerufen. Ich war da gerade mit der französischen Freiwilligen lecker bei Incanto essen und wir rätselten beide über die Bedeutung für uns. Entschieden aber, dass man uns ja wohl über für uns wirklich relevante Dinge informieren würden und gönnten uns noch Nachtisch im Happy, bevor sie zurück in ihre Wohnung und ich ins Café am Strand ging. Eigentlich wollte ich in meinem dicken Geschichtsschmöker weiterlesen, konnte mich darauf jedoch absolut gar nicht konzentrieren. Stattdessen checkte ich im gefühlten Minutentackt die Nachrichten und als ich dann auf Facebook las, dass angeblich alle Flüge von und nach Deutschland bereits gestrichen worden wären, machte sich doch etwas Panik in mir breit. Saß ich nun hier fest?

Also mal schnell irgendwelche Flüge nach Deutschland gegoogelt – keine Meldung bezüglich Streichungen. Ein- und Ausatmen. Gott sei Dank.
Dann, als ich im Bus nach Meden Rudnik saß und noch bei Billa halten wollte, um für den weltbesten FSB Pralinen für das verspätete Geburtstagsessen zu kaufen (zu dem die Deutschlehrerinnen und ich eingeladen waren), kam von ihm die Nachricht, dass die Schulen vorerst geschlossen seien – gleiches gelte für Bars, Restaurants und Cafés, also quasi alles, was nicht unbedingt notwendig zum Überleben sei.

Also rief ich in der Wohnung angekommen erst einmal verheult meinen Vater an – denn ich war doch noch gar nicht so weit, um mein FSJ vielleicht jetzt schon zu beenden, es gab doch noch so viel zu tun, so viele Menschen, von denen ich mich richtig verabschieden wollte!

Die Entscheidung könne mir niemand ablegen, aber es sei nicht klar, wie lange ich noch ohne Probleme nach Hause komme – den Satz habe ich in den letzten 24 Stunden sehr, sehr oft gehört.

Hin- und herüberlegt, gedankliche Pro- und Contra-Listen angelegt und mich bei Freunden über dieses Dilemma ausgekotzt (danke fürs zuhören an dieser Stelle). Denn hierbleiben würde bedeuten, dass ich nicht weiß, ob ich morgen noch ohne Probleme die Stadt bzw das Land verlassen kann und was als nächstes passiert. Nach Hause fliegen würde bedeuten, dass ich nicht weiß, wann/ob ich zurückkommen kann, um mein FSJ hier angemessen zu beenden. Und da gerade ab Ende April die Zeit kommt, auf die auf mich schon lange gefreut habe, ist diese Ungewissheit sehr mies. Aber ohne Restaurants, die Mall usw wird Zeit totschlagen echt schwer …

Schlussendlich habe ich letzte Nacht einen Flug für morgen Nachmittag von Sofia nach Berlin gebucht. Morgen früh um 7 Uhr geht’s mit dem Zug los und es fühlt sich scheiße an. Aber alle, denen ich das bisher mitgeteilt haben (einschließlich der Fachberater und die Lehrer hier vor Ort), haben mich darin bekräftigt, dass dieser Schritt vorerst der Richtige ist.

Genau wie der andere Freiwillige in Sofia habe ich die Hoffnung, recht schnell wiederkommen zu können – und deswegen fliegen wir beide Optimisten nur mit Handgepäck :). Wir werden weiterhin mit Nachrichten versorgt und ich denke, dass wir uns auch untereinander austauschen werden, was wir von unseren Leuten vor Ort und via Nachrichten jeweils erfahren haben.

Es ist ein verdammt komisches Gefühl, nichts wirklich zu wissen – aber nichts zu wissen ist zuhause mit meiner Familie deutlich angenehmer als hier, alleine und mit einer doch recht bescheidenen verlässlichen Nachrichtenlage auf Englisch.

