{"id":436,"date":"2015-11-03T00:55:51","date_gmt":"2015-11-02T23:55:51","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/?p=436"},"modified":"2015-11-03T00:55:51","modified_gmt":"2015-11-02T23:55:51","slug":"and-all-was-well-oder-und-hast-du-dich-denn-schon-wieder-richtig-eingelebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/2015\/11\/03\/and-all-was-well-oder-und-hast-du-dich-denn-schon-wieder-richtig-eingelebt\/","title":{"rendered":"And all was well? &#8211; Oder: UND, hast du dich denn schon wieder RICHTIG eingelebt?"},"content":{"rendered":"<p>(Der erste Teil dieses Posts wurde Ende August verfasst, da war ich seit <strong>2 Wochen<\/strong> wieder in Deutschland.)<\/p>\n<p>Und auf einmal ist man also wieder in Deutschland. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, die Luft ist unfassbar feucht, und von dem Geld was zwei Bier kosten h\u00e4tte man in Windhoek eine ganze Nacht lang ausgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich versuche nat\u00fcrlich anzukommen und nat\u00fcrlich gibt es auch viele Dinge die mir gefallen: Dass es nachts <strong>nicht so kalt<\/strong> ist zum Beispiel, oder dass man <strong>im Sp\u00e4ti Bier kaufen<\/strong> kann. Mit diesem Bier in der Hand kann man dann zu jeder Tages und Nachtzeit loslaufen, man kann rausgehen wann und wohin man will. Man hat sein Handy, seinen MP3-Player, seine EC-Karte und Bargeld dabei. Das <strong>Geld steckt im Portemonnaie<\/strong> und nicht im BH oder in den Schuhen.<\/p>\n<p>Man geht also aus &#8211; und bleibt unter sich. Deutsche bleiben unter sich, habe ich den Eindruck. Man kann den ganzen Abend in einer Bar sitzen und einfach nur mit den Leuten reden mit denen man ohnehin am Tisch sitzt. Das ist etwas langweilig.<\/p>\n<p>Es brennen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte und Nazis gehen gemeinsam mit &#8222;besorgten B\u00fcrgern&#8220; demonstrieren. Ich empfinde einen unbeschreiblichen <strong>Ekel. Und Angst.<\/strong> Ich war gerade ein Jahr zu Gast und wurde von so vielen Menschen so offen und herzlich und hilfsbereit empfangen. <strong>Hier hingegen ist Herzensk\u00e4lte anscheinend gerade salonf\u00e4hig geworden.<\/strong> Die Leute sollten offener werden und mehr Fremde treffen, um sich mal positiv \u00fcberraschen zu lassen. Sie k\u00f6nnten ja in den Bars damit anfangen.<\/p>\n<p>Ich versuche also, anzukommen. Ich finde ein WG-Zimmer und einen kleinen Job. Ich beantrage BaF\u00f6G, Kindergeld und Familienversicherung. Die Basics sind gesichert. Soweit, <strong>so gut.<\/strong><\/p>\n<p>Dann und Wann \u00fcberkommt mich Heimweh nach Windhoek, ich m\u00f6chte ins Warehouse gehen, einen Taco bei Jojos essen und bei Sonnenuntergang mit Ausblick auf Khomasdal durch die Stadt joggen. Ich will auf dem Treppengel\u00e4nder sitzen und lesen und das bunte Treiben an der Uni beobachten. Und au\u00dferdem will ich den blauen Himmel zur\u00fcck.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und jetzt ist es schon fast drei Monate sp\u00e4ter. Nach einer trotzigen Wiederankunft bin ich mehr oder weniger in den Alltag gestolpert. Oft werde ich gefragt:<br \/>\n<strong>UND,<\/strong> hast du dich denn schon wieder<strong> RICHTIG eingelebt<\/strong>?<\/p>\n<p>Ich z\u00e4hle meine <strong>formalen Errungenschaften<\/strong> auf: Wohnung, Job, Baf\u00f6g, Kindergeld. Super. Innerlich erleide ich aber eigentlich immer eine kleine Krise, wenn jemand sowas fragt. Vor allem seit ein Freund zu mir sagte, er w\u00fcnsche mir aber <em>wirklich, WIRKLICH,<\/em> dass ich mich eines Tages wieder total einleben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der verzweifelte Wunsch wieder wie das passende Puzzleteil nach Berlin zu passen wich mit der Zeit einem gewissen Trotz: Was hei\u00dft das \u00fcberhaupt, sich aber<em> (jetzt verdammt nochmal<\/em> endli<em>ch)<\/em> richtig wieder einleben?