Ins kalte Wasser

Seit meinem letzten Blogeintrag ist viel passiert und dieser hier wird lang, vermutlich etwas sehr negativ und ist wie alle anderen Einträge natürlich auch sehr subjektiv.

Die zweite Schulwoche begann am Dienstag mit dem Vollenden der Liste mit den Lehrern, die in der jeweiligen Stunde frei haben und dementsprechend Vertretung machen könnten – nach dem Kompromiss, dass ich nur 6 bis 8 Lehrer pro Stunde aufschreiben müsse, ging das dann verhältnismäßig auch relativ schnell.

Und am Mittwoch, da ging es das erste mal für mich ins kalte Wasser. Im metaphorischen Sinne, denn ich erfuhr kurz vor Unterrichtsbeginn davon, dass ich nun in den 12. Klassen Vertretungsunterricht machen würde. Vollkommen überfordert, aber auch etwas erleichtert, endlich mal etwas zu tun zu haben, tat ich, wie mir gesagt wurde und malte die Klaster an die Tafel, wiederholte die selben Sätze vier mal („Hi, ich bin Lina, die neue Freiwillige aus Deutschland. Ich habe mir unsere erste Stunde zusammen cooler vorgestellt, aber ich wusste bis kurz vor Unterrichtsbeginn nicht, dass ich heute hier sein werde. Ich verspreche, dass ich mich bemühen werde, die nächste Stunde etwas cooler zu machen“) und saß den Rest der Stunde relativ doof rum.
Mal kamen Fragen, auf die ich aber eigentlich auch keine wirkliche Antwort wusste.
Die ersten zwei Klassen waren noch mehr oder weniger vollständig, aus der dritten Klasse kamen dann zehn und aus der vierten zwölften Klasse kamen fünf unglaubliche Schüler (jeweils von über 20 Schülern).
Die Überforderung wich mit der Zeit dem Gefühl, dass sie genauso wenig darüber wussten wie ich und ich somit nicht wirklich etwas falsch machen konnte und ich fühlte mich von mal zu mal etwas sicherer.
Nach den vier zwölften Klassen bekam ich eine Stunde Pause, bevor es dann noch in eine elfte Klasse ging – Leseverstehen. Wieder wusste ich nicht mehr als die Schüler, weshalb die Stunde an sich eher so mäßig lief. Am Ende stellten sie noch ein paar Fragen und freuten sich alle, als ich angab, Tarator schon einmal gegessen zu haben.

Donnerstag und Freitag waren dann wieder relativ unspektakulär, das Heimweh kam und ging noch immer, wie es wollte und ich war froh, als ich Freitag Abend zum letzten Mal den Schulweg mit dem anderen Freiwilligen zurück zur Freiwilligen-Wohnung ging. Denn am Montag – so dachte ich da noch – würde ich vor Unterrichtsbeginn umziehen.
Aus Montag Vormittag wurde am Samstag überraschenderweise doch noch Sonntag und etwas sehr euphorisch packte ich meine Sachen. Ich fühlte mich in der Freiwilligen-Wohnung noch immer sehr unwohl und war froh, bald nicht mehr diesen Badeenten-Duschvorhang sehen zu müssen oder nach dem Spülen den Hebel wieder nach oben zu schieben, da ansonsten das Wasser die ganze Zeit durchlaufen würde.

Zusammen mit meinem Vermieter und dem anderen Freiwlligen schleppte ich also am Sonntag mein gesamtes Hab und Gut in die Wohnung, welche außerhalb von Burgas in der Siedlung Meden Rudnik liegt.
Alleine in der Wohnung öffnete ich das Geschenk meiner Schwester für meine erste eigene Wohnung und war das erste Mal dort einkaufen. Schon beim Wasserkochen hatte ich meine Probleme – zuerst mit dem Herd und selbst dann wollte das Wasser irgendwie nicht kochen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und beschloss, Duschen zu gehen um danach dann mich noch einmal daran zu probieren, Spaghettiwasser aufzusetzen. Und dann ging es los.
Ich hatte kein warmes Wasser. Also wusch ich zitternd und heulend schnell meine Haare, verbog mich dabei so, dass wirklich nur der Kopf unter den Wasserstrahl gelangte und war danach wirklich am Ende. Egal, wie lange ich wartete, es wurde nicht wärmer und ich sehnte mich nach Hause, nach einer warmen Dusche mit einer Duschwanne, sodass nicht gleich bei jeder Dusche das gesamte Bad unter Wasser stand.
Nervlich wirklich am Ende telefonierte ich dann mit Jana und brachte dabei irgendwann dann auch das Wasser für meine Nudeln zum Kochen, war aber noch immer sehr dazu geneigt, abzubrechen. Zu viel Kleinkram war passiert, das Heimweh war präsent wie eh und je und das kalte Wasser war somit nur das i-Tüpfelchen des Scheiße seins.

