Aller Anfang ist schwer …

Zugegeben, ich hatte eigentlich schon einen Titel, bevor ich hier überhaupt angekommen war. „Takoma, Tim und die Tütensoße“, hatten meine Mutter und ich uns zusammengereimt. Denn während ich am Freitag, dem 13. September, noch beim Arzt war, hatte sich Takoma an meinem Koffer bedient. Nicht, wie ich befürchtet hatte, an der Schokolade (obwohl die Pralinenpackung eindeutige Spuren aufwies), sondern an den Tütensoßen, die ich für meinen momentanen Mitbewohner mitnehmen wollte.
Also kam ich, nichtsahnend in mein Zimmer, nur um die Sauerei zu sehen. Ein Paar Schuhe, dass ich mitnehmen wollte, war in dem Pulver paniert worden und zusammen mit meinen Eltern lachte ich darüber. Diese Aktion war mal wieder typisch für Takoma; wieso sie sich nicht an den Schokoladentafeln bedient hatte, ist mir bis heute noch ein Rätsel (im Gegensatz zu den Pralinen hätte die Plastikverpackung auf jeden Fall nachgegeben …).

Immer noch erkältet nahm ich am Samstag dann also Abschied, stand wieder dumm in dieser elektronischen Passkontrolle rum, bis das System erkannte, dass hinter der anderen Brille tatsächlich ich stecke. Das Gate war relativ schnell gefunden, die Toilette war direkt an meinem Gate und so saß ich dann dort, Nasenspray schon für die letzte Runde auf deutschem Boden in der Hand.
Aus dieser ‚letzten‘ Runde wurden glaube ich drei oder vier, denn wie sollte es anders sein, hatte mein Flieger Verspätung. Und da die Informationslage eher mau ausfiel und ich doch eine Stunde vor Abflug noch einmal das Nasenspray nehmen sollte, tat ich dieses dann noch ein paar Mal, immer, wenn es einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen gab.
Zwischendurch quatschte ich mit zwei älteren Damen, die sich auf ihre 11 Tage am Sonnenstrand freuten – ich hatte sie schon beim Check-In mit kleinen Sektflaschen gesehen. Auf ihre Aussage, 18 Kilo würden ja locker ausreichen, lachte ich nur etwas und sah auf meine Winterjacke, die ich brav mit mir mitschleppte. Und als sie hörten, dass ich dort für ein Jahr bleiben würde, gab es nur eine Aussage, die ich noch mehrmals hören sollte – „dann kannst du ja am Wochenende zum Sonnenstrand und billig Party machen!“

Im Flieger saß ich neben einem netten Pärchen, die für mich dann auch meine Sachen aus dem Gepäckfach geholt hatten, während ich noch gebückt dort stand und darauf wartete, dass das Aussteigen endlich losging. Als er mir meine Winterjacke reichte, sah er mich verwirrt an und fragte, wozu ich denn beim saufen so eine dicke Lederjacke brauchen würde. Also wieder dieser erklärende Satz, dass ich dort mein FSJ machen würde und nicht, wie sie, zum Urlaubmachen. Wieder fiel ein Kommentar in Richtung, dass ich es ja für die guten und billigen Partys gar nicht so weit haben würde und ich nickte nur. Zu diesem Zeitpunkt war ich einfach nur froh, endlich wieder auf dem Boden zu sein und den Druck mehr oder weniger unter Kontrolle zu wissen. Im Verlaufe des Abends sollte der Druck zwar noch etwas schlimmer werden, aber es ging.

Ich wusste, dass die Freiwilligen-Wohnung für mich hoffentlich nur eine Übergangsstation bleiben sollte. Doch als ich dann am ersten Abend gleich erfuhr, dass am 30. September die neue Freiwillige aus Frankreich kommt und dementsprechend, falls das aus irgendwelchen Gründen nicht mit dem Umzug klappen sollte, ich mir mit ihr das Zimmer teilen müsste, wollte ich am liebsten für Sonntag gleich einen Rückflug buchen. Ich war übermüdet, mit dieser neuen Situation dezent überfordert und wollte einfach nur noch nach Hause, mit Takoma kuscheln und von meinen Eltern hören, dass alles gut wird.

Den Sonntag verbrachte ich auf meinem Zimmer und versuchte, die Erkältung so gut es ging auszukurieren und das Heimweh unter Kontrolle zu haben (beides war nicht wirklich erfolgreich). Am Abend waren Tim und ich dann Burger essen und anschließend habe ich mit anderen Freiwilligen auf WhatsApp gevideochattet. Es tat gut, die anderen nach den zehn intensiven Tagen, die wir zusammen verbracht hatten, wiederzusehen und zu hören, wie es ihnen bislang so ergangen war (leider hatte eine keine Zeit, also waren es nur drei von vieren …).

