{"id":352,"date":"2015-05-26T22:49:20","date_gmt":"2015-05-26T20:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/?p=352"},"modified":"2015-05-26T23:33:28","modified_gmt":"2015-05-26T21:33:28","slug":"partycrashing-fuer-fortgeschrittene-oder-eine-woche-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/2015\/05\/26\/partycrashing-fuer-fortgeschrittene-oder-eine-woche-deutschland\/","title":{"rendered":"Partycrashing f\u00fcr Fortgeschrittene oder: Eine Woche Deutschland!"},"content":{"rendered":"<p>Eine Woche Deutschland erscheint mir schon jetzt irgendwie wieder unendlich fern. Die Zeit ist so verrast und zum Schluss hatte ich trotzdem nur die H\u00e4lfte von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Und das Gef\u00fchl, mit jedem letztendlich nur halb so viel Zeit verbracht zu haben, wie es angemessen gewesen w\u00e4re nach achteinhalb Monaten meiner Abwesenheit. Und so viele Menschen gar nicht gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Anlass war die Silberhochzeit meiner Eltern. Die wussten \u00fcbrigens nichts von ihrem Gl\u00fcck, bis ich unter einer Decke hervorsprang, unter der mich meine Schwester und Oma vorher versteckt hatten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber von vorn. In Windhoek steige ich ins Flugzeug und bin \u00fcberhaupt nicht aufgeregt. Grund ist nicht meine Gef\u00fchlsk\u00e4lte, sondern dass ich absolut null in der Lage bin, zu realisieren, dass ich jetzt nach Hause fliege. Nach Hause, dieser mysteri\u00f6se Ort, dessen Bedeutung sich in den letzten 9 Monaten so vielf\u00e4ltig gewandelt hat. Ich gucke im Flugzeug den kleinen Hobbit vorm einschlafen und denke eigentlich nur dar\u00fcber nach, dass der Film tats\u00e4chlich ein einziges, recht langweiliges, Gemetzel ist. Ich schlafe ein und wache erst kurz vor der Landung in Frankfurt wieder auf. Das Flugzeug landet, ich steige aus \u2013 kalt hier \u2013 und laufe ins Terminal. Einige Stunden Aufenthalt habe ich, ich gehe zu Burger King, um mir einen Kaffee zu kaufen. \u201eGood Morning, how are you?\u201c gr\u00fc\u00dfe ich den freundlichen Herren hinter der Kasse. Er gr\u00fc\u00dft freundlich zur\u00fcck, dabei f\u00e4llt mir auf, dass ich ja auch deutsch mit ihm sprechen k\u00f6nnte \u2013 \u201eeinen gro\u00dfen Kaffee bitte\u201c, w\u00fcnsche ich. Jetzt ist der Mann irritiert, und ich auch. Der Kaffee kommt, er w\u00fcnscht mir einen sch\u00f6nen Tag. \u201eSame for you!\u201c antworte ich mit meinem sch\u00f6nsten L\u00e4cheln und spaziere mit meinem Kaffee durchs Terminal. Alle Menschen sprechen Deutsch. Sie haben \u00fcberwiegend eine wei\u00dfe Hautfarbe, die Shops sind alle auf Deutsch beschriftet, maximal gibt es englische Untertitel auf den Speisekarten der Restaurants. Ich lege mich in der Lounge auf eine Liege und realisiere trotzdem noch nicht so wirklich, wo ich bin \u2013 in Deutschland.<\/p>\n<p>Als ich ins n\u00e4chste Flugzeug steige, ein Moment des Herzpochens: Der Pilot berlinert! JUTEN MORGEN, ICK BEGR\u00dc\u00dfE SIE AN BOARD UNSRES AIRBERLINFLUGS\u2026.<\/p>\n<p>Am Flughafen Tegel schlie\u00dfllich der Beweis: Ich bin in Deutschland!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/05\/20150509_123143-e1432673249806.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-medium wp-image-353 aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/05\/20150509_123143-e1432673249806-300x225.jpg\" alt=\"Bundesrepublik!\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/05\/20150509_123143-e1432673249806-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/files\/2015\/05\/20150509_123143-e1432673249806.