Heimatsgefühle im Zug

Ich bin mir nicht 100% sicher, ob das, was ich denke und gehört habe stimmt, aber das, was ich gesehen habe, würde dies zumindest sehr bestätigen.

Denn die Züge hier in Bulgarien sehen den alten ICs in Deutschland verdammt ähnlich. Auf den Schlafabteilen des Nachtzugs nach Sofia stand sogar noch „Schlafwagen“ fett draufgeschrieben – dass dieser aus Deutschland kommt, ist denke ich offensichtlich.

Zugegeben, ich bin in Deutschland früher sehr viel Bahn gefahren – nach Bayern zur Familie und dann später auch nach Berlin, um Papa zu besuchen, der rein arbeitsbedingt für ein paar Jahre dort war. Deutsche Züge sind mir dementsprechend bekannt und vertraut.
Eigentlich hatte ich nicht das Bedürfnis, hier viel Bahn zu fahren, aber Clara (die Freiwillige aus Plovdiv) meinte, dass es eine Verbindung geben würde, die schneller als der Bus sein. Das überzeugte mich dann doch und ich hätte schwören können, dass das ein alter deutscher DB-Wagen war. Das 6er Abteil mit den Verspiegelungen und dieser potthässlichen Gepäckablage, die Fenster, die Türen im Zug und auch die Zugtüren – alles kam mir so unglaublich vertraut vor.

Ich meine, es war mein Papa, der meinte, dass die Bahn wohl mal so einiges von ihrem alten IC-Fuhrpark in den Osten verkauft hatte – Google ist da aber nicht so wirklich hilfreich (oder vielleicht habe ich auch einfach nicht die richtigen Suchwörter gefunden, naja).

Seitdem ist mir das Zugfahren sehr viel lieber als der Bus – nicht nur weil der Komfort anders ist und ich es einfach deutlich angenehmer finde, sondern auch, weil es ein klitzekleines Stück Heimat in der Fremde Bulgariens ist. Und auf der Rückfahrt von Sofia nach dem Zwischenseminar saß ich in dem Großraumabteil, sah zwei kleine Kinder mit ihrer Mutter an dem Tisch sitzen und fragte mich, ob ich vielleicht nicht schon in Deutschland in diesem Wagen saß. Nicht zwingend auf meinem Platz, aber an dem Tisch oder in einem anderen Abteil?
Mir ist klar, dass ich das nie wissen werde, aber es ist ein netter Gedanke. Und ein bisschen Wohlfühlen in der Fremde hat noch niemandem geschadet.

Das einzige, was beim Bahnfahren anders ist, ist der Fakt, dass ich bislang sogar meist relativ pünktlich angekommen bin – andererseits hält die Bahn hier in gefühlt jedem Kaff und wenn da mal irgendwo irgendetwas ein bisschen länger dauert, kann sich das auf die Fahrtdauer auswirken. Vermutlich ist hier einfach etwas mehr Stehzeit einkalkuliert und an manchen Bahnhöfen will auch niemand raus oder einsteigen.
Auch fahren die Züge hier nicht so schnell, sondern tuckeln ganz gemütlich nur die Gegend, sodass das regelmäßige ploppen (?, ich kann dieses Geräusch nicht beschreiben, ich denke, es geschieht beim Übertritt auf das nächste Gleisstück) oder „duduk“ mir schon sehr vertraut ist.

Schon in Deutschland habe ich diese Zugtüren gehasst, manche mehr, manche Arten weniger, und auch hier ertappe ich mich dabei, dass ich versuche, dort auszusteigen, wo andere bereits schon stehen und die dementsprechend die Tür öffnen – die Bilder, wie meine Mama mit so mancher Tür gekämpft hat und wir dann doch noch schnell zu einer anderen Tür gegangen sind um rauszukommen, sind stets präsent.

Nachdem ich auf der Rückfahrt vom Zwischenseminar ein paar Naps abbekommen habe, sah ich aus dem Fenster, sah die Wolken und die Natur an mir vorbeiziehen und fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, in der meine größte Sorge war, dass wir vielleicht den eventuellen Anschlusszug nicht kriegen oder die nächste Französischklassenarbeit und für die ich absolut keine Motivation zum lernen hatte.
Zurückversetzt in eine Zeit, in der meine Mutter mit dem Griff der großen Reisetasche in der einen Hand und die kleine Patschehand meiner Schwester in der anderen mir hinterherhechtete, wenn die Umsteigezeit mal wieder zu einem kritischen Zeitfenster zusammengeschrumpft war und ich mich dementsprechend orientieren musste/konnte/was auch immer.

 

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