Montag war dann der erste Tag in meiner EInsatzstelle. Tim hatte von seiner Ansprechslehrerin gesagt bekommen, dass wir uns so schick wie möglich anziehen sollten – also lief ich im Kleid rum und machte während der feierlichen Einschulung Fotos und Videos. Danach ging es für uns beide in eine Englischklasse, danach besuchte ich mit meiner Kontaktperson eine 11. Klasse im Deutschunterricht. Eine Schülerin schenkte mir am Ende der Stunde Blumen mit den Worten, dass sie hoffe, dass ich mich hier schnell einlebe und Freunde finde.

Die Blumen, die ich von der Schülerin geschenkt bekommen habe

Am Dienstag fing die Spätschicht mit einem Treffen des englischen Debattierclubs der Schule an – in den ersten beiden Tagen habe ich allgemein mehr Englisch als Deutsch gesprochen, was ich zwar etwas merkwürdig, aber nicht besonders schlimm fand.

Mittwoch, Donnerstag und Freitag habe ich hauptsächlich hospitiert und mir den Unterricht in 11. und 12. Klassen angeguckt, ansonsten saß ich meist im Büro von Tims Kontaktperson und durfte mich mit Bürokram beschäftigen – momentan bin ich dabei, eine Liste mit den für jede Stunde als Vertretungslehrer ‚verfügbare‘ Lehrer zu erstellen; da die kyrillische Tastatur mir absolut nicht vertraut ist, dauert das doch schon etwas. Bislang habe ich mich mit viel Copy & Paste bis zur zweiten Stunde am Dienstag bringen können …

Gestern, am Sonntag, war hier in Bulgarien der Unabhängigkeitstag und dies ist auch der Grund dafür, dass ich heute keine Schule habe. Gleich werde ich etwas in die Stadt gehen und mir die Füße vertreten, danach habe ich vor, meine Kenntnisse der bulgarischen Sprache wieder etwas aufzufrischen – ich dachte, dass ich zumindest 3 Flosskeln – „Guten Tag“, „Tschüss“ und „ich kann kein bulgarisch“ könnte, doch sobald mich jemand anspricht, ist mein Gehirn im Panik-Modus und ich stammel irgendetwas vor mich hin.

Ich hoffe, dass sich das Heimweh bald legt und ich andere Hunde (ich rede von Hunden und nicht von Wadenbeißern!) sehen kann, die desinteressiert an den ganzen Brunnen und Wasserinstallationen vorbeilaufen, ohne an die Wasserratte zuhause denken zu müssen, welche hier jeden Wasserstrahl einzeln jagen würde …

Vielleicht kommt noch ein Update vor dem Botschaftsempfang in Sofia; auf jeden Fall melde ich mich aber danach!

Adios Amigos,
LIna

Vorbereitungsseminar

Gerade sitze ich zurück im Zug nach Hause, erschöpft von den letzten zehn Tagen und all dem Input, den ich in dieser Zeit bekommen habe.

Letzte Woche Sonntag, am 1. September, machte ich mich auf den Weg, unwissend, was mich erwarten würde. In einem Anfall von leichter Panik (ich hasse es, nicht zu wissen, was mich erwartet), habe ich Blogeinträge von den Alumni gesucht und auch welche gefunden, aber so wirklich weitergeholfen haben sie mir nicht. Alles war doch irgendwie sehr vage und das mit der Party am letzten Abend schien auch nicht sonderlich überraschend.
Am Bielefelder Bahnhof traf ich Emilia und war wirklich erleichtert, schon einmal jemanden gefunden zu haben. Tatsächlich saßen wir dann auch im Zug nebeneinander und konnten über Gott und die Welt reden – über das bevorstehende Auslandsjahr verloren wir nur wenige Worte.

In Berlin stiegen wir dann in den Bus um, und nachdem wir beinahe unfreiwillig Bekanntschaft mit dem See gemacht hatten, durften wir dann auch auf dem rechtmäßigen Busparkplatz aussteigen. Erleichterung machte sich bei uns beiden breit, als wir feststellten, dass wir auf einem Zimmer waren – und diese Erleichterung hielt bis zum Ende an (sorry, Jana). Denn pro Zimmer gab es nur einen Schlüssel, und da wir alle drei in derselben Homezone waren und auch unsere Freizeit miteinander verbracht haben, war der Schlüssel immer in der Nähe oder wir wussten zumindest, wer in hat.