Falls irgendwer aus der Märzausreise das hier liest: es tut mir wirklich leid, das ist echt scheiße gelaufen …

Nur eine Freundin und meine Familie weiß bislang bescheid – denn wenn ich schon wegen Corona nach Hause fliege, dann kann ich die Situation zumindest nutzen und eine sehr gute Freundin von mir nächstes Wochenende (hoffentlich) überraschen (an dieser Stelle: alles Gute, Lenö!).

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich die Situation bald legt und ich ohne Quarantäne oder ähnliches meinen restlichen Freiwilligendienst hier absolvieren kann – aber das wird die Zeit zeigen.

Es ist wirklich komisch: monatelang habe ich mit mir gehadert, ob ich wirklich ein Jahr schaffen oder machen möchtte/würde – und gestern habe ich Rotz und Wasser geheult, weil die Rückkehr noch in den Sternen steht. Hätte man mir das im November erzählt – ich hätte es absolut nicht geglaubt.

Natürlich werde ich euch auf dem Laufenden halten, wie es mit meinem FSJ weitergeht, ich bin selber sehr gespannt.

Lina (die eigentlich packen und aufräumen sollte aber damit hadert weil es das dann wirklich wirklich wirklich endgültig macht)

19.02. – Gedankenchaos

Dieses Datum hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Nicht nur, weil es der Dienstag vor meiner Vorabiklausur in Geschichte war.
Und auch nicht nur weil ich bis zu diesem Tag es nicht wirklich hinbekommen hatte, mich auf den zu lernenden Stoff zu konzentieren.
Sondern auch, weil heute vor einem Jahr, am 19.02.2019 mein Auswahl-/Kennlerngespräch (wie auch immer man es nennen will) in Bonn war.
Ein komisches Gefühl. Es werden noch weitere Daten kommen – aber die haben eher mit den letzten paar Tagen/Wochen Schule zu tun.

Wir sind mit einem Leihwagen nach Bonn gefahren (meine Eltern wollten mir nicht noch die Deutsche Bahn antun – und das war wohl auch die richtige Entscheidung und mein Vater hatte bei der letzten längeren Fahrt etwas bemerkt, was er lieber erst einmal checken lassen wollte).
Bin nach der vierten Stunde nach Hause gerast, umgezogen, in Deo geduscht, Essen runtergwürgt, noch gefühlte zehntausend Mal kontrolliert ob ich auch ja alles dabei hatte und dann haben wir meine Schwester von der Schule abgeholt und los ging’s.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie nervös ich war und als die Autobahn dann ab und zu etwas voller war, lagen meine Nerven absolut blank. Wir sind früh genug angekommen, ich bin also reingegangen, angemeldet, mit ein paar Alumni etwas geredet; für richtige Fragen war ich viel zu angespannt.
Dann zu den anderen Wartenden gesellt, eine (die auch genommen wurde) gefunden, die aus Bielefeld kam und mit der Bahn gefahren ist (und schon so gegen 9 Uhr aufgebrochen ist …) und dann wurden alle aufgerufen – bis nur noch drei andere und ich übrig waren. Super.
Dumme Witze gerissen, ob man uns denn vergessen hätte und eine Alumna war so nett, uns aufzuklären, dass die „Jury“ (also die beiden, die uns interviewt haben) noch etwas Zeit für die Besprechung der Gruppe vor uns brauchen würden.

Als wir dann aufgerufen wurden, dachte ich, es würde losgehen – aber stattdessen durften wir noch einmal vor der Tür warten. Dass meine Nerven zu diesem Zeitpunkt mehr als nur blank lagen und ich es doch einfach nur hinter mir haben wollte, machte die ganze Warterei nicht einfacher.

Irgendwann durften wir dann rein und ich erinnere mich nur noch an Bruchstücke. Wie beeindruckt wie ich von dem einem Mädchen war, das sehr viel für die Schule selber organisiert hatte und daneben kam ich mir mit meiner Jugendarbeit in der Kirche (und noch mehr Jugendarbeit in der Schule) doch sehr dämlich vor. Auch die anderen beide hatten (meiner Meinung nach) viel mehr anzubieten als ich mit Jugendarbeit, Jugendarbeit und you guessed it – Jugendarbeit. Fotos gezeigt, Liste der Regionen noch einmal kontrolliert (ich wusste absolut nicht mehr, was ich wo hingesetzt hatte …) und versucht, mich nicht von den anderen und ihren Antworten verrückt machen zu lassen.

