Gedankenchaos

Hätte man mir vor einem Jahr erzählt, dass ich Heiligabend 2019 im Nachtzug nach Timisoara verbringen würde, hätte ich es wirklich nicht geglaubt. Die Wahrscheinlichkeit, genommen zu werden, klang so gering und wenn dann würde ich ja wohl irgendwo im „exotischen“ Bereich landen und nicht in Bulgarien. Pffff, also bitte.

Der Nachtzug stellt – meiner Meinung nach – eine gute Möglichkeit dar, eine recht lange Strecke hinter sich zu bringen ohne a) irgendwann nicht mehr sitzen zu können oder b) sich sehr merkwürdig zu verrenken um irgendwie Schlaf zu finden und am nächsten Tag jeden einzelnen Muskel zu spüren, der an dieser Verrenkung teilgenommen hat.

Über meinen Geburtstag war meine Familie hier – ein Vorteil der „Nähe“ zu Deutschland – und dieser Besuch war echt Balsam für meine Seele. Mal nicht alle Einkäufe schleppen müssen war echt angenehm und wenn ich jetzt davon erzähle, dass ich wieder in dem Café am Strand war oder dass das Hochhaus in meiner Siedlung vor lauter Nebel nicht zu sehen war, wissen sie, worüber ich rede, was das Erzählen durchaus einfacher macht.

Momentan ist hier Prüfungsphase und selbst wenn keine Abfrage oder Klassenarbeit ansteht, ist der Unterricht nicht so, dass ich da groß helfen kann, weshalb ich viel Zeit im Büro verbringe, an meinen Bewerbungen arbeite und dabei helfe, was halt noch so gerade anfällt (wie z.B. das Schulporträt für die Pasch Seite erneuern).

Während für die ersten Freiwilligen der Endspurt angebrochen hat, naht sich für mich „erst“ die erste Hälfte meines FSJs dem Ende. Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, wenn Jana sich darübe äußert und ich nie so ganz weiß, wie ich reagieren soll. Denn natürlich freue ich mich für sie, dass es bald nach Hause geht, andererseits ist es die Erinnerung daran, dass noch verdammt viel Zeit in Bulgarien vor mir liegt.

Worauf ich mich besonders freue ist mein Kurzbesuch zuhause über Ostern und Currywurst, legga Döner und den Lachsbagel aus meinem Lieblingscafé essen, Freunde wiedersehen,  Zeit mit meiner Familie zu verbringen und Kraft tanken für die letzten vier Monate mit den Jugend Debattiert Schulverbundfinals, dem Vorlesewettbewerb „Bulgarien liest vor“, Sonne, Tarator und dem schwarzen Meer vor/nach der Schule.

Etwas, woran ich mich vermutlich nicht mehr gewöhnen werde, ist der Schichtwechsel. Im Januar haben wir Spätschicht, ich komme also im Dunkeln nach Hause und versuche, unter der Woche nur Kleinigkeiten wie z.B. Milch kaufen zu müssen – im Februar haben wir dann Frühschicht und ich sehe mich schon den ein oder anderen Nachmittag im Café am Strand verbringen.
Beide Schichten haben sicherlich ihre Vor- und Nachteile, ich persönlich finde die Frühschicht jedoch deutlich angenehmer, da sie eher dem Gewohnten und Vertrauten aus Deutschland entspricht und ich danach noch Zeit habe, um irgendetwas zu machen.
Während der Spätschicht (oder „Zweiten Schicht) fällt es mir doch immer noch recht schwer, vor der Schule etwas anderes außer Netflix gucken, frühstücken und duschen zu machen, obwohl ich genügend Zeit hätte.

Letze Woche hätte ich mich entscheiden müssen, ob ich verkürze oder nicht und was mich vor zwei Monaten noch unglaublich beschäftigt und fertig gemacht hatte, fiel mir überraschend leicht: mit einem guten Gefühl sagen zu können, dass ich mit Bulgarien und vor allem Burgas noch lange nicht fertig bin und einfach noch nicht bereit bin, wieder nach Deutschland zurückzukommen – denn einige Highlights wie die Entlassung „meiner“ 12. Klässler, von denen ich den Großteil (127 Schüler*innen bzw DSD II Prüflinge) bei der Vorbereitungszeit der DSD II Mündlichen Prüfung beaufsichtigt und den ein oder anderen noch auf dem Weg zum Prüfungsraum beruhigt habe und mitzuerleben, ob ihre Träume/Wünsche für das, was danach kommt, vorerst in Erfüllung gehen werden.
Und natürlich die ganzen Besuche, auf die ich mich auch schon sehr freue. <3

Heimatsgefühle im Zug

Ich bin mir nicht 100% sicher, ob das, was ich denke und gehört habe stimmt, aber das, was ich gesehen habe, würde dies zumindest sehr bestätigen.

