{"id":152,"date":"2014-12-09T19:20:58","date_gmt":"2014-12-09T18:20:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/?p=152"},"modified":"2014-12-09T19:20:58","modified_gmt":"2014-12-09T18:20:58","slug":"bring-the-money-bring-the-fucking-money","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/2014\/12\/09\/bring-the-money-bring-the-fucking-money\/","title":{"rendered":"Bring the money, bring the fucking money"},"content":{"rendered":"<p>Eine Weile habe ich \u00fcberlegt, ob ich das jetzt auf meinem Blog erz\u00e4hlen soll. Es wurde ja viel \u00fcber faire Berichterstattung geredet, \u00fcber die allseits gef\u00fcrchtete Single Story, die nur einen kleinen Aspekt eines Sachverhalts darstellt und dieser kleine Aspekt ist dann misslicher Weise das einzige, das andere Menschen jemals \u00fcber diesen Sachverhalt geh\u00f6rt haben. Doch ich berichte auf diesem Blog von meinem Auslandsjahr und ich m\u00f6chte dieses Bild authentisch zeichnen. Ich habe von meinen sch\u00f6nen Momenten berichtet, von den Ausfl\u00fcgen, von den lieben Menschen, auch von kleineren Schwierigkeiten, die man ebenso meistert.<\/p>\n<p>Wer diesen Eintrag liest, macht sich bitte bewusst, dass es sich bei diesem Erlebnis um einen Ausschnitt von etwa f\u00fcnf Minuten meines Lebens in Windhoek handelt. Es l\u00e4sst keine Verallgemeinerungen auf \u201edas Leben\u201c in \u201eWindhoek\u201c, \u201eNamibia\u201c oder gar ganz \u201eAfrika\u201c zu. Es ist mein Erlebnis und es gibt Leute die kommen hier und erleben nicht dasselbe.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich ist mir passiert, was seit meiner Ankunft hier ein bisschen wie ein Damoklesschwert \u00fcber meinem Auslandsaufenthalt schwebte. Der Duden erkl\u00e4rt diese Redewendung wie folgt: Obwohl eigentlich alles gut l\u00e4uft, k\u00f6nnte trotzdem etwas Unangenehmes passieren . Und so war es eben auch bei mir. Alles lief gut, bis neulich.<\/p>\n<p>Da wurde ich nach dem Einkaufen von einem Mann auf einer Treppe ans Gel\u00e4nder gedr\u00e4ngt. \u201eBring the money\u201c. Im ersten Affekt habe ich zwar furchtbar impulsiv, aber nicht schlau gehandelt: Ich habe abartig losgeschrien, das war einfach der erste Reflex. Dann zog er sein Messer und bedrohte mich damit. \u201eBring the fucking money.\u201c Okay okay okay. Wenn jemand einen mit einem Messer bedroht, \u00fcberlegt man sich das nicht zweimal. Also Jutebeutel ge\u00f6ffnet, Geld raus \u2013 er nahm tats\u00e4chlich nur die Scheine aus meinem Geldbeutel. Meinen ganzen Einkauf lie\u00df er mir \u2013 der \u00fcbrigens mehr wert gewesen w\u00e4re, als das Bargeld, das noch da war.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich betonen, dass es Menschen gibt, die Windhoek betreten und verlassen und nicht ausgeraubt werden. Es passiert nicht jedem. Meine Mitbewohnerin wurde zum Beispiel in Nizza in Europa ausgeraubt und meine Kollegin in Berlin. Und beide nicht hier.<\/p>\n<p>Ich wurde auch nicht im Stich gelassen. Leute unten am Parkplatz wurden auf meine Situation aufmerksam und schrien ebenfalls los. Der T\u00e4ter rannte weg, ein Mann kam die Treppe hochgerast um zu fragen, ob ich okay war. Dann riet er mir, schnell wegzulaufen. Das habe ich dann getan. Zu mir nach Hause sind es nur 3 Minuten. Es war zum Zeitpunkt des \u00dcberfalls weder Dunkel, noch waren die Stra\u00dfen nicht belebt. Es ist am hellichten Tag passiert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stand ich unter Schock. Aber wirklich \u00fcberrascht war ich nicht. Sobald ich das Messer gesehen hatte, hatte ich zwar abartige Panik. Gleichzeitig lief in meinem Kopf aber auch einfach ab: Das hast du schon 100 Mal geh\u00f6rt seit du hier bist. Gib ihm dein Geld, dann passiert dir nichts.