Montag sollte ich dann wieder vertreten. Davon abgesehen, dass die erste Nacht in der Wohnung mehr als nur bescheiden war und ich noch immer sehr das Bedürfnis hatte, nach Hause zu fliegen, war ich auch mit den Aufgaben total überfordert.
Das Diktat, welches ich hätte diktieren sollen, machte meiner Meinung nach absolut keinen Sinn (und so manche Wörter hätte selbst ich nicht richtig schreiben können, geschweige denn wusste, was sie wirklich bedeuten) und was ich mit den anderen Schülern nach ihrem Test machen sollte, wurde auch sehr vage formuliert. Ganz vielleicht lief das ein oder andere Tränchen der absoluten Verzweiflung und Überforderung meine Wange hinunter und schon wieder sehnte ich mich nach dem sicherem Zuhause in Deutschland. Die paar Tränen hatte die stellvertretende Direktorin zwar nicht gesehen, aber anscheinend konnte man mir wirklich anmerken, dass ich damit total überfordert war (auf meine verzweifelte Aussage, dass das Diktat keinen Sinn mache, hatte sie  davor nur geantwortet, dass ich es ja nur vorlesen müsse).
Kurz vor Unterrichtsbeginn beschloss sie, mich wie geplant mit in ihren Englischunterricht zu nehmen (das ist wieder eine ganz andere Geschichte) und es irgendwie zu klären, dass ich nicht vertreten musste.
Danach war ich bei Ikea, kaufte mir ein vernünftiges Kissen, eine Bettdecke zu der es auch Bettwäsche gab und dann in der Siedlung bei Lidl noch einen 11l Wasserkanister. War zwar mega fertig, als ich alles auf einmal in die Wohnung geschleppt hatte, aber danach musste ich wieder in die Stadt, um die französische Freiwillige zu begrüßen …

Dienstag ging es dann nach Sofia und ich wollte davor noch einmal duschen. Mein Vermieter hatte mir geschrieben, dass es im Flur neben dem Lichtschalter für das Bad einen Hebel gibt, wenn man den umlege und eine Stunde warten würde, dann solle warmes Wasser kommen. Im Bad selber würde man dies an einem blauen Licht erkennen. Kurzum: es gab kein warmes Wasser und auch kein blaues Licht im Bad. Super. Immerhin wusste ich, dass ich in Sofia auf jeden Fall duschen konnte, aber so wirklich beruhigend war das auch nicht, denn irgendwann musste ich ja mal hier duschen.
Auch mit der Waschmaschine hatte ich meine Probleme und nachdem ich heulend und flehend davor saß und trotzdem nichts wollte, schrieb ich meiner Mutter, die relativ schnell erkannte, wo mein Problem lag: der Wasserhahn war zugedreht. Gut, okay, immerhin funktioniert sie noch und alles, aber alleine wäre ich darauf nie im Leben gekommen und ich werde es vermutlich irgendwann vergessen, ihn entweder auf- oder zuzudrehen.

Über Sofia selber werde ich die Tage einen separaten Blogeintrag schreiben, ansonsten wird das hier eindeutig zu lang.

Donnerstag Mittag kam ich dann also wieder in die Wohnung, legte den Hebel um und ging erschöpft zur Schule. Ausnahmsweise machte es mir nichts aus, dass ich keine Aufgabe hatte und schrieb viel mit Freunden (andere Freiwillige mit einbezogen). Während der Busfahrt zurück schickte ich unzählige Stoßgebete in den Himmel, dass ich doch endlich warmes Wasser zum Duschen haben würde – Pustekuchen. Immer noch kalt. Eine ehemalige Freiwillige aus Montenegro hatte mir nämlich geschrieben, dass es bei ihr eher 10 Stunden gedauert hätte, bis das Wasser warm war, weshalb ich gehofft hatte, dass es bei mir vielleicht ähnlich ist. Aber wieso sollte es denn auch so unglaublich simpel sein?
Ich fühlte mich wie bei dieser einen Show, die ich einmal aus purer Langweile geguckt hatte – versteckte Kamera in noch schlimmer; es passiert alles, was nur schieflaufen kann und am Ende wird die Person mit irgendetwas, was sie/er sehnsüchtig haben wollte, überrascht. Kein warmes Wasser, Heimweh wie sonst was und dieses abartige Gefühl der Einsamkeit.
Videochats mit Freunden und zum ersten Mal auch mit meiner Familie halfen zwar etwas, trotzdem fühlte ich mich an dem Abend elendig und hinterfragte alles. Wieso dachte ich, dass ich so etwas überhaupt schaffen würde? Wieso hielt ich es für eine gute Idee, zuzusagen? Und wieso saß ich nicht schon wieder im nächsten Flieger Richtung Heimat?