<\/p>\n<p>Hei\u00dft richtig wieder einleben, dass ich nicht mehr wehm\u00fctig an Namibia zur\u00fcck denken darf? Nicht vermissen darf? Muss ich total cool sein, checkerm\u00e4\u00dfig grinsen und sagen: Klar, rischtisch dufte hier dieses Deutschland!?<\/p>\n<p>Ich denke nicht. <strong>Denn dann h\u00e4tte ich genauso gut zuhause bleiben k\u00f6nnen<\/strong>. Das w\u00e4re ja, als w\u00e4re ich nie weg gewesen. Vor \u00fcber einem Jahr wollte ich was Anderes kennen lernen. Was neues. Meinen Horizont erweitern.<\/p>\n<p>Und genau das ist passiert: <strong>Mein Horizont ist jetzt erweitert.<\/strong> Damit muss ich jetzt leben, damit muss ich auch in dem Sinne leben, als dass Namibia als st\u00e4ndiger Vergleich und Referenzpunkt meinen Alltag begleitet. Das ist lehrreich, denn der Vergleich l\u00e4sst es zu, <strong>das Gew\u00f6hnte und Vertraute auf einmal in neuem Licht zu betrachten.<\/strong> Das wusste schon Bertolt Brecht. Er f\u00fchrt den Vergleich als eine Methode der dialektischen Darstellung an. Soll hei\u00dfen: Wenn ich durch Vergleich Kontrast schaffen kann, kommt mir meine Normalit\u00e4t auf einmal vielleicht gar nicht mehr normal, sondern wieder beachtenswert vor.<\/p>\n<p>Der Kontrast kann vieles sein. Er kann <strong>dankbar<\/strong> machen f\u00fcr die hiesige Sicherheit, f\u00fcr die Heizung und die abgedichteten Fenster und die Sp\u00e4tis. Er kann <strong>deprimieren<\/strong> \u00fcber die Anonymit\u00e4t, zu lange Zeit ohne Sonne, zu viele Regeln, zu viel Statik, zu wenig Spontanit\u00e4t. Manchmal ist der Kontrast sogar ein richtiges Arschloch, dann<strong> tut er richtig weh<\/strong>. Dann frage ich mich, wann und wen ich \u00fcberhaupt jemals wiedersehen werde. Und manchmal ist er <strong>wundersch\u00f6n<\/strong>, und ich bin wahnsinnig gl\u00fccklich wieder viel Zeit mit langj\u00e4hrigen Freunden verbringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist also so, wie man sagt: Ich habe mich ver\u00e4ndert. H\u00e4tte mich all die Zeit nicht ver\u00e4ndert, das w\u00e4re auch schon irgendwie weird. Nat\u00fcrlich w\u00e4re ich froh, wenn noch <em>ein bisschen mehr<\/em> Gras \u00fcber die Sache wachsen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-440\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen-300x300.jpg\" alt=\"das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen-300x300.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen-200x200.jpg 200w, https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen-150x150.jpg 150w, https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/11\/das-gras-wird-gebeten-ueber-die-sache-zu-wachsen.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aber ich glaube, wenn man akzeptiert, <strong>dass das Gras nunmal nicht von heute auf morgen zu einer wilden Wiese w\u00e4chst<\/strong>, ist schon eine Menge getan. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Und mit diesen weisen Worten&#8230; isses vorbei. F\u00fcr mich war dieser Blog zum einen ein Medium, dass es mir ersparte, st\u00e4ndig allen Leuten dieselben Stories zu berichten. Zum anderen war er f\u00fcr mich tats\u00e4chlich eine Art des Reflektierens und Verarbeitens. Zahlreiche unver\u00f6ffentlichte und teils unbeendete Gedankenstr\u00f6me werden seinen passwortgesch\u00fctzten Speicher wohl nicht mehr verlassen. Irgendwann hatte dieser Blog eine mir verr\u00fcckt vorkommende Anzahl an Klicks pro Artikel (jedenfalls gemessen an der Anzahl meiner Facebookfreunde), und manchmal kam von ganz unerwarteter oder unbekannter Seite eine liebe oder ermutigende Reaktion.<\/p>\n<p>Deswegen hatte ich wohl auch das Bed\u00fcrfnis, dem ganzen noch einen Abschluss zu verpassen.<\/p>\n<p>Ich habe fertig, adios.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Der erste Teil dieses Posts wurde Ende August verfasst, da war ich seit 2 Wochen wieder in Deutschland.) 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