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Berlin! Denke ich. Berlin, mit seinen D\u00f6nerbuden und Falafelst\u00e4nden, der Spree und den h\u00e4sslichen Betonh\u00e4usern, der U-Bahn und der Stra\u00dfen und Str\u00e4\u00dfchen voller Cocktailbars und Restaurants. Eine Stunde sp\u00e4ter: Landung in ebendieser Stadt. Ewiges Warten aufs Gep\u00e4ck. Dann: Einsteigen in den BVG-gelben Bus. Ein Kind pl\u00e4rrt. Die Berliner sind genervt, drehen die Augen und emp\u00f6ren sich. Einer dr\u00fcckt nicht den Halteknopf, der Bus f\u00e4hrt an der Haltestelle vorbei, er beschwert sich lautstark und unfreundlich. Das ist Zuhause.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schleiche unsere Stra\u00dfe entlang, rufe vom Park aus meine Schwester an. \u201eAchso, sie finden es nicht? Sie m\u00fcssen beim Griechen links abbiegen, am Park vorbei, und dann sehen Sie direkt ein Haus mit einer Schaukel im Vorgarten.\u201c Meine Familie soll bis zuletzt glauben, es handele sich um eine \u00dcberraschung ganz anderer Art. Ich laufe aufs Haus zu, jetzt blo\u00df nicht im Garten einen Nachbarn treffen. Ich husche ins Haus, umarme Schwester und Oma, blo\u00df kein Wort sprechen, kauere mich in unserem Wintergarten auf den Boden, eine Decke wird \u00fcber mich gebreitet, meine Familie, die zuvor von der Etage verdammt wurde, wird gerufen. Ewig brauchen sie, um die Stufen ins Erdgeschoss hochzulaufen, wenn sie w\u00fcssten, dass ich hier unter der Decke sitze und zittere wie Espenlaub, w\u00fcrden sie sich bestimmt mehr beeilen. Ich h\u00f6re ihre Stimmen, es kommt mir v\u00f6llig surreal vor. Dann stehen sie neben mir, ich sitze unter der Decke, endlich wird ein Zipfel angehoben, dann bin ich raus, es gibt Schreie der Freude und \u00dcberraschung, alle haben ein bisschen Pipi in den Augen, alle schmei\u00dfen sich auf einmal auf mich, vor allem meine vier wunderbaren kleinen Schwestern, ich bin immer noch auf dem Boden, bis mir mein Papa irgendwann hoch hilft.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Berlin, Berlin. Du bist mir vertraut und doch irgendwie fremd. Alle Menschen hier gehen so eilig \u00fcber die Stra\u00dfen, Jakob zieht mich eilig in Richtung U-Bahnhof: Die Bahn kommt gleich, schnell! Ich bin verwirrt, warum ich um eine Bahn rennen sollte, geht nach fast neun Monaten in Windhoek gar nicht in meinen Kopf: In f\u00fcnf Minuten kommt doch die n\u00e4chste? Haben wir nicht Zeit, m\u00fcssen wir uns jetzt wirklich stressen?<\/p>\n<p>Ein andermal finde ich ums Verrecken die Bushaltestelle nicht. Ich laufe hier hin und dort hin und letztlich eine ganze U-Bahn-Station weiter, und finde sie einfach nicht. Etwas desorientiert bin ich, habe die Wege vergessen, die ich fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich gegangen bin. Doch ich gucke mit Faszination U-Bahn-TV.<\/p>\n<p>Vertraut sind die kleinen B\u00e4ckereien, bei denen man sich einen Coffee to go und ein belegtes Vollkornbr\u00f6tchen holen kann. \u00dcberhaupt esse ich die ganze Woche viel zu viel Vollkornbr\u00f6tchen mit K\u00e4se, eine Gaumenfreude, in deren Genuss ich lange nicht mehr kam.<\/p>\n<p>Der Besuch eines Alnatura-Supermarktes samt des Einkaufs von echter deutscher Bio-Kosmetik ohne Giftstoffe sowie von vegetarischem Brotaufstrich und gr\u00fcnem Tee aus echten Bl\u00e4ttern treibt meinen Herzschlag in die H\u00f6he.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffne meine Umzugskisten unter der Treppe und w\u00fchle warme Wollpullover und Strumpfosen f\u00fcr den namibischen Winter heraus, das ist wie Shopping ohne Geld ausgeben, man, habe ich da sch\u00f6ne Kleidung!