Der deutsche Lehrer hier hatte mir Angeboten, dass ich notfalls bei ihm vorbeikommen könnte, um zu duschen und es tat gut, zu wissen, dass es diesen absoluten Back-Up Plan gab.
Freitag morgen also den Vermieter kontaktiert und verzweifelt in der Schule gewesen, weitere Stoßgebete geschickt, dass ich doch irgendwo diesen mysteriösen Knopf finden würde.
Eigentlich eher aus purer Verzweiflung schlug ich dann am Abend gegen den Boiler und drückte dabei irgendwie auf das, was ich bislang als Lampe identifiziert hatte. Plötzlich ging ein Licht an und ich fühlte mich einfach nur verarscht. War es so schwer, mich dumme Deutsche die keine Ahnung von Boilern hat, darauf hinzuweisen, dass die Lampe der Knopf ist? Mein Vater hatte es schon vermutet, aber bei meinen Versuchen davor war nichts geschehen …

Samstag war ich dann mit der französischen Freiwilligen los und danach noch in der Mall; rannte mit Wäschegestell unterm rechten Arm, Kochsieb in der linken Hand und den Kassenzetteln im Mund zum Bus und genoss zum ersten Mal Spaghetti mit Pesto und ohne Restwasser. Es war bislang neben dem Mittwoch in Sofia eindeutig der beste Tag hier (und mit am wenigsten Heimweh).
Das Heimweh schlug dafür gestern, am Sonntag, mit voller Wucht zurück. Als ich durch den Regen zum Bus hechtete, vermisste ich das Einkaufen mit dem Auto und als ich im Lidl dann auch noch keine dämliche Sour Cream fand, war der Tag schon für mich gelaufen. Wieder in der Wohnung störte mich die Stille und nach Videochats und Telefonaten mit Freunden und anderen Freiwilligen ging es mir zwar etwas besser, aber das Heimweh war noch immer furchtbar präsent. Also guckte ich noch etwas deutsch Fernsehen und versuchte dann gegen Mitternacht, einzuschlafen, denn heute Morgen klingelte mein Wecker schon vor 6 Uhr morgens.

Bislang hatte ich das Glück gehabt, immer erst aufstehen zu müssen, wenn es in der Wohnung schon wieder hell war – heute musste ich mir aber im Dunkeln den Weg in die Küche bahnen. Demnächst werde ich mir auf jeden Fall noch eine Nachttischlampe anschaffen (und Verlängerungskabel mit Mehrfachsteckdosen, die ich hier bislang irgendwie nirgendswo gefunden habe) und auch ein Wasserkocher wird früher oder später noch einziehen.

Heute habe ich mich dann damit abgequält, rauszufinden, wie ich am besten zum Zwischenseminar in Rumänien komme – und um ehrlich zu sein, hat mir diese Recherche die Lust daran etwas genommen. Wahrscheinlich werde ich das Wochenende davor und das Wochenende danach damit beschäftigt sein, von Burgas aus da hinzukommen und dann wieder zurückzukommen.
Auch bin ich gespannt, was ich jetzt nach der Schule machen werde, denn jetzt bin ich dank der Frühschicht auf jeden Fall gegen 14/15 Uhr wieder in der Wohnung und darf dann den gesamten Nachmittag und Abend alleine mit mir selbst verbringen, das könnte noch sehr spannend werden …

Freitag Nachmittag geht es dann für mich nach Plovdiv, wo ich eine Freiwillige aus der Märzausreise besuchen werde. Das ich vor dem Besuch von ihrer Existenz überhaupt wusste, verdanke ich dem Instagramaccount von kulturweit – sie hatte dort die Story gesehen, die sie von mir geteilt hatten und mich dann angeschrieben. Plovdiv soll eine wunderschöne Innenstadt haben und ich freue mich schon, hier mal wieder etwas rauszukommen und vielleicht etwas Ruhe und Stärkung von dort wieder mitnehmen zu können …

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber berichten möchte, dass es hier momentan nicht so ganz läuft, das Heimweh mich noch immer sehr im Griff hat und ich schon oft mit dem Gedanken gespielt habe, es abzubrechen, aber ich habe mir vorgenommen, so getreu zu berichten wie möglich – und da gehören neben den Höhepunkten nun mal auch die Tiefpunkte dazu. Und um Kira zu zitieren: „Genieß es doch einfach. Genieß, das es Scheiße ist. Das gehört nämlich auch mit dazu. […] und es kann nur heißen, dass es irgendwann besser wird“ – und da ich nun mal eigentlich keine andere Wahl habe (außer natürlich abzubrechen), werde ich genau das versuchen.

An dieser Stelle danke an alle, die mir in den letzten Wochen zugehört haben, wenn ich mich mal wieder auskotzen musste, die versucht haben, mich aufzubauen, wenn ich gesagt habe, dass ich nicht mehr kann und will. Die angerufen haben, auch wenn sie eigentlich gar keine Zeit dafür gehabt hätten oder mir zugehört haben, auch wenn sie ihre Pause hätten viel sinnvoller verbringen können. Ich bin wirklich dankbar und froh, euch zu haben und es tut mir leid, dass ihr teilweise täglich mit Mini-Zusammenbrüchen oder ähnlichem zu tun habt – ich hoffe, es wird bald besser …

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