Rausgegangen. Erleichterung. Aber auch Zweifel, denn gerade neben diesem einen Mädchen fühlte ich mich extremst ungeeignet (irgendwer hat das anscheinend anders gesehen :D). Noch kurz mit den anderen geredet, gehört, wie es bei ihnen lief. Dann Mama in den Arm gefallen. Im Auto die Absage eines anderen Freiwilligendienstes gelesen. Lecker essen gegangen. Dann zurück nach Hause und noch schnell unseren Wagen zur Werkstatt fahren.

Ich wollte eigentlich nur die Absage endlich haben, damit ich mich um Studium und so weiter kümmern könnte. Aber dann kam die Mail mit dem Platzangebot – aber die Story kommt dann im April.

Es wirkt so surreal, dass das erst (oder schon?) ein Jahr her ist.
Heute vor einem Jahr in Bonn – heute in Sofia für das Aufbauseminar von Jugend Debattiert International, damit ich dann auch schön in der Jury sitzen darf.

In diesem Jahr ist so unglaublich viel passiert – Mottowoche, Abitur, Abiball, Vorbereitung für Burgas, Vorbereitungsseminar, Ankommen in Burgas, meine erste eigene Wohnung und was das alles so mit sich bringt, habe eine bulgarische Aufenthaltsgenehmigung (für 5 Jahre!!) und eine elektronische Busfahrkarte, Fahrten nach Sofia, Plovdiv, Bucharest, Veliko Tarnovo, Athen, Sibiu, Timisoara, Stara Zagora, Varna (in absolut nicht chronologischer Reihnfolge), der Botschaftsempfang, DSD-/JDI Basis- und jetzt das Aufbauseminar, das Zwischenseminar in Rumänien (mit abenteuerlicher Hin- und Rückfahrt), Abenteuer Bahn/Nachtzug/Bus, Besuch von Jana in (bald nicht mehr) Tirana, Weihnachten in Bucharest, Besuch meiner Familie (und noch einmal von Papa), 127 DSD Aufsichten, keine Ahnung wie viele Stunden im Café am Strand, tolle Abende mit tollen Menschen, Weihnachtsmärktetour in Bulgarien und Rumänien, selber Wasser und Strom zahlen, tolle Schüler*innen kennengelernt, mit Kira (der Freiwilligen aus Ecuador) über 6 Stunden am Stück geskypt (hehe), nette Abende mit der französischen Freiwilligen, so langsam ein Gefühl des Ankommens, ab morgen dann auch offiziell dazu berechtigt, eine JDI Debatte zu jurieren, und das Glück, ganz viele tolle Menschen kennengelernt zu werden (@ beide Homezones, Kira, … <3).

Und auch, wenn ich heute vor einem Jahr absolut nicht damit gerechnet hatte, irgendwo auf dem Balkan – besser gesagt in Burgas, an der bulgarischen südlichen Schwarzmeerküste – zu landen und wer auch immer das beschlossen hat: es ist doch gar nicht mal so verkehrt hier. Und so langsam merke ich, dass ich Burgas doch schon deutlich mehr in mein Herz geschlossen habe, als ich eigentlich zugeben kann/will/möchte.
Es ist zwar noch immer etwas komisch, dass die ersten jetzt wieder zuhause sind und ich noch etwas über 6 Monate vor mir habe – aber jetzt geht es hier doch irgendwie erst so richtig los, mit dem Theaterwettbewerb, Jugend Debattiert International und vielleicht noch dem Vorlesewettbewerb für die 8. Klassen!

Wie es so schön auf den Bussen steht: Аз обичам Бургас. (Ich liebe Burgas/ „Az obitscham Burgas“)

[Es ist hier 0:10, aber in Deutschland ist es noch der 19.02. – passt also schon irgendwie :)]