Denn die Züge hier in Bulgarien sehen den alten ICs in Deutschland verdammt ähnlich. Auf den Schlafabteilen des Nachtzugs nach Sofia stand sogar noch „Schlafwagen“ fett draufgeschrieben – dass dieser aus Deutschland kommt, ist denke ich offensichtlich.

Zugegeben, ich bin in Deutschland früher sehr viel Bahn gefahren – nach Bayern zur Familie und dann später auch nach Berlin, um Papa zu besuchen, der rein arbeitsbedingt für ein paar Jahre dort war. Deutsche Züge sind mir dementsprechend bekannt und vertraut.
Eigentlich hatte ich nicht das Bedürfnis, hier viel Bahn zu fahren, aber Clara (die Freiwillige aus Plovdiv) meinte, dass es eine Verbindung geben würde, die schneller als der Bus sein. Das überzeugte mich dann doch und ich hätte schwören können, dass das ein alter deutscher DB-Wagen war. Das 6er Abteil mit den Verspiegelungen und dieser potthässlichen Gepäckablage, die Fenster, die Türen im Zug und auch die Zugtüren – alles kam mir so unglaublich vertraut vor.

Ich meine, es war mein Papa, der meinte, dass die Bahn wohl mal so einiges von ihrem alten IC-Fuhrpark in den Osten verkauft hatte – Google ist da aber nicht so wirklich hilfreich (oder vielleicht habe ich auch einfach nicht die richtigen Suchwörter gefunden, naja).

Seitdem ist mir das Zugfahren sehr viel lieber als der Bus – nicht nur weil der Komfort anders ist und ich es einfach deutlich angenehmer finde, sondern auch, weil es ein klitzekleines Stück Heimat in der Fremde Bulgariens ist. Und auf der Rückfahrt von Sofia nach dem Zwischenseminar saß ich in dem Großraumabteil, sah zwei kleine Kinder mit ihrer Mutter an dem Tisch sitzen und fragte mich, ob ich vielleicht nicht schon in Deutschland in diesem Wagen saß. Nicht zwingend auf meinem Platz, aber an dem Tisch oder in einem anderen Abteil?
Mir ist klar, dass ich das nie wissen werde, aber es ist ein netter Gedanke. Und ein bisschen Wohlfühlen in der Fremde hat noch niemandem geschadet.

Das einzige, was beim Bahnfahren anders ist, ist der Fakt, dass ich bislang sogar meist relativ pünktlich angekommen bin – andererseits hält die Bahn hier in gefühlt jedem Kaff und wenn da mal irgendwo irgendetwas ein bisschen länger dauert, kann sich das auf die Fahrtdauer auswirken. Vermutlich ist hier einfach etwas mehr Stehzeit einkalkuliert und an manchen Bahnhöfen will auch niemand raus oder einsteigen.
Auch fahren die Züge hier nicht so schnell, sondern tuckeln ganz gemütlich nur die Gegend, sodass das regelmäßige ploppen (?, ich kann dieses Geräusch nicht beschreiben, ich denke, es geschieht beim Übertritt auf das nächste Gleisstück) oder „duduk“ mir schon sehr vertraut ist.

Schon in Deutschland habe ich diese Zugtüren gehasst, manche mehr, manche Arten weniger, und auch hier ertappe ich mich dabei, dass ich versuche, dort auszusteigen, wo andere bereits schon stehen und die dementsprechend die Tür öffnen – die Bilder, wie meine Mama mit so mancher Tür gekämpft hat und wir dann doch noch schnell zu einer anderen Tür gegangen sind um rauszukommen, sind stets präsent.

Nachdem ich auf der Rückfahrt vom Zwischenseminar ein paar Naps abbekommen habe, sah ich aus dem Fenster, sah die Wolken und die Natur an mir vorbeiziehen und fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, in der meine größte Sorge war, dass wir vielleicht den eventuellen Anschlusszug nicht kriegen oder die nächste Französischklassenarbeit und für die ich absolut keine Motivation zum lernen hatte.
Zurückversetzt in eine Zeit, in der meine Mutter mit dem Griff der großen Reisetasche in der einen Hand und die kleine Patschehand meiner Schwester in der anderen mir hinterherhechtete, wenn die Umsteigezeit mal wieder zu einem kritischen Zeitfenster zusammengeschrumpft war und ich mich dementsprechend orientieren musste/konnte/was auch immer.