Neben den drei anderen Freiwilligen, die mit mir nach Bulgarien ausreisen, waren in der Homezone noch die sechs Athener; Jana, die nach Albanien geht und eine andere Freiwillige, die hoffentlich nach Nordmazedonien gehen wird. Leider werden wir vier Bulgaren nicht beim Zwischenseminar in Serbien dabei sein, was ich persönlich sehr schade finde. Dafür darf ich einen möglich kurzen Weg nach Rumänien finden, was je nach Ort auch noch sehr interessant werden könnte …

Nach dem Zimmer beziehen, Namensschild suchen, Flasche nehmen, einem Willkommenssnack und der Begrüßung sowie einer etwas anderen Art des Kennenlernens (A zeichnet B ohne aufs Papier zu gucken während B über ein vorgegebenes Thema redet) am See, haben wir als Homezone den ersten Abend gemeinsam am See verbracht, was echt cool war, aber mit der Zeit auch echt kalt wurde.

Am 2. Tag ging es dafür dann richtig los – am Nachmittag fand Teil 1 der Partner-Tage statt. Sehr viel Input, den wir danach erst einmal in Ruhe auf dem Zimmer verarbeiten mussten. Am dritten Tag konnten wir Alumni die Fragen fragen, die wir normalerweise als dumm oder unnötig abstempeln würden und zugegeben tat das echt gut, zu hören, was sie so zu berichten hatten. Und etwas, was ich in diesen drei Stunden am meisten gehörte habe, war „macht euch nicht so einen Stress, das wird schon werden“. Nachmittags gab es dann Workshops von den Partnern, bei mir also vom PAD und der ZfA. Insgesamt war es wieder sehr viel Input, weshalb die Homezone nach dem Abendessen etwas ruhiger und schleppender lief als sonst.

Dann ging es auch schon nach Berlin – es tat gut, gerade nach den vielen Informationen der letzten 48 Stunden. Für eins, zwei Stunden an der Spree sitzen und in gewohnter Runde über irgendwelche Sachen reden; ich persönlich fand es erfrischend.

Das Highlight des fünften Tages war für mich definitiv der Kulturweit Ausweis, auch wenn der eigentlich gar keinen wirklichen Wert hat. Gerade zur Halbzeit brachte dieses kleine Stück Plastik noch ein ganzes Stück näher – wenn auch nicht realisierbarer.

Die nächsten vier Tagen brachten wieder sehr viel Input mit sich; Themen, die man auch nicht einfach so mit Verlassen des Raums hinter sich lassen konnte.

Gestern Abend war dann die große Abschiedsparty, so wirklich realisiert was das bedeutet hatte ich aber noch nicht – das kam erst heute morgen, als unsere Trainerin uns Bilder hinlegte und uns bat, eins auszususchen, dass unsere Stimmung zum Ende des Vorbereitungsseminars darstellt.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht; plötzlich realisierte ich dass Jana heute Abend nicht bei uns auf dem Zimmer sitzen würde und wir uns wegen irgendwelchem Blödsinn kaputtlachen würden. Emilias Wecker würde morgen nicht um 6:45 klingeln und ich würde morgen früh nicht krampfhaft versuchen, noch ein bisschen Schlaf zu kriegen. Denn morgen wache ich in meinem eigenen Bett daheim auf und zum Frühstück muss ich nicht erst durch die Kälte laufen, sondern wenn überhaupt unseren Hund streicheln, damit sie mich vorbei lässt. Bis dahin hatte ich wirklich gut verdrängt, dass heute vorerst Abschied genommen werden muss; dass morgen der erste der drei letzten Tage zuhause beginnt.
Und als wir dann zum Abschied in der Homezone uns bei den anderen bedankt haben, hatte ich doch schon etwas Pipi in den Augen.

Die anderen habe ich zum Zug gebracht, das Zimmer für das Nachbereitungsseminar steht eigentlich auch schon und ein Besuch in Athen ist auf jeden Fall geplant. Mit den zwei Freiwilligen in Sofia sowie der Freiwilligen in Varna werde ich wohl eh noch so einiges zu tun haben (Zwischenseminar, Besuch der Deutschen Botschaft, …) und meine Familie wird mich auf jeden Fall besuchen kommen (die Frage ist nur wann).

@ Homezone 15: danke für die 10 Tage, war mega schön mit euch! (Und viel Spaß schon mal beim Zwischenseminar … 🙁 )

@ Zimmer 212 und Jana: danke für einfach alles, Leude. Hab euch lieb.

Samstag geht es los nach Burgas und momentan ist es doch ein lachendes und ein weinendes Auge – auf der einen Seite waren diese zehn Tage motivierend und ich will, dass es endlich losgeht, andererseits freue ich mich auch auf zuhause und weiß, dass das Samstag sau schwer wird …

Ich melde mich irgendwann demnächst aus Burgas!

Lina