<\/p>\n<p>Was ich aus diesem \u00dcberfall mache? Erstmal, dass es v\u00f6llig egal ist, ob ich mich einsch\u00fcchtern lasse und im Dunkeln nur Taxi fahre oder zuhause bleibe oder nicht. Ich wurde am Tag \u00fcberfallen, und ich kann mich schlichtweg tags\u00fcber nicht einbuddeln.<\/p>\n<p>Dass ich gerade wachsamer durch die Stra\u00dfen gehe, mich mehr umdrehe, die Leute wieder mehr beobachte, wieder mehr \u00fcber die Wege nachdenke, die ich einschlage \u2013 der Schreck sitzt mir noch in den Knochen.<\/p>\n<p>Als ich in Windhoek ankam, hatte ich Angst. Alle haben mir erz\u00e4hlt, dass es hier gef\u00e4hrlich ist. Dann ist mir eine ganze Weile nichts passiert. Und jetzt ist mir eben was passiert. Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass ich unvorsichtig war vorher. Aber ich gehe jetzt eben mit einem anderen Gef\u00fchl durch die Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>In Namibia und gerade in Windhoek gibt es gro\u00dfe Unterschiede zwischen Arm und Reich. Es gibt das ehemalige Township Katutura und es gibt Slums. Der Mensch, der mich \u00fcberfallen hat, brauchte vermutlich dringend Geld. Wahrscheinlich lebt er in einem Slum. Wahrscheinlich war er sogar verzweifelt, vielleicht hat er sogar mal versucht, auf legalem Wege zu Geld zu kommen und vielleicht hat es einfach nicht geklappt. Im Vergleich zu ihm bin ich unfassbar privilegiert.<\/p>\n<p>Doch das schreibe ich keinesfalls, um sein Verhalten zu entschuldigen. Nat\u00fcrlich sucht man nach Gr\u00fcnden, warum einem sowas passiert. Und in diesem Fall ist der Grund eben nicht schwer zu finden. Es gibt eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das, was mir passiert ist. Das hei\u00dft nicht, dass diese Erkl\u00e4rung die Tat entschuldigt. Allerdings m\u00f6chte ich diesen Blogbeitrag doch in einen gewissen Kontext einr\u00fccken. Und der ist eben: Es gibt in Namibia extreme Armut neben extremem Reichtum. Es gibt auch Rassismus. Beides tritt unabh\u00e4ngig voneinander bei unterschiedlichen Personen auf, oder auch in Kombination. Fakt ist, dass es vermutlich recht leicht war, mich als Opfer herauszupicken. Zu vermuten, dass ich viel Geld dabei habe und dabei kein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil viele Menschen, die so aussehen wie ich, eben viel Geld haben.<\/p>\n<p>Ich frage mich, ob der T\u00e4ter entt\u00e4uscht war, als er die 80 Namibia-Dollar aus meinem Portemonnaie gefischt hat. Umgerechnet sind das 5,70\u20ac. Waren sie ihm das wohl wert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Weile habe ich \u00fcberlegt, ob ich das jetzt auf meinem Blog erz\u00e4hlen soll. Es wurde ja viel \u00fcber faire Berichterstattung geredet, \u00fcber die allseits gef\u00fcrchtete Single Story, die nur einen kleinen Aspekt eines Sachverhalts darstellt und dieser kleine Aspekt &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/2014\/12\/09\/bring-the-money-bring-the-fucking-money\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1375,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-152","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/152"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1375"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=152"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/152\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/8360km\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}