<\/p>\n<p>Einmal gehe ich auf dem Feld am Ende der Stra\u00dfe meiner Eltern joggen, der Raps bl\u00fcht leuchtend goldgelb und bildet einen wundersch\u00f6nen Kontrast zum strahlend blauen Himmel. Weil Berlin auf Meeresspiegel liegt, schaffe ich spontan zwei Kilometer mehr als in Windhoek, brauche daf\u00fcr aber nur f\u00fcnf Minuten l\u00e4nger, als sonst.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schlafe eine Woche lang viel zu wenig, aber daf\u00fcr verbringe ich so viel Zeit, wie irgend m\u00f6glich mit Berlin, Famillie und geliebten Freunden, ich trinke echte Berliner Cocktails, gehe ins Kino, kaufe Essen in der Markthalle neun, fahre wieder Fahrrad, und esse verdammt noch mal noch mehr Vollkornbr\u00f6tchen und K\u00e4se, Sojajoghurt und laktosefreien Quark.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir feiern die Silberhochzeit meiner Eltern, es ist ein gro\u00dfes fest mit vielen Besuchern, einem gro\u00dfen Buffet und g\u00f6ttlicher Straciatella-K\u00e4sekuchen-Torte. Ich werde viele kluge und einige sehr un\u00fcberlegte Fragen \u00fcber Namibia gefragt und freue mich wie eine Schneek\u00f6nigin, so viele Leute wiederzusehen, die sich wiederum alle so derma\u00dfen freuen, mich zu sehen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Freitag verschicke ich schnell noch meine Masterbewerbungen, und pl\u00f6tzlich ist Berlin vorbei, ich steige ins Flugzeug, und am n\u00e4chsten Morgen bin ich wieder in Windhoek. Als ich im Taxi vom Flughafen in die Stadt sitze, geht die Sonne auf, der Himmel leuchtet und gl\u00fcht, wie er das garantiert nur in einem Land der Welt tut: In Namibia. Die Stimmung ist unglaublich friedlich, ich bin unglaublich ruhig. Zuhause schlafe ich ein paar Stunden, dann mache ich mich auf den Weg zu Martha, um mit ihr zu fr\u00fchst\u00fccken. Sonnenstrahlen w\u00e4rmen meine Haut, nach dem Fr\u00fchst\u00fcck legen wir uns in die Parliament Gardens, faulenzen in der Sonne und lesen. Meine Vitamin-D-Speicher f\u00fcllen sich nach eine Woche im wenn zwar nicht kalten, doch sehr bew\u00f6lkten Berlin wieder auf.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Berlin, Berlin. Es war wundersch\u00f6n. Was soll ich sagen? Hoffentlich kommt ganz bald die Zusage f\u00fcr meinen Lieblingsmasterplatz in meiner Lieblingsstadt.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P.S.: W\u00e4hrend der ganzen Woche h\u00f6re ich wahnsinnig oft dieses Lied, in meinem Kopf nur eine Zeile: <strong>Es ist alles wieder da, nur irgendwie anders.<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"680\" height=\"383\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DhkQZk0t-0o?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Und es alles wieder da, so wie an dem Tag, so wie an dem Tag, und ich wei\u00df wieder wie es war, aus der Ferne kommt Musik, ich glaub das Radio spielt. Doch es klingt irgendwie anders, irgendwie anders, es ist alles wieder da, nur irgendwie anders.<\/p>\n<p>Oder auch: Die Unf\u00e4higkeit zu begreifen, dass man selbst sich so ge\u00e4ndert hat, w\u00e4hrend daheim fast alles beim Alten geblieben ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche Deutschland erscheint mir schon jetzt irgendwie wieder unendlich fern. Die Zeit ist so verrast und zum Schluss hatte ich trotzdem nur die H\u00e